Israelische Siedler und Soldaten greifen Palästinenser in Ost-Jerusalem und Nablus an

Von Patrick Martin
24. März 2015

Bewaffnete israelische Siedler griffen am Mittwoch Palästinenser in Ost-Jerusalem und am Donnerstag in der Stadt Nablus im Westjordanland an. Die Aktionen signalisieren eine neue Offensive von Siedlern und anderen Ultrarechten, die sich vom Wahlsieg der Rechtskoalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am 17. März ermutigt fühlen.

Bisher gibt es nur wenige Informationen über den Vorfall in Nablus. Die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA berichtet, dass Dutzende Siedler das Denkmal von Scheich Yousef Dweikat stürmten, eines lokalen muslimischen Religionsführers. Das Denkmal steht – wie die Siedler behaupten – an einem Ort, wo der biblische Patriarch Joseph begraben liege. Die Siedler kamen in Bussen, die von israelischen Soldaten eskortiert wurden, und feuerten Tränengas auf die palästinensischen Bewohner, die den randalierenden Siedlern entgegentraten.

Ausführlicher wurde in den israelischen und palästinensischen Medien über die Beschlagnahme eines Wohnhauses im Viertel Wadi Hilweh im Stadtteil Silwan in Ost-Jerusalem, südlich der Altstadt, berichtet. Doch die amerikanischen und anderen internationalen Medien hüllen sich angesichts dieser Überfälle in Schweigen.

Siedler, die mit der rechten Stiftung "Elad - Stadt Davids" verbunden sind, drangen in ein kleines Vierfamilien-Wohnhaus ein und besetzten drei Wohnungen, die einer palästinensischen Großfamilie gehören. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich gerade einige erwachsene Bewohner aufgrund einer Vorladung zum Verhör in der örtlichen Polizeistation. WAFA berichtet, dass sie nicht wirklich befragt wurden: Doch just während dieser Zeit drangen die Siedler in das Wohngebäude ein, entfernten Möbel und Gegenstände aus den Wohnungen und wechselten die Schlösser aus. Das Ganze war offenbar eine koordinierte Aktion der Siedlerorganisation und der Polizei.

Die Angehörigen der palästinensische Großfamilie, die in den vier Wohnungen des nach ihr benannten al-Malhi-Hauses gelebt hatte, versammelten sich in und vor der vierten Wohnung, die noch unter ihrer Kontrolle blieb, und lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei und den Siedlern.

Die Polizei eröffnete das Feuer mit Tränengasgranaten und gummibeschichteten Metallgeschossen. Die Beamten nahmen auch einige palästinensische Jugendliche fest, darunter einen Elfjährigen, die sie später wieder frei ließen. Schließlich übernahmen die israelischen Angreifer das gesamte Gebäude.

Seit fast zwei Jahrzehnten, in denen Siedlergruppen immer wieder in den Stadtteil Silwan eindrangen, kämpft die al-Malhi-Familie gegen den Diebstahl ihrer Wohnungen. Das Gebiet liegt knapp hinter der südlichen Mauer der alten Stadt und nur wenige Meter entfernt von der Al-Aqsa-Moschee, einer der wichtigsten religiösen Stätten des Islam.

Die israelische Gruppe hatte offenbar mit betrügerischen Methoden einen “Verkauf” des Wohnhauses arrangiert. Sie benutzten ein gefälschtes Dokument, welches das Gebäude als Eigentum von Yad Yafah auswies, einer mit den Siedlern verbundenen Organisation. Israelische Gerichte haben dieses Dokument wiederholt für echt erklärt.

Berichten zufolge wurde offensichtlich ein Mitglied der Familie von den Zionisten dazu gebracht, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er kam am Mittwoch unter dem Schutz von Polizei, Sicherheitskräften und bewaffneten Siedlern zu dem Haus, um der Massenvertreibung eine Scheinlegitimität zu verleihen.

Zur gleichen Zeit übernahmen andere israelische Siedler die Kontrolle über zwei unbebaute Grundstücke an einer anderen Stelle von Wadi Hilweh. Es handelte sich um eine Fläche von 500 qm, die von palästinensischen Kindern als Spielplatz genutzt wurde, sowie um eine Fläche von 1.200 qm, die der al-Abbasi Familie gehörte. Als ersten Schritt zur Errichtung eines jüdischen Außenpostens in der überwiegend palästinensischen Nachbarschaft stellten die Siedler Wohnwagen auf beiden Grundstücken auf.

In einer weiteren Aktion versuchte die israelische Polizei erfolglos, einen am Montag erlassenen Räumungsbefehl gegen die Familie Sab Laban durchzusetzen. Sie sind Bewohner der Altstadt, die nach einem Gesetz, das ihnen bestimmte Rechte gibt, als “geschützte Mieter” gelten. Die Ateret Kohanim Settlement-Organisation, eine finanziell gut ausgestattete, zionistische Gruppe, die die Judaisierung der gesamten Altstadt anstrebt, behauptete, das Haus der Familie stehe leer.

Acht Mitglieder der Familie hatten sich im Haus verschanzt und widersetzten sich dem Gerichtsbeschluss. Sie leben seit 1953 in dem Haus, das sie ursprünglich von den jordanischen Behörden mieteten, die damals Ost-Jerusalem regierten.

Als sich Mittwochabend in den arabischen Vierteln Jerusalems die Spannungen entluden, verhaftete die israelische Polizei sieben palästinensische Jugendliche,

Auch in anderen Gebieten des Westjordanlands kam es zu Überfällen israelischer Sicherheitskräfte, so in der nördlich gelegenen Stadt Jenin und im angrenzenden Flüchtlingslager, sowie in den Städten Ya'bad und al-Zababda und in Sinjil nordöstlich von Ramallah. Insgesamt wurden bei den Razzien drei Männer festgenommen.

In den Dörfern Makhoul und al-Hadidiya im nördlichen Jordantal zerstörten israelische Militär-Bulldozer Dutzende Häuser und Viehställe. In palästinensischen Olivenhainen außerhalb von Nablus entwurzelten sie 300 Olivenbäume und machten 5.000 Meter Steinmauern dem Erdboden gleich. Sie räumten auf diese Weise eine Fläche neben einer israelischen Siedlung. Die Bewohner und die Bauern wurden vorher nicht über die Zerstörung ihrer Häuser und ihres Eigentums informiert.

Die Siedler und andere zionistische Fanatiker fühlen sich zweifelsohne von der Wiederwahl des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ermutigt, der mit den Siedlern und ultrarechten Parteien eine neue Regierung bilden will. Aber die vermehrten Übergriffe setzen zugleich die vergangene zionistische Vertreibungspolitik gegen die Palästinenser fort.

Eine weiterer rechter Fanatiker attackierte den israelischen Schriftsteller Yehonatan Gefen in seinem Haus in Beit Yitzhak in der Nähe von Netanya an der Mittelmeerküste. Der Angreifer klopfte an die Haustür des Schriftstellers, und als dieser aufmachte, schlug er ihm ins Gesicht und warf Eier. Er beschimpfte ihn als einen „linken Verräter“. Gefen, ein Dichter und Songwriter, trat nach dem Sieg Netanjahus in einem Tel Aviver Theater auf und erklärte: “Die Nation hat wieder einmal jemanden gewählt, dessen Herrschaft auf der Angst der Menschen beruht. Sie hat einen Rassisten gewählt, der am Wahltag sagte, Araber würden die Wahlkabinen stürmen. Was würden Sie sagen, wenn es in Deutschland Leute gäbe, die sagen, dass Juden zu den Wahlkabinen strömen?”

Mehrere Führer der von den USA unterstützten syrischen “Rebellen”gruppen hatten sich den Siedlern und halbfaschistischen Fanatikern bei ihrer Siegesfeier für den Sieg Netanjahus angeschlossen. Sie ließen Glückwünsche über einen israelischen Vertreter der Drusen übermitteln, der als Verbindungsmann zur israelischen Regierung auftrat. Die rechtsgerichtete Jerusalem Post, ein begeistertes Sprachrohr des Ministerpräsidenten, präsentierte diese Nachricht, als sei sie besonders ehrenvoll für Netanjahu.

Einer dieser syrischen “Rebellen", genannt Musa Al-Nabhan, schrieb: “Wir hoffen, dass eure Regierung auch weiterhin dem syrischen Volk die notwendige Unterstützung zukommen lässt. Wir sind euch zugetan und trachten danach, auf allen Ebenen die besten Beziehungen aufzubauen.” In einem an Netanjahu adressierten Brief der "Revolutionsversammlung für die Zukunft Syriens" hieß es: “Wir haben mit großer Hoffnung und Freude die Nachricht von Ihrem Sieg erhalten ... und hoffen, dass Sie auch weiterhin die syrische Revolution unterstützen.”

Die Jerusalem Post berichtete, dass ähnliche Meldungen von mehreren hochrangigen Offizieren der Freien Syrischen Armee eingegangen seien. Diese Gruppe hat anscheinend mehr Anhänger in Washington, DC - und in Jerusalem - als in Syrien selbst.