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Streik bei den Berliner Verkehrbetrieben
"Ohne unseren Streik würde der Sozialabbau immer weitergehen"
WSWS -Reporter sprechen mit Streikenden in Berlin
11. März 2008
Die Kampfbereitschaft der Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist auch am Ende der ersten Streikwoche noch immer sehr groß. Auch die Unterstützung in der Bevölkerung hält nach wie vor an.
Zu einigem Unmut führte am Montagmorgen die Entscheidung der Lokführergewerkschaft GDL, den angekündigten Streik im Nah-, Fern- und Güterverkehr in letzter Minute abzusagen. Die GDL-Führung hatte am Sonntagabend überraschend die Einigung mit der Bahn AG bekannt gegeben. Fast ein ganzes Jahr hatte sich die Tarifauseinandersetzung der GDL mit der Bahn AG hingezogen.
Nachdem die Bahn-Gewerkschaften in den vergangenen Jahren immer wieder gravierenden Lohnsenkungen und Sozialabbau zugestimmt hatten, war die Lokführergewerkschaft aus der Tarifgemeinschaft mit den beiden anderen Bahn-Gewerkschaften Transnet (DGB) und GDBA (Beamtenbund) ausgetreten und hatte ursprünglich eine Forderung von 31 Prozent Lohnerhöhung erhoben. Diese Forderung fand auch unter anderen Arbeitern große Zustimmung. Obwohl die GDL-Führung von ihrer ursprünglichen Forderung mittlerweile sehr weit abgerückt ist, wurde der Kampf der Lokführer als Auftakt für eine Gegenoffensive gegen den ständigen Lohnabbau gesehen.
Mit der Einigung im Tarifkampf der Lokführer wenige Stunden vor Streikbeginn hat die GDL-Führung die Entscheidung getroffen, die streikenden BVG-Beschäftigten zu isolieren. Denn hätten die Lokführer ihren Streik wie angekündigt in der Nacht von Sonntag auf Montag begonnen, wären in Berlin auch die S-Bahnen still gestanden, und damit wäre der gesamte öffentliche Nahverkehr zum Erliegen gekommen. Das wollten der Berliner Senat und die Bundesregierung unter allen Umständen verhindern. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) übte auf die Tarifpartner heftigen Druck aus, um sie zu einer Einigung zu bewegen. Die GDL-Spitze war nicht bereit, sich diesem Druck zu widersetzen und sich an die Spitze einer breiten Tarifbewegung zu stellen.
Auch die bundesweiten Warnstreiks von Verdi im öffentlichen Dienst, die in der vergangenen Woche heftige Ausmaße annahmen, sind für die nächsten zwei Wochen unterbrochen worden. Nachdem die Verhandlungen Ende letzter Woche gescheitert waren, begann ein Schlichtungsverfahren, während dessen Verlauf Friedenspflicht herrscht.
Während die Gewerkschaften bemüht sind, alle Tarifkonflikte voneinander zu trennen und zu isolieren, herrscht unter den streikenden Arbeitern eine ganz andere Stimmung. Sie suchen nach Möglichkeiten, die Kämpfe miteinander zu verbinden und die Unterstützung in der Bevölkerung auszubauen.

Am Streikposten Müllerstrasse, vor einem der großen Busdepots, sprachen Reporter der WSWS mit Teddy Hendarman. Er ist 56 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Er ist indonesischer Abstammung und als Student in den frühen siebziger Jahren nach Berlin gekommen. Trotz seines Alters gehört er zu den Neu-Eingestellten der BVG und fährt die Linienbusse erst seit gut einem Jahr. Davor hatte er 24 Jahre lang bei "Telebus" gearbeitet, einem Transportunternehmen, das zu den sozialen Einrichtungen des Senats gehörte und auf den Transport von Behinderten spezialisiert war.
"Diese Behindertentransporte waren zwar sehr schwere Arbeit, weil die Fahrgäste aus ihren Wohnungen abgeholt und, meist im Rollstuhl, nicht selten über enge und steile Treppen wieder zurückgebracht werden mussten. Aber die Freude dieser Menschen, die Gesten ihrer Dankbarkeit darüber, dass wir sie für einige Stunden raus brachten, hat mich immer für alle Anstrengungen entschädigt. Außerdem verdiente ich damals gut, monatlich etwa 2.100 Euro netto.
Doch dann hat der Senat entschieden die ‚Berliner Zentrale für soziale Aufgaben (BZA) mir nichts, dir nichts zu schließen. Gemeinsam mit etwa 60 Kollegen wurde ich entlassen. Ohne Abfindung, einfach so, nach 24 Arbeitsjahren. So habe ich den rot-roten Senat kennen gelernt - vor allem die Linkspartei. Sozialsenatorin war damals Heidi Knake-Werner von der Linkspartei. Im ersten Moment dachte ich nicht so sehr an mich und war vor allem schockiert darüber, dass niemand sich darüber aufregte, was diese Entscheidung für die Behinderten bedeutet, die wieder in ihren Wohnungen gefangen waren. Die Kaltblütigkeit, mit der Knake-Werner das durchsetzte, war wirklich abstoßend.
Auch Verdi tat nichts - zumindest nichts Ernsthaftes, um diesen Sozialdienst zu erhalten, von den Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Keine Verhandlungen, keine Kompromissvorschläge, nichts. Ich war damals schon viele Jahre Verdi-Mitglied. Habe jeden Monat Beitrag bezahlt, wenn man die Monate und Jahre zusammenzählt, ist das viel Geld. Aber Hilfe habe ich nie bekommen. Nach dieser Erfahrung bin ich bei Verdi ausgetreten. Später, als ich dann wieder Arbeit gefunden hatte, bin ich wieder rein.
Aber zunächst war ich einige Zeit arbeitslos, habe aber immerhin 1.400 Euro Arbeitslosengeld bekommen. Ich machte dann meinen Busschein und hatte Glück bei der BVG anfangen zu können. Das war im Februar vergangenen Jahres. Aber ich verdiene trotz Wechselschicht und 40-Stunden-Woche nur 1.100 Euro netto. Das sind etwa Eintausend Euro weniger als vor einigen Jahren. Wenn meine Frau nicht auch arbeiten würde, wäre es ganz unmöglich mit einem solchen Einkommen eine Familie zu ernähren. Meine Kinder sind zwar - bis auf den jüngsten, der gerade Abitur gemacht hat - aus dem Haus, aber finanzielle Unterstützung brauchen auch die älteren manchmal noch.
Bei Frühschicht fange ich um 3 Uhr 30 an, davor noch 15 Minuten Einrichtzeit und natürlich der Anfahrtsweg. Wir machen eine anstrengende und sehr verantwortungsvolle Arbeit und das für 1.100 Euro. Jetzt versucht die BVG, die Niedriglöhne von uns zu nutzen, um die höheren Löhne der Alt-Beschäftigten zu drücken. Das ist wirklich übel. Deshalb bin ich froh über diesen Streik. Es ist wirklich wichtig, jetzt nicht nachzugeben, denn sonst geht der Sozialabbau immer weiter."
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