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Noch einmal zur Rolle der Gewerkschaften

1. Juli 2006

Den folgenden Leserbrief erhielten wir zu dem Artikel "Die Logik der Gewerkschaftspolitik" vom 27. Juni. Wir veröffentlichen ihn mit einer Antwort des Autors.

Liebe Freunde,

ich verstehe nicht, warum ihr so zügellos gegen die Gewerkschaften giftet. Es ist zwar richtig, dass unter deren Führung keine sozialistische Revolution durchzuführen ist. Aber immerhin sind sie doch wichtig und wertvoll, um über ihren Alltagskampf das Bewusstsein der Arbeiterklasse für die Notwendigkeit prinzipieller Politikveränderungen zu schärfen. Könnte es nicht sein, dass mit dem ökonomischen Kampf immer deutlicher wird, dass eine dauerhafte Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen damit allein nicht erreichbar ist. Also liegt doch darin zumindest ein sehr praktischer Anknüpfungspunkt für weiterführende revolutionäre Bewusstseinsbildungen innerhalb der Arbeiterklasse!

Ihr wirkt mit euren Angriffen gegen alles außerhalb eures eigenen Kampfes manchmal ziemlich linkssektiererisch. So schafft man keine Massenbasis für eine sozialistische Umwälzung der bestehenden kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse.

Mit sozialistischem Gruß

HJ

* * *

Lieber HJ,

danke für Ihre Zuschrift. Sie stimmen mit unserer Einschätzung der Gewerkschaften nicht überein und schreiben: "...immerhin sind sie (die Gewerkschaften) doch wichtig und wertvoll, um über ihren Alltagskampf das Bewusstsein der Arbeiterklasse für die Notwendigkeit prinzipieller Politikveränderungen zu schärfen."

Leider sagen Sie uns nicht, welchen gewerkschaftlichen "Alltagskampf" und welche "prinzipielle Politikveränderungen" sie genau meinen?

Sprechen Sie von der Streikbrecherrolle, die von der Verdi-Führung gegenüber den streikenden Klinikärzten eingenommen wurde und die gegen das elementare Gebot der Solidarität im Arbeitskampf verstieß? Oder meinen Sie den Verdi-Alltagskampf gegenüber den Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)? Vor einem Jahr setzte die Verdi-Spitze nach dem berühmten "Waldspaziergang" von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) mit Verdi-Chef Frank Bsirske eine zehnprozentige Lohnkürzung für die BVG-Beschäftigten durch.

Oder meinen Sie die Rolle der IG Metall in Esslingen, die sich dort in den vergangenen Wochen gegen den Hungerstreik der Panasonic-Arbeiter aussprach, nachdem die Beschäftigten einen maßgeblich von der IG Metall ausgearbeiteten Sozialplan samt Einrichtung einer Transfergesellschaft abgelehnt hatten, weil damit deutliche Verschlechterungen für die von der Werksstilllegung betroffenen Arbeiter verbunden waren.

Oder meinen sie den Betriebsrat von VW, über den ich mich hier aus Gründen des Anstands nicht näher auslassen will?

Oder sprechen Sie von internationalen Erfahrungen, zum Beispiel von der AFL-CIO in Amerika? Als im August vergangenen Jahres die Mechaniker bei der US-Fluggesellschaft Northwest streikten, wies die AFL-CIO ihre Mitglieder in der Pilotengewerkschaft Air Line Pilots Association und in der Mechanikergewerkschaft International Association of Machinists an, die Streikposten nicht zu respektieren, und arbeitete eng mit der Northwest-Geschäftsführung zusammen, um die streikenden Arbeiter zu isolieren und in die Knie zu zwingen.

Wo gibt es heute eine Gewerkschaft, in der Arbeiter "die Notwendigkeit prinzipieller Politikveränderungen" lernen oder gar "weiterführende revolutionäre Bewusstseinsbildung" treiben könnten? Das einzige, was sie im gewerkschaftlichen Milieu lernen, ist die Kapitulation vor vermeintlichen "Sachzwängen" und Opportunismus bis zum Erbrechen.

Ich habe den Eindruck, dass die Gewerkschaften, von denen Sie sprechen, nur in Ihrer Vorstellung und Ihrem Wunschdenken existieren, aber mit den realen Gewerkschaften sehr wenig zu tun haben. Eine solche Weigerung, der Realität ins Auge zu blicken, ist äußerst gefährlich. Die Enttäuschung und Verwirrung, die der ständige Ausverkauf durch die Gewerkschaften nach sich zieht, kann leider auch von extrem rechten Kräften ausgebeutet werden.

Sie bezeichnen uns als "linkssektiererisch", weil wir die Dinge ungeschönt beim Namen nennen und uns keine Illusionen über die Gewerkschaften machen. Aber Sektierertum ist etwas anderes. Es ist die Weigerung, für die elementaren Interessen und Bedürfnisse der Massen einzutreten, was die gewerkschaftlichen Apparate heute nicht mehr tun.

Wir "giften" auch nicht "zügellos gegen die Gewerkschaften". Dazu ist die Gewerkschaftsfrage - oder genauer: die gegenwärtig weltweit zu beobachtende Verwandlung der Gewerkschaften - viel zu wichtig. Wir sind vielmehr der Auffassung, dass man sich angesichts der Katastrophe, die die kapitalistische Gesellschaft überall hervorruft - Arbeitslosigkeit, Armut, Krieg - ernsthaft den historischen Erfahrungen zuwenden muss, die die Arbeiterbewegung mit dieser Organisationsform gemacht hat. Mit ein paar allgemeinen Worten über die "wichtige und wertvolle" Rolle der Gewerkschaften ist es nicht getan.

Die World Socialist Web Site hat zu dieser Frage wertvolle Beiträge veröffentlicht. Ich empfehle ihnen den Vortrag "Marxismus und Gewerkschaften" von David North oder auch die Vorträge, die derselbe Autor vor einem Jahr zur Geschichte der marxistischen Bewegung gehalten hat: "Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts", "Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts", "Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?" sowie "Marxismus, Geschichte und Wissenschaft der Perspektive".

Uns würde interessieren, was sie dazu denken.

Mit sozialistischen Grüßen

Ulrich Rippert

 

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