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Der israelisch-palästinensische Konflikt greift auf Frankreich über

Von Francis Dubois
25. Oktober 2000

Der israelisch-palästinensische Konflikt im Nahen Osten hat in Europa zu antisemitischen Attacken geführt. In London wurde David Myers, ein 20-jähriger jüdischer Theologiestudent, von einem Mann aus Algerien durch mehrere Messerstiche lebensgefährlich verwundet. Aber am angespanntesten ist die Situation in Frankreich, wo fünf Millionen größtenteils arabischstämmige Moslems und 700.000 jüdische Bürger leben, die teilweise seit Jahrzehnten friedlich zusammenleben.

In Paris folgten am 10. Oktober 5000 Personen einem Aufruf zionistischer Organisationen und demonstrierten auf den Champs Elysées zugunsten Israels. In den folgenden Tagen kam es in mehreren Großstädten - unter anderem in Lyon, Paris, Marseille und Strasbourg - zu Demonstrationen für die Palästinenser.

Mit steigender Spannung nahmen die Auseinandersetzungen verstärkt ethnische und antisemitische Formen an. Die französische Polizei verzeichnete innerhalb von drei Wochen über 80 Angriffe auf Synagogen, jüdische Geschäfte und Schulen. Auf mehrere Synagogen wurden Brandanschläge verübt. Die Synagoge von Trappes bei Paris wurde dabei vollständig, andere teilweise zerstört. Auch Grabsteine wurden entweiht und antisemitische Parolen auf Wände gesprüht. Einschüchterungsversuche und Angriffe auf jüdische Einwohner sind an der Tagesordnung und haben eine Atmosphäre der Angst geschaffen. Vertreter jüdischer Organisationen haben von der Regierung Polizeischutz und sogar Schutz durch die Armee gefordert.

Die meisten Angriffe ereignen sich in den Banlieues, den Vororten der Großstädte und insbesondere von Paris, wo maghrebinische und jüdische Gemeinschaften auf engem Raum zusammen leben und die sozialen Spannungen am schärfsten sind. Wie es scheint, sind vor allem verarmte Jugendliche maghrebinischer Herkunft für die Anschläge verantwortlich.

Große Teile der in Frankreich lebenden Jugendlichen nordafrikanischen Ursprungs identifizieren sich mit den palästinensischen Jugendlichen, die gegen den israelischen Staat kämpfen. Wie viele französische Presseberichte bestätigen, liegt der Grund für diese Identifikation bei ihrer eigenen sozialen Lage: auch sie werden gesellschaftlich und politisch unterdrückt, sind überdurchschnittlich von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen und sind regelmäßig rassistischen Übergriffen der französischen Polizei ausgesetzt, die nicht selten tödliche Folgen haben.

Ein Teil dieser Jugendlichen steht unter dem Einfluss islamischer Fundamentalisten, die keinen Unterschied zwischen der Politik des zionistischen Staates und der jüdischen Religion machen, antisemitische Parolen verbreiten und die Empörung über die Brutalität der israelischen Armee auf diese Weise in reaktionäre ethnische und religiöse Bahnen lenken.

Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei den Attentätern allerdings mehrheitlich um Jugendliche aus dem kleinkriminellen Milieu "ohne politische Organisationszugehörigkeit". In der Regel sind sie auch nicht religiös aktiv und besuchen keine Moscheen. Das deutet darauf hin, dass sich hier einfach der soziale Sprengstoff wieder entzündet, der sich in den Banlieues seit Jahren in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizei entlädt.

An vielen Gymnasien haben sich Schüler, die aus dem Maghreb stammen, politisch mit den Palästinensern solidarisiert. Der Lehrkörper reagiert teilweise mit dem Versuch, jegliche politische Diskussion zu unterdrücken, es gibt aber auch Lehrer, die sich bemühen, die historischen und politischen Hintergründe des Konflikts aufzudecken und so der religiösen Interpretation entgegenzuwirken.

Die antisemitischen Anschläge sind Wasser auf die Mühlen des Zionismus, der vorgibt, die Interessen aller Juden zu vertreten. Zionistische Organisationen in Frankreich haben die palästinensische Revolte gegen Israel stets als Angriff auf das Judentum als solches dargestellt.

Auch die extreme Rechte versucht, das angespannte Klima zu ihren Gunsten auszunutzen, indem sie gegen die eine oder die andere Gemeinschaft agitiert. So hat die rechte Studentenorganisation GUD, die der Nationalen Front (FN) nahe steht, vor einer Pariser Universität eine israelische Flagge verbrannt und sich Schlägereien mit dem jüdischen Studentenverband geliefert. Die FN-Abspaltung Nationale Republikanische Bewegung (MNR) ruft dagegen zur Mobilisierung der Zionisten gegen die arabische Gefahr auf.

Die Regierung, Teile der Presse und viele Bürgerrechts- und antirassistische Organisationen reagieren auf die angespannte Lage, indem sie die politischen Hintergründe völlig ignorieren, behaupten, die Zusammenstöße seien ausschließlich rassistisch motiviert, und im Namen der "Verteidigung der Republik" ein massives staatliches Eingreifen fordern. Die Regierung fürchtet offensichtlich, dass die Krise im Nahen Osten auch das politische Leben in Frankreich radikalisieren könnte.

Siehe auch:
Israels Schritte zum Krieg und das zionistische Erbe
(18. Oktober 2000)

 

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