Türkei-Krise lässt indische Rupie auf Rekordtief abstürzen

Von Deepal Jayasekera
20. August 2018

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise der türkischen Lira sank die indische Rupie am Dienstag auf ein Rekordtief von 70,1 zu einem US-Dollar. Am Ende des Tages lag sie bei 69,93. Dieser Tagesverlust war der größte seit fünf Jahren.

Indische Regierungsvertreter versuchten, das Ausmaß der Krise der indischen Wirtschaft und Währung herunterzuspielen. Wirtschaftsminister Subhash Chander Garg erklärte am Dienstag vor der Presse, es bestehe bezüglich des Wertverfalls der Rupie „momentan kein Grund zur Sorge“, da dieser auf „äußere Faktoren“ zurückgehe. Er behauptete, Indiens Bestände an ausländischen Devisen würden ausreichen, um den Niedergang zu verkraften.

Gleichzeitig gab Garg zu, dass die indische Zentralbank, die Reserve Bank of India (RBI), nur begrenzt etwas gegen den Absturz unternehmen könne. Er erklärte: „Da auch die Währungen anderer Staaten abstürzen, wird eine Intervention der Reserve Bank of India durch den Verkauf von US-Dollar im Land den Kurs der Rupie momentan nicht allzu sehr stabilisieren können.“

Indische Regierungsvertreter mussten zugeben, dass sie „äußere Faktoren“, die sich auf die Wirtschaft des Landes auswirken, nicht kontrollieren können. Garg erklärte, die RBI habe dieses Jahr bisher etwa 23 Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die Rupie zu stabilisieren.

Der Absturz der indischen Rupie hat sich über mehrere Monate entwickelt und war eine Reaktion auf die Entscheidung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, die Zinssätze zu erhöhen und ihre Politik der „quantitativen Lockerung“ zu beenden. Diese Entscheidung bedeutet das Ende des Zuflusses von relativ billigen, in Dollar ausgegebenen Krediten. Bisher hat die indische Währung dieses Jahr um acht Prozent an Wert verloren. Nun beschleunigt sich vor dem Hintergrund eines starken Wertverfalls der türkischen Lira der Niedergang der indischen Rupie. Es zeigt sich, welch weitreichende Folgen die Aufwärtsbewegung des Dollars aufgrund des Vorgehens der Fed in den sogenannten Schwellenmärkten hat.

Der Vorstandschef der Bank ICICI, B. Prasanna, wies auf die Rolle ausländischer Investoren beim Absturz der Rupie hin und erklärte: „Der schnelle Aufstieg [der Rupie] über 69 zu 1 Dollar ging zu einem Großteil auf Abflüsse von ausländischen Portfolioinvestoren (FPI) und auf die Notwendigkeit zurück, bestehende Engpässe bei Dollars auf dem Markt abzusichern. Diese Entwicklungen gehen weniger auf die tatsächlichen Forderungen der Importeure zurück, sondern vielmehr auf die globalen Marktstimmungen.“

Der Absturz der Rupie ist Teil eines weltweiten Rückzugs von Investoren aus den so genannten Schwellenmärkten. Radhika Rao, ein Ökonom der DBS Bank in Singapur, erklärte: „Der Absturz der Rupie geschah nicht losgelöst vom allgemeinen Verkauf der Devisen von Schwellenmärkten, sondern war Teil davon.“

Ein weiteres Anzeichen für die zunehmende Wirtschaftskrise, mit der die indische Elite konfrontiert ist, war der Anstieg des Außenhandelsdefizits des Landes von 16,6 Milliarden Dollar im Juni auf 18 Milliarden Dollar im Juli. Der wichtigste Faktor war dabei der Anstieg der Ölpreise. Indien importiert mehr als 80 Prozent seines Rohöls.

Teile des indischen Großkapitals begrüßen eine Schwächung der Rupie, da sie die Produkte des Landes auf dem Weltmarkt billiger machen und Exporte begünstigen wird. Der Vorstandsvorsitzende der Mahindra Group, Anand Mahindra, die u.a. in der Auto- und Baumaschinen- sowie der Versicherungsbranche tätig ist, twitterte: „Können wir mit dieser Stärkung der indischen Wettbewerbsfähigkeit im Exportbereich die globalen Konzerne überzeugen, dass es Zeit ist, bei exportorientierter Produktion im Weltmaßstab nach Indien zu wechseln?“

Doch entgegen Mahindras Argumentation werden nicht alle Bereiche der indischen Industrie von einer schwachen Rupie profitieren. Diejenigen, die von importierten Rohstoffen, Komponenten und Maschinen abhängig sind, werden mit höheren Produktionskosten in Rupien konfrontiert sein.

Unter Bedingungen, in denen die Kosten für den Import von Rohöl, Waren, Elektrogeräten und technischer Ausrüstung steigen, könnte eine schwächere Rupie zudem die Inflation erhöhen. Laut dem indischen Ölministerium wird eine Änderung des Wechselkurses um eine Rupie zum US-Dollar die Importkosten für Rohöl um 108,8 Milliarden Rupien (1,58 Milliarden Dollar) erhöhen. Diese betrugen im Juli umgerechnet 12,4 Milliarden Dollar und sind damit im Vergleich zum Vorjahr um 57,4 Prozent gestiegen.

Während indische Regierungsvertreter stolz verkünden, die Devisenbestände des Landes würden ausreichen, um jeden Abwärtstrend der Rupie auszugleichen, werden die derzeitigen Bestände von etwa 402 Milliarden Dollar die Importkosten nicht einmal ein Jahr lang abdecken.

Die weltweiten wirtschaftlichen Erschütterungen werden die politische Krise verschärfen, mit der die Regierung von Premierminister Narendra Modi konfrontiert ist. Der Hindu-chauvinistischen Bharatiya Janatha Party (BJP) stehen nächstes Jahr Wahlen bevor. Ihre Möglichkeiten, Gelder für einige kosmetische soziale Maßnahmen aufzuwenden, um so ihren Rückhalt zu bewahren, werden immer begrenzter.

Die höhere Inflation aufgrund der Abwertung der Rupie wird die Kosten für Treibstoff, Nahrungsmittel und andere grundlegende Güter und Dienstleistungen erhöhen und damit die ohnehin schon immense Belastung der Arbeiter und der armen Landbevölkerung noch weiter erhöhen. Dies wird zu einer weiteren Eskalation des Klassenkampfes führen.

Im Lauf dieses Jahres haben beträchtliche Teile der Arbeiterklasse und der Unterdrückten an Streiks und Massenprotesten gegen die Angriffe auf ihre Löhne, Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen vonseiten der BJP-Regierung und der Regierungen in den Bundesstaaten teilgenommen. Darunter befanden sich Beschäftigte der Banken aus dem ganzen Land, Arbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, Taxifahrer der großen Taxikonzerne Uber und Ola sowie Bauern im Westen, Osten und Norden des Landes.

Durch die investorenfreundlichen Wirtschaftsreformen, die die Regierungen seit 1991 durchgeführt haben, sind die Armut und die soziale Ungleichheit stark angestiegen und haben zu immensen Klassengegensätzen geführt. Das oberste eine Prozent der Bevölkerung generiert fast ein Viertel des Nationaleinkommens und besitzt 60 Prozent des Gesamtvermögens des Landes, während 70 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen. Nur eine winzige Minderheit der Großbourgeoisie und privilegierte Teile des Kleinbürgertums haben aus den Wirtschaftsreformen des letzten Vierteljahrhunderts ihren Vorteil gezogen – auf Kosten der großen Mehrheit der Arbeiter und der unterdrückten Massen.

Indien ist ein soziales Pulverfass, das kurz vor der Explosion steht. Die wichtigsten Oppositionsparteien, der Indische Nationalkongress und die beiden stalinistischen Parlamentsparteien Kommunistische Partei Indiens (Marxisten) und die Kommunistische Partei Indiens (KPI) sind unter den Arbeitern und den unterdrückten Massen aufgrund ihrer Rolle bei der Umsetzung der investorenfreundlichen Wirtschaftspolitik und der damit einhergehenden Austeritätsmaßnahmen diskreditiert. Diese Organisationen werden künftig nicht mehr in der Lage sein, den Widerstand der Arbeiterklasse so einzudämmen wie sie es in der Vergangenheit getan haben.

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