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Baden-Württemberg streicht Zuschüsse für die Schulsozialarbeit

Von Dieter Hesse
16. Dezember 2004

Der Name Robert Steinhäuser ist vielen noch bekannt. Als der 19-Jährige im Frühjahr 2002 schwer bewaffnet und maskiert in seine ehemalige Schule ging und 16 Menschen erschoss, bevor er sich selbst das Leben nahm, löste die Nachricht Entsetzen und einen Schock aus. Damals wurde immer wieder die Frage gestellt: Wie konnte das passieren?

Wenn künftig wieder ein Jugendlicher Amok läuft, weil er aufgrund des schulischen Drucks und der eigenen Perspektivlosigkeit weder ein noch aus weiß, und wenn wieder die Frage nach der Verantwortlichkeit gestellt wird, sollten die gegenwärtigen Entscheidungen einiger Landespolitiker unter die Lupe genommen werden. Denn die CDU/FDP-Landesregierung in Baden-Württemberg unter Erwin Teufel (CDU) hat angekündigt, dass ein wichtiger Bestandteil der Unterstützung für Schüler und Schülerinnen in einer Notsituation aus Spargründen eingestellt wird, die Schulsozialarbeit.

Die zuständige Landessozialministerin Tanja Gönner (CDU) gab bekannt, dass vom nächsten Schuljahr an alle Zuschüsse für Sozialarbeiter an Schulen komplett gestrichen werden. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Überlegungen.

Derzeit gibt es in Baden-Württemberg etwa 300 Schulsozialarbeiter, ca. 170 dieser Stellen werden mit Zuschüssen des Landes finanziert. Vor fünf Jahren ist das Landessozialministerium mit jährlich einer Million Euro in die Förderung der Schulsozialarbeit eingestiegen, um an 87 "Brennpunkt-Hauptschulen" Stellen von Sozialarbeitern mit jeweils 7.500 Euro pro Jahr zu unterstützen bzw. zu schaffen. Im Schuljahr 2002/03 wurde die Förderung auf 2,1 Millionen Euro und weitere 89 Stellen aufgestockt. Doch bereits im Sommer 2003 sind die Zuschüsse wieder auf 1,1 Millionen Euro gekürzt worden. Jetzt soll kein Cent mehr dafür zur Verfügung gestellt werden.

Volker Häberlein, Chef der mobilen Jugendarbeit in Stuttgart, beklagt, dass dadurch alleine in der Landeshauptstadt fünfeinhalb der insgesamt zwölfeinhalb Stellen wegfallen: "Erst schiebt das Land solche Projekte an, dann verabschiedet man sich Stück für Stück."

Die Sozialministerin wies jede Kritik zurück und betonte, Sozialarbeit sei nun mal nicht Ländersache, sondern Aufgabe der Kommunen. Der baden-württembergische Städtetag wies diese Argumentation mit dem Hinweis auf die Landesverantwortung für Bildungsaufgaben zurück und forderte umgehend eine Verlängerung der Förderung.

Selbstverständlich ist die Schulsozialarbeit wie jede Sozialarbeit nur ein Palliativmittel. Doch bei den gegenwärtigen Zuständen an den Schulen, die Kindern und Jugendlichen aus unteren Einkommensschichten nur geringe Chancen auf einen Schulabschluss, weitere Ausbildungsmöglichkeit und Arbeit lassen, ist Schulsozialarbeit notwendig. Für viele Schüler sind Ansprechpartner vor Ort gar die letzte Hilfe vor dem Absturz in Resignation, Frust und Aggression - gegen andere und sich selbst.

Ziel der Schulsozialarbeit ist es, den Kindern und Jugendlichen bei persönlichen und/oder schulischen Schwierigkeiten beizustehen und zu helfen. Aufgrund der wachsenden sozialen Krise - steigende Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und sich ausbreitende Armut - nehmen die Probleme insbesondere an Hauptschulen ständig zu.

Schulsozialarbeit versucht hier entgegenzuwirken. Konflikte unter den Schülern sowie zwischen Schülern und Lehrern sollen bewältigt werden, bevor es zur Eskalation kommt. In Projekten sollen vor allem das Verantwortungsgefühl und das Selbstbewusstsein der Jugendlichen gestärkt werden. Nur so können sie Konflikte friedlich regeln, flüchten sie nicht in Drogenkonsum und rutschen nicht ab. Mitunter hilft der Schulsozialarbeiter auch bei der Suche nach Praktikums- und Ausbildungsstellen.

"Wir sind so was wie Anwälte der Schüler", erklärte eine Sozialarbeiterin an der Bismarck-Hauptschule in Stuttgart-Feuerbach im Gespräch mit der WSWS. "Mit unserer Arbeit haben wir das Vertrauen der Schüler gewonnen - eben weil wir ihnen als Partner begegnen. Entweder kommen die Schüler mit ihren Problemen zu uns, oder Betroffene, die geschlagen wurden oder die mit anderen Jugendlichen Probleme hatten, berichten uns. So können wir die erreichen, die uns brauchen."

Unsere Gesprächspartnerin besetzt eine halbe der 12,5 Schulsozialarbeiterstellen in der Landeshauptstadt Stuttgart und ist für 400 Schüler und Schülerinnen zuständig. Die Realität verlangt ihr sehr häufig mehr als die bezahlten vier Stunden täglich ab. "Wenn jemand einen Schulverweis erhält, können wir noch mal mit den Lehrern oder dem Rektor sprechen und die Strafen herabmindern oder, wenn das nicht möglich ist, können wir die Jugendlichen zumindest begleiten, so dass sie sich nicht alleingelassen fühlen und merken, dass jemand auf ihrer Seite steht."

Die Bismarckschule ist eine Hauptschule mit erweitertem Betreuungsangebot, in der die Schüler ein Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung bekommen. Für viele Schüler ist es aber noch wichtiger, dass sie dadurch so etwas wie einen Treffpunkt oder sogar ein zu Hause haben. Dabei spielen die Mitarbeiter aus dem Team der mobilen Jugendarbeit eine wichtige Rolle. Die Sozialarbeiter hören zu, vermitteln, klären auf oder begleiten Schüler zu Beratungsstellen.

In der Stuttgarter Zeitung wird eine Sozialarbeiterin zitiert, die anmerkt, dass die Zeiten, in denen Eltern für Kinder die Ansprechpartner Nummer eins bei wichtigen Problemen waren, schon lange vorbei seien. "An Schulen wird geprügelt und gemobbt, und manch ein Schüler traut sich aus Angst nicht mehr zur Schule, manchmal wochenlang. Das merken Eltern nur im Idealfall."

Die von uns befragte Sozialarbeiterin aus Stuttgart-Feuerbach berichtet, dass der Umgang mit den Schülern in den letzten Jahren bedeutend schwieriger geworden sei. Als Gründe vermutet sie, dass in immer mehr Familien beide Elternteile arbeiten müssen, häufig sogar in Schichtarbeit. "Viele Schüler sind allein zu Hause oder auf den Straßen." Sie würden ihre Tage allein mit Fernsehen und Computerspielen verbringen. Sie seien sich völlig selbst überlassen.

Immer mehr ausländische Schüler gehören zu den Verlierern des deutschen Schulsystems. Sie konzentrieren sich an den Hauptschulen, was neue Probleme schaffe. "Die meisten deutschen Kinder gehen zu den höheren Schulen und die Kinder der ausländischen Familien - und hier vor allem Jungen - gehen zur Hauptschule. Wir haben einen großen Überhang von Jungen in den Klassen. Es gibt Hauptschulklassen, in denen bis auf zwei oder drei Schüler alle aus Migrantenfamilien stammen."

In Baden-Württemberg, das neben Bayern zu den reichsten Bundesländern zählt, ist der Anteil ausländischer Jugendlicher auf Haupt- und Sonderschulen im bundesdeutschen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Der Finanzierungsstopp für die Schulsozialarbeit wird die soziale Spaltung des Bildungssystems weiter verschärften. Während für Privatschulen und Elitenbildung ausreichende finanzielle Mittel bereitstehen, werden am unteren Ende der Bildungspyramide selbst die elementaren Aufgaben abgebaut. Damit werden Katastrophen wie in Erfurt vorprogrammiert.

Siehe auch:
Amok in der Schule - Die Tat des Robert Steinhäuser
(29. April 2004)
Bildungsstandards und deutsches Schulsystem: Die Perfektionierung der Auslese
( 17. Januar 2004)
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