Chinesischer Abschwung verschärft globale Rezession

Von Nick Beams
2. Oktober 2015

Die Welthandelsorganisation (WTO) gab am Mittwoch eine deutliche Korrektur ihrer Prognose für das globale Handelswachstum in diesem Jahr bekannt. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass der Abschwung der chinesischen Wirtschaft die deflationären und rezessiven Tendenzen der Weltwirtschaft verstärkt hat.

Die WTO hatte für dieses Jahr ursprünglich ein Handelswachstum von 3,3 Prozent prognostiziert, korrigierte es am Mittwoch jedoch auf 2,8 Prozent und warnte, diese korrigierte Prognose könnte sich „noch immer als zu optimistisch erweisen“, wenn sich der Abschwung auf den Schwellenmärkten verstärken sollte.

Der Abschwung in China und seine Auswirkungen auf die Rohstoffpreise haben die Unruhe auf den Aktienmärkten verstärkt. Dieses Quartal könnte für die Märkte das schlechteste seit 2011 werden. Das würde darauf hin deuten, dass die Auswirkungen der Billionen Dollar ultrabilligen Geldes, die von den Zentralbanken bereitgestellt wurden, langsam von den deflationären Tendenzen zunichte gemacht werden.

Am Mittwoch kam es an der australischen Börse, die sehr empfindlich auf die Entwicklungen der Rohstoffpreise reagiert, zu einem „Blutbad“, bei dem Aktienwerte in Höhe von 50 Milliarden Dollar vernichtet wurden. Auslöser für den Absturz war ein Rückgang der Aktien des Rohstoffhandels- und Bergbaukonzerns Glencore um 30 Prozent. Zuvor hatte ein Londoner Analyst erklärt, Glencores Eigenkapital könnte ausgelöscht werden, wenn die Preise für Metalle und Mineralien auf ihrem derzeitigen niedrigen Stand verharren würden.

Die Aktien von Glencore haben sich zwar seither wieder teilweise erholt, doch der Absturz der Märkte ist ein Ausdruck von weltweiten Befürchtungen, dass der Rückgang der Rohstoffpreise auf die niedrigsten Werte seit der globalen Finanzkrise 2008 sowie der zunehmende Abschwung in China und die Auswirkungen einer Leitzinserhöhung in den USA auf die Schulden der Schwellenländer Anzeichen für eine wachsende weltweite Rezession sind.

Kurz vor der Talfahrt der australischen Aktienkurse veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) einen Bericht, laut dem der Rückgang der Rohstoffpreise die Wirtschaftsleistung von Rohstoff exportierenden Ländern um bis zu ein Prozent verringern könnte. Das könnte bedeuten, dass Australien aufgrund seiner Abhängigkeit vom chinesischen Markt ebenso in die Rezession rutschen könnte wie die brasilianische Wirtschaft, die ebenfalls von China abhängig ist.

Glencore ist nicht das einzige betroffene Unternehmen. Laut einem Bericht der Australian Financial Review mehren sich auch auf den Märkten für amerikanische Hochzinsanleihen die Bedenken, dass „Investoren versuchen, Anleihen von Öl- und Bergbaukonzernen loszuwerden.“ Wie die Ratingagentur Standard & Poor's meldete, hat die Zahl notleidender Hochzinsanleihen im September den höchsten Stand seit fast vier Jahren erreicht.

Die Financial Times schrieb am Mittwoch, die amerikanischen und weltweiten Kapitalmärkte seien „erschüttert von Chinas wirtschaftlichem Abschwung, der Unsicherheit über die Politik der Federal Reserve und dem zunehmenden Pessimismus über die Einnahmen der Unternehmen.“ Die Investoren seien besorgt über die Aussichten für das globale Wachstum und „kritisch hinsichtlich der Aussichten für amerikanische Unternehmen.“ Denn die Fed bereitet sich darauf vor, zum ersten Mal seit fast zehn Jahren den Leitzins zu erhöhen.

Der IWF warnte am Mittwoch in einem Abschnitt seines Global Financial Stability Report vor den Folgen einer Leitzinserhöhung in den USA für die Finanzmärkte. Niedrige Zinssätze und die „erhöhte Risikobereitschaft der Investoren in den letzten Jahren“ hätten „zunehmend tiefergehende Instabilitäten bei der Marktliquidität verborgen“. Probleme bei der Marktliquidität entstehen, wenn viele Finanzinvestoren und Spekulanten gleichzeitig versuchen, aus einem bestimmten Markt auszusteigen und es keine Käufer für die Wertpapiere gibt, die sie verkaufen wollen.

Der IWF erklärte, wenn Investoren gegenüber einem bestimmten Wertpapier oder Finanzmarkt misstrauisch würden, könnte sich die Marktliquidität in kürzester Zeit in Luft auflösen. „Zudem scheinen Schwankungen der Marktliquidität in einer bestimmten Art von Wertpapier öfter auf andere Wertpapierarten überzugreifen. Hochzinsanleihen und Anleihen von Schwellenländern zeigen einige Anzeichen für eine Verringerung der Marktliquidität. Da ein Übergreifen von verschiedenen Arten von Wertpapieren auf andere immer häufiger wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Liquiditätsschock von einem Markt auf andere Märkte ausbreitet und möglicherweise zu einer Erschütterung des globalen Finanzsystems führt, wie es 2008 geschehen ist.“

Der Chef der Abteilung des IWF für globale Stabilität, Gaston Geles, erklärte: „Die Zentralbanken und Finanzaufsichten müssen sich auf episodische Liquiditätszusammenbrüche vorbereiten.“

Diese Analyse stellt ein vernichtendes Urteil für das Vorgehen der großen Zentralbanken der Welt in den letzten sieben Jahren dar, das vom IWF und anderen internationalen Institutionen unterstützt wurde. Sie sind nicht nur dabei gescheitert, nach dem Finanzcrash von 2008 einen Wirtschaftsaufschwung zu generieren. Die unbegrenzte Bereitstellung von extrem billigem Geld für Spekulationen auf den Finanzmärkten hat auch die Bedingungen für einen weiteren Zusammenbruch geschaffen, der möglicherweise noch verheerendere Folgen haben wird als derjenige vor sieben Jahren.

Einer der möglichen Auslöser für eine solche Krise könnte der Abfluss von Geld aus den Schwellenmärkten sein. Das Institute of International Finance, eine Vereinigung der Finanzbranche, meldete, dass Investoren im Septemberquartal Wertpapiere im Wert von schätzungsweise 40 Milliarden Dollar verkauft haben. Das ist der größte Kapitalabfluss seit dem Höhepunkt der Finanzkrise und könnte ein Vorgeschmack auf zukünftige Entwicklungen sein.

Es wären allerdings nicht nur die Schwellenmärkte betroffen, auch wenn dies bereits schlimm genug wäre. Den Abschwung des globalen Wachstums spüren zunehmend auch die amerikanischen Unternehmen, die Schulden in Höhe von 7,8 Billionen Dollar angehäuft haben – ein Großteil davon durch Finanzspekulationen.

„Die Jahre der leichten Geldpolitik, die die Fremdkapitalkosten niedrig gehalten haben, eine Welle von Fusionen und Übernahmen und das Gespenst des Aktionärsaktivismus [die endlosen Forderungen von Hedgefonds nach schnellen Profiten auf den Finanzmärkten] haben zu einer Erosion des bilanziellen Eigenkapitals beigetragen.“

Laut der Bank of America Merrill Lynch sind die Erträge vor Zinsen, Steuern, Abwertung und Abschreibungen [EBITA] im zweiten Quartal um 39,3 Prozent gesunken. Das ist der größte Rückgang seit dem Jahr 2000. Amerikanische Unternehmen wurden vom Rückgang der Rohstoffpreise und dem steigenden Wert des US-Dollars getroffen, der sich negativ auf die Exporteinnahmen der großen, weltweit tätigen amerikanischen Konzerne auswirkt. Doch die Probleme gehen noch weiter.

Nicholas Colas, Chef-Marktstratege bei Convergex, erklärte in der Financial Times: „Es geht nicht mehr nur um den Dollar, oder um das Öl, es geht langsam auch um den Zustand der amerikanischen Wirtschaft.“

Diese „Sorgen“ sind wichtig, weil die USA angesichts des Abschwungs in China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, als der „Hoffnungsschimmer“ der Weltwirtschaft gelten. Die drittgrößte, Japan, verzeichnete im zweiten Quartal einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von aufs Jahr gerechnet 1,2 Prozent. Das dritte wird vermutlich nicht besser werden, da die Industrieproduktion im August nach einem ähnlichen Abschwung im Juli um 0,5 Prozent gesunken ist.

Etsuro Honda, ein enger Wirtschaftsberater von Ministerpräsident Abe erklärte der Financial Times, Japan befinde sich zwar noch nicht in einer Rezession, aber die Wirtschaft „stagniere“, und es sei „dringend notwendig,“ sie durch einen Nachtragshaushalt anzukurbeln.

Seine Äußerungen deuten auf die Befürchtung hin, dass der Abschwung in China ernsthafter ist, als bisher zugegeben wurde. Eine Reihe von Analysten schätzen, dass das Realwachstum des Landes nicht einmal annähernd das offizielle Ziel von sieben Prozent erreicht und tatsächlich sogar nur vier Prozent betragen könnte.

„Ich bin mir sicher, dass in China etwas ernstes passiert,“ erklärte Honda und fügte hinzu, der Kurswechsel auf Dienstleistungen – die offizielle Politik der chinesischen Führung – könne den starken Rückgang der Importe und den Rückgang des Stromverbrauchs nicht erklären.

Die letzten sieben Jahre haben jedoch gezeigt, dass die diversen Rettungsoperationen die tiefe globale Krise nicht lösen konnten. Weder die Bereitstellung von Geld zu fast null Prozent Zinsen durch die großen Zentralbanken, noch die sogenannte Drei-Pfeile-Politik der Abe-Regierung oder die massiven fiskalischen und finanziellen Konjunkturpakete des chinesischen Regimes.