Scharons Kriegsverbrechen im Libanon: eine Bilanz

Teil 1 ( )

Von Jean Shaoul
2. März 2002

Wir veröffentlichen heute den ersten Teil einer Serie über die Verwicklung des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon in die Kriegsverbrechen, die 1982 während der israelischen Invasion im Libanon begangen wurden und die in den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla gipfelten.

Der palästinensische Versuch, den israelischen Premierminister Ariel Scharon vor einem belgischen Gericht wegen Kriegsverbrechen anzuklagen, scheint gescheitert zu sein. Am 14. Februar entschied der internationale Gerichtshof in Den Haag, dass ehemalige und gegenwärtige Regierungsmitglieder wegen ihrer diplomatischen Immunität nicht für Kriegsverbrechen in einem anderen Land vor Gericht gestellt und nur in ihrem eigenen Land zur Verantwortung gezogen werden können.

Mit einem Gesetz von 1993 hatte sich Belgien selbst das Recht gegeben, Kriegsverbrechen zu verfolgen, gleichgültig wo, wann und von wem sie begangen wurden. Am 6. März sollte eigentlich die Entscheidung eines belgischen Richters fallen, ob ein Verfahren gegen Scharon eröffnet wird. Ein juristischer Berater der belgischen Regierung, Jan Devadder, hat jedoch erklärt, dass der Internationale Gerichtshof "eindeutig entschieden hat, dass Regierungsmitglieder und Staatschefs vollkommene Immunität vor Strafverfolgung genießen. Nach meiner Meinung ist der Fall Scharon gestorben."

Das Gericht hat entschieden, dass ein ehemaliges oder aktives Regierungsmitglied nicht vor einem ausländischen Gericht belangt werden kann, da "es während seiner Amtszeit auch im Ausland volle Immunität vor Strafverfolgung genießt". Das gilt unabhängig davon, ob der Beschuldigte offiziell oder privat im Ausland unterwegs ist.

Das Gericht betonte, dass das Urteil keine Auswirkungen auf den Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic habe, weil dieser von einer internationalen Organisation, der UNO, angeklagt worden sei, und nicht von einer ausländischen Regierung. Lässt man diese juristischen Spitzfindigkeit beiseite, so ist klar, dass der Internationale Gerichtshof nur Personen vor Gericht stellen will, die den Interessen der imperialistischen Mächte im Wege stehen, nicht jedoch deren politische Verbündete wie Scharon.

Offiziell ist die Klage gegen Scharon wegen des brutalen Massakers an 2.000 Palästinensern in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla im September 1982 zur Zeit noch anhängig. Die Staatsanwaltschaft wirft Scharon im Namen von Angehörigen einiger der Opfer vor, für die Ereignisse verantwortlich zu sein, weil er damals Verteidigungsminister der Besatzungsmacht war, die nach internationalem Recht die Gesamtverantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung trug und einem Abkommen zum Schutz der Palästinenser zugestimmt hatte. Sie hält Scharon auch unmittelbar dafür verantwortlich, dass die israelische Armee bei den Massakern und der darauf folgenden Internierung, Folterung und dem Verschwinden vieler Lagerbewohner eine zentrale Rolle spielte.

Scharons Verantwortung für Sabra und Schatilla ist bekannt. Wegen starker Proteste im In- und Ausland musste die israelische Regierung damals eine Untersuchung durchführen. Die damit betraute Kahan-Kommission wies die unmittelbare Verantwortung Elie Hobeika zu, dem Führer von Libanons faschistischer Falange-Miliz, die das Blutbad begangen hatte; aber sie stellte auch Scharons "persönliche Verantwortung" fest. Er wurde 1983 gezwungen, als Verteidigungsminister zurückzutreten, blieb aber in der Regierung.

Scharon hat mit allen Mittel versucht, das Verfahren gegen sich zu hintertreiben, und alle wichtigen Parteien in Israel standen ihm dabei zur Seite. Israel übte Druck auf Belgien aus, seine Gesetze zu ändern, und erhob den Vorwurf des Antisemitismus, um die Eröffnung eines Verfahrens gegen seinen Ministerpräsidenten zu verhindern.

Es gibt auch Vermutungen, der israelische Geheimdienst habe die Ermordung Hobeikas vor ein paar Wochen organisiert, um so einen Schlüsselzeugen der Ereignisse vom 16. bis 18. September 1982 aus dem Weg zu räumen. Mit Zustimmung der israelischen Armee waren Hobeika und Major Saad Haddad von der Südlibanesischen Armee in die Lager eingedrungen und hatten dort 40 Stunden lang gewütet. Sie schlachteten ca. 2.000 Männer, Frauen und Kinder ab, während die israelische Armee die Ausgänge versperrte und zuschaute. Hobeika hatte angekündigt, er wolle gegen Scharon aussagen, und fiel nur wenige Tage danach einem Bombenattentat zum Opfer.

Das Verfahren kam zu einem besonders brisanten Zeitpunkt in Gang. Anklage und Prozess gegen einen amtierenden israelischen Ministerpräsidenten hätte das Ansehen des zionistischen Staates in den Augen der Weltmeinung beschädigt und Scharons wichtigste Stütze, die Bush-Regierung in den Vereinigten Staaten, in große Verlegenheit gebracht. Dass der Fall soweit gediehen ist, zeigt allein schon, wie weit die Interessen Europas und der USA im Nahen Osten im Allgemeinen und im israelisch-palästinensischen Konflikt im Besonderen bereits auseinander driften.

In den europäischen Hauptstädten wächst die Frustration darüber, dass Bush Scharons Kriegstreiberei immer offener unterstützt. Sharons Kurs schürt die sozialen Spannungen im Nahen Osten und bedroht die Stabilität arabischer Regime, die für die Absicherung europäischer Finanzinteressen wichtig sind. Aber keine europäische Regierung, auch nicht die belgische, war besonders darauf erpicht, Scharon vor Gericht zu bringen, und die Entscheidung von Den Haag ist wahrscheinlich vielerorts mit Erleichterung aufgenommen worden.

Wie es auch immer in Belgien weitergehen mag, wer den Charakter des zionistischen Regimes und die Motive verstehen will, die der militärischen Offensive der Likud-Labour-Regierung gegen die Palästinenser zugrunde liegen, tut gut daran, die Ereignisse, die zu den Massakern von Sabra und Schatilla führten, und Scharons kriminelle Rolle dabei zu untersuchen.

Israel, Libanon und zionistische Expansion

Die Gräueltaten von Sabra und Schatilla standen zwar im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber sie bildeten lediglich den Höhepunkt fünfzehnjähriger militärischer Aktivitäten Israels im Libanon, von denen viele den Tatbestand eines Kriegsverbrechens erfüllen. Ziel Israels war es, die palästinensischen Flüchtlinge zu zerstreuen, die durch die Gründung des zionistischen Staates und die Kriege von 1948-49, 1967 und 1973 vertrieben worden waren. Zu diesem Zweck versuchte Scharon, die entstehenden politischen und militärischen Organisationen der Palästinenser zu zerstören, Zwietracht zwischen den Palästinensern und ihren Gastländern zu säen und die Vereinigung der arabischen Arbeiterklasse und unterdrückten Massen gegen Israel und seine imperialistischen Hintermänner zu verhindern.

Israel stellte seine Militäraktionen im Libanon und schließlich die Invasion von 1982, die zur Belagerung und Bombardierung von Beirut, der Vertreibung der PLO und den Gräueltaten von Sabra und Schatilla führten, als eine defensive Reaktion auf palästinensische Überfälle auf Städte im Norden Israels dar. Aber eine historische Untersuchung zeigt, dass die "Operation Frieden für Galiläa" sich zwangsläufig aus der Logik der zionistischen Expansion ergab.

Die israelische Invasion im Libanon vom Juni 1982 wurde durch zahllose Provokationen gegen die Palästinenser und den Libanon vorbereitet, die den Fahd-Friedensplan von 1981 (benannt nach dem damaligen Kronprinzen und heutigen König von Saudi Arabien) torpedieren sollten. Dieser Plan erkannte das Existenzrecht Israels an und schlug einen palästinensischen Staat in den von Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 besetzten Gebieten vor. Eine solche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts wäre dem im Juni 1967 nur teilweise verwirklichten Plan in die Quere gekommen, Israels Grenzen zu erweitern.

Die Zionisten hatten schon lange Interesse am Libanon. Dieser ist eins von vier kleinen Ländern, die entstanden, als der französische Imperialismus nach dem ersten Weltkrieg die syrische Provinz des Osmanischen Reiches aufteilte. 1938 strebte Ben Gurion, der 1948 Israels erster Ministerpräsident werden sollte, einen Staat Israel an, der sich bis in den südlichen Libanon, bis zum Fluss Litani, einem wichtigen Wasserreservoir, erstrecken sollte. Er hatte eine Allianz mit den christlichen Maroniten im Libanon im Sinn, die er als Bollwerk gegen die moslemischen Araber und den arabischen Nationalismus einplante, obwohl viele von ihnen das faschistische Deutschland unterstützt hatten. Die Maroniten sind eine der zahlreichen Gruppierungen, die das französische Kolonialregime benutzt hatte, um die Spaltung der Region zu verewigen.

Mitte der fünfziger Jahre dachte die israelische Regierung über die Zerschlagung des Libanon, die Bildung eines christlichen Staates und die Annektierung des Südlibanon nach. Der Generalstabsvorsitzende Moshe Dayan argumentierte - und nahm damit die Ereignisse Ende der siebziger Jahre vorweg -, dies könne gelingen, wenn man einen Offizier dafür gewinne oder besteche, sich an die Spitze der Maroniten zu stellen und einen Vorwand für eine israelische Invasion zu liefern.

Israel legte diese Pläne aus Rücksicht auf Frankreich, die Schutzmacht des Libanon, in die Schublade, als die beiden Länder sich 1956 mit Großbritannien zusammenschlossen, um in Ägypten einzudringen und Präsident Gamal Abdel Nasser zu stürzen. Dieser hatte es gewagt, den Suezkanal und andere imperialistische Interessen zu verstaatlichen. 1979 wurden Dayans Pläne in gewisser Weise realisiert. Israel übergab den Süden das Libanon unter Missachtung von UNO-Beschlüssen nach einer Invasion an Major Saad Haddad, einen aus der libanesischen Armee desertierten Major.

Der Juni 1967 war ein Wendepunkt in der Geschichte Israels. Der zionistische Staat - einer von vier kleinen, aus der syrischen Provinz des Osmanischen Reichs hervorgegangenen Staaten und von feindlichen arabischen Nachbarn umgeben - war in den bestehenden Grenzen nicht überlebensfähig. Auch wenn es nie die offiziell erklärte Strategie der Labour-Regierung war, nutzte sie doch die Gelegenheit einer von Ägypten provozierten Krise, um einen langgehegten Plan der Armee in die Tat umzusetzen und Israel auf das gesamte ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina und einen Teil Syriens auszudehnen. Solche "natürlichen" Grenzen waren leichter zu verteidigen und gaben Israel Zugang zum Wasser und zum Quellgebiet des Jordan.

Diese "Groß-Israel" Politik rief eine neue gesellschaftliche Schicht ins Leben - besonders unter den jüdischen Siedlern in den besetzten Gebieten -, die mit dieser expansionistischen Politik ideologisch und materiell verbunden war. Diese Schicht, deren Sprecher später General Ariel Scharon wurde, betrachtete die Eroberung des Libanon als ungelöste Aufgabe.

Gleichzeitig schuf der Krieg auch eine neue Generation palästinensischer Flüchtlinge, die vor der israelischen Armee flohen oder von ihr vertrieben wurden. Viele gingen in den Libanon, wo es schon seit 1948 Flüchtlingslager gab. Ihre Zahl wuchs nach dem mörderischen Krieg, den Jordaniens König Hussein 1970-71 gegen die Palästinenser führte, weiter an.

Der Krieg vom Juni 1967 führte auch zur Entstehung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unter der Führung von Jassir Arafat als einer Massenbewegung, die mit dem Mittel des bewaffneten Kampfes einen palästinensischen Staat anstrebte.

Nach der Vertreibung der PLO-Führung aus Jordanien 1970 wurde Beirut nicht nur das politische, soziale und kulturelle Zentrum der palästinensischen Bewegung, sondern auch das militärische Hauptquartier der PLO wurde dort eingerichtet. Für Israel wurde Beirut daher auch zu einer feindlichen Hochburg.

Israels Politik der verbrannten Erde in Libanon

Israel machte zwar viel Aufhebens von terroristischen Angriffen auf seine Bevölkerung, es berichtete aber sehr spärlich über die Politik der verbrannten Erde, die es selbst von 1968-74 im Libanon verfolgte. Diese wurde mit der Notwendigkeit begründet, Israels nördliche Siedlungen gegen palästinensische Überfälle zu schützen.

Um ein Beispiel anzuführen: dem palästinensischen Terrorangriff auf die Siedlung Ma'alot im Mai 1974, dem zwanzig Jugendliche zum Opfer fielen, gingen wochenlange israelische Bombenangriffe mit Phosphor- und Napalmbomben auf palästinensische Flüchtlingslager im Südlibanon voraus, bei denen mehr als 300 Menschen umkamen. Nur zwei Tage vor Ma'alot wurden im Dorf El-Kfeir im Libanon bei einem israelischen Luftschlag vier Zivilisten getötet.

Israels Feldzug hatte auch zum Ziel, die Unterstützung im Volk für die Palästinenser zu unterminieren, Zwietracht zwischen Palästinensern und Libanesen zu säen und die libanesische Regierung zu veranlassen, die PLO zu unterdrücken. Abba Eban, der Außenminister Israels von 1966-74, sagte, die Politik der Regierung stütze sich auf die "vorhersehbare Aussicht, die sich schließlich auch bewahrheitete, dass eine betroffene Bevölkerung sich schließlich irgendwann für die Einstellung der Feindseligkeiten einsetzen werde."

Die libanesische Armee zeichnete von 1968 bis 1974 mehr als 3000 Verletzungen des libanesischen Territoriums durch die israelische Armee auf, das sind pro Tag 1,4 Vorkommnisse. 1974-75 erhöhte sich die Zahl auf sieben pro Tag. Von 1968-74 wurden bei israelischen Angriffen 880 Libanesen und Palästinenser getötet. UNO-Vertretern zu Folge wurden im Libanon, in Syrien und Jordanien 3.500 Menschen bei israelischen Luftschlägen getötet. Es gibt zwar keine gesonderten Zahlen für die Palästinenser, aber man nimmt an, dass ihre Zahl doppelt so hoch ist wie die der Libanesen.

Schon 1975 hatte Israel bei Angriffen jenseits seiner Grenzen etwa zehnmal so viele Palästinenser und Libanesen getötet, wie Israelis bei palästinensischen Kommandounternehmen bis 1982 getötet wurden. Tausende Palästinenser wurden verwundet, und Zehntausende gezwungen, ihre Häuser im Südlibanon zu verlassen und Zuflucht in der relativen Sicherheit Beiruts und anderer Städte zu suchen. Deren Zahl hatte Ende der siebziger Jahre 250.000 erreicht. Das Ziel war, im Süden eine demilitarisierte Zone zu schaffen. Zu diesem Zweck wurde von 150 palästinensischen Lagern und Dörfern buchstäblich kein Stein auf dem anderen gelassen und Olivenhaine und Ernten vernichtet.

Mitte der siebziger Jahre hatte Arafats Fatah-Partei, die wichtigste Fraktion der PLO, eine "Zwei-Staaten-Lösung" akzeptiert: Sie strebte einen palästinensischen Ministaat auf der Westbank und im Gazastreifen an, den sie mittels Verhandlungen mit Israel zu erreichen hoffte, und begann, terroristische Angriffe in Israel abzulehnen. Das verhinderte aber nicht die israelischen Angriffe im Libanon, die sogar noch zunahmen. Als im Dezember 1975 dreißig Kampfflugzeuge palästinensische Flüchtlingslager und angrenzende Dörfer bombardierten und beschossen und dabei 57 Menschen töteten, behauptete Israel, die Angriffe seien keine Strafaktion gewesen, sondern hätten präventiven Charakter gehabt.

Diese Angriffe sollten jede Lösung des langjährigen Konflikts torpedieren, die einen palästinensischen Staat vorsah. Nur zwei Tage vorher hatte der UNO-Sicherheitsrat trotz lauter Proteste Israels eine arabische Initiative für eine Zwei-Staaten Lösung diskutiert und dadurch den Weg für die Teilnahme der PLO an den Gesprächen geebnet. Die USA legten ihr Veto gegen den Vorschlag ein. Die israelischen Angriffe hatten nichts mit der Verhinderung von Terrorismus zu tun, sondern sollten Vergeltungsschläge der Palästinenser provozieren und definitiv ausschließen, dass die UNO einem palästinensischen Staat zustimmte.

Der Ausbruch der ersten Phase des libanesischen Bürgerkriegs (1975-76) war Ausdruck der fehlenden Lebensfähigkeit des von internen Interessengegensätzen zerrissenen Teilstaates, den der französische Imperialismus hinterlassen hatte, um seinen Einfluss und seine Interessen zu wahren. In dem Kampf der Palästinenser und ihrer moslemischen Verbündeten gegen die reaktionäre maronitisch-christliche herrschende Elite, der im Kern ein Klassenkrieg war, unterstützte die israelische Regierung die diversen christlich-maronitischen Milizen - die, um nur zwei zu nennen, die Massaker von Tel al Zaatar und Khiyam verübt hatten. Sie betrachteten diese als ihre Stellvertreter gegen die PLO und deren moslemischen Verbündeten. Als es so aussah, als ob die Palästinenser und die Moslems siegen könnten, griff die syrische Armee ein, um den libanesischen Staat und das maronitische Establishment zu retten.

Im Mai 1977 kam Menachem Begins rechte Likud-Partei an die Regierung und beendete eine dreißigjährige Epoche, in der die Labour-Partei das politische Leben Israels dominiert hatte. Begin war ausdrücklicher Anhänger der "Groß-Israel"-Politik und intensivierte die Beziehungen Israels zu den Maroniten; er unterstützte dabei die Falangisten von Pierre und Bashir Gemayel gegen rivalisierende Parteien.

Der israelische Geheimdienst Mossad verschaffte der Falange Kanonen, Mörser, Panzer, Sprengstoff und eine Kommunikationsausrüstung. Mossad-Offiziere wurden in den christlichen Führungsstab eingeschleust, scheinbar um beim Einsatz israelischer Waffensysteme zu helfen, in Wirklichkeit aber um an Informationen über den Bürgerkrieg heranzukommen und Angriffe gegen palästinensische Stützpunkte im Libanon zu organisieren. Später wurden die Operationen auch auf Angriffe auf die libanesischen Schiiten im Süden des Libanon ausgeweitet, die mit den Palästinensern verbündet waren. Während der folgenden fünf Jahre, in denen der Bürgerkrieg im Libanon mit ständig wechselnden Allianzen mal stärker, mal schwächer tobte, unterstützte Israel die faschistische christliche Miliz, wofür es bis zu 100 Millionen Dollar pro Jahr aufwandte.

1977 gaben die Palästinenser entsprechend der ersten Phase des Shtaura-Abkommens ihr schweres Kriegsgerät ab. In diesem Abkommen hatten sich die libanesische Regierung, Syrien und die PLO verpflichtetet, die grenzüberschreitenden Angriffe der Palästinenser einzufrieren, um eine Lösung des Bürgerkriegs zu ermöglichen. Die Israelis reagierten auf diese Friedensinitiative, indem sie eine provokante und intensive Bombenkampagne begannen, die zum Tod von siebzig Menschen, fast alles Libanesen, führte. Außerdem eröffnete die von Israel kontrollierte Haddad-Miliz im Südlibanon eine Offensive, um mit israelischer Hilfe Pläne der libanesischen Regierung zu hintertreiben, die ihre Armee in den Süden entsenden wollte.

Im März 1978 marschierte Israel im Libanon ein, um Vergeltung für einen Angriff eines Palästinenserkommandos zu üben, das Israel von Beirut aus übers Meer erreicht und 34 Israelis getötet hatte. Die blutige Invasion führte zum Tod von über 2.000 Menschen und zur Vertreibung von über 250.000 Menschen aus ihren Häusern im Süden.

Die israelische Bombenkampagne wurde 1979 fortgesetzt. Die libanesische Regierung führte eine Liste, auf der nur die libanesischen Opfer standen. An einem einzigen Tag im April wurden fast 100 Libanesen getötet oder verwundet, und zwischen April und August wurden fast tausend Menschen getötet und 224 verletzt.

Scharon wird Verteidigungsminister

Die unerwartete Wiederwahl einer Likud-Regierung mit wachsender Mehrheit im Juni 1981 führte zu einer Veränderung in Ministerpräsident Begins Kabinett. General Ariel Scharon wurde Verteidigungsminister. Als junger Mann war Scharon Mitglied in dem paramilitärischen Jugendbataillon Gadna gewesen, ehe er der Haganah, der jüdischen Untergrundarmee und Vorläuferin der israelischen Armee, beigetreten war.

Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 befehligte Scharon Abteilungen, die darauf spezialisiert waren, hinter den feindlichen Linien zu operieren, und die die Palästinenser zur Flucht aus ihren Häusern zwangen. Seine Einheit 101 hatte im Flüchtlingslager El-Bureig, südlich vom damals noch ägyptischen Gaza, 50 Flüchtlinge angegriffen und getötet. 1953 machte Scharon zum erstenmal von sich reden, als er als Kommandant der Einheit 101 in Jordanien einmarschierte und mindestens 45 Häuser des Dorfes Quibya auf der Westbank, damals unter jordanischer Herrschaft, in die Luft sprengte. Die Einheit 101 tötete 69 Menschen, die Hälfte davon Frauen und Kinder.

Scharon leitete noch andere gewaltsame Übergriffe in Jordanien, in Gaza, das damals zu Ägypten gehörte, und Syrien. In den frühen siebziger Jahren war er als Führer des Südkommandos der Armee für die brutale Niederschlagung des palästinensischen Widerstands im Gazastreifen verantwortlich.

Im Krieg von 1973 führte Scharon die israelischen Kräfte, die schließlich den Suezkanal überquerten und die ägyptische Armee besiegten. Sein Feldzug verschaffte ihm ebenso viele Feinde wie Freunde, da er sich über Befehle und Waffenstillstandsabkommen hinwegsetzte.

Als Scharon in Begins erster Likud-Regierung Landwirtschaftsminister war, rührte er die Werbetrommel für die Siedlerbewegung. "Lasst uns mehr Hügel einnehmen", insistierte er. "Was immer wir besetzen, es wird unser bleiben. Was jedoch unbesetzt bleibt, wird zuletzt in ihren Händen sein." Sein Ziel war es, Fakten zu schaffen, die eine Einigung mit den Palästinensern unmöglich machen würden. Lange Zeit hatte Scharon eine expansionistische Politik vertreten, die auch den Libanon umfasste, und sein Aufstieg ins Kabinett war ein klares Anzeichen dafür, dass Israel dabei war, seine militärischen Operationen im Libanon auszuweiten.

Scharons Priorität bestand darin, wie er später erklären sollte, "das Problem Libanon ein für allemal zu lösen". Er wollte Arafat und die PLO aus dem Libanon werfen, nicht nur aus dem Süden, von wo aus sie israelische Siedlungen beschießen konnten, sondern auch aus Beirut. Er verlangte auch, dass die Syrer aus dem Libanon abziehen müssten. Sie waren 1976 mit stillschweigender Zustimmung Israels in den Libanon gerufen worden, um die rechten Falangisten zu unterstützten und das Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern. Dies war in Scharons Augen eine gravierende Fehlentscheidung, da es die Syrer in die Lage versetzte, die Kontrolle über den Libanon zu erlangen und so Israel daran zu hindern, über den Libanon nach Damaskus zu marschieren. Letztlich strebte er einen Friedensvertrag zwischen Israel und dem Libanon an.

Uri Avneri, der liberale israelische Journalist, berichtet, dass ihm Scharon acht Monate vor der Invasion im Libanon im Juni 1982 gesagt hatte, er wolle die PLO im Libanon zerschlagen, die Falangisten an die Macht bringen und aus dem Libanon eine Art christliches Protektorat machen; außerdem wolle er die Syrer aus dem Libanon vertreiben. Er wolle die Palästinenser nach Syrien treiben, in der Hoffnung, dass die Syrer sie weiter nach Jordanien treiben würden, worauf man aus Jordanien einen palästinensischen Staat hätte machen könne.

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Scharon sucht nach Vorwand für militärischen Angriff
(11. August 2001)

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