„Autoarbeiter müssen sich an eine Kultur der Armut gewöhnen“

Von Marcus Day
31. Juli 2018

Am letzten Mittwoch starb der ehemalige Vorstandschef von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) Sergio Marchionne im Alter von 66 Jahren. Im Laufe seiner Karriere hatte der aus Italien stammende Manager in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften auf der ganzen Welt brutale Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen durchgesetzt.

Sergio Marchionne

Berichten zufolge befand sich Marchionne seit über einem Jahr in einem Krankenhaus in Zürich. Laut der italienischen Website Lettera43.it erlitt er vor mehreren Wochen eine Embolie, als er während einer Krebsbehandlung an der Schulter operiert wurde, und fiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Am Samstag gab FCA bekannt, dass Mike Manley, der für die profitablen Marken Jeep und Ram verantwortlich ist, zu Marchionnes Nachfolger als Vorstandschef ernannt wurde.

Die Mainstreammedien verfassten überschwängliche Nachrufe auf Marchionne. Sie behaupteten u.a., er habe „Chrysler gerettet“, nachdem Fiat den bankrotten US-Autokonzern im Jahr 2009 übernommen hatte. Der Autoboss, der sowohl die italienische als auch die kanadische Staatsbürgerschaft besaß, war ein brutaler Kostensenker. Dabei wusste er, dass es sich lohnt, die Gewerkschaften zu bestechen, damit sie den Widerstand der Arbeiter gegen Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen und die Zerstörung der Errungenschaften unterdrücken, die sich Arbeiter in Europa und Nordamerika hart erkämpft haben.

Marchionnes Tod kommt zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) in einer beispiellosen Krise befindet. Ein immer weitere Kreise ziehender Korruptionsskandal hat sichtbar gemacht, dass der Vorstand von FCA seit mindestens 2009, seit der Übernahme von Chrysler durch Fiat, UAW-Funktionäre als Gegenleistung für „unternehmensfreundliche Tarifabkommen“ bestochen hat.

Erst letzten Montag wurde ein „Plea Deal“ (Schuldeingeständnis gegen Strafminderung) von Nancy Johnson veröffentlicht. Darin erklärte die ehemalige Assistentin des mittlerweile zurückgetretenen UAW-Vizepräsidentin Norwood Jewell, ein „hochrangiger UAW-Funktionär“ habe die Anweisung gegeben, Gelder von Schulungszentren abzuschöpfen, die gemeinsam von FCA und der Gewerkschaft betrieben wurden. Die Detroit News schrieb unter Berufung auf anonyme Quellen aus dem Umfeld der Ermittlungen, Johnson habe erklärt, dass der mittlerweile zurückgetretene UAW-Präsident Dennis Williams die Zahlungen genehmigt hat.

Im Juli 2016, ein Jahr bevor Marchionne ebenso wie Williams seine Erschütterung und Abscheu über das Geldwäschesystem zur Schau stelle, hatte die Staatsanwaltschaft Marchionne in Detroit befragt. Es ist äußerst unglaubwürdig, dass der Chef von FCA nichts davon wusste, dass sein Vizepräsident Alphons Iacobelli Bestechungsgelder an führende UAW-Unterhändler verteilte, um sie „fett, blöd und zufrieden“ zu halten, wie es in der Anklageschrift hieß.

Die UAW wurde für ihre Zusammenarbeit mit Marchionne bei der Sanierung der Autoindustrie fürstlich belohnt, auf legale wie auch auf illegale Weise. Dafür revanchierte sie sich mit überschwänglichen Würdigungen an ihren verstorbenen Partner.

Gary Jones, der im Juni auf der Hauptversammlung der UAW zum Präsidenten gewählt wurde und sich eine 30-prozentige Gehaltserhöhung auf 199.000 Dollar genehmigte, schrieb am Mittwoch in einer Stellungnahme:

„Unsere Gedanken und Gebete sind bei Sergios Familie. Und im historischen Rückblick auf sein Vermächtnis wird deutlich, dass trotz einigen Holperns und einiger Beulen die Sonne nicht untergegangen ist, als er das Unternehmen verließ, sondern dass sie aufging. Daran wird man sich lange erinnern.“

Die ehemalige UAW-Vizepräsidentin für General Motors Cindy Estrada, die jetzt bei Fiat Chrysler tätig ist und ebenfalls mit dem Korruptionsskandal in Verbindung gebracht wird, schreibt:

„UAW-Mitglieder bei FCA wissen, dass Sergio Marchionne mitgeholfen hat, ein wachsendes Unternehmen aufzubauen, das täglich für stabile und sichere Arbeitsplätze für ihre Familien sorgt... Wir mögen gelegentlich Streitereien am Verhandlungstisch gehabt haben. Doch Sergio Marchionne hat sein Engagement für den Tarifprozess nie aufgegeben, selbst wenn er mit Mitgliedern uneins war. Für unsere Mitglieder hat der Erfolg seiner Vision das Leben der Menschen geändert. Das ist ein reichhaltiges Vermächtnis.“ (Hervorhebung hinzugefügt).

Dennis Williams, der unter Autoarbeitern berüchtigt wurde, nachdem er Marchionne bei Beginn der Tarifverhandlungen im Jahr 2015 öffentlich herzlich umarmte, hat bisher weder zum Tod des Vorstandschefs noch zu Johnsons Vorwürfen Stellung bezogen.

Ein FCA-Arbeiter in Kokomo (Indiana), wo die Belegschaft wegen zahlreicher Gesundheits- und Sicherheitsprobleme sowie dem Missbrauch von Leiharbeitern vor kurzem einstimmig für einen Streik gestimmt hatte, erklärte, Marchionne habe „in Wirklichkeit die Löhne der Leute gesenkt, Renten für neu eingestellte Arbeiter abgeschafft, den AWS [Alternatives Arbeitszeitenmodell, durch das der Achtstundentag abgeschafft wurde] eingeführt, und ein Drei-Klassen-Lohnsystem geschaffen.“

Mit ihren Lobhudeleien aus Anlass von Marchionnes Tod betrauert die UAW den Verlust eines Gönners. Er hat erkannt, dass es für ihn von Vorteil ist, den Appetit der korrupten Gewerkschaftsbürokratie zu befriedigen, um den Widerstand gegen die Diktate des Managements zu unterdrücken.

Worin besteht Sergio Marchionnes „reichhaltiges Vermächtnis“?

Sergio Marchionne wurde im Jahr 1952 im italienischen Chieti geboren. Sein Vater war Mitglied der italienischen Militärpolizei Carabinieri. Sein Großvater mütterlicherseits, Giacomo Zuccon, wurde 1943 wegen mutmaßlicher faschistischer Gesinnung von jugoslawischen Partisanen getötet.

Mit 13 Jahren zog Marchionne nach Kanada und studierte an der Universität von Toronto zuerst Philosophie, später Jura. Er arbeitete zunächst als Steuerexperte und Buchhalter, danach als Seniormanager und später Vorstandschef für mehrere Schweizer Unternehmen. Dabei kultivierte er ein Image als kettenrauchender, kompromissloser „Sanierungsspezialist“.

Im Jahr 2003 trat Marchionne in den Vorstand von Fiat ein, 2004 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Als Fiat im Jahr 2009 eine Welle von Werksschließungen in Europa plante, schrieb die WSWS: „Sergio Marchionne ist einer der typischen Vertreter jener Schicht von Finanzmanagern, die Industrieunternehmen in einer Art und Weise leiten wie Hedgefonds, das heißt: Unternehmen kauft, umkrempelt und wieder verkauft, um die Verschuldung der ihm anvertrauten Investmentfonds auszubalancieren und den Reichtum seiner Geldgeber zu vergrößern.“

In den 1970ern beschäftigte Fiat mehr als 125.000 Arbeiter. Bis zum Jahr 2014 ist diese Zahl etwa um die Hälfte gesunken.

Bei seinen Angriffen auf Arbeitsplätze und Löhne fand Marchionne in den italienischen Gewerkschaften gefügige Partner. Guglielmo Epifani, der Vorsitzende des italienischen Allgemeinen Gewerkschaftsbundes CGIL, erklärte im Jahr 2009, Marchionne „ist nicht die Art Manager, wie wir sie in Italien gewohnt sind“. Marchionne habe ihm nicht das Gefühl gegeben, sein Vorgesetzter zu sein.

Nach dem Zusammenbruch der Autoindustrie infolge des Finanzkrachs von 2008 organisierte Marchionne die Übernahme des US-Autobauers Chrysler durch Fiat. Genau wie General Motors wurde Chrysler von der Obama-Regierung in den Bankrott getrieben und Fiat praktisch ausgehändigt.

Während der Verhandlungen stimmte die UAW Neuverhandlungen über den Tarifvertrag von 2007 zu. Marchionne, die Obama-Regierung und die Gewerkschaft arbeiteten zusammen, um den Arbeitern weitreichende Zugeständnisse aufzuzwingen, u.a. die Ausweitung zweigleisiger Lohnsysteme und die Halbierung der Löhne bei Neueinstellungen.

Obamas „Auto-Zar“ Steven Rattner, ein millionenschwerer Wall Street-Investor, schrieb in seiner Schilderung der Rettung der Autoindustrie, Marchionne habe dem damaligen UAW-Präsidenten Ron Gettelfinger im April 2009 erklärt, die amerikanischen Autoarbeiter müssten sich an eine „Kultur der Armut“ statt einer „Kultur des Anspruchsdenkens“ gewöhnen.

Jennifer Clark beschreibt in ihrem Buch Mondo Agnelli: Fiat, Chrysler und die Macht einer Dynastie, mit welcher Leichtigkeit Marchionne die UAW für das System des „World Class Manufacturing” gewonnen hat. Dieses System zur Qualitätsverbesserung sieht die Einführung unerbittlicher Arbeitshetze, mehr „Flexibilität“ und den Abbau von Arbeitssicherheitsvorschriften vor.

Sie schreibt: „Als [UAW-Vizepräsident] Holiefield das Handbuch durchsah, das Marchionne mitgebracht hatte, kam ihm World Class Manufacturing wie etwas Neues vor. Es war mit einer Kultur verbunden, mit der sich Arbeiter identifizieren konnten. Es wirkte stärkend. Holiefield wusste, dass Chrysler nicht überleben würde, wenn es die Qualität seiner Produkte nicht verbessert.“

Und so sagte Holiefield: „Wenn Sie das wollen, können Sie es haben. Ich händige es Ihnen kampflos aus.“

Holiefield war von 2006 bis 2014 UAW-Vorsitzender bei Chrysler. Er hat sich außerdem zu einer wichtigen Figur in dem UAW-Bestechungsfall entwickelt, da er illegale Gelder in Höhe von Hunderttausenden Dollar für Luxusgüter und Reisen für sich selbst und seine Frau Monica Morgan ausgegeben hat. Das Geld wurde aus dem Nationalen Schulungszentrum der UAW bei FCA (einer der zahlreichen „Partnerschaften“ zwischen Gewerkschaft und Management, die in den 1980ern gegründet wurden) abgezapft und in Scheinfirmen sowie in Holiefields betrügerische Wohltätigkeitsorganisation Leave the Lights on Foundation geleitet.

Während der Tarifkämpfe unter Marchionne in den Jahren 2009, 2011 und 2015 forderten nur die Socialist Equality Party und der Autoworker Newsletter der WSWS den Bruch mit der UAW und die Bildung unabhängiger Aktionskomitees in den Fabriken. Wir riefen auf zur Vereinigung der Autoarbeiter in den USA und überall auf der Welt in einem gemeinsamen Kampf gegen die globalen Autokonzerne und Banken. Die SEP und der Autoworker Newsletter erklärten, die Entwicklung einer branchenweiten Gegenoffensive müsse verbunden werden mit einer politischen Gegenoffensive der Arbeiterklasse für eine sozialistische Alternative zu Zugeständnissen, Entlassungen und Werksschließungen.

Im Jahr 2014 stellte Marchionne erneut die Arroganz seiner Klasse zur Schau, als er gegenüber Investoren offen seine Absicht erklärte, die Fabriken von besser bezahlten älteren Arbeitern zu säubern: „Wir müssen die Zahl der besser bezahlten Arbeiter begrenzen und sie zu einer aussterbenden Klasse machen... Ich protestiere entschieden gegen das Anspruchsdenken in der Lohnstruktur.“

Während Marchionne immer wieder das „Anspruchsdenken“ der Arbeiter kritisierte, d.h. die Forderung nach angemessen bezahlten Arbeitsplätzen, waren alleine seine Aktien mehrere hundert Millionen Dollar wert. Laut einem Bericht von Bloomberg vom Februar besaß Marchionne Aktien von Fiat Chrysler im Wert von 362 Millionen Dollar, von Ferrari NV im Wert von 190 Millionen Dollar, und von dem LKW- und Traktorhersteller CNH im Wert von 169 Millionen Dollar. In dem Artikel hieß es: „Der dramatische Anstieg der Aktienkurse von Fiat Chrysler hat Marchionnes Reichtum vervielfacht, sodass der 65-Jährige einer der Megareichen ist, die normalerweise Unternehmen nicht führen, sondern selbst gründen.“

In den letzten Jahren hat Marchionne die Produktion von Klein- und Mittelklassewagen in den USA eingestellt und erfolglos versucht, eine Fusion zwischen FCA und einem anderen großen Autokonzern zu organisieren. Bei einer Präsentation vor Investoren mit dem Titel „Bekenntnisse eines Kapital-Junkies“ argumentierte er, FCA könne nur die Konsolidierung der Autoindustrie, d.h. die Abschaffung von „Redundanzen“ durch Fusionen, Werksschließungen und Massenentlassungen, seine Profitabilität erhalten.

FCA und die Luxusmarke Ferrari, die unter Marchionne von FCA abgespalten wurde, sind heute fast zehnmal so viel wert wie zu Beginn seiner Zeit als Vorstandschef. Der kolossale Anstieg der Aktienkurse des Unternehmens geht jedoch nicht auf Marchionnes Fähigkeiten als Unternehmer zurück, sondern im Wesentlichen auf die Verarmung von Hunderttausenden Arbeitern und die Unterdrückung des Klassenkampfes durch die Gewerkschaften.

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