Elf Tote beim schlimmsten Angriff auf die jüdische Gemeinschaft in der Geschichte der USA

Von Samuel Davidson
29. Oktober 2018

Elf Menschen wurden getötet und sechs weitere verletzt, als ein Attentäter am Samstag während des Morgengottesdienstes in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh das Feuer eröffnete.

Zwei der Verletzten sind noch nicht außer Lebensgefahr, und auch ein dritter, der am Samstagnachmittag operiert wurde, befindet sich in kritischem Zustand. Die Namen der Opfer wurden bisher nicht bekannt gegeben; laut Angaben der Behörden handelt es sich ausnahmslos um Erwachsene.

Noch nie in der Geschichte der USA hat es einen Angriff auf die jüdische Gemeinschaft mit so vielen Toten gegeben. Der Anschlag ist Ausdruck der tiefen politischen Krise in den Vereinigten Staaten und Folge der rechtsextremen und faschistischen Stimmungen, die von der Trump-Regierung angeheizt werden. Unmittelbar zuvor waren mehr als ein Dutzend Rohrbomben an prominente Kritiker der Trump-Regierung verschickt worden.

Bei dem Täter von Pittsburgh handelt es sich um Robert Bowers, einen 48-jährigen Weißen. Er betrat die Synagoge kurz vor 10 Uhr mit einer halbautomatischen AR-15 und drei Handfeuerwaffen. Als er zu schießen begann, schrie er: „Alle Juden müssen sterben!“

Kurz darauf traf die städtische Polizei ein. Zwei der ersten Polizisten am Tatort wurden angeschossen, als sie versuchten, den Schützen beim Verlassen des Gebäudes festzunehmen. Zwei weitere Polizisten wurden von Schüssen getroffen, nachdem Bowers sich wieder in die Synagoge zurückgezogen hatte, wo er schließlich angeschossen und verhaftet wurde.

Zum Zeitpunkt des Massakers fanden in der Synagoge drei Gottesdienste statt, darunter eine Namensgebung für ein neugeborenes Mädchen. Im Gebäude befanden sich etwa 100 Personen. Die Tree-of-Life-Synagoge liegt im vorwiegend von Menschen jüdischen Glaubens bewohnten Stadtviertel Squirrel Hill.

Die Bundesanwaltschaft erhob noch in der Nacht Anklage gegen Bowers wegen 29 Gewalt- und Schusswaffendelikten. US-Generalstaatsanwalt Jeff Sessions gab eine Erklärung heraus, in der es hieß, das Justizministerium werfe „dem Angeklagten Hassverbrechen und andere Straftaten vor, die zum Teil mit der Todesstrafe geahndet werden könnten“.

Präsident Trump bezeichnete den Angriff als Ausdruck des „Bösen“ und wiederholte die Forderung nach bewaffneten Wachen, die er bereits nach dem Schulmassaker von Parkland im Februar 2018 erhoben hatte. Wenn die Synagoge eine solche Wache gehabt hätte, so Trump, wären weniger Menschen ums Leben gekommen.

Bowers war ein regelmäßiger Nutzer von Gab, einem sozialen Netzwerk weißer Rassisten und Antisemiten. Ein Blick auf seine Social-Media-Seiten zeigt, dass er eine extreme Version von Trumps ausländerfeindlichen, rassistischen und nationalistischen Ansichten vertrat. In seinen Augen war Trump kein echter Nationalist, weil er im Weißen Haus auch Juden beschäftigt. Er behauptete auch, nicht für Trump gestimmt zu haben, und hatte sich als parteiloser Wähler registrieren lassen.

Trumps brutales Vorgehen gegen Einwanderer fand allerdings Bowers uneingeschränkte Unterstützung. In einem Social-Media-Beitrag behauptete er, dass Juden der Migrantenkarawane Transportmöglichkeiten zur Verfügung stellen würden. Er begrüßte die neue Sprachregelung der Karawanengegner, die Migranten nicht mehr als „Illegale“, sondern als „Eindringlinge“ zu bezeichnen. Diesen Ausdruck, der hauptsächlich auf Trump zurückgeht, kommentierte er mit den Worten: „So gefällt es mir.“

Trump hat US-Truppen an die mexikanische Grenze entsandt und verteufelt Einwanderer als potenzielle Mörder und Vergewaltiger von Amerikanern, während sie in Wirklichkeit Opfer der Armut und Unterdrückung in ihren Heimatländern sind, die in erster Linie durch den US-Imperialismus verursacht wurde. Letzte Woche griff Trump den Vorwurf antisemitischer Fanatiker auf, dass der jüdische Milliardär George Soros die Karawane finanziere.

Nur fünf Minuten vor der Schießerei postete Bowers: „HIAS likes to bring invaders in that kill our people. I can't sit by and watch my people get slaughtered. Screw your optics, I'm going in.“ (etwa: „HIAS holt gern Eindringlinge ins Land, die unsere Leute töten. Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie Angehörige meines Volkes abgeschlachtet werden. Scheiß auf eure Sicht, ich tu jetzt was.“) HIAS steht für Hebrew Immigrant Aid Society, eine jüdische Hilfsorganisation, die in Pittsburgh Flüchtlinge aus Lateinamerika und Syrien unterstützt. Die Tree-of-Life-Synagoge hatte mit HIAS zusammengearbeitet.

Am Freitag bezog sich Bowers auf eine Liste von Gemeinden in ganz Amerika, die Sabbat-Feiern für Flüchtlinge anbieten. Diese Liste ist auf der HIAS-Website veröffentlicht. Bowers schrieb: „Why hello there HIAS! You like to bring in hostile invaders to dwell among us? We appreciate the list of friends you have provided.“ („Grüß euch, HIAS! Ihr holt wohl gern feindliche Eindringlinge zu uns herein. Wir danken auch schön für die Liste der Freunde, die ihr uns zur Verfügung gestellt habt.“) Die Tree-of-Life-Synagoge war eine der auf der HIAS-Website aufgeführten Synagogen.

Letzten Monat hat Bowers Dutzende von Beiträgen gepostet, die sich gegen Juden, Schwarze und Einwanderer richteten. Oft stellte er es so dar, als ob Juden die Trump-Regierung unterwandern würden. Trumps Parole „Make American Great Again“ sei verlogen: „Es gibt kein #MAGA, solange Judenschweine geduldet werden.“

Es ist das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass ein Faschist Trumps ultra-rechte Rhetorik in die Tat umgesetzt hat. Vor Robert Bowers wurde Cesar Sayoc verhaftet, weil er über ein Dutzend Briefbomben an prominente Demokraten und Kritiker der Trump-Regierung geschickt hatte. Im Gegensatz zu Bowers war Sayoc ein offener Trump-Anhänger, der an Kundgebungen des Präsidenten teilnahm und Fotos von sich selbst mit MAGA-Hut verbreitete.

Das Massaker in Pittsburgh reiht sich ein in die wachsende Zahl antisemitischer Angriffe in den Vereinigten Staaten und international. In den USA meldete die Anti-Defamation League im vergangenen Jahr 1.986 Fälle von Belästigung, Vandalismus oder Körperverletzung gegen Juden und jüdische Institutionen, ein Anstieg von fast 60 Prozent. Auch Hassreden im Internet haben ihren Angaben zufolge in diesem Jahr stark zugenommen.

In Europa gewinnen rechtsextreme, faschistische und antisemitische Parteien an Einfluss, insbesondere in Ungarn, Polen, Italien und Deutschland, wo die Alternative für Deutschland als erste faschistische Partei seit der Niederlage der Nazis im Zweiten Weltkrieg in den Bundestag eingezogen ist.

Das Wachstum rechtsextremer und faschistischer Kräfte ist Ausdruck der Krise des kapitalistischen Systems. Es ist ein Ergebnis der Degeneration der amerikanischen Demokratie, die sich sowohl unter Demokraten als auch unter Republikanern seit langem hinzieht – ein giftiger Ausfluss der extremen sozialen Ungleichheit und der ständigen Kriege.

Die Demokratische Partei spielt die Verbindungen von Bowers und Sayoc zur rassistischen und einwanderungsfeindlichen Politik der Trump-Regierung herunter. Sie beschränkt sich auf die Forderung nach einem zivilisierten Umgang mit Meinungsverschiedenheiten – als ob das Einpferchen von Kindern in Konzentrationslagern in Texas ein Thema für gepflegte Debatten wäre.

Auf einer Pressekonferenz am Samstagnachmittag verlor Tom Wolf, der demokratische Gouverneur des US-Bundesstaats Pennsylvania, kein Wort darüber, dass Bowers die Politik von Trump unterstützt. Er sprach von einem „sinnlosen Gewaltakt“, und nicht von einem durch rechtsextreme oder faschistische Ansichten motivierten Anschlag. Auch der Kongressabgeordnete der Demokraten für Pittsburgh Mike Doyle erwähnte in seiner Ansprache bei einer Mahnwache Trump mit keiner Silbe und führte die Schießerei lediglich als weiteres Argument für schärfere Waffengesetze an.

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