Buchvorstellung “Warum die Russische Revolution studieren”

Von Marianne Arens
19. Oktober 2017

„Wir studieren die Oktoberrevolution nicht nur, um sie gegen Fälscher und Verleumder zu verteidigen: Dieses Studium ist notwendig, um daraus zu lernen und zu verstehen, wie man heute gegen Kapitalismus und Krieg kämpfen kann.“

Das betonte Peter Schwarz, Sekretär des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) und Mitglied der WSWS-Redaktion, bei einer Buchvorstellung während der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Vorgestellt wurde der erste Band von „Warum die Russische Revolution studieren“ mit Vorträgen und Texten führender IKVI-Mitglieder. Das Buch ist aus Anlass des hundertsten Jahrestags der Oktoberrevolution erschienen und beleuchtet ihren Verlauf aus marxistischer Sicht. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse lag auch die deutsche Fassung vor.

Die Versammlung in Frankfurt

Die Buchmesse selbst bietet in der Frage der Oktoberrevolution ein widersprüchliches Bild: Viele Bücher, Artikel, Vorträge oder Dokumentationen beschäftigen sich zwar mit dem Jahrestag der Revolution. Sie tun dies aber nicht als ernsthafte historische Werke, sondern eher als Wiederholung abgeschmackter bürgerlicher Propaganda. Historiker wie Gerd Koenen, Stéphane Courtois oder Jörg Baberowski stellen die Revolution zum wiederholten Mal als „Putsch“ dar und beschuldigen die Bolschewiki, sie hätten im Oktober 1917 eine Gewaltorgie entfesselt, die sich auf das gesamte 20. Jahrhundert ausgewirkt habe.

In Wirklichkeit war die Oktoberrevolution die Reaktion auf das bis dahin gewalttätigste Ereignis der Weltgeschichte, den Ersten Weltkrieg, der Millionen junger Menschen abgeschlachtet hatte. Dies macht Peter Schwarz in seinem Beitrag deutlich. „Am Tag, an dem die Bolschewiki die Macht erobert haben, erließ die revolutionäre Regierung ein Dekret, den Krieg sofort zu beenden. Das war von enormer politischer Bedeutung. Auf dieser Grundlage hatten sie die Unterstützung der Massen.“

Die Kriegsfrage ist heute wieder aktuell. Die Versammlung – und die gesamte Frankfurter Buchmesse – fanden in einer Situation angespannter Kriegsgefahr statt. Nur wenige Tage zuvor hatte US-Präsident Donald Trump Nordkorea, ein Land mit 25 Millionen Einwohnern, mit der totalen Vernichtung gedroht. Kurz danach hatte er angekündigt, das Atomabkommen mit dem Iran zu beenden. Die führenden europäischen Regierungen, Deutschland und Frankreich, reagieren mit aggressivem Militarismus und dem Aufbau einer europäischen Militärunion.

Das machte auch der französische Präsident Emmanuel Macron zum Auftakt der Buchmesse klar. Als Repräsentant des offiziellen Gastlands Frankreich nutzte er einen Auftritt vor Studierenden der Frankfurter Goethe-Universität, um für ein von Frankreich und Deutschland dominiertes, militaristisches und autoritäres Europa zu werben. Macron und Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen) lobten dort den gemeinsamen deutsch-französischen Militäreinsatz in Nordafrika in den höchsten Tönen und bezeichneten ihn als „phantastisch“.

In den Straßen der Stadt stießen die Besucher sowohl der Buchmesse wie der Buchvorstellung auf Schritt und Tritt auf große Plakate, die für den Bundeswehreinsatz in Mali werben. Drinnen sagte Peter Schwarz: „Wir erleben eine enorme Zunahme des Militarismus. Es ist wieder normal, für Krieg zu werben.“

Er fragte die Zuhörer im Haus Gallus: „Kann sich irgendjemand vorstellen, dass diese Krise, die sich heute auf allen Ebenen zeigt, einen friedlichen und ‚normalen‘ Ausweg findet? Dass einmal wieder ‚vernünftige‘ Politiker gewählt werden, die das ganze Geschehen wieder rückgängig machen? Das wird nicht passieren. Wie vor hundert Jahren steuert die Gesellschaft auf enorme Erschütterungen, auf Kriege und auch auf Revolutionen zu.“

Das sei gerade der Grund, warum die Oktoberrevolution so große Kontroversen auslöse und die Gemüter erhitze, fuhr Schwarz fort, „und warum die Verlage und Historiker systematisch versuchen, sie zu denunzieren und zu verfälschen. Die Oktoberrevolution hat zum ersten Mal in der Geschichte bewiesen, dass die Arbeiterklasse fähig ist, den Kapitalismus zu stürzen und die Grundlage für eine sozialistische Gesellschaft zu errichten. Die Tatsache, dass sie später unter Stalin degeneriert ist, widerlegt dies nicht.“

Der Redner ging ausführlich auf die Prinzipien und Methoden der bolschewistischen Führer Lenin und Trotzki ein und erläutert die Grundlagen ihres Internationalismus und der Permanenten Revolution. „Die Bolschewiki waren alles andere als Putschisten“, erläuterte Schwarz. „Ihre Linie beruhte auf ihrem internationalen Verständnis. Sie betrachteten die Situation niemals aus rein russischer Sicht, sondern nahmen immer den Standpunkt der internationalen Arbeiterklasse ein.“

Er zitierte Lenins Kommentar dazu, dass Marx „die objektive Logik“ der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten entdeckt hatte, die die Entwicklung des gesellschaftlichen Seins bestimmen: „Die höchste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution … in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen, um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen.“

Dieser wissenschaftliche Anspruch der Politik und der Internationalismus der Bolschewiki seien „für uns heute, zum Verständnis der aktuellen Lage, sehr aktuell“, betonte Schwarz.

Er erläuterte die grundlegenden Widersprüche unsrer heutigen, globalen Welt, deren Dynamik und enorme Produktivität die Grenzen der kapitalistischen Nationalstaaten sprengen. „Die Folge davon sind Kriege um Absatzmärkte, um Einfluss. Die Folge sind auch permanente Angriffe auf die Arbeiterklasse, um die Profite zu steigern. Diese Widersprüche sind letztlich die Triebkraft, die Kriege und Revolutionen hervorrufen“, erklärte Schwarz.

Wie vor hundert Jahren steuere die Gesellschaft wieder auf enorme Erschütterungen zu. Wie er betonte, sei es „undenkbar, dass die soziale Krise und Kriegsgefahr keine Reaktionen hervorrufen wird“.

Schwarz erinnerte daran, dass schon 2011 in Ägypten praktisch über Nacht eine Massenbewegung gegen ein korruptes und diktatorisches Regime entflammt war, das sich zuvor Jahrzehnte lang gehalten hatte. Aber Ägypten habe auch gezeigt, dass selbst die mächtigste revolutionäre Bewegung zum Scheitern verurteilt sei, wenn sie keine bewusste Führung habe.

„Sozialistische Politik ist nicht einfach eine Kombination von guten Absichten mit praktischen Improvisationen“, so der Redner weiter. „Um eine revolutionäre Politik zu entwickeln, genügt es nicht, bestimmte Grundsätze und Ziele zu definieren oder für eine bestimmte Utopie zu kämpfen, sondern man muss die Grundlage, die Triebkräfte, die Bedeutung der objektiven Entwicklung selbst verstehen. Das war die Bedeutung der Bolschewiki von Lenin und Trotzki in der Oktoberrevolution. Und das ist auch die Aufgabe, die wir uns heute mit der WSWS gestellt haben.“

Auf den Vortrag folgte eine ernsthafte Diskussion. „Die Kriegsgefahr sehe ich auch als sehr hoch an“, sagte ein Teilnehmer. „Und die selbstgerechten Werbeplakate der Bundeswehr finde ich schrecklich.“ Er warf die Frage nach den „oftmals fragmentierten Belegschaften“ auf: „Die Menschen arbeiten im selben Arbeitsbereich, gehören aber zu unterschiedlichen Unternehmen.“ Wie könne dabei noch Klassenbewusstsein entstehen?

Andere Fragen betrafen die Entwicklung rechter Strömungen in der Gesellschaft. Der politische Rechtsruck ist real: Im Bundestag zieht gerade die AfD mit Fraktionsstärke ein, in Österreich haben die Parteien den rechtesten, ausländerfeindlichsten Wahlkampf aller Zeiten geführt, und auch auf der Buchmesse finden AfD-Granden wie Björn Höcke und die Identitären eine Plattform, um ihr rechtsradikales Gift zu verspritzen.

Peter Schwarz erläuterte den Zusammenhang der rechten Flüchtlingshetze mit den Angriffen auf die ganze Arbeiterklasse: „Die herrschende Klasse versucht, die Arbeiter gegeneinander aufzuhetzen. Was sind Flüchtlinge? Sie sind der schwächste und rechtloseste Teil der Arbeiterklasse. Sie sind vor den Kriegen geflohen, die die Imperialisten – auch die deutschen – im Nahen Osten selbst organisiert haben.“

Er benannte weitere Angriffe auf die Arbeiterklasse: Die Zerschlagung von Air Berlin, die Fusionswelle wie bei Siemens-Alsthom, die Angriffe auf die Kaufhof-Mitarbeiter, etc. … Er erklärte: „Der Rechtsruck steht im Zusammenhang mit dem völligen Bankrott dessen, was man früher als Arbeiterbewegung bezeichnet hat.“ Dem liege ein objektives Phänomen zugrunde: „Die Verwirklichung von Reformen im Rahmen des Kapitalismus funktioniert nicht mehr. Das ist der Grund, warum die Rechten mittlerweile so einen Aufschwung erleben. Diejenigen, die sich als ‚links‘ bezeichnen, verteidigen die Arbeiter nicht.“

Er ging in dem Zusammenhang auf die Linkspartei ein: „Es gibt wohl nichts Absurderes als die Behauptung bestimmter Strömungen, wie der SAV und Marx 21, man könne die Linkspartei in eine Interessenvertretung der Arbeiterklasse verwandeln.“

Er verwies auf die schlimme Erfahrung, die in Berlin mit der Linken in der Regierung gemacht wurde, aber auch auf das Beispiel der Syriza-Regierung in Griechenland. Parteien wie Die Linke oder Syriza „haben nie behauptet, sie seien gegen Kapitalismus. Wenn sie von Sozialismus sprechen, meinen sie überhaupt nicht die Abschaffung des Kapitalismus … Sie sehen ihre Aufgabe darin, die Autorität des kapitalistischen Staats gegen jede Regung der Arbeiterklasse zu verteidigen.“

„Wer profitiert davon?“ fuhr Schwarz fort. „Das sind die Rechten, denn sie können sich hinstellen und sagen: Wir sind die einzigen, die gegen das Establishment und gegen das System kämpfen – obwohl das natürlich ein Betrug ist.“

Aus der Staatsaufrüstung, den Kriegsvorbereitungen und dem politischen Rechtsruck sei der Schluss zu ziehen, dass die Krise durch reformistische Methoden nicht zu lösen sei. „Man muss sich auf eine revolutionäre Situation vorbereiten. Sie entwickelt sich, ob wir es wollen oder nicht, und sie wird enorme gesellschaftliche Erschütterungen auslösen. Unser Ziel besteht nicht darin, sie zu verhindern oder zu unterdrücken, sondern eine Politik zu entwickeln, die es möglich macht, sie in eine fortschrittliche Richtung zu lenken“, schloss Schwarz. „Das war auch die Bedeutung der bolschewistischen Partei in Russland.“

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