Zwei Briefe und zwei Antworten zu "Der Fall Martin Heidegger - Philosoph und Nazi"

8. Dezember 2000

Vom 28. April bis 2. Mai 2000 veröffentlichte das WSWS eine dreiteilige Serie mit dem Titel "Der Fall Martin Heidegger, Philosoph und Nazi". Heute veröffentlichen wir den zweiten Leserbrief und die Antworten des Autors Alex Steiner.

An den Herausgeber,

vor kurzem habe ich den Artikel von Alex Steiner zu Heidegger und den Nazis gelesen und genossen. Obwohl ich vielem in dem Essay nicht zustimme, ist meiner Meinung nach der Teil besonders interessant, der sich auf Fritsches Historical Destiny and National Socialism in Heidegger's Being and Time stützt. Denn dieser behauptet etwas Neues und Spannendes aufgedeckt zu haben, dass nämlich die Ideen in Sein und Zeit irgendwie ein früher Ausdruck der Verbindung Heideggers zum Nationalsozialismus und den Schrecken des Dritten Reichs waren. Allerdings habe ich mir die Passagen in Heideggers Werk angeschaut, die Fritsche zitiert und Steiner in seinem Artikel aufgreift, und über ihre mögliche Bedeutung nachgedacht. Hiernach bin ich weniger davon überzeugt, dass irgendetwas theoretisch Neues formuliert wurde. Ich habe Fritsches Buch nicht gelesen, aber gehe ich richtig in der Annahme, dass die Passagen, die Steiner zitiert, und Fritsches Analyse dieser Auszüge aus Heideggers Werk der "Höhepunkt" der Studie sind? Obwohl auch ich nichts theoretisch Neues zu bieten habe und Gefahr laufe als ein weiterer Verteidiger Heideggers gebrandmarkt zu werden, möchte ich einige klare intellektuelle Grenzen formulieren, die meiner Ansicht nach beibehalten werden sollten; besonders wenn, wie im Fall von Alex Steiners Aufsatz, solche Grenzen scheinbar verletzt wurden. Meiner Meinung nach provoziert Alex Steiners Überblick über die derzeitige Literatur zum "Fall Heidegger" drei damit verbundene Fragen:

(1) In welchem Ausmaß waren Heideggers Ideen Teil des Milieus, in dem er schrieb, d.h. der 1920-er Jahre und der Weimarer Republik?

(2) In welchem Ausmaß sind Heideggers Ideen einzig seine eigenen und welche wurden von anderen geteilt, z.B. von Hitler in Mein Kampf und so weiter?

(3) In welchem Ausmaß enthält Sein und Zeit Material, das für heutige Philosophen interessant ist?

Diese Liste von Fragen sollte keinesfalls als umfassend verstanden werden, tatsächlich sind dies wirklich positive und negative Arten, um die gleichen Fragen anzugehen. Ich formuliere sie, um einfach anzudeuten, dass Alex Steiners Beitrag diese Fragen meiner Meinung nach nicht schlüssig beantwortet hat. Was Steiner, Fritsche und die anderen, die er erwähnt, bis heute gezeigt haben, ist, dass es eine Sprache des Kampfes und Dezisionismus in der Weimarer Republik gab (und ich würde diese Sprache weder der Rechten noch der Linken exklusiv zuschreiben) und dass Heidegger vielleicht einen Teil dieser Sprache benutzte. Die Literatur zum Thema hat ebenfalls klar gezeigt, dass Heidegger ein Mitglied der Nazi-Partei war und mit einiger Begeisterung Nazi-Reformen ausführte, als er in der entsprechenden Position war. Was sagt dies über seine menschlichen Qualitäten aus? Das interessiert mich nicht.

Was ich allerdings noch sehen möchte, ist ein klarer Beweis dafür, dass die Bedeutung von Heideggers Philosophie und der Text von Sein und Zeit irgendetwas gemeinsam haben mit entweder der vollen Entwicklung der Nazi-Ideologie oder der tatsächlichen Politik und politischen Richtung des Dritten Reiches unter den Nazis. Oder überhaupt nur, dass es eine notwendige Verbindung zwischen diesem Text und diesen Ereignissen gibt. Ich werde nicht versuchen, Alex Steiners Essay detailliert zu beantworten, da ich aufgrund meiner begrenzten Deutschkenntnisse für solch eine Antwort wirklich nicht qualifiziert bin. Jedoch habe ich eine ungefähre Idee, wie eine Antwort auf diese Fragen aussehen könnte. Zum Beispiel, dass ein Großteil der Zeitgenossen diese Periode als eine außergewöhnliche Zeit und ungeheuerliche Prüfung von welthistorischer Besonderheit für alle Beteiligten erkannte und sie ihnen sicherlich als eine Zeit für "Entscheidungen" erschien.

Ernest Hemingway schrieb am 19. September 1922 (zu einer Zeit, als ein Dollar etwa 7.000 Mark kostete) über ein "schweinisches Schauspiel" in der Nähe von Straßburg (während einige Kilometer weiter südlich vermutlich gerade Sein und Zeit entstand):

"Die jungen Leute aus Straßburg kommen, strömen in Scharen in die deutschen Konditoreien, schlingen die Creme-Schnitten aus Blätterteig herunter - fünf Mark das Stück - und schlagen sich voll.

Wir waren in einer Konditorei. Sie schien einem Mann zu gehören, der eine Schürze und eine blaue Brille trug. [...] Das Lokal war brechend voll. Franzosen jedes Alters, jeden Aussehens beim Kuchenschlingen, während ein junges Mädchen in rosa Kleid und seidenen Stümpfen, mit einem zarten, hübschen Gesicht und Perlen in den Ohren, Bestellungen auf Frucht- und Vanilleeis annahm, so lange der Vorrat reichte.

[...] Der Wirt und sein Gehilfe waren mürrisch. Sie sahen nicht besonders froh aus, als aller Kuchen verkauft war. Die Mark fällt schneller, als sie backen können.

[...] Als die letzten Kaffeetrinker und Kuchenesser über die Brücke straßburgwärts gingen, trafen die ersten Valutahelden ein, um Kehl nach einem billigen Abendbrot abzugrasen. Die beiden Ströme begegneten sich auf der Brücke, und die beiden trostlosen deutschen Soldaten sahen zu." (1)

Das Gefühl der bevorstehende Krise ist in diesem Auszug handgreiflich, und man hat den Eindruck, dass Hemingways Sympathien gänzlich dem deutschen Bäcker gehören und nicht dem "Glück" und der Unersättlichkeit der Franzosen, die sich auf Kosten anderer bereichern. Nur wenige Jahre später reflektierte der italienische Marxist Antonio Gramsci in seiner Gefängniszelle über die Vorstellung, Mussolini sei ein "moderner Cäsar", ein viel benutzter Ausdruck, um das Wesen und die Ambitionen des faschistischen Projekts zu beschreiben. Während Gramsci keine Illusionen hegt, dass Mussolinis spezielles Projekt "welthistorisch" ist in dem Sinne wie Napoleon Bonapartes es vielleicht war, erkennt er doch die Schwierigkeit die historische Besonderheit der Bewegung zu bestimmen.

"Wenn aber der Cäsarismus immer die ‚schiedsrichterliche‘, einer großen Persönlichkeit anvertraute Lösung einer durch Kräftegleichgewicht mit katastrophenhafter Perspektive charakterisierten politisch-geschichtlichen Situation ausdrückt, so hat er nicht immer dieselbe geschichtliche Bedeutung. Es kann einen fortschrittlichen und einen rückschrittlichen Cäsarismus geben, und die genaue Bedeutung einer jeden Form von Cäsarismus kann in letzter Instanz aus der konkreten Geschichte und nicht aus einem soziologischen Schema rekonstruiert werden." (2)

Gramscis Schlüsse waren mehrdeutig, das Wesen des modernen Cäsarismus änderte sich und Zustimmung wurde durch elitäre Gruppen auf neue Arten erreicht. Nichtsdestotrotz gibt es für das moderne demokratische Ohr sicherlich etwas Zermürbendes in der Vorstellung, dass eine Form von "Diktatur" durch eine "starke Persönlichkeit" unter irgendwelchen Umständen akzeptabel sein könnte, sei es durch ein Individuum oder eine Partei, sei es in linker oder rechter Form. Vieles hat sich verändert seit den 20-er Jahren und heute scheint es offensichtlich, dass sich jede Politik im Rahmen des Gesetzes bewegen muss. Obwohl viele dabei bleiben, dass die Gewalt von gleicher Dauer ist wie die kapitalistischen Beziehungen in der Produktion, würden wenige darüber hinausgehende ungesetzliche Gewalttaten für vertretbar halten. Der politische Tumult der 20-er Jahre in Europa war derart, dass man eine beliebige Anzahl von Intellektuellen dieser Periode heraussuchen könnte und bis auf einige wenige prinzipielle Verteidiger des Parlamentarismus, wie Max Weber und Piero Gobetti, fände man kaum einen, der sich gegen gewalttätige politische Methoden gewandt hätte. Wie Gramsci selbst zu seinem Nachteil entdecken musste, achtete weder die Linke noch die Rechte prinzipiell die Herrschaft des Gesetzes oder die repräsentative Demokratie als ein System, das für die Zeiten eingerichtet worden war, in denen sie lebten. Kurz, Heideggers scheinbare Missachtung für die Normen demokratischen Benehmens und seine Unterstützung für politisches Gangstertum waren relativ normal während der Periode und dieses Phänomen war nicht auf Unterstützer rechter Ziele beschränkt.

Um auf die zweite Frage zurückzukommen und die Besessenheit von nationalem Schicksal, Wiedergeburt und "völkischer" Kultur: Ich glaube, dass Alex Steiner und Fritsche Heidegger hier ziemlich leicht davonkommen lassen, weil Heidegger sehr viel expliziter von "Volk" und "Schicksal" spricht, als man nach den zitierten Passagen vermuten kann. Zum Beispiel findet sich nur eine Seite nach dem Zitat zu Schicksal und In-der-Welt-sein folgendes:

"Wenn aber das schicksalhafte Dasein als In-der-Welt-sein wesenhaft im Mitsein mit Anderen existiert, ist sein Geschehen ein Mitgeschehen und bestimmt als Geschick. Damit bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes. Das Geschick setzt sich nicht aus einzelnen Schicksalen zusammen, sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenvorkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann. Im Miteinandersein in derselben Welt und in der Entschlossenheit für bestimmte Möglichkeiten sind die Schicksale im vorhinein schon geleitet. In der Mitteilung und im Kampf wird die Macht des Geschickes erst frei. Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner ‚Generation‘ macht das volle, eigentlich Geschehen des Daseins aus." (3)

Diese vernichtende Passage bietet ein gutes, deutliches Beispiel für das "Heidegger-Problem". Hier haben wir das ganze höchst schändliche politische Engagement Heideggers in einem Absatz: die Volksgemeinschaft, Schicksal, Geschick und Auslieferung, Eigentlichkeit und Ringen durch "Mitteilung" und "Kampf". Ich mache Ihre Leser auf diese Passage aufmerksam, weil es die verdorbenste ist, die ich in dem Werk finden konnte, und mit Sicherheit das konkreteste und unzweideutigste Beispiel für seine mystische "Völkischkeit", das ich finden kann. (Ich habe keine deutsche Ausgabe von Sein und Zeit, daher ist alles, was ich sage, nur eingeschränkt gültig.) Doch müssen wir uns nicht fragen, wer in Heideggers Wortschatz das "Volk" ist?

Heidegger war sich sehr wohl im Klaren, welches Subjekt er meinte, und sagte dem gemäß hierüber: "Die Antwort auf die Frage nach dem Wer des alltäglichen Daseins soll in der Analyse der Seinsart gewonnen werden, darin das Dasein zunächst und zumeist sich hält." Heidegger fährt fort: "Wenn wir mit Recht sagen, durch die vorstehende Explikation der Welt seien auch schon die übrigen Strukturmomente des In-der-Welt-seins in den Blick gekommen, dann muss durch sie auch die Beantwortung der Werfrage in gewisser Weise vorbereitet sein." Mit anderen Worten, in einer typischen phänomenologischen Bewegung wird das "Wer" des wirklich "eigentlichen" Daseins durch "eigentliches" Dasein selbst provisorisch aufgedeckt, bis zum Ende der Geschichte. Somit kann der Anfang oder die natürliche Einstellung in der "Werkwelt des Handwerkers" gefunden werden oder in Folgendem:

"Das Feld zum Beispiel, an dem wir ‚draußen‘ entlang gehen, zeigt sich als dem und dem gehörig, von ihm ordentlich instand gehalten, das benutzte Buch ist gekauft bei ..., geschenkt von ... und dergleichen. Das verankerte Boot am Strand verweist in seinem An-sich-sein auf einen Bekannten, der damit seine Fahrten unternimmt, aber auch als "fremdes Boot" zeigt es Andere." (4)

Laut Heidegger ist die "Welt" auch Dasein durch die Absichten der "Handwerker", die sie geschaffen haben. Daher ist die Wahl derjenigen, die diese ursprüngliche Beziehung genießen, von höchster Bedeutung. Jeder Arbeiter, der mit der Welt durch Technologie verbunden ist, "der Wind in den Segeln", arbeitet an der Welt mit einem oder mehreren Schritten Entfernung von der Eigentlichkeit. Somit wendet sich Heidegger nicht an die "kleinen Leute" im modernen Ballungsraum Nazi-Deutschland, an den gescheiterten Künstler, Bankangestellten, Tankwart oder Schullehrer. Heidegger richtet sich eher an den Bäcker, Bauern, Buchverkäufer und Fischer. Heidegger hat in seiner Philosophie einen speziellen Platz für den provinziellen Handwerker, der die rustikale Einfachheit und Reinheit verkörpert, welche "Sorge" ist, was wiederum wirklich eigentliches Dasein hervorbringen kann, und dieser Typus Mensch lebt nach einer Gangart, die ihn sein "Schicksal kennen" lässt. Dies ist kaum der Stoff des auf vollen Touren laufenden Nazi-Staats und die rasende Modernität (und soziale Demokratie) von Hitlers Mein Kampf. Vielmehr ist Heideggers politisches Programm eines des reaktionären ländlichen Konservatismus, wie er hier in Großbritannien von der Countryside Alliance vertreten wird oder von anderen Formen des bäurischen autoritären Konservatismus. Heidegger ist wirklich, wie Tom Rockmore behauptet, ein deutscher "Hinterwäldler".

Natürlich, die "Anderen", wie die Zigeuner oder die kosmopolitischen europäischen Juden, sind in Heideggers Alpenidylle wahrscheinlich fehl am Platz, aber politischer Aktivismus zur Verteidigung dieser provinziellen Werte wird durch das, was in Sein und Zeit gesagt wird, nicht definiert. Solch eine Verteidigung des Provinzialismus könnte in der Tat sehr wohl die Notwendigkeit zur Entkräftung der bürgerlichen Demokratie, von Sozialisten und Organisationen der Arbeiterklasse beinhalten. Solch eine Verteidigung könnte sogar die Notwendigkeit zum systematischen Angriff auf die Kultur der europäischen Aufklärung beinhalten, aber warum muss sie, wie Alex Steiner behauptet, die "Verfolgung und Ermordung von Sozialisten" oder die "Verfolgung und schließliche Vernichtung" von fremden Kräften in der Mitte des Volkes nach sich ziehen? Wie die südafrikanische Apartheid einst gezeigt hat oder selbst wie die jüngsten Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien angedeutet haben, gibt es, wenn man erst einmal die perverse Logik der "ethnischen Säuberung" akzeptiert hat, viele Wege das "Problem" der "Anderen" zu lösen. Sie können in "Reservate" gepfercht oder durch Einschüchterungsmaßnahmen und Belästigungen aus ihrer Heimat vertrieben werden, ihnen kann die Arbeitserlaubnis entzogen oder der Pass genommen werden und so weiter. Natürlich, wenn eine solche perverse Logik sich erst einmal durchgesetzt hat, kann es als kleiner, unvermeidbarer und schrecklicher Schritt zum nächsten erscheinen, wie es beim "Holocaust" der Fall war. Aber Tatsache ist, dass es keinen notwendigen Schritt gibt von dieser Art politischen Verhaltens, so widerwärtig es für alle anständigen Leuten sein mag, zum systematischen Massenmord an Millionen von Menschen in modernen Todesfabriken. Heidegger zu beschuldigen, einen solchen Schritt in Sein und Zeit zu unternehmen, wird seiner immensen philosophischen Arbeit zur Verteidigung von Provinzialismus und Anti-Modernismus nicht gerecht, und genauso wenig den historischen Besonderheiten des "Holocaust" und seiner Ursachen.

JG

* * *

Alex Steiner antwortet:

Es ist erfrischend einen Brief zu erhalten, der die Beziehung zwischen Heideggers Philosophie und seiner Politik auf dem Terrain diskutiert, auf dem sie stattfinden sollte - durch eine Untersuchung dessen, was Heidegger tatsächlich geschrieben und getan hat im Kontext seiner historischen Situation. Ich freue mich über die Gelegenheit, als Teil dieser Untersuchung zum Text von Sein und Zeit zurückzukehren. Aber dennoch: Die Methode, mit der Sie die Beziehung zwischen Heideggers Worten und dem Nationalsozialismus gewichten, ist eine weitere Form einer Entschuldigung Heideggers.

Bevor Sie zum Hauptthema Ihres Briefes kommen, bereiten Sie den Boden dafür, indem Sie Heidegger in seiner historischen Situation relativieren. Das Problem besteht darin, dass die historische Situation, die Sie präsentieren, vollkommen abstrakt ist und getrennt von jeder Erwägung der realen historischen Entwicklungen. Sie sehen einfach nur eine "Rechte" und eine "Linke", die sich von der "Herrschaft des Gesetzes" abwenden. Sie schreiben: "Heideggers scheinbare Missachtung für die Normen demokratischen Benehmens und seine Unterstützung für politisches Gangstertum waren relativ normal während der Periode und dieses Phänomen war nicht auf Unterstützer rechter Ziele beschränkt." Ihre Argumentation führt dahin, Heidegger zu normalisieren. Indem Sie behaupten, er hätte sich in seiner historischen Situation wie jeder Andere verhalten, ziehen Sie den Schluss, dass seine Handlungen keine Ausnahme oder ungewöhnlich waren. Diese Argumentation hat etwas von einem Zaubertrick - schreib es jedem zu und die Schuld des Einzelnen verschwindet.

Aber Heidegger verhielt sich nicht wie jedermann sonst. Obwohl sich viele deutsche Intellektuelle in dieser Periode schändlich verhielten, taten andere dies nicht. Eine große Zahl deutscher Intellektueller und Künstler ging ins Exil, darunter weltberühmte Figuren wie Einstein. Eigentlich stimmten sie gegen das Dritte Reich auf die einzige Weise, wie sie stimmen konnten - mit ihren Füßen. In ihren Reihen befanden sich Juden, Sozialisten sowie liberale Gegner des Faschismus, wie zum Beispiel Thomas Mann. Auf der anderen Seite trat Heidegger der Nazi-Partei bei und akzeptierte unter der Gönnerschaft der Nazis den Rektorposten und später den Titel des Führers der Freiburger Universität. Während dieser Zeit beteiligte er sich an politischen Verfolgungsmaßnahmen gegen Kollegen und persönliche Rivalen und wurde auf internationalen akademischen Versammlungen zum öffentlichen Sprecher für die Sache der Nazis. Außerdem wurde Heidegger nicht widerwillig und zögernd zum Nazi, wie es auf einige Opportunisten zutrifft, sondern nach allem, was man weiß, war er ein begeistertes Parteimitglied. Wollen Sie wirklich behaupte, dass ein solches Verhalten in irgendeinem Sinne des Wortes "normal" ist? Falls ja, dann würde das, was als "normal" angesehen wird, vom untersten Niveau der Gesellschaft bestimmt.

Um zum Hauptteil Ihres Briefes zu gelangen, lassen Sie uns Ihre Methode untersuchen, wie Sie sie selbst beschreiben. Nachdem Sie zunächst anerkennen, dass Heidegger die von Ihnen so genannte "Sprache des Kampfes und Dezisionismus in der Weimarer Republik" gebraucht hat und persönlich in den Nationalsozialismus verwickelt war, kommen Sie dann zu dem Punkt, dass ich meine Behauptungen nicht bewiesen hätte - nämlich die tiefe und innige Verbindung zwischen Heideggers Philosophie und seinen nationalsozialistischen Anschauungen, denn ich erbrächte keinen "klaren Beweis dafür, dass die Bedeutung von Heideggers Philosophie und der Text von Sein und Zeit irgendetwas gemeinsam haben mit entweder der vollen Entwicklung der Nazi-Ideologie oder der tatsächlichen Politik und politischen Richtung des Dritten Reiches unter den Nazis. Oder überhaupt nur, dass es eine notwendige Verbindung zwischen diesem Text und diesen Ereignissen gibt."

In Bezug auf mein Essay behaupten Sie zweierlei. Erstens bestehen Sie darauf, dass ich die notwendige Verbindung zwischen Heideggers Philosophie und seiner Politik nicht nachgewiesen hätte. Und zweitens behaupten Sie, dass ich nicht aufzeigen würde, wo das spezifische politische Programm des Nationalsozialismus aus Heideggers Texten strömt.

Philosophie und Politik: Eine notwendige Verbindung?

Erlauben Sie mir, für einen Moment den Spieß umzudrehen und Ihnen eine Frage zu stellen. Welche Art von Beweisen würden Sie als ausreichend akzeptieren für den Nachweis, dass "Heideggers Philosophie und der Text von Sein und Zeit" Bestandteil der "vollen Entwicklung der Nazi-Ideologie" sind, um mit Ihren Worten zu reden? In meinem Essay führe ich eine Textanalyse an, die diese "Verbindung" demonstriert. Sie fordern allerdings ein Kriterium zum Nachweis dieser Verbindung, das im Prinzip nicht erfüllt werden kann. Sie fordern nicht nur, dass eine jegliche Verbindung als "notwendige" gezeigt werden muss, sondern auch, dass ich das spezifische politische Programm des Nationalsozialismus im Text von Sein und Zeit ausfindig machen soll. Das wäre ein echter Trick, wenn es möglich wäre - da stimme ich zu.

Ich schrieb in meinem Essay, dass der Inhalt von Sein und Zeit in Übereinstimmung steht mit Heideggers späterem Entschluss, ein aktives Mitglied der Nationalsozialistischen Partei zu werden. Dies bedeutet nicht, es sei nach der Niederschrift von Sein und Zeit im Jahre 1927 unvermeidlich gewesen, dass Heidegger sechs Jahre später zum Nazi wird. Die Entwicklung eines Individuums birgt immer ein Element des Zufalls und der Ungewissheit. Heidegger hätte sich philosophisch verändern und sich vom Nazismus abwenden können. Max Scheler, ein anderer rechter Philosoph, der in den 20-er Jahren aktiv war, tat genau dieses. Während seiner letzten aktiven Jahre entledigte er sich seiner rechten, militaristischen Ansichten und wurde ein Unterstützer der politischen Mitte in der Weimarer Republik.

Wenn Sie darauf bestehen, dass der einzig wahre Nachweis für eine Verbindung zwischen Heideggers Gedanken und seinen Taten darin besteht, dass das Vorangegangene das Spätere logisch nach sich ziehen muss, dann bereiten Sie den Boden für einen Freispruch von Heideggers Philosophie mit dem Argument, dass sie bloß zufällig mit dem Nationalsozialismus verbunden war. Sie setzen hier allerdings einen Standard, der allen akzeptierten Normen der historischen Forschung zuwider läuft. Genau dies wurde bereits von dem Akademiker Berel Lang betont, der in jüngster Zeit über Heideggers Beziehung zum Holocaust geschrieben hat. Als Antwort auf Andere, die ähnliche Argumente vorgebracht haben wie Sie, schreibt er:

"Ich habe nie behauptet, dass Heideggers Zuwendung zur vermittelnden Form des Volks - noch viel mehr des deutschen Volks - systematisch erforderlich war. Aber die Bedingung einer notwendigen Verbindung oder Konsequenz zwischen den Ebenen oder Zweigen oder Elementen von philosophischen Systemen, würde das Scheitern geradezu aller solcher Systeme gewiss machen, auch der komplexesten und historisch wichtigsten unter ihnen. Der relevante Standard hier sollte sein - und war es auch immer: Veranlagung zu oder Wahrscheinlichkeit von Positionen oder Behauptungen, die das System entweder ein- oder ausschließt. In diesem Sinne ist die minimale Behauptung bezüglich Heideggers Konzeption von Volk - dass sie nicht im Widerspruch steht zu anderen systematischen Elementen seines Denkens - oder darüber hinaus, dass sie wahrscheinlicher ist als andere Alternativen, von einigem Wert. Muss Heidegger diese vermittelnde Form oder überhaupt irgendeine solche Form beschwören? Nein, aber es gibt wenig zwischen den Ebenen beinahe jedes beliebigen philosophischen Systems, das eine solche Bedingung erfüllen würde." (5)

Wo ist die Politik in der Philosophie?

Als nächstes beschweren Sie sich, dass ich nicht die Verbindung nachgewiesen hätte zwischen dem "Text von Sein und Zeit" und "entweder der vollen Entwicklung der Nazi-Ideologie oder der tatsächlichen Politik und politischen Richtung des Dritten Reiches unter den Nazis".

Hier muss in Frage gestellt werden, ob Sie ein vernünftiges Kriterium anwenden. Ich würde kaum vermuten, eine Verteidigung der spezifischen Politik, die die Nazis nach 1933 einführten, in einem Buch zu finden, dessen Thema Metaphysik und Ontologie ist und das im Jahre 1927 geschrieben wurde. Das wäre einfach ein bisschen mehr als das Thema verkraften könnte. Sollte uns nicht erlaubt sein zu unterscheiden zwischen dem Eintreten für ein spezifisches politisches Programm, was ein ontologisches Werk kaum macht, und der umfassenderen Weltanschauung, die von dieser Philosophie gefärbt ist? Außerdem gibt es mehr in Heideggers Philosophie als einfach nur eine allgemeine Übernahme der rechtsradikalen Geisteshaltung der 20-er Jahre. Ich habe bereits vorher auf das philologische Werk von Johannes Fritsche verwiesen, der eine spezifische Verbindung zwischen Heideggers philosophischen Oeuvres und dem Nationalsozialismus nachgewiesen hat. Er hat aufgezeigt, dass Heidegger bestimmte rhetorische Kodewörter in seine Werke einfließen ließ, auf die die Nazis deutlich reagierten.

Wenn Sie Ihre Kriterien folgerichtig anwenden würden, würde es Ihnen vermutlich sehr schwer fallen, eine notwendige Verbindung herzustellen zwischen dem Nationalsozialismus und irgendetwas, das in den 20-er Jahren geschrieben wurde, darunter auch Mein Kampf. Selbst Hitler konnte nicht jede Wendung kennen, die der Nationalsozialismus im folgenden Jahrzehnt nehmen würde, obwohl natürlich die Grundrichtung seines mörderischen Kurses bereits klar herauskam. In ähnlicher Weise, dabei bleibe ich, war die Grundrichtung von Heideggers Denken in Sein und Zeit bereits angekündigt.

Außerdem halte ich es für bedeutsam, dass Heidegger selbst, nach seiner Zeit als Rektor, seine vorausgegangenen Werke - natürlich retrospektiv - so interpretierte, als hätten sie der spezifischen Politik des Nationalsozialismus nach 1933 als Vorbild gedient. Daher würde ich Heideggers öffentliche Reden während seiner Zeit als Rektor als seine eigene Konkretisierung der Kategorien, die er in Sein und Zeit entwickelt, hinsichtlich der spezifischen Politik des Nationalsozialismus betrachten. In seiner Antrittsrede als Rektor schildert Heidegger das Schicksal der deutschen Universität und des deutschen Volkes als Ganzem in einer Ausdrucksweise, die in beachtenswerter Übereinstimmung steht mit der nationalsozialistischen Politik und Propaganda auf der einen Seite und seinen existentiellen Kategorien aus Sein und Zeit auf der anderen. Ein Beispiel soll genügen:

"Die Selbstbehauptung der deutschen Universität ist der ursprüngliche, gemeinsame Wille zu ihrem Wesen. Die deutsche Universität gilt uns als die hohe Schule, die aus Wissenschaft und durch Wissenschaft die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt. Der Wille zum Wesen der deutschen Universität ist der Wille zur Wissenschaft als Wille zum geschichtlichen geistigen Auftrag des deutschen Volkes als eines in seinem Staat sich selbst wissenden Volkes. Wissenschaft und deutsches Schicksal müssen zumal im Wesenswillen zur Macht kommen. Und sie werden es dann und nur dann, wenn wir - Lehrerschaft und Schülerschaft - einmal die Wissenschaft ihrer innersten Notwendigkeit aussetzen und wenn wir zum anderen dem deutschen Schicksal in seiner äußersten Not standhalten." (6)

Der Mann hinter dem Text

Hier muss ein weiterer Punkt gemacht werden. Obwohl der Nachweis im Text die erste und wichtigste Quelle sein sollte, auf der wir uns bei der Formulierung unseres Urteils bezüglich Heideggers philosophischer Richtung stützen, gibt es keinen Grund, warum wir uns ausschließlich auf diese Art von Material beschränken sollten. Öffentliche und private Handlungen, die uns durch Briefe oder Erinnerungen von Zeitgenossen erhalten geblieben sind, sind ebenso legitime Bausteine einer Gesamtinterpretation. Ich wundere mich daher, dass sie die Aktivitäten des Mannes Heideggers so leichtfertig übergehen und ihnen kein Interesse entgegenbringen. Während ich meine, dass es illegitim ist, eine Meinung über das Denken eines Mannes allein auf Grundlage des Wissens um seine politischen Verstrickungen zu formulieren, folgt daraus nicht, dass diese "außer-philosophischen" öffentlichen und privaten Aktivitäten ohne Relevanz sind. Im Gegenteil liefert unser Wissen um Heideggers persönliche Verstrickung in den Nationalsozialismus und seinen Antisemitismus einen wichtigen Hintergrund Folie, um unser Verständnis seines Denkens herauszubilden, wenn diese sorgfältig mit seinen philosophischen Werken in Zusammenhang gebracht werden.

Für ein besonders wichtiges Beweisstück zur Einschätzung halte ich in diesem Zusammenhang Heideggers eigene Stellungnahme zur Beziehung zwischen seiner Philosophie und seiner Politik, die er freimütig gegenüber einem alten Freund äußerte und die von diesem in seinen Erinnerungen festgehalten wurde. Karl Löwith berichtet uns von einem Treffen mit Heidegger in Rom 1936, dass letzterer zugab, der Nazismus wäre der tiefste Ausdruck seiner philosophischen Prinzipien, wie sie in Sein und Zeit dargelegt seien. Löwith schreibt über sein Treffen mit Heidegger:

"Wir unterhielten uns über Italien, Freiburg und Marburg und auch über philosophische Dinge. Er war freundlich und aufmerksam, vermied aber gleich seiner Frau jede Anspielung auf die deutschen Verhältnisse und seine Stellung zu ihnen.

Auf dem Rückweg wollte ich ihn zu einer freien Äußerung darüber veranlassen. Ich [...] erklärte ihm, dass ich [...] der Meinung sei, dass seine Parteinahme für den Nationalsozialismus im Wesen seiner Philosophie läge. Heidegger stimmte mir ohne Vorbehalt zu und führte mir aus, dass sein Begriff von der ‚Geschichtlichkeit‘ die Grundlage für seinen politischen ‚Einsatz‘ sei. Er ließ auch keinen Zweifel über seinen Glauben an Hitler." (7)

Löwiths Bericht kann nicht einfach ignoriert werden. Er war vor seinem Gang ins Exil nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Heideggers Schüler und persönlicher Freund und mit den inneren Gedanken seines Lehrers besser vertraut als irgendjemand sonst. Heideggers Geständnis gegenüber Löwith kann daher nicht einfach als eine unüberlegte Bemerkung abgetan werden, sondern sie ist vielmehr als eine wohlüberlegte einzuschätzen. Man kann natürlich argumentieren, dass Heideggers eigene Interpretation seiner Philosophie falsch ist, aber sollten wir sie nicht wenigstens sorgfältig in Betracht ziehen? Sie haben jedoch über diesen sehr bekannten Zwischenfall nichts gesagt, wie auch nichts über andere historische Handlungen des Mannes, den Sie untersuchen.

Der Text und nichts als der Text

Was den Text betrifft, so behaupten Sie sogar noch abscheulichere Beispiele für rechtes Gift gefunden zu haben, als in meinem Artikel angeführt werden. Doch es war nie meine Absicht, die ungeheuerlichsten Zitate aus Sein und Zeit zu sammeln. Die Passagen, die ich aus Heideggers Werk zitiere, sind mehr als ausreichend, um meine These zu illustrieren. Wenn Sie jedoch nach Auszügen aus Heideggers philosophischen Schriften suchen, die seine politische Haltung zum Ausdruck bringen, so gibt es davon jede Menge. Es folgt eine Zusammenstellung von einigen der plumpsten Aussagen Heideggers:

"Nur von den Deutschen kann, gesetzt, dass sie ‚das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung kommen." (8)

"Wo Geist herrscht, wird das Seiende als solches immer und jeweils seiender. Daher ist das Fragen nach dem Seienden als solchem im Ganzen, das Fragen der Seinsfrage, eine der wesentlichen Grundbedingungen für eine Erweckung des Geistes und damit für eine Bändigung der Gefahr der Weltverdüsterung und damit für ein Übernehmen der geschichtlichen Sendung unseres Volkes der abendländischen Mitte." (9)

"Wir liegen in der Zange. Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck, das nachbarreichste Volk und so das gefährdetste Volk und in all dem das metaphysische Volk. Aber aus dieser Bestimmung, derer wir gewiss sind, wird sich dieses Volk nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift. All das schließt in sich, dass dieses Volk als geschichtliches sich selbst und damit die Geschichte des Abendlandes aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins." (10)

"Die Besinnung auf das Volkhafte ist ein wesentlicher Durchgang. So wenig wir dies verkennen dürfen, so sehr gilt es zu wissen, dass ein höchster Rang des Seins errungen sein muss, wenn ein ‚völkisches Prinzip‘ als maßgebend für das geschichtliche Dasein gemeistert ins Spiel gebracht werden soll." (11)

Alle diese Aussagen sind nicht öffentlichen Reden entnommen, sondern seinen ernsthaften philosophischen Werken, die in den 30-er Jahren geschrieben wurden.

Eine Alpenidylle?

Während Sie in Ihrem Brief den rechten politischen Inhalt von Sein und Zeit anerkennen, behaupten Sie aber, dass es in diesem nichts Schlimmeres gäbe als eine fehlgeleitete und romantische Verteidigung des ländlichen Lebens gegen das Eindringen der modernen Welt. Jeder, der die oben zitierten Passagen liest, und selbst wenn er keinerlei Kenntnis von Heideggers Verbindung zum Nationalsozialismus hat, könnte dieses Material kaum in dem Sinne auffassen, dass es sentimentale Verbundenheit zum Landleben und altmodischen Werten beschwört. Heidegger liefert uns weniger eine harmlose Schwarzwald-Nostalgie, als etwas, das der Wagnerschen Götterdämmerung ähnelt. Nur dass dieses Drama nicht für ein Bayreuther Theater geschrieben wurde, sondern für die Galerie der Weltgeschichte.

Ihrer Darstellung Heideggers als einen harmlosen, romantischen Konservativen hält der Text einfach nicht Stand. Sie stellen Heideggers "Sorge" um den ländlichen Handwerker die "rasende Modernität (und soziale Demokratie) von Hitlers Mein Kampf" entgegen. Indem Sie Heidegger als dem bäuerlichen Leben verbundenen Konservativen zeichnen, schätzen Sie Heideggers Rolle in der politischen Situation der 20-er und 30-er Jahre in Deutschland vollkommen falsch ein. Während dieser ganzen Zeit gab es in der Rechten eine tiefe Spaltung zwischen den gemäßigten rechten Parteien, die die Interessen der Großindustrie und der Junker vertraten, und der radikalen Rechten, der die Faschisten und völkisch orientierten Gruppen angehörten und die ihre Basis unter heruntergekommenen Angehörigen der Mittelschichten und arbeitslosen Kriegsveteranen hatte.

Wir wissen natürlich, dass sich 1933 alle rechten Parteien hinter Hitler stellten und dadurch das Schicksal Deutschlands besiegelten, aber das soll uns nicht blind werden lassen gegenüber den sehr realen ideologischen und sozialen Gegensätzen, die unter den Gruppen auf der Rechten existierten. Unter den vielen Gruppen im Lager der radikalen Rechten waren die Nazis ab 1923, nach ihrem gescheiterten Putsch in München, die bekannteste. Allen Gruppen auf der Rechten gemein war ihre Feindschaft gegenüber der Arbeiterklasse und ihren politischen Organisationen, den Sozialdemokraten und den Kommunisten. Sie standen auch der Weimarer Republik argwöhnisch gegenüber, die aus Sicht der Nationalisten niemals losgelöst von den Verrätern betrachtet werden konnte, die mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags Deutschland an seine Feinde übergeben hatten.

Was die radikale Rechte und insbesondere die Nazis auszeichnete, war der feste Glauben an ein nationales Schicksal, eine Volksgemeinschaft, die nur erreicht werden konnte durch die Abschaffung der Institutionen des Parlamentarismus und des Modernismus, die dem deutschen Volk auferlegt worden waren. Diese Institutionen wurden als etwas Fremdes angesehen, das entfernt werden musste, um es durch eine ideale Gemeinschaft von Blut und Rasse zu ersetzen. Die Aufgabe, das verhasste Regime zu entfernen, musste von einem eigentlichen Helden übernommen werden, der aus demselben Holz wie Albert Schlageter geschnitten wäre. Schlageter war Mitglied der Freikorps, einer rechten, terroristischen Gruppe, die gewaltsam gegen Sozialisten und Juden vorging. Er wurde von den französischen Autoritäten gefangen genommen und hingerichtet. Anschließend wurde er zum Märtyrer der nationalistischen Sache. Nach ihrer Machtübernahme richteten die Nazis einen Feiertag zu seinen Ehren ein. Für Heidegger diente Schlageter als Model für eigentliches Dasein, das den "Anruf" beantwortet. Hören Sie, was Heidegger zum Thema Schlageter in einer Rede sagt, die er kurz nach Antritt des Rektorpostens in Freiburg hielt:

"Hier stand und ging Schlageter als Freiburger Student. Aber nicht lange litt es ihn. Er musste ins Baltikum, er musste nach Oberschlesien, er musste an die Ruhr. Er durfte seinem Schicksal nicht ausweichen, um den schwersten und größten Tod harten Willens und klaren Herzens zu sterben." (12)

Es ist bemerkenswert, dass Schlageter, der eigentliche Held, weniger sein Schicksal wählt, als dessen Ruf beantwortet. Er entscheidet sich nicht dazu ins Baltikum zu gehen, sondern er ist dazu gezwungen. Vergleichen Sie dies mit der folgenden Passage aus Sein und Zeit, in der Heidegger sein Konzept des "Eigentlichen" ausarbeitet:

"Die ergriffene Endlichkeit der Existenz reißt aus der endlosen Mannigfaltigkeit der sich anbietenden nächsten Möglichkeiten des Behagens, Leichtnehmens, Sichdrückens zurück und bringt das Dasein in die Einfachheit seines Schicksals. Damit bezeichnen wir das in der eigentlichen Entschlossenheit liegende ursprüngliche Geschehen des Daseins, in dem es sich frei für den Tod ihm selbst in einer ererbten, aber gleichwohl gewählten Möglichkeit überliefert." (13)

Wie Schlageter wählt eigentliches Dasein nicht, sondern "überliefert" sich "einer ererbten, aber gleichwohl gewählten Möglichkeit". Nur eigentliches Dasein ist fähig, den "Anruf" zu beantworten und für die Bauern und "Handwerker" zu sorgen, selbst im Angesicht des Todes. Auf der anderen Seite steht das uneigentliche Dasein, diejenigen, die in der Alltagswelt der Weimarer Republik gefangen sind, im Leben des "Behagens, Leichtnehmens, Sichdrückens", die sich vom Ruf abwenden und daher von einem Leben in der Volksgemeinschaft ausgestoßen sind.

Wenn man Heideggers Konzepte von "Eigentlichkeit", "Sorge" und dem "Anruf" erst einmal in Zusammenhang mit einer Aufgeschlossenheit für die Ideologie der radikalen Rechten stellt, verschwindet das Geheimnis. Für Heidegger und die radikale Rechte war das Konzept der "Tilgung" zentral. Dies unterscheidet die Dynamik Heideggers und des Faschismus mehr als alles Andere von den eher traditionellen konservativen Bewegungen. Der Ausdruck bezieht sich auf die faschistische Konterrevolution, die von den Nazis nationale Revolution genannt wurde. Die Tilgung ist nicht nur einfach eine Rückkehr zu einer unverdorbenen Vergangenheit sondern eine Wiedererlangung der eigentlichen Gemeinschaft, die einst existierte, durch die Zerstörung der Institutionen und Menschen, die sie verdorben haben. In diesem Sinne steht sie im genauen Gegensatz zu Hegel, der beim Sprung ins Neue gleichzeitig das Beste vom Altem bewahrt wissen wollte. Die Heideggersche Tilgung sieht nichts von Wert, das bewahrt werden sollte. Es gab keinen Fortschritt, der zum Gegenwärtigen geführt hat. Es gab ausschließlich Verderben und Degeneration. Der unverdorbene Zustand kann nur durch heldenhafte und gewalttätige Handlungen zurückgewonnen werden, durch die Feuertaufe. In Sein und Zeit wird diese Konzept ausdrücklich im dramatischen Höhepunkt des Buches behandelt.

Um eigentlich zu sein, müssen wir die Möglichkeiten aus der Vergangenheit zurückholen, die Gemeinschaft, die durch die moderne Welt in den Schatten gestellt wurde. Wir müssen Helden werden, wie Albert Schlageter, und uns für das entscheiden, das von unserem Erbe bereits entschieden wurde. An anderer Stelle sagt Heidegger: "[...] dann konstituiert sich in der Entschlossenheit je das Überliefern eines Erbes." (14) Weiter unten in diesem Schlüsselabschnitt finden wir die folgende Passage:

"Die Wiederholung erwidert vielmehr die Möglichkeit der dagewesenen Existenz. Die Erwiderung der Möglichkeit im Entschluss ist aber zugleich als augenblickliche der Widerruf dessen, was im Heute sich als ‚Vergangenheit‘ auswirkt." (15)

Einer der hervorragenden Verdienste von Johannes Fritsche in seinem Werk Historical Destiny and National Socialism in Heidegger's Being and Time besteht darin gezeigt zu haben, dass Heideggers Publikum im Deutschland der 20-er Jahre seine Anspielungen auf die Themen der radikalen Rechten klar verstanden hat. Fritsche diskutiert ausführlich die oben angeführte Passage und zeigt auf, dass die Bezugnahme auf die "Erwiderung", die ein "Widerruf" ist, sich auf die Tilgung der Weimarer Republik und ihrer Institutionen bezieht. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, Fritsches Analyse detailliert wiederzugeben. Ich werde allerdings Fritsches eigene Zusammenfassung seiner Lesart von Sein und Zeit anführen, die ich zum Teil bereits in meinem Artikel zitiert hatte:

"In Sein und Zeit legt Heidegger ein Drama in drei Akten dar, das Drama der Geschichtlichkeit des Daseins. Im ersten Akt werden die notwendigen Bedingungen für den Konflikt entwickelt. Im zweiten Akt entwickelt sich eine kritische Situation, die eine dramatische Lösung verlangt, welche dann im dritten Akt präsentiert wird. [...] Die Lösung des Dramas besteht darin, dass eigentliches Dasein die Welt verlässt, in der es als uneigentliches Dasein gelebt hat, sich von dieser Welt abwendet und sie tilgt. Eigentliches Dasein tut dies, weil es von der Vergangenheit angerufen wurde, die Vergangenheit wieder Wirklichkeit werden zu lassen, die von der Welt beiseite geschoben wurde, in der das Dasein als uneigentliches Dasein gelebt hat. Die Wiederinstandsetzung der Vergangenheit erfordert, dass eigentliches Dasein die Welt, in der es als uneigentliches Dasein gelebt hat, tilgt, zerstört oder widerruft. Das uneigentliche Dasein lebt in einer Abwärtsbewegung. [...] An einem Punkt in der Abwärtsbewegung beginnt der zweite Teil der Dramas und ein Vibrieren in der Luft [...] kündigt die Krise an. Die Lösung dieser Krise liegt in der Tilgung der Abwärtsbewegung und der Welt des uneigentlichen Daseins, um dadurch Platz zu schaffen für eine Welt, in der die Vergangenheit und ihre Prinzipien wiederbelebt werden und gebührlich vorhanden sind." (16)

Wenn Fritsches Lesart korrekt ist, und das meine ich, dann befindet sich der Heidegger von Sein und Zeit klar im Lager der extremsten Elemente der radikalen Rechten in den 20-er Jahren. Selbst wenn Sie behaupten von dieser Interpretation von Sein und Zeit nicht überzeugt zu sein, welchen möglichen Raum gibt es dennoch für Fehlinterpretationen von Heideggers Schriften, öffentlichen Reden und Handlungen in den 30-er Jahren, als er sich auf Gedeih und Verderb mit den Nazis zusammentat? War er dann auch noch ein romantischer ländlicher Konservativer? Ihre Behauptung, dass Heidegger ein "Hinterwäldler" war, ist bloß eine andere Variante des Themas, das Scharen von Heidegger-Apologeten verteidigen, von Hannah Arendt bis Richard Rorty - nämlich dass Heidegger politisch naiv war, als er sich den Nazis anschloss, und ihm die Dinge einfach über den Kopf gewachsen sind. Ich diskutierte diese absurde These ausführlich in meinem Essay. Ihr Brief macht sie auch nicht glaubwürdiger.

Zusammenfassend möchte ich Sie auffordern, über die bemerkenswerte Situation der Philosophie zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts nachzudenken. Martin Heidegger, der ein aktiver Nazi war und sich nie vom Nazismus distanzierte, wird von vielen als der wichtigste Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts angesehen. Ich habe bereits erklärt, dass ich diese Begeisterung für sein Werk nicht teile. Nichtsdestotrotz kann man nicht leugnen, dass er einer der einflussreichsten Denker des vergangenen Jahrhunderts war und ist. Bis heute sind allein in englischer Sprache mehr als tausend Bücher zu Heidegger erschienen. Dies ist bei weitem mehr Aufmerksamkeit als jeder andere moderne Philosoph erhalten hat.

Der einflussreichste Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein Nazi? Ist dies nicht ein Hinweis auf eine tiefe Krise in der Philosophie selbst? Es ist an der Zeit, Heidegger nicht länger zu rechtfertigen, sondern sich dieser Krise zu stellen.

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Anmerkungen

1. Ernest Hemingway, 49 Depeschen, Hamburg 1969, S. 47

2. Antonio Gramsci, Gefängnishefte, in: Kritische Gesamtausgabe, Hamburg 1996, Bd.7, S. 1592

3. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Gesamtausgabe, Frankfurt am Main 1977, Bd.2, S.508

4. Sein und Zeit, a.a.O., S. 117 f.

5. Berel Lang, Heidegger's Silence, Cornell University Press 1996, S. 53 (aus dem Englischen übertragen)

6. Martin Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, in: Ders., Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges, Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 2000, Bd.16, S. 108

7. Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933, Stuttgart 1986, S. 57

8. Martin Heidegger, Heraklit, Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1979, Bd. 55, S. 123

9. Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1966, S. 38

10. Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1983, Bd. 40, S.41 f.

11. Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie, Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1989, Bd. 65, S. 42

12. Martin Heidegger, Schlageterfeier der Freiburger Universität, in: Guido Schneeberger, Nachlese zu Heidegger, Bern 1962, S. 49

13. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Gesamtausgabe, Frankfurt a.M. 1977, Bd. 2, S. 507

14. Martin Heidegger Sein und Zeit, a.a.O., S. 507

15. Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 510

16. Johannes Fritsche, Historical Destiny ans National Socialism in Heidegger's Being and Time, University of California Press, Berkeley 1999, S. x-xi (aus dem Englischen übertragen)

Siehe auch:
Der Fall Martin Heidegger - Philosoph und Nazi - Teil 1
(28. April 2000)
Der Fall Martin Heidegger - Philosoph und Nazi - Teil 2
( 29. April 2000)
Der Fall Martin Heidegger - Philosoph und Nazi - Teil 3
( 2. Mai 2000)
Zwei Briefe und zwei Antworten zu "Der Fall Martin Heidegger - Philosoph und Nazi" - Teil 1
( 7. Dezember 2000)