Venezuela plant, Ölgeschaft in Amerika zu verkaufen

Von Alexander Fangmann
5. September 2014

Im Laufe des letzten Monats wurde deutlich, dass die venezolanische Regierung große Schritte unternommen hat, um Citgo Petroleum zu verkaufen, eine in den USA aktive hundertprozentige Tochtergesellschaft des staatlichen Ölkonzerns Petroleos de Venezuela SA (PdVSA). Die unmittelbare Sorge von Nicolas Maduro und dem chavistischen Regime ist ein gefährlicher Tiefstand der Devisenbestände des Landes, der nicht nur die Fähigkeit des Landes beeinträchtigt, notwendige Industrie- und Verbrauchsgüter zu importieren, sondern auch die Gläubiger des Landes verunsichert und dem Land damit höhere Kosten für Kredite einbringt.

Citgo betreiben in den USA unter anderem drei Ölraffinerien, zwei davon an der Golfküste in Louisiana, eine in Illinois bei Chicago. Abgesehen davon gehören zu Citgos Besitz unter anderem drei Pipelines, die es alleine betreibt, und sechs Pipelines, die es im Rahmen von Joint Ventures betreibt. Die Raffinerien haben eine Kapazität von 750.000 Barrel pro Tag, damit ist Citgo der achtgrößte Raffineriebetreiber in den USA. Allerdings kann die Anlage in Lake Charles, Louisiana, 440.000 Barrel täglich verarbeiten, damit ist sie die viertgrößte Raffinerie in den USA.

Am 5. August erklärte der venezolanische Ölminister Rafael Ramirez vor der Presse, PdVSA wolle mindestens zehn Milliarden Dollar erlösen, allerdings sei der Wert der Anlagegüter "deutlich höher." Ein Gutachten für Citgo wies auf die Absicht von PdVSA hin, das Unternehmen zu verkaufen und erklärte dazu, es "versuche, Kapital aus seinem Anteilsbesitz zu schlagen." PdVSA hat die Investmentbank Lazard beauftragt, ihr bei der Ausarbeitung eines Abkommens zu helfen, was Angebote von Investoren über Goldman Sachs, JP Morgan und die Deutschen Bank angezogen hat.

Dass Venezuela bereit ist, Citgo unter Wert zu verkaufen, liegt hauptsächlich an der Wirtschaftskrise im Land, aufgrund derer es möglichst schnell Geld braucht. Die Devisenbestände, mit denen Importe bezahlt werden, sind mit nur etwas mehr als zwanzig Milliarden Dollar auf dem tiefsten Stand seit elf Jahren, ein Rückgang von 32,6 Prozent seit Ende 2011.

Tatsächlich sind jedoch nur Devisen im Wert von weniger als zwei Milliarden Dollar vorhanden, der Rest wurde für Importe und die Begleichung von Haushaltsdefiziten ausgegeben. In den letzten acht Jahren hat die venezolanische Zentralbank 47 Milliarden Dollar in einen Fond umgeleitet, aus dem die Regierung Ausgaben und Investitionen finanziert. Mehr als 71 Prozent der Devisenbestände bestehen mittlerweile aus Goldbarren.

Die Goldmenge ist zwar im Grunde gleich hoch geblieben, allerdings ist der Goldpreis stark zurückgegangen, sodass Venezuelas Bestände 24 Prozent an Wert verloren haben. Daraufhin hat die chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit Venezuelas Kreditwürdigkeit heruntergestuft, sodass das Land mehr für Darlehen zahlen muss. Die Erträge aus venezolanischen Anleihen sind heute die höchsten in der westlichen Hemisphäre - ein Ausdruck der Sorge innerhalb der Finanzelite, dass ein Staatsbankrott denkbar wäre.

Venezuela nimmt durch seine Ölproduktion etwa 58 Milliarden Dollar pro Jahr ein. In den letzten Jahren haben die Importe diesen Wert jedoch übertroffen, im Jahr 2012 betrug das Importvolumen Waren im Wert von 77 Milliarden Dollar. Als Folge davon musste die Regierung Kredite aufnehmen, um die Differenz auszugleichen, die Zahlung erfolgte teilweise in Form von Öl.

Die Produktion bei PdVSA ging laut einer Reuters-Umfrage unter den OPEC-Staaten von 3,5 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2000 auf 2,47 Millionen Barrel pro Tag im Juli dieses Jahres zurück. Die offizielle Zahl der Regierung liegt weiterhin bei drei Millionen Barrel pro Tag. Ein Teil der Rückgänge lässt sich damit erklären, dass die Ölfelder im Maracaibo-Becken in die Jahre gekommen sind, weswegen mehr Investitionen notwendig sind, um die Produktion auf dem aktuellen Niveau zu halten. Im Orinocobecken befinden sich zwar viel größere potenzielle Vorkommen, allerdings erfordert der Gürtel größere Investitionen, um das dort lagernde schwere Rohöl zu extrahieren und zu raffinieren.

Von der aktuellen Ölproduktion gehen etwa 310.000 Barrel pro Tag an China, um für Darlehen zu zahlen, das sind etwa zehn Prozent der Gesamtproduktion. Weitere 400.000 Barrel pro Tag gehen, zu reduzierten Preisen, an Länder wie Kuba, oder als Tauschmittel (beispielsweise für kubanische Ärzte), weitere 600.000 Barrel pro Tag werden für die Binnennachfrage benötigt und für nur wenige Cent pro Liter verkauft.

Die Subventionen auf Öl im Inland könnten bald gekürzt werden. Ramirez erklärt, die Subventionen kosten zwölf Milliarden Dollar pro Jahr, daher forderte er eine Debatte über diese Frage. Jede Senkung der Subventionen hätte jedoch enorme negative Auswirkungen auf die venezolanischen Arbeiter, die bereits heute mit einer Inflation von bis zu 60 Prozent und einer deutlichen Erosion ihrer Kaufkraft konfrontiert sind.

Lieferungen von subventioniertem Öl an andere verbündete Staaten Lateinamerikas und der Karibik sind seit 2003 bereits um elf Prozent zurückgegangen, ein Großteil davon geht stattdessen an China. Ecuador, Jamaika und Argentinien mussten Öl auf dem offenen Markt zu viel höheren Preisen kaufen.

Auch die Produktivität der PdVSA ist zurückgegangen. Laut Recherchen von Ramon Espinasa, der bis 1999 Chefökonom bei PdVSA war, ging die Produktion von 83 Barrel pro Tag pro Arbeiter im Jahr 1998 auf dreiundzwanzig Barrel pro Tag im Jahr 2013 zurück.

Abgesehen von der unmittelbaren Geldnot könnte ein weiterer Grund für den Verkauf von Citgo auch ein Schiedsverfahren vor dem Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten gegen Venezuela sein, einem mit der Weltbank verbundenen Gremium. ExxonMobile und ConocoPhillips hatten Klage gegen die Verstaatlichung eines Teiles ihrer Anlagegüter durch Hugo Chavez im Jahr 2007 eingelegt. Sollte Venezuela das Verfahren verlieren, würde ihm eine Beschlagnahme seiner Besitzungen in den USA drohen; dies könnte ein Motiv dafür sein, Citgo schnell unter Wert zu verkaufen.

Die venezolanische Regierung leugnet jedoch, dass sie Citgo verkauft, um kurzfristige Geldprobleme zu lösen. Ramirez erklärte: "Unsere Lage ist nicht so, wie viele Analysten behaupten, laut denen wir Einnahmen bräuchten." Die venezolanische Regierung hat das Vorhaben als Teil ihrer Bestrebungen dargestellt, die chinesische Nachfrage zu befriedigen. Damit riskiert sie jedoch den Verlust eines Großteils ihrer aktuellen Nachfrage und 34 Prozent ihrer Raffineriekapazitäten aus Raffinerien, die das venezolanische schwere Rohöl verarbeiten können.

Der Verkauf von Citgo wird zweifellos bestimmte Schichten der Boliburguesia, die an dem Verkauf und den Verhandlungen beteiligt sind, reicher machen. Gleichzeitig ist es klar, dass keine Aussicht auf erneute Investitionen in die Produktion oder eine Ausweitung der nationalen Wirtschaft zu erwarten ist. Darin unterscheidet sich die Lage nicht von anderen Regierungen in aller Welt. Vielmehr werden die Banken und die Finanzelite, die in den letzten zehn Jahren deutlich angewachsen ist, weiterhin von der Arbeiterklasse Austerität fordern und gegen Widerstand mit Gewalt vorgehen - wie die Erschießung demonstrierender SIDOR-Stahlarbeiter durch die Nationalgarde Anfang des Monats gezeigt hat.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen