Aktienrückkäufe: Symptom einer in Auflösung begriffenen Wirtschaftsordnung

Von Nick Beams
1. Oktober 2014

Das Ausmaß des Parasitentums im Herzen der amerikanischen Wirtschaft und des Finanzsystems wird durch die jüngsten Zahlen über Aktienrückkaufe großer Aktiengesellschaften bezeugt.

Anstatt ihre Profite dazu zu nutzen, verstärkt in Anlagen, Forschung und Entwicklung zu investieren, kaufen Konzerne ihre eigenen Aktien wieder zurück, um den Preis in die Höhe zu treiben. Dadurch wird kein zusätzlicher Wert geschaffen, aber die Finanzhändler und Spekulanten, unter ihnen auch Vorstände der beteiligten Firmen, können sich mittels des Aktienmarkthandels eine fette Bereicherung unter den Nagel reißen.

Anfang der Woche brachte die Financial Times einen Artikel ihres Kolumnisten Edward Luce, der berichtete, dass laut Barclays die amerikanischen Unternehmen im vergangenen Jahr mehr als 500 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe aufwandten: „ein Mehrfaches dessen, was die meisten für Forschung, Entwicklung und andere Kapitalinvestitionen ausgeben.“ Im ersten Halbjahr 2014 summierten sich die Aktienrückkäufe auf 338,3 Milliarden Dollar. Damit wurde der höchste Halbjahresbetrag seit dem Jahr 2007 erreicht.

Aktienrückkäufe wurden zu einer der Hauptursachen für die überbordenden Gehälter der Vorstandchefs und anderer Führungskräfte. Ein Unternehmen kauft Aktien zurück, verringert dadurch ihre Anzahl auf dem Aktienmarkt und treibt damit ihren Preis in die Höhe – ein schurkischer Raubzug, nichts weiter. Die Vorstände und hohen Etagen des Managements, die die Entscheidung zu den Aktienrückkäufen gefällt haben, füllen sich sodann gierig die Taschen mit Gehaltszulagen, weil sie den Unternehmenswert steigerten. Luce bemerkt: „Wenn Sie eine Erklärung dafür benötigen, warum es beim Spitzenzehntelprozent der Gesellschaft so prima läuft, dann beginnen Sie ihre Nachforschungen mit den aktienbasierten Vergütungen.“

Forschungsergebnisse, die William Lazonick von der University of Massachusetts Lowell vorgelegt hat, zeigen auf, dass sieben der zehn größten Konzerne, die Aktienrückkäufe durchführen, mehr für Rückkäufe und Dividenden ausgaben als ihre gesamten Nettoeinnahmen zwischen 2003 und 2012 ausmachten.

Apple, einer der führenden amerikanischen Konzerne, wendet mehr für Aktienrückkäufe auf als jedes andere Unternehmen. Der Konzern hält sein Profite außer Landes zurück, um Unternehmenssteuern in den Vereinigten Staaten zu umgehen und lieh sich im vergangenen Jahr siebzehn Milliarden Dollar, um seine Aktienrückkäufe zu finanzieren.

In seinem Artikel unter dem Titel „Profite ohne Prosperität“ in der September-Ausgabe von Harvard Business Review deutet Lazonick das Ausmaß dieser Praxis in der gesamten amerikanischen Wirtschaft an.

“Betrachten Sie die 449 Unternehmen, die von 2003 bis 2012 öffentlich im S&P-500-Index gelistet waren. Innerhalb dieses Zeitraums haben diese Unternehmen 54 Prozent ihrer Einnahmen – eine Gesamtsumme von 2,4 Billionen Dollar – zum Rückkauf ihrer eigenen Aktien verwendet; fast alle Rückkäufe wurden über Käufe auf dem offenen Markt getätigt. Zusätzlich gingen 37 Prozent ihrer Einnahmen in Dividenden. Damit verblieb für Investitionen in Produktionskapazitäten oder für Einkommenserhöhungen der Beschäftigten sehr wenig übrig.“

Mit anderen Worten, in dieser neunjährigen Periode wandten die Spitzenunternehmen im S&P-500-Aktienindex 91 Prozent ihrer Nettoeinkünfte zum Hochtreiben ihres „Unternehmenswertes“ auf. Die allerjüngsten Daten, die Luce anführt, zeigen, dass dieser Trend sich innerhalb der angeblichen „Erholung“ der US-Wirtschaft fortsetzt.

Angesichts der ausschlaggebenden Rolle von Investitionen für das Wirtschaftswachstum ist die Ausuferung der Aktienrückkäufe eine weitere Äußerung der sich vertiefenden Wirtschaftskrise. Sie zeigt an, dass es bloß wenige Möglichkeiten für profitable Investitionen in der Realökonomie gibt.

Lazonick untermauert diesen Prozess zwar mit wertvollem Zahlenmaterial, doch ist er die falsche Adresse, wenn es um die Erläuterung seiner Bedeutung geht. Er stellt der dreißig Jahre andauernden Nachkriegsperiode auf den Zweiten Weltkrieg, in welcher Profite in Fabriken und Ausstattung investiert wurden, um die Produktion auszuweiten, und die zu einem Wachstum von Arbeitsplätzen und höheren Löhnen geführt hatten, den Trend entgegen, der in den vergangenen dreißig Jahren vorherrschte.

Laut Lazonick wurde das System des “Zurückbehaltens und Reinvestierens“, das kennzeichnend für die Konzernpolitik in der erstgenannten Periode war, durch ein „System des Gesundschrumpfens und Verkaufens“ ersetzt, welches seit den 1980er Jahren beherrschend wurde.

Als Lazonick im April 2012 diesen Prozess für die Website Salon zu erklären versuchte, reduzierte er ihn auf die „Finanzialisierung“, das heißt: die Erschaffung von Bedingungen, in denen Konzernvorstände alle ihre Entscheidungen darauf basieren, „die Aktienpreise in die Höhe zu schrauben“, während gleichzeitig „die übrigen Bedenken – wirtschaftliche, soziale und politische – auf die hinteren Ränge verwiesen werden.“ Er schrieb: „Von den 1980er Jahren an veränderte sich die Sprache in den Vorstandsetagen und den Wirtschaftsschulen. Anstelle der Schaffung von Wohlstand für alle, sollten die Führer der Konzerne jetzt nur noch an ‘die Maximalisierung des Unternehmenswerts’ denken.“

Die unzweideutige Schlussfolgerung aus dem Gesagten ist, dass diese tiefgreifende Veränderung der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie aus einer Modifikation der Denkweise derjenigen hervorgegangen sei, die für ihren Betriebsauflauf verantwortlich sind. Damit stellt man die Wirklichkeit auf den Kopf!

Marx erläuterte, als er Das Kapital verfasste, dass insofern er vom individuellen Kapitalisten spricht, es sich um die Personifikation des objektiven ökonomischen Prozesses handelt.

Der Antrieb zur Akkumulation, machte Marx deutlich, entstand nicht aus der individuellen Gier des Kapitalisten als solchem, sondern aus der dem Kapital selbst innewohnenden Logik, als expandierendem Wert. Diese Logik verschafft sich Geltung mittels der Diktate des Marktes. Diejenigen, die ihnen nicht gehorchen, indem sie ihr Kapital mittels Profitakkumulation ausdehnen, werden im Konkurrenzkampf ausgespien, das heißt, sie hören auf, Kapitalisten zu sein.

Die treibende Kraft der kapitalistischen Produktion war niemals die Reichtumserzeugung als Mittel zur Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse, sondern stets die endlose Expansion des Kapitalwerts selbst. In den drei Jahrzehnten, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, fand diese Expansion mittels Investitionen von Profiten in neue Fabriken und Maschinen statt sowie durch die Anstellung zusätzlicher Arbeiter, um die Produktion zu erhöhen und dadurch zusätzliche Profite zu erlangen. Das Kapital expandierte, neue Investitionen wurden getätigt, Arbeitsplätze entstanden und die Löhne stiegen.

Zu Anfang der 1970er Jahre jedoch begann die Profitrate zu sinken. Das Kapital reagierte auf diesen Umschwung mit einer umfassenden Umstrukturierung, die der vom Markt erzeugte Druck forcierte. Große Industriekonzerne in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern wurden verkleinert oder ganz geschlossen. Kostensparende, auf Computertechnik basierende Technologien wurden eingeführt, die Fertigung wurde ins Ausland verlagert, um vorteilhaft Billigarbeit nutzen zu können, und für die Arbeiter in den fortgeschrittenen Wirtschaften waren unaufhörliche Kürzungen ihrer Reallöhne die Folge.

Auch der Prozess der “Finanzialisierung” hat seine Wurzeln in dieser Umgestaltung. Zunehmende Bereiche des Kapitals standen in der Realökonomie vor einem Wachstumsproblem und suchten nach Expansionsmöglichkeiten über die Finanzmärkte, das heißt, nach Wegen der Akkumulation nicht mehr mittels Produktion, sondern durch den Handel mit und die Manipulation von Geldvermögen.

Der Wandel der Konzernideologie und das Beharren darauf, dass das eigentliche Ziel allen Wirtschaftens die Maximalisierung des Vermögenswerts, des Shareholder Value, sei, war das Ergebnis dieser Entwicklung. Mit anderen Worten, nicht der Umschwung der Ideologie war der Grund für die tiefgreifenden Veränderungen in der Funktionsweise der kapitalistischen Wortschaft, sondern ganz umgekehrt war er selbst nur ihre Konsequenz.

Die Beobachtung, dass es “keine unschuldigen Philosophien” gibt, das heißt, dass sie alle eine bestimmte politische und Klassenorientierung haben, gilt hundertfach mehr noch für die Sphäre der politischen Ökonomie.

Lazonicks Behauptung, dass die Zunahme des Parasitentums der Konzerne und ihre unverhohlenen Raubzüge das Produkt einer Ideologie oder einer Denkart der Wirtschaftsschulen seien, führt ihn zu der bankrotten Perspektive, dass die Konzernaktivitäten mittels eines Wandels der Anschauung verändert werden könnten.

In seinem Salon-Artikel, der unmittelbar im Anschluss an die Okkupy-Bewegung verfasst wurde, behauptet Lazonick, dass “vernünftig geführte Konzerne für die 99 Prozent arbeiten können.”

Die wirklichen Lehren, die nicht zuletzt aus den Zahlen und langfristigen Trends gezogen werden können, die Lazonick selbst dokumentiert, lauten, dass das kapitalistische Profitsystem, getrieben von seinen eigenen inneren Widersprüchen, ein fortgeschrittenes Stadium seiner Zersetzung erreicht hat und todbringende Giftstoffe – wachsende soziale Ungleichheit und Massenarmut - ausschwitzt, die durch den Körper der Gesellschaft gejagt werden.

Der Weg nach vorn liegt nicht in dem vergeblichen Versuch, zu einem mythischen „Goldenen Zeitalter“ der Vergangenheit zurückzukehren, sondern in der Vorbereitung der Zukunft, im Kampf zur Überwindung des unzeitgemäßen und überholten Profitsystems und zur Errichtung einer höheren sozio-ökonomischen Ordnung, die auf sozialistischen Grundlagen ruht.

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