Verheerender Brand in der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Bibliothek Russlands

Von Clara Weiss
10. Februar 2015

Ein Feuer, das am 30. Januar ausbrach, hat das Gebäude der bedeutendsten geisteswissenschaftliche Bibliothek Russlands, des Akademischen Instituts für Wissenschaftliche Informationen über Sozialwissenschaften (INION) in Moskau zerstört. Rund zwei Millionen Manuskripte und Bücher sollen verbrannt sein. Der Schaden ist bisher noch nicht genau absehbar. Das Feuer ist eine Tragödie für die Wissenschaft in Russland und international. Die Verantwortung dafür liegt bei der russischen Oligarchie.

Das Feuer brach am 30. Januar um 22 Uhr auf der zweiten Etage des Gebäudes aus und konnte erst am Abend des nächsten Tages gelöscht werden. Es breitete sich in dieser Zeit auf etwa 2000 Quadratmeter aus und richtete massive Schäden an. Das Dach des Gebäudes stürzte ein.

Insgesamt waren 147 Feuerwehrleute fast 24 Stunden im Einsatz, um das Feuer zu löschen, über das ein Video existiert. Die Polizei geht davon aus, dass der Brand durch einen Kurzschluss eines Elektrokabels entstanden ist. Auch Brandstiftung wurde als Ursache nicht ausgeschlossen.

Da alle Mitarbeiter der Bibliothek und des Deutschen Historischen Instituts Moskau, das sich ebenfalls in dem Gebäude befand, bereits nach Hause gegangen waren, wurde bei dem verheerenden Brand niemand verletzt.

Foto: Das INION am 31. Januar 2015 nach dem verheerenden Brand. © Konstantin Kokarew

Das Feuer ist eine Tragödie von kaum abschätzbaren Ausmaßen. Das INION umfasst insgesamt rund 14,2 Millionen Bände und ist damit eine der größten geisteswissenschaftlichen Bibliotheken Europas.

Die meisten Bände lagerten glücklicherweise im Erdgeschoss und Keller, wohin das Feuer nicht vordringen konnte. Doch geschätzte 15 bis 20 Prozent der Sammlung wurden durch die Flammen unwiederbringlich zerstört. Wie groß der Wasserschaden bei den Büchern durch die Löscharbeiten war, ist noch unklar. Der Direktor der Bibliothek Juri Piwowarow erklärte, Wasserschäden könnten durch entsprechende Technologien größtenteils behoben werden. Verschiedene Institute und Bibliotheken aus Russland und anderen GUS-Ländern hätten dafür bereits ihre Hilfe angeboten.

In einem Interview vom 3. Februar erklärte Piwowarow, bisher sei noch kein Ort gefunden worden, um den Bestand der Bibliothek unterzubringen.

Auch dem Deutschen Historischen Institut Moskau wurde von vielen Institutionen Hilfe angeboten, um neue Arbeitsräume zu finden. Die Bibliothek des DHIM, die umfassendste Sammlung neuerer historischer Werke zur russisch-deutschen Geschichte, wurde durch den Brand nicht beschädigt.

Der Vorsitzende der Russischen Akademie der Wissenschaften, Wladimir Fortow, verglich den Brand mit einem „Tschernobyl der russischen Wissenschaft“. Alexei Rjabinin, Professor für russische und internationale Geschichte an der Moscow Higher School of Economics, nannte das Feuer eine „Tragödie für die internationale Wissenschaft“.

Rjabinin erklärte: „Das katastrophale Feuer im Gebäude des INION ist ein riesiger Schock für Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Eine riesige Sammlung von einzigartiger Literatur in vielen Sprachen machte die Bibliothek INION zu einer Errungenschaft nicht nur der russischen Wissenschaft, sondern der gesamten Menschheit.“

Die Sammlung ist die wohl bedeutendste Bibliothek Russland. Sie umfasste viele seltene Ausgaben aus dem 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert sowie zahlreiche Bände aus dem 20. Jahrhundert in europäischen Sprachen, die es sonst weder in Frankreich noch Deutschland gibt. Darüber hinaus befanden sich in der Bibliothek die kompletten Dokumente der Liga der Nationen, der UN und UNESCO sowie Berichte des US-Parlaments seit 1789, des britischen Parlaments seit 1803 und des italienischen seit 1897.

Zerstört wurden durch den Brand nach bisherigen Angaben die russische Ausgabe aller Dokumente der Vereinigten Versammlung der UN, internationale Handbücher und Lexika, Dokumente des Internationalen Gerichtshofs, ein Teil der Bibliothek des Instituts für Weltliteratur in ausländischen Sprachen sowie des Instituts für die Erforschung der Slawischen Sprache und Kultur. Die letzten beiden besaßen größtenteils Ausgaben, die weltweit nur im INION zu finden waren.

Die Bibliothek war 1918 von der Sowjetregierung gegründet und zur größten geisteswissenschaftlichen Bibliothek der Sowjetunion ausgebaut worden. Sie wurde später der Akademie der Wissenschaften angegliedert und seit 1936 direkt vom Präsidium der Akademie der Wissenschaften verwaltet. Im Jahr 1969 wurde sie in INION umbenannt. Seit 1974 befand sie sich in dem nun zerstörten Gebäude. Auch nach der Auflösung der Sowjetunion blieb das INION die größte geisteswissenschaftliche Bibliothek Russlands. Sie hatte etwa 49.000 Leserund 330 reguläre Angestellte.

Für Wissenschaftler in Russland war das INION die vielleicht wichtigste Forschungsinstitution. Durch die massiven Kürzungen im Kulturbereich seit 1985 und seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurden die Bibliotheken im ganzen Land ausgeblutet, so dass die Ressourcen des INION für ernsthafte Recherchen unabdingbar sind. Das Besondere am INION war, dass fast alle Bände frei zugänglich waren. Der Kartenkatalog der Bibliothek, der anders als in allen anderen Institutionen und Archiven in Russland für alle Interessierten einsehbar war, hat den Brand glücklicherweise unbeschadet überstanden.

Kaum ein Historiker und Geisteswissenschaftler, der zur russischen und sowjetischen Geschichte und Kultur forscht, ist am INION vorbeikommen. Die Bibliothek hat 874 Partner in 69 Ländern der Welt und nimmt an internationalen Buchaustauschprogrammen teil.

Ob das Gebäude wieder aufgebaut oder die Bibliothek nun anderswo untergebracht wird, ist noch unklar. Der Direktor des INION Juri Piwowarow erklärte, die Wiederherstellung des Gebäudes würde mehrere Jahre in Anspruch nehmen und hänge davon ab, ob die Regierung den Willen dazu habe.

Die Verantwortung für die Katastrophe liegt bei der kriminellen Oligarchie, die aus der Zerschlagung der Sowjetunion hervorgegangen ist. Sowohl das Feuer selbst als auch seine verheerenden Folgen wären vermeidbar gewesen. Die Brandgefahr in dem Gebäude war seit langem bekannt. Aber das INION ist wie praktisch alle wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen seit 1991 finanziell ausgeblutet worden. Eine seit langem überfällige Restauration des Gebäudes oder ein Umzug waren für die Bibliothek in Moskau, der Stadt mit den meisten Milliardären der Welt, schlicht nicht zu bezahlen.

Im März 2014 fand eine Brandschutzuntersuchung sieben Verstöße gegen die Vorgaben und gab der Bibliothek eine Frist bis zum 30. Januar 2015, dem Tag an dem das Feuer ausbrach, um die Mängel zu beheben. Ein technischer Mitarbeiter des INION erklärte der Internetzeitung Gazeta.Ru: „Was wollen sie, das Gebäude ist aus dem Jahr 1974. Die Leitungen wurden seitdem nicht mehr ausgewechselt.“ Dem Mitarbeiter zufolge umfasste die Inspektion vom März 2014 keine Überprüfung der Leitungen.

Laut dem Bibliotheksdirektor Piwowarow wurde bei der Inspektion das veraltete System zur Feuerlöschung beanstandet. Er sagte im Interview mit Lenta.Ru: „Wir haben seit Jahrzehnten diese Frage [eines modernen Systems zur Feuerlöschung] gegenüber der Leitung der Akademie der Wissenschaften aufgebracht und um die notwendigen Mittel gebeten. Aber die permanente Unterfinanzierung hat es nicht erlaubt, diese Frage zu lösen. Die Akademie hatte einfach nicht das Geld dazu. (…) Der Staat hat weder in den 90er, noch in den 2000er Jahren Geld gegeben.“

Auch die Folgen des Brandes hätten verhindert oder zumindest eingeschränkt werden können, wenn, wie mittlerweile technisch möglich, die Bände digitalisiert worden wären. Doch die Finanzmittel, welche die Regierung für die Digitalisierung dieser einzigartigen Bibliothek zur Verfügung stellte, waren derart gering, dass es hundert Jahre gedauert hätte, um den gesamten Bestand aufzuzeichnen. Pro Jahr wurden nur ein paar Tausend Bände digitalisiert. Bis Anfang 2015 waren es 7000 Bände ausschließlich von russischen Autoren.

Letztlich ist der Brand im INION ein Ergebnis der sozialen Konterrevolution, die mit der Restauration des Kapitalismus eingesetzt hat und die nicht nur die sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse, sondern auch Kultur und Wissenschaft vollkommen untergraben hat.

Nachdem die Russische Akademie der Wissenschaften nach jahrzehntelangen massiven Kürzungen durch eine Reform von 2013 als unabhängige wissenschaftliche Institution praktisch aufgehört hat, zu existieren, ist nun die bedeutendste geisteswissenschaftliche Bibliothek des Landes teils vernichtet worden und wird für Monate, wenn nicht sogar Jahre, nur beschränkt zugänglich sein.