Leo Trotzki und die Verteidigung der historischen Wahrheit

Von David North
20. März 2012

Die folgende Rede hielt David North, der Vorsitzende der Socialist Equality Party (USA), Chefredakteur der World Socialist Web Site und Autor des Buches „Verteidigung Leo Trotzkis“ am 16. März in Leipzig. North sprach in deutscher Sprache vor über 300 Zuhörern. Die Veranstaltung hatte der Mehring Verlag in Zusammenarbeit mit der Partei für Soziale Gleichheit im Rahmen der Leipziger Buchmesse organisiert.

David North während seines Vortrags in Leipzig David North während seines Vortrags in Leipzig

Ich möchte als erstes der Partei für Soziale Gleichheit danken, die mich eingeladen hat, heute Abend hier in Leipzig zu sprechen.

Leipzig ist ein historisches Zentrum der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als der Einfluss rechter und opportunistischer Tendenzen innerhalb der SPD zunahm, war die Leipziger Volkszeitung das wichtigste Sprachrohr des revolutionären Parteiflügels, der unter Leitung von Rosa Luxemburg die Grundsätze des Marxismus verteidigte.

Zwei Jahrzehnte später, in den kritischen Jahren vor der Machtübernahme der Nazis 1933, war Leipzig ein Zentrum der trotzkistischen Bewegung in Deutschland. Die deutschen Trotzkisten gehörten zur internationalen Linken Opposition, die Trotzki gegründet hatte, um gegen die verheerende Politik des stalinistischen Regimes in der Sowjetunion und international zu kämpfen.

1931 schrieb Trotzki, der aus der Sowjetunion verbannt worden war und auf der türkischen Insel Prinkipo lebte, Deutschland sei der „Schlüssel“ zur internationalen Lage. Er warnte, dass der wachsende Einfluss der Nazipartei eine tödliche Gefahr für die deutsche, die sowjetische und die internationale Arbeiterklasse darstelle. Ein Sieg der Nazis wäre eine beispiellose Katastrophe. Er wäre eine erschütternde Niederlage der mächtigsten sozialistischen Bewegung in Westeuropa, würde zur Errichtung einer barbarischen Diktatur führen und Ereignisse in Gang setzen, die schließlich einen Zweiten Weltkrieg auslösen, erklärte Trotzki damals.

Doch obwohl derart viel auf dem Spiel stand, verfolgten die beiden Massenparteien der deutschen Arbeiterklasse, die Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei, eine Politik, die alle Hindernisse beseitigte, die Hitlers Sieg im Wege standen. Die SPD klammerte sich, wie Trotzki erklärte, verzweifelt an den verwesenden Leichnam des Weimarer Regimes. Sie verließ sich auf den bürgerlichen Staat, um der Nazipartei den Weg zur Macht zu versperren.

Die KPD vertrat auf Anweisung Stalins die hirnlose „Sozialfaschismus“-Politik; sie behauptete, es gebe keinen bedeutsamen Unterschied zwischen der Sozialdemokratie, einer Massenpartei der Arbeiterklasse, und der NSDAP, einer Massenpartei des reaktionären deutschen Kleinbürgertums. Mit dieser Begründung lehnten die KPD-Führer Trotzkis Forderung nach einer Einheitsfront der beiden Arbeitermassenparteien gegen die nationalsozialistische Gefahr ab.

Zwischen 1931 und 1933 bemühte sich Trotzki, die politisch bewusstesten Teile der deutschen Arbeiterklasse und der sozialistischen Intelligenz gegen die enorme Gefahr des Faschismus wachzurütteln. Er versuchte sie von der dringenden Notwendigkeit einer Einheitsfront der Arbeiterklasse zu überzeugen, um den Sieg der Nazis zu verhindern. Trotzkis Schriften über den deutschen Faschismus zählen zu den Meisterwerken der politischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Niemand sonst schrieb mit solcher Weitsicht, Präzision und Leidenschaft über die deutschen Ereignisse und deren historische Bedeutung für die Welt.

In der Broschüre „Was nun?“, die im Januar 1932 entstand, definierte Trotzki den Faschismus folgendermaßen:

„Der Faschismus ist nicht einfach ein System von Repressionen, Gewalttaten, Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes Staatssystem, begründet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus besteht nicht allein in der Zerschlagung der proletarischen Avantgarde, sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustand erzwungener Zersplitterung zu halten. Dazu ist die physische Ausrottung der revolutionärsten Arbeiterschicht ungenügend. Es heiβt, alle selbständigen und freiwilligen Organisationen zu zertrümmern, alle Stützpunkte des Proletariats zu zerstören und die Ergebnisse eines dreiviertel Jahrhunderts Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften zu vernichten. Denn auf diese Arbeit stützt sich in letzter Instanz auch die Kommunistische Partei.“

In derselben Broschüre beschrieb Trotzki in glänzender Weise den politischen Bankrott der SPD:

„…Die gegenwärtige Krise des sterbenden Kapitalismus zwang die Sozialdemokratie, auf die Früchte des langen wirtschaftlichen und politischen Kampfes zu verzichten und die deutschen Arbeiter auf das Lebensniveau ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter hinabzuführen. Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel als die bösartige Fäulnis des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen. Das Theater jagt nach Modernität. Man sollte öfter Hauptmanns ‚Weber’ spielen: das zeitgemäßeste aller Stücke. Doch der Direktor sollte nicht vergessen, die ersten Reihen den Führern der Sozialdemokratie zu reservieren.“

Nichts, was in jener Zeit zum Thema Faschismus geschrieben wurde, lässt sich mit Trotzkis Schriften vergleichen. Der bekannte Schriftsteller Kurt Tucholsky äußerte seine Verwunderung darüber, dass Trotzki, der mehr als tausend Meilen entfernt im Exil lebte, die politische Lage in Deutschland klarer und gründlicher verstand, als irgendjemand sonst. Bertolt Brecht bemerkte in einer Diskussion mit Walter Benjamin und Hermann Hesse, dass man Trotzki zu Recht als größten europäischen Schriftsteller seiner Zeit bezeichnen könne.

Aber die Schriften Trotzkis und die Aktivitäten der Trotzkisten in Deutschland konnten die Auswirkungen des Verrats der sozialdemokratischen und der stalinistischen Partei nicht verhindern. Hitler gelang im Januar 1933 an die Macht, und die Tragödie, die Trotzki vorausgesehen hatte, trat ein.

Über 30 Jahre später, während der politischen Radikalisierung der 1960er Jahre, gehörten Trotzkis Schriften zur Pflichtlektüre für Arbeiter und Studenten, die verstehen wollten, wie die Machtübernahme des Faschismus in Deutschland möglich gewesen war. Ich gehöre zur Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und in den Schriften Leo Trotzkis eine unvergleichliche Analyse der politischen Ursachen der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts fand.

Trotzkis Schriften stellten klar, dass der Sieg des Faschismus nicht unvermeidbar gewesen war. Hitlers Machtübernahme hätte verhindert werden können. Der Faschismus war weder das unaufhaltsame Ergebnis der „Dialektik der Aufklärung“, wie Adorno und Horkheimer behaupteten, noch das Resultat unterdrückter Sexualität, wie Wilhelm Reich argumentierte. Der Faschismus, die barbarischste Form bürgerlicher Herrschaft, gelangte als Folge des Versagens und des Verrats der politischen Führung der Arbeiterklasse an die Macht.

Trotzkis Schriften über Deutschland sind nur ein Teil seines außerordentlichen politischen Erbes. Trotzki muss gegen Lügen und Fälschungen, die auch 70 Jahre nach seinem Tod unvermindert anhalten, verteidigt werden, weil er in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts eine derart zentrale Rolle spielte. Alle kritischen Ereignisse der ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln sich in seinem Lebenswerk.

Trotzki war neben Lenin die wichtigste Figur in der revolutionären Bewegung Russlands, die im Oktober 1917 in der Machtübernahme der Bolschewiki gipfelte. Die Perspektive und das Programm der Oktoberrevolution stützten sich auf Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die er nach der russischen Revolution von 1905 entwickelt hatte. Im Bürgerkrieg, der auf die Oktoberrevolution von 1917 folgte, wurde Trotzki Befehlshaber der Roten Armee. Unter seiner Führung verteidigte sich die Sowjetunion gegen konterrevolutionäre Kräfte, die von sämtlichen großen imperialistischen Mächten unterstützt wurden

Doch so wichtig seine Rolle beim Sieg und der Verteidigung der sozialistischen Revolution in Russland war, Trotzkis Platz in der Geschichte beruht vor allem auf seinen Errungenschaften als führender Vertreter und Stratege der sozialistischen Weltrevolution. Schon 1905 hatte Trotzki die russische Revolution als Bestandteil des revolutionären Weltprozesses analysiert. Früher als sonst jemand hatte er die Möglichkeit gesehen, dass die russische Arbeiterklasse in einer sozialistischen Revolution an die Macht gelangen kann.

Trotzki bestand aber darauf, dass das Schicksal der Revolution in Russland vor allem vom Sieg der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern abhängt – insbesondere in Europa und den Vereinigten Staaten. Die sozialistische Revolution, erklärte Trotzki, kann ihren ersten Erfolg im nationalen Rahmen erringen. Aber überleben kann sie nur, wenn die Revolution über die nationalen Grenzen hinausgeht, in denen sie die Macht erobert hat. Der endgültige Sieg des Sozialismus erfolgt mit dem Sturz des Kapitalismus im Weltmaßstab.

Die politische Schlüsselfrage in dem Konflikt, der in den 1920er Jahren innerhalb der russischen Kommunistischen Partei ausbrach, war das Verhältnis zwischen dem Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion und dem Programm der sozialistischen Weltrevolution, auf das die bolschewistische Partei ihre revolutionäre Strategie 1917 unter der Führung Lenins und Trotzkis gestützt hatte.

Im Oktober 1923 führte Trotzkis Kritik am wachsenden Bürokratismus innerhalb der bolschewistischen Partei und dem Sowjetstaat zur Gründung der Linken Opposition. Der Oktober 1923 war aber auch in der deutschen Geschichte ein kritischer Monat. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich im Frühjahr 1923 hatte in Deutschland eine tiefe Krise ausgelöst, die rasch in eine revolutionäre Situation mündete.

Vor dem Hintergrund der Hyperinflation und der Verwirrung des bürgerlichen Regimes entstand eine einmalige Gelegenheit für einen erfolgreichen revolutionären Aufstand der deutschen Arbeiterklasse. Aber es fehlte eine entschlossene revolutionäre Führung. Die Aufstandsvorbereitungen der deutschen Kommunistischen Partei waren planlos und unschlüssig. Von der sowjetischen Kommunistischen Partei, die in wachsendem Maße von Trotzkis politischen Gegnern in der Parteiführung dominiert wurde, erhielt die KPD widersprüchliche Ratschläge.

Schließlich zog die KPD ihre Pläne für einen deutschlandweiten Aufstand in letzter Minute zurück. Im folgenden Durcheinander wurden örtliche Aufstände unterdrückt und die bürgerliche Regierung gewann ihr Selbstvertrauen zurück. Die deutsche Arbeiterklasse erlitt einen Rückschlag, von dem sie sich niemals wieder voll erholte und der Ereignisse in Gang setzte, die das explosionsartige Wachsen der Nazi-Partei erleichterten.

Die Niederlage in Deutschland stärkte wiederum die konservativen bürokratischen Tendenzen innerhalb der sowjetischen Kommunistischen Partei. Als der Bürgerkrieg zu Ende ging, wuchs die Staats- und Parteibürokratie rasch an. Sie bestand aus zehntausenden Funktionären, für die eine Stellung im Apparat persönliche Sicherheit und Privilegien bedeutete.

Diese Funktionäre bildeten die soziale Basis für Stalins Machtzuwachs als Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Dass „Geheimnis“ von Stalins Macht lag in der Aufmerksamkeit, mit der er sich um die materiellen Interesse der wachsenden Bürokratenkaste kümmerte. Diese identifizierte ihre eigenen Interessen bald mit der Sowjetunion als Nationalstaat, und nicht als Zentrum der sozialistischen Weltrevolution. Die zunehmende nationalistische und konservative Orientierung der Bürokratie fand ihren Ausdruck im Programm des „Sozialismus in einem Land“, das Stalin 1924 verkündete.

Dieses Programm legitimierte theoretisch, politisch und praktisch die Trennung der Entwicklung des Sozialismus in der UdSSR von der internationalen sozialistischen Revolution. Es rechtfertigte die Unterordnung der Interessen der internationalen Arbeiterklasse unter die nationalen Interessen der in der Sowjetunion herrschenden Bürokratie. Das führte schnell zu erbitterten Angriffen auf Trotzkis Theorie der permanenten Revolution.

Dass Trotzki darauf beharrte, das Schicksal des Sozialismus in der UdSSR hänge vom Sieg der Arbeiterklasse außerhalb ihrer Grenzen ab, war den sowjetischen Bürokraten, die sich vor allem um ihre eigenen Einkommen und Privilegien kümmerten, ein Dorn im Auge. Wie Trotzki später in seiner Autobiografie schrieb, waren die Angriffe auf die permanente Revolution durch den Egoismus der Bürokratie motiviert. „Nicht alles für die Weltrevolution“, dachte der kleine Sowjetbeamte, wenn er Trotzki und das Programm der permanenten Revolution angriff. „Auch etwas für mich.“

Die Behauptung, der Konflikt zwischen Stalin und Trotzki sei lediglich ein subjektiver Machtkampf zwischen zwei Individuen gewesen, ist historisch absurd und politisch unhaltbar. Beim Kampf, der Mitte der 1920er Jahre innerhalb der sowjetischen Kommunistischen Partei entbrannte, ging es um zwei unversöhnlich entgegengesetzte Programme – den nationalistischen Pseudosozialismus der Sowjetbürokratie unter der Führung Stalins und den sozialistischen Internationalismus der Linken Opposition unter der Führung Trotzkis. Das Ergebnis dieses Kampfs sollte das Schicksal der sozialistischen Revolution im 20. Jahrhundert bestimmen, und schließlich auch das der Sowjetunion selbst.

Die neue Orientierung des Programms der sowjetischen Kommunistischen Partei war nicht leicht zu erreichen. Die Ideen und Ideale des sozialistischen Internationalismus hatten in der sowjetischen Arbeiterklasse tiefe Wurzeln. Trotzki genoss außerdem unter den fortgeschrittenen sowjetischen Arbeitern und auch unter Sozialisten auf der ganzen Welt einen Respekt und ein Prestige, wie sonst nur Lenin. Stalin war im Gegensatz dazu nahezu unbekannt, als der Fraktionskampf in den frühen 1920er Jahren begann.

Um das revolutionäre, internationalistische Programm aufzugeben, mussten Stalin und seine Verbündeten in der Partei und der staatlichen Bürokratie den politischen Einfluss Trotzkis zerstören. Dazu musste die Geschichte umgeschrieben und Trotzkis herausragende Rolle in der Oktoberrevolution geleugnet werden. Hier liegen der Ursprung und die politische Ursache für die Kampagne historischer Fälschungen, die 1923 begann.

In der Zeit, die wir heute Abend zur Verfügung haben, ist es nicht möglich, diesen heimtückischen Fälschungsprozess in den nötigen Einzelheiten zu verfolgen. Die Lügen begannen mit der Verzerrung alter fraktioneller Auseinandersetzungen in der revolutionären Bewegung vor 1917. Sie wurden mit der Verdrehung von Zitaten und der selektiven Auswahl und Fehlinterpretation von Dokumenten fortgesetzt. In erstaunlich kurzer Zeit erhielt Trotzkis Persönlichkeit in der sowjetischen Presse völlig neue und groteske Züge.

Die Verleumdungen gegen Trotzki und seine vielen Unterstützer bereiteten den Boden für Parteiausschluss und Exil. Trotzki wurde im Januar 1929 aus der Sowjetunion deportiert. 1932 wurde ihm formal die Staatsbürgerschaft entzogen. Innerhalb der Sowjetunion wurde die trotzkistische Bewegung mit zunehmender Gewalt unterdrückt. Der Krieg der Bürokratie gegen den Trotzkismus bereitete einen politischen Völkermord vor, der sich gegen alle Mitglieder der sowjetischen Arbeiterklasse und der marxistischen Intelligenz richtete, die das Programm und die Kultur des internationalen Sozialismus verkörperten.

Der unablässige Prozess historischer Fälschungen, der 1923 begonnen hatte, gipfelte zwischen August 1936 und März 1938 in den drei antitrotzkistischen Moskauer Prozessen. Im Verlauf dieser Prozesse wurden die wichtigsten Führer der bolschewistischen Partei angeklagt, sich zum Terror gegen Stalin verschworen, Sabotageakte innerhalb der UdSSR begangen und verräterische Bündnisse mit den faschistischen Regimen in Deutschland und Japan geschlossen zu haben. Alle Angeklagten – alte Revolutionäre, die ihr ganzes Erwachsenenleben der Sache des Sozialismus gewidmet hatten – gestanden die schrecklichsten Verbrechen. Neben diesen Geständnissen konnte die Anklage nicht ein einziges Beweisstück vorlegen, das die Anschuldigungen unterstützt hätte.

Wie man seit langem weiß, wurden die Geständnisse von den Angeklagten durch physische und psychische Folter und Drohungen gegen ihre Familien erpresst. Stalin sicherte sich die Zusammenarbeit der Angeklagten, indem er ihnen zynisch versprach, ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu schonen, wenn sie in diesem schrecklichen Moskauer Spektakel die ihnen zugeschriebenen Rollen spielten.

Viele Jahre später, in den frühen 1990er Jahren, sprach ich mit der Tochter von Michail Boguslawski, einem Angeklagten im zweiten Prozess vom Januar 1937. Rebekka Boguslawskaja erinnerte sich, wie sie ihren Vater mehrere Wochen vor Prozessbeginn im Lubjanka-Gefängnis in Moskau besucht hatte. Michail Boguslawski sah aus wie ein Gespenst – abgemagert, mit dunklen Ringen unter den Augen. Er hatte Schmerzen und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Rebekka merkte, dass ihr Vater heftig geschlagen worden war und Schwierigkeiten hatte, sein Körpergewicht auf dem Stuhl zu lagern. Boguslawski sah seine Tochter an und schrie verzweifelt: „Du musst mich verleugnen. Du musst vergessen, dass ich je gelebt habe.“ Rebekka antwortete: „Papa, ich werde dich nie verleugnen.“

Während des Prozesses selbst sah Boguslawski etwas besser aus. Die Gefängniswärter hatten ihn aufgefüttert, und Rebekka vermutete, dass ihm Medikamente verabreicht worden waren, um sein Aussehen zu verbessern. Doch wenige Stunden nach dem Prozess wurde Boguslawski erschossen. Rebekka wurde kurz danach verhaftet und verbrachte zwei Jahrzehnte in einem sibirischen Arbeitslager. Sie starb 1992 im Alter von 79 Jahren.

Als im August 1936 der erste Moskauer Prozess inszeniert wurde, lebte Trotzki in Norwegen. Um Trotzki daran zu hindern, die unglaublichen Anschuldigungen zu beantworten, die in Moskau gegen ihn erhoben wurden, stellte die sozialdemokratische norwegische Regierung Trotzki und seine Frau Natalja Sedowa unter Hausarrest. Im Dezember 1936 wurde Trotzki aus Norwegen deportiert und in ein Frachtschiff Richtung Mexiko gesetzt.

In Mexiko konnte Trotzki endlich öffentlich auf die Anklagen des stalinistischen Regimes antworten. Er denunzierte die Verfahren als politische Schauprozesse und forderte einen „internationalen Gegenprozesses“, um „die wahren Kriminellen zu entlarven, die sich unter dem Gewand der Ankläger verbergen“.

Man muss hier daran erinnern, dass damals in Europa und den Vereinigten Staaten ein beträchtlicher Teil der „linken“ öffentlichen Meinung, nämlich die Anhänger von „Volksfront“-Bündnissen zwischen bürgerlichen Liberalen und stalinistischen Parteien, bereit waren, die Moskauer Anklagen ohne Widerspruch hinzunehmen. Sie lehnten Trotzkis Forderung nach einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Moskauer Prozesse vehement ab, weil sie fürchteten, die Entlarvung der Lügen des Kreml werde die liberal-stalinistische Volksfront gegen den Faschismus untergraben – als ob der gerichtlich sanktionierte Mord an Revolutionären dem Kampf gegen den Faschismus nützen könnte!

Trotz der Opposition der Liberalen und Stalinisten wurde im Frühjahr 1937 unter dem Vorsitz des größten lebenden amerikanischen Philosophen, John Dewey, eine Kommission zur Untersuchung der Prozesse eingerichtet. Die Kommission reiste im April nach Mexiko, wo sie Trotzki über eine Woche lang zu sämtlichen Themen befragten, die mit den Anklagen gegen ihn im Zusammenhang standen. Trotzkis Aussagen bestanden aus der Verteidigung seiner Aktivitäten und Ideen während einer Periode von vierzig Jahren, die 1897 mit seinem Eintritt in die revolutionäre Politik im Alter von 17 Jahren begonnen hatte.

Den Höhepunkt der Arbeit der Kommission in Mexiko bildete die abschließende Rede Trotzkis. Er sprach viereinhalb Stunden lang auf Englisch. Diese Rede gehört zu den bedeutendsten in der Weltgeschichte– und das sage ich nicht nur als Anhänger Trotzkis. In einer von vielen bemerkenswerten Passagen, die sich darin finden, erklärte Trotzki den Ursprung und die Bedeutung der Lügen, auf die sich die Moskauer Prozesse stützten. Die Lügen des Sowjetregimes waren nicht einfach das Produkt von Stalins krankhafter Persönlichkeit, sondern sie wurzelten in den materiellen Interessen der Bürokratie, deren wichtigster Vertreter Stalin war:

„Man kann Stalins Vorgehen nur verstehen, wenn man von den Existenzbedingungen der neuen privilegierten Schicht ausgeht. Sie ist gierig nach Macht, gierig nach materiellem Komfort und besorgt um ihre Stellung, sie fürchtet die Massen und hegt einen tödlichen Hass gegen jegliche Opposition.

Die Stellung einer privilegierten Bürokratie in einer Gesellschaft, die von dieser Bürokratie selbst als sozialistisch bezeichnet wird, ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch verlogen. Je überstürzter der Sprung vom Oktoberumsturz – der alle gesellschaftlichen Unwahrheiten ans Licht brachte – zur gegenwärtigen Situation, in der sich eine Kaste von Emporkömmlingen gezwungen sieht, ihre gesellschaftlichen Blößen zu verbergen, desto gröber die thermidorianischen Lügen. Es geht daher nicht nur um die individuelle Verkommenheit dieser oder jener Person, sondern um die korrumpierte Stellung einer ganzen gesellschaftlichen Gruppierung, für die die Lüge zu einer lebenswichtigen politischen Notwendigkeit geworden ist.“

Das ist nicht nur der Schlüssel zum Verständnis der Lügen der Moskauer Prozesse, sondern zum Verständnis der Bedeutung aller historischen Fälschungen. Es gibt ein bekanntes Sprichwort: „Würden geometrische Lehrsätze materielle Interessen gefährden, würde man versuchen, sie zu widerlegen.“ In gleicher Weise muss die herrschende Klasse zu Verdrehungen und offenen Fälschungen Zuflucht nehmen, wenn die historische Wahrheit die Legitimität ihrer dominierenden Stellung in der Gesellschaft bedroht. Die stalinistische Bürokratie nahm zu unverschämten und monströsen Lügen Zuflucht, um zu vertuschen, dass sie die Grundsätze der Oktoberrevolution verraten hatte, und um den schreienden Widerspruch zwischen den wirklichen Zielen des Sozialismus und der Verteidigung der materiellen Interessen der Bürokratie als privilegierte Kaste zu verschleiern.

Das Verständnis der objektiven Bedeutung und der gesellschaftlichen Funktion historischer Fälschungen ermöglicht es uns, die äußerst wichtige Frage zu beantworten: Warum müssen wir uns immer noch mit Lügen über die historische Rolle Leo Trotzkis auseinandersetzen?

Seit die Dewey-Kommission ihre Arbeit abschloss, indem sie Trotzki in allen gegen ihn erhobenen Anklagepunkten für unschuldig erklärte und die Moskauer Prozesse als Schauprozesse bezeichnete, sind 75 Jahre vergangen. Seit der sowjetische Regierungschef Nikita Chrustschow in seiner berühmten Geheimrede vor dem 20. Kongress der Kommunistischen Partei im Februar 1956 Stalin als Kriminellen verurteilte und ziemlich offen zugab, dass die Moskauer Prozesse auf Lügen beruhten, sind 56 Jahre verflossen. Und seit der Auflösung der Sowjetunion sind 20 Jahre vergangen. Die Auflösung der Sowjetunion hat Trotzkis Kampf auf Leben und Tod gegen die stalinistische Bürokratie bestätigt. Er hatte die Notwendigkeit des Kampfs gegen den Stalinismus immer damit gerechtfertigt, dass die Sowjetunion nur so vor der Zerstörung durch das bürokratische Regime gerettet werden könne.

Es sollte eigentlich offensichtlich sein, dass Trotzki eine herausragende historische Persönlichkeit ist. Auch nach dem Verlust der Macht hatte er durch seine Schriften weiterhin enormen Einfluss ausgeübt. Selbst seine Ermordung im August 1940 befreite die Bürokratie nicht vom Gespenst des internationalen Trotzkismus. Die Veröffentlichung der dreibändigen Biografie von Isaac Deutscher führte zu einem Wiederaufleben des Interesses an Trotzki auf der ganzen Welt. Dass die Angst der Sowjetbürokratie vor Trotzki nie aufgehört hat, unterstreicht auch die Tatsache, dass er als einziger bolschewistischer Revolutionär, der vom stalinistischen Regime ermordet wurde, niemals offiziell rehabilitiert worden ist.

Angesichts der politischen Ziele Trotzkis ist zu erwarten, dass er eine äußerst kontroverse Figur bleiben wird. Aber kann es Zweifel daran geben, dass seine Aktivitäten und Ideen ein intellektuell äußerst gewissenhaftes Studium erfordern? Wenn das nicht geschieht, wenn wir stattdessen in den letzten zehn Jahren eine Erneuerung und Verschärfung der Lügenkampagne erlebt haben, ist es notwendig, die politische und gesellschaftliche Notwendigkeit aufzudecken und zu erklären, die der endlosen Fälschung nahezu jedes Aspekts seines Lebens zugrunde liegt.

Meines Erachtens speist sich die Kampagne gegen Trotzki aus zwei zusammenhängenden Faktoren historischer und politischer Natur.

Beginnen wir mit dem historischen Faktor. Nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime in Osteuropa und der Auflösung der UdSSR herrschte im bürgerlichen Lager eine Stimmung des Triumphs. Vor 1989 hatte man nur in trotzkistischen Publikationen Voraussagen über ein Scheitern der stalinistischen Regime gefunden. Kein einziger prominenter bürgerliche Historiker und Journalist hatte die Auflösung Osteuropas und des Sowjetregimes vorausgesehen.

Nachdem diese Regime aber nicht mehr existierten, verkündeten bürgerliche Politiker, Akademiker und Journalisten, der Zusammenbruch sei unausweichlich gewesen. Die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 „beweise“, dass die Oktoberrevolution von 1917 von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Von Anfang an habe die sozialistische Revolution von 1917 nur in eine Richtung führen können: zur Restauration des Kapitalismus. Dass dieser Prozess sich über eine Periode von nahezu einem dreiviertel Jahrhundert erstreckt habe, stelle die Unausweichlichkeit des Ergebnisses nicht in Frage. Kein anderer Entwicklungsablauf sei möglich gewesen. Das stalinistische Regime verkörpere nicht den Verrat der Oktoberrevolution, sondern die historische Sackgasse, in die die Ereignisse von 1917 zwangsläufig geführt hätten und aus der es nur einen Ausweg gegeben habe, die Restauration des Kapitalismus.

Diese mechanische Interpretation der sowjetischen Geschichte machte es notwendig, jede Möglichkeit einer anderen, nicht totalitären und sozialistischen Entwicklung der UdSSR zu leugnen. Kein alternativer Entwicklungsweg durfte ernst genommen werden. Diese Haltung bestimmte den Umgang mit Trotzki. Sein Kampf gegen den Stalinismus musste heruntergespielt oder völlig ignoriert werden. Auf keinen Fall durfte er als gangbare Alternative zu Stalin dargestellt werden.

Um die Jahrhundertwende gesellten sich dann neue politische Ängste zu den historischen Problemen, die es nötig machten, Trotzkis Bedeutung als Alternative zum Stalinismus zu leugnen. Das durch die Auflösung der Sowjetunion ausgelöste Triumphgefühl war gegen Ende des 20. Jahrhunderts bereits am abklingen. Die ökonomischen Erschütterungen, die 1998 mit der Asienkrise begonnen hatten, zeigten allzu deutlich, dass das Ende der UdSSR den Kapitalismus nicht von seinen eigenen, tief verwurzelten Gebrechen geheilt hatte.

Bereits vor dem Zusammenbruch von 2008 hatten sich die Lebensbedingungen breiter Arbeiterschichten im letzten Jahrzehnt des 20. und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ständig verschlimmert. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs stieß der zunehmend ungehemmte Militarismus der imperialistischen herrschende Eliten – der nach den Ereignissen vom 11. September als „Krieg gegen den Terror“ institutionalisiert wurde – auf wachsenden öffentlichen Widerstand. Angesichts offensichtlicher sozialer Spannungen warnten bürgerliche Strategen wie Zbigniew Brzezinski, das schnelle Anwachsen einer Schicht gut ausgebildeter, aber enttäuschter Jugendlicher, die weder Arbeitsplätze und noch wirtschaftliche Sicherheit finden, könnte revolutionäre Konsequenzen haben.

Unter diesen ungewissen Umständen wurden in der Bourgeoisie Erinnerungen an die politische Atmosphäre der 1960er Jahre wach, als die jahrzehntelang unterdrückten Schriften Trotzkis plötzlich zu einer wichtigen Lektüre für radikalisierte Jugendliche wurden. Bestand unter den weit unsicheren ökonomischen Bedingungen des neuen Jahrhunderts, die Arbeiter und Jugendliche nach einer Alternative zum Kapitalismus suchen ließen, nicht erneut die Gefahr, dass Trotzki einer neuen Generation eine theoretische und politische Orientierung geben und sie zum revolutionären Kampf anregen könnte?

Wie viele Bücher Trotzkis, fragten sich die akademischen Hüter bürgerliche Interessen, waren eigentlich noch in Druck? Werke wie die Geschichte der russischen Revolution, die Verratene Revolution, und vor allem Trotzkis fesselnde Autobiografie Mein Leben. Was konnte man tun, um dem revolutionären Inhalt von Trotzkis literarischem Meisterwerk entgegenzutreten?

Das neue Zeitalter des Präventivkriegs brachte eine neue literarische Gattung hervor: die Präventivbiografie! Im Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren wurden drei solche Präventivbiografien über Trotzki veröffentlicht. Die erste Biografie von Professor Ian Thatcher kam 2003 heraus. Die zweite Biografie von Professor Geoffrey Swain erschien 2006.

Ich verfasste eine lange Antwort auf beide Bücher, die 2007 veröffentlicht wurde. Ich entlarvte im Einzelnen die groben Fälschungen, die sich weitgehend auf alte stalinistische Lügen stützten, die die beiden britischen Historiker einzeln weiter verbreiteten. Ich hoffte allerdings vergebens, damit das gegen Trotzki gerichtete Vorhaben des britischen akademischen Establishments zum Schweigen gebracht zu haben. 2009 erschien die Biografie von Robert Service.

Damit sah ich mich gezwungen, einen weiteren Band detailliert zu widerlegen, dessen Ziel die Diskreditierung Trotzkis war. Die Kritik des Service-Buches erschien zusammen mit meiner früheren Analyse der Biografien von Thatcher und Swain sowie zwei weiteren, kürzeren Essays über die zeitgenössische Bedeutung von Trotzkis Werk in einem Band mit dem Titel Verteidigung Leo Trotzkis.

Ich muss hier nicht im Einzelnen auf meine Widerlegung der Werke von Thatcher, Swain und Service eingehen. Die Qualität und Integrität meiner Bemühungen ist durch eine lange Kritik bestätigt worden, die der Historiker Bertrand Patenaude letzten Juli in der American Historical Review veröffentlichte. Bertrand Patenaude hat meine Beschreibung der Service-Biografie als „Machwerk“ voll unterstützt.

Ich begrüße außerdem den Brief an den Suhrkamp Verlag, den 14 angesehene europäische Historiker verfasst haben, die meine Entlarvung des Service-Buches gutheißen und sich gegen die Veröffentlichung einer Ausgabe in deutscher Sprache wenden. Die Tatsache, dass sich 14 herausragende Historiker bemüßigt sahen, gegen die Veröffentlichung des Service-Buches zu protestieren, unterstreicht, dass es sich um ein fürchterliches Werk handelt.

Man hätte denken können, ein Brief von 14 angesehenen Historikern werde Robert Service derart diskreditieren, dass kein ernsthafter Historiker zu seinen Gunsten eingreift. Schließlich lautet der Hauptvorwurf gegen Service‘ Biografie, sie verletzte elementare wissenschaftliche Standards und enthalte zahlreiche faktische Fehler. Service bringe Argumente vor, die dokumentarisch nicht belegt werden könnten. Er unterstelle Trotzki Meinungen und Standpunkte, die dieser nicht vertreten habe oder die sogar direkt dem widersprächen, was Trotzki tatsächlich geschrieben hat.

Die Historiker stimmen auch mit den Einwänden überein, die ich gegen die Behandlung von Trotzkis jüdischer Abstammung erhoben habe. Service tut dies in einer Weise, die dazu neigt, antisemitische Klischees und Verleumdungen zu legitimieren, die oft gegen Trotzki erhoben wurden.

Suhrkamp hat den Historiker nicht geantwortet, die Veröffentlichung von Service‘ Buch aber verschoben und einen „außenstehenden Gutachter“ beauftragt, die Biografie zu überprüfen und die gravierendsten faktischen Fehler zu korrigieren. Auf diese Weise versucht Suhrkamp, sich mit der literarischen Entsprechung einer Schönheitsoperation aus einem verlegerischen Desaster zu retten.

Dass der Verlag dabei vor schwer zu lösenden Problemen steht, zeigt der Werbetext für das Service-Buch auf der Website von Suhrkamp. Er bezieht sich auf den „1879 in der Südukraine als Lew Davidowitsch Bronstein geborenenen…“. Das steht allerdings im Widerspruch zu Service‘ Behauptung, Trotzkis wirklicher Vorname habe Leiba gelautet, und er habe während seiner gesamten Jugend diesen jiddischen Namen getragen.

Auf den ersten 40 Seiten der englischsprachigen Ausgabe der Biografie nennt Service den jungen Trotzki nur „Leiba“. Service behauptet, der junge Bronstein habe erst nach seinem 18. Geburtstag entschieden, den Namen Ljowa anzunehmen, um wie seine Genossen in der revolutionären Bewegung einen russisch klingenden Namen zu haben. Zur Unterstreichung der Bedeutung dieses Namenswechsels schreibt Service: „Semantisch hatte er nichts mit dem jiddischen Namen Leiba zu tun.“

Wie ich bereits ausführlich erklärt habe, ist diese ganze Geschichte eine Erfindung von Service. Trotzkis Vorname lautete Lew, und er war seit frühester Kindheit unter diesem Namen (oder der Koseform Ljowa) bekannt. Die Bezeichnung des jungen Trotzki als Leiba spielt in Service‘ Biografie eine zentrale Rolle. Erstens hebt er dadurch Trotzkis jüdische Identität in einer Weise hervor, wie es auch seine antisemitischen Gegner oft taten. Und zweitens behauptet Service nicht nur, Trotzki versuche mit dem Verbergen seines wirklichen Vornamens seine jüdische Herkunft herunterzuspielen, er zählt es auch zu den bedeutenden Fehlern, die er in Trotzkis Autobiografie entdeckt haben will.

Anscheinend hat der von Suhrkamp beschäftigte Experte Service‘ Irrtum, den jungen Trotzki Leiba zu nennen, korrigiert. In diesem Fall hätten wir es mit einem interessanten literarischen Paradox zu tun. Der Gegenstand von Service‘ Biografie wurde dann in der englischen Ausgabe mit einem Namen geboren und in der deutschen Ausgabe mit einem anderen!

Auf der Website von Suhrkamp heißt es, die Service-Biografie komme im Juli heraus. Aber der Brief der 14 Historiker und die lange Verzögerung bei der Veröffentlichung des Buches hat unter rechten Kreisen und unter antimarxistischen Historikern Alarm ausgelöst.

Die rechtsextreme Zeitung Junge Freiheit hat Service verteidigt und sein Werk gepriesen, weil es jede sympathische Darstellung Trotzkis zurückweist. Die Zeitung lobt die Bemerkung als „flotten Ausspruch“, die Service bei einer Buchvorstellung in London machte. Service hatte gesagt: „Da ihn der Eispickel nicht völlig erledigt hat, wird es hoffentlich mein Buch nun tun.“

Es überrascht nicht, dass Service auf den Seiten der Jungen Freiheit verteidigt wird. Von größerem Interesse sind zwei Artikel zur Unterstützung von Service, die in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen sind. Ihr Autor ist Professor Dr. Ulrich M. Schmid, der an der Universität St. Gallen lehrt und umfassend zu Themen der Geschichte, der Philosophie, der Literatur und der Kultur geschrieben hat. Sein Lebenslauf, veröffentlicht auf der Website der Universität, zählt mehr als 600 Artikel auf – eine erstaunliche Zahl. Seine Essays erscheinen häufig in der NZZ.

Der erste Artikel erschien am 28. Dezember 2011 in der Neuen Zürcher Zeitung. Sein Titel lautet ziemlich erwartungsgemäß: „Keine Alternative zu Stalin“. Eingangs bedauert er, dass Trotzki von der 68er Generation als tragfähige Alternative zu Stalin betrachtet wurde:

„Hätte nach Lenins Tod nicht Stalin, sondern Trotzki die Führung der Sowjetunion übernommen – so lautete die Argumentation –, dann wäre das sozialistische Gesellschaftsexperiment nicht in eine menschenverachtende Diktatur abgeglitten. Viele westliche Sozialisten ließen sich von Trotzkis intellektueller Brillanz blenden und schlossen aus seiner Feindschaft zu Stalin vorschnell auf einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht als das Ideal, das Trotzki bewegt haben mochte.“

Schmid versucht diese positive Sichtweise auf Trotzki zu widerlegen, indem er ihn, dem Vorbild Service‘ folgend, als Monster darstellt, das zu den scheußlichsten Taten fähig sei. Er schreibt: „Bereits zu Beginn seiner Karriere als Kriegskommissar zeigte Trotzki seine ganze Grausamkeit: Er machte sich Offiziere der zaristischen Armee gefügig, indem er ihre Familien in Geiselhaft nahm.“

Wenn man ein derart wütendes Urteil über Trotzkis Vorgehen als militärischer Befehlshaber liest, könnte man glauben, vor Trotzkis Auftritt auf der historischen Bühne seien Bürgerkriege gewaltlose, unblutige Angelegenheiten gewesen, in denen sich die gegnerischen Seiten mit Liebe und Freundlichkeit behandelten. Wir wissen aber alle, dass die Geschichte etwas anderes zeigt. Schmid vermeidet es lieber, Trotzkis Vorgehen in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen, der sein Handeln erklären oder sogar rechtfertigen könnte.

Als Trotzki das sowjetische Regime 1918 bis 1921 gegen die Kräfte der Konterrevolution verteidigte, kannte er die möglichen Konsequenzen einer bolschewistischen Niederlage sehr genau. Er gehörte zu einer Generation von Revolutionären, der die Ereignisse nach der Unterdrückung der Pariser Kommune im Mai 1871 noch in lebendiger Erinnerung waren. In der Woche nach der Niederlage der Kommune schlachtete die siegreiche bürgerliche Nationalgarde zwischen 30.000 und 50.000 Arbeiter ab. Adolph Thiers, der Präsident des bürgerlichen Regimes, sagte über die Kommunarden: „Der Boden ist mit Leichen übersät. Dieser schreckliche Anblick sollte ihnen als Lehre dienen.“

Trotzki brauchte aber noch nicht einmal das Beispiel der Pariser Kommune, um zu wissen, was das bolschewistische Regime und die sowjetische Arbeiterklasse erwartete, falls die Konterrevolution siegen sollte. Die Bolschewiki und die Arbeiter und Bauernmassen erinnerten sich noch sehr gut an das Blutbad, das auf die Niederlage der Revolution von 1905 gefolgt war. Das Zarenregime hatte seine Armee zu Strafexpeditionen in die Städte und Dörfer geschickt, in denen die Bevölkerung die Revolution unterstützt hatte. Zehntausende Menschen wurden von den zaristischen Truppen kaltblütig ermordet, die Städte und Dörfer in denen sie wohnten, zerstört.

Schmid übersieht wie Service auch eine andere, nicht unbedeutende Tatsache: die Oktoberrevolution ereignete sich vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs, der im Sommer 1914 begonnen hatte. Als die Bolschewiki an die Macht kamen, hatten bereits etwa 1,7 Millionen russische Soldaten ihr Leben in einem sinnlosen Blutbad verloren. Millionen weitere starben an den verschiedenen Fronten des Ersten Weltkriegs, eines Konflikts der, in den Worten eines Historikers, „die größte kulturelle Zerstörung und Massentötung in Europa seit dem dreißigjährigen Krieg zur Folge hatte“. Die Gewalt der russischen Revolution war in starkem Maß durch die schrecklichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände bedingt, die durch Russlands Teilnahme am Weltkrieg entstanden waren.

In seinem Buch Die Dynamik der Zerstörung: Kultur und Massentötung im Ersten Weltkrieg, schreibt der Historiker Alan Kramer (der Autor des oben zitierten Satzes): „Zu sagen, die russische Revolution vom Oktober 1917 und der Charakter der Sowjetunion seien stark durch die Kriegserfahrung Russlands beeinflusst worden, wäre eine Untertreibung: es handelte sich um eine siebenjährige Katastrophe von Krieg, politischem Aufstand und Bürgerkrieg, die die gesamte politische Kultur des bolschewistischen Regimes in den folgenden Jahrzehnten prägte.“

Um Trotzki moralisch zu diskreditieren, führt Schmid weitere Beispiele für seine angebliche „Grausamkeit“ an. Er schreibt: „Als seine Einheit der Roten Armee 1918 bei Kasan vor dem Feind zurückwich, ließ er den Kommandeur und seine 40 Mann kurzerhand erschießen und ihre Leichen in die Wolga werfen.“

Es stimmt, dass Trotzki an einem kritischen Moment, als das Schicksal der neu organisierten Roten Armee auf der Kippe stand, die Exekution von Soldaten anordnete, die während der Schlacht desertiert waren. Trotzki ergriff diese extremen Maßnahmen, um die Disziplin aufrechtzuerhalten, und berichtet über den Zwischenfall in seiner Autobiografie. Im Rahmen eines Kriegs war Trotzkis Vorgehen gerechtfertigt. Wie Schmid mit Sicherheit weiß, wurde die Todesstrafe während des Ersten Weltkriegs auch gegen Deserteure in der deutschen, französischen und britischen Armee angewandt.

Weil er sich möglicherweise selbst nicht sicher ist, ob seine Verurteilung Trotzkis wegen der Anwendung der Todesstrafe die angestrebte Wirkung zeigt, fügt Schmid ein merkwürdiges und beunruhigendes Detail hinzu: Trotzki habe angeordnet, die Leichen der hingerichteten Deserteure in die Wolga zu werfen.

Diese Behauptung löst beim Leser Abscheu aus. Trotzki hat nicht nur Deserteure erschossen, sondern ihnen auch ein richtiges Begräbnis verweigert. Er warf die Leichen in den Fluss! Ich habe bisher nie von dieser schauerlichen Einzelheit gehört. Auf welche dokumentarischen Beweise stützt Schmid diese Behauptung? Professor Schmid sollte uns wissen lassen, wo er diesen angeblichen Akt der Inhumanität entdeckt hat.

Schmid führt auch andere bekannte Anschuldigungen gegen Trotzki wegen angeblichen Grausamkeiten an, wie die Unterdrückung des Aufstands von Kronstadt 1921. Auch diese Ereignisse werden ohne Bezug auf und ohne eine ernsthafte Analyse des politischen und historischen Zusammenhangs dargestellt, in dem sie stattfanden. Eine solche Darstellung trägt nichts zum Verständnis der Ereignisse oder der Rolle bei, die Trotzki darin spielte. Ihr einziger Zweck besteht darin, Schmids eigenes, politisch motiviertes antikommunistisches Programm vorzubringen.

Im letzten Absatz seines ersten Artikels beklagt sich Schmid: „Obwohl über Trotzkis diktatorische Neigungen keine Zweifel mehr bestehen können, gibt es immer noch Kommunismus-Nostalgiker, die Trotzki als Opfer einer von Stalin und dem ‚Weltkapital‘ orchestrierten Verschwörung betrachten. Bereits die absurde Annahme einer solchen Allianz macht deutlich, wie weit sich solchen Autoren vom gesunden Menschenverstand entfernt haben.“

Diese angeblich absurde Annahme wird durch die Tatsache belegt, dass Trotzki und seine Anhänger gleichzeitig durch stalinistische, faschistische und bürgerlich demokratische Regierungen verfolgt wurden. Nach seiner Ausweisung aus der UdSSR verweigerten sowohl die britische wie die deutsche Regierung Trotzki ein Visum. Später wurde ihm die Einreise nach Frankreich nur erlaubt, nachdem er starke Einschränkungen seiner politischen Aktivität und seiner Bewegungsfreiheit im Land akzeptiert hatte. Wie bereits erwähnt, inhaftierte die norwegische Regierung Trotzki 1936, um ihn daran zu hindern, die Moskauer Schauprozesse öffentlich zu entlarven.

Die weit verbreitete Unterstützung bürgerlicher Liberaler in Europa und den Vereinigten Staaten für die Moskauer Prozesse war eine Folge des politischen Bündnisses, das sie mit den stalinistischen Parteien geschlossen hatten. Dieses politische Bündnis bildete die Grundlage der „Volksfront“-Bewegungen der 1930er Jahre. Wenn Schmid sich über jene lustig macht, die über ein stalinistisch-imperialistischen Bündnis gegen den Trotzkismus schreiben, verrät er seine eigene Unwissenheit über die politische Dynamik der 1930er Jahre.

In einem zweiten Artikel, den er am 21. Februar 2012 in der NZZ veröffentlichte, anerkennt Schmid, dass meine Kritik an Service‘ Buch durch Professor Bertrand Partenaude von der Stanford University bekräftigt worden ist. Er nimmt auch vom Brief der 14 Historiker Kenntnis und nennt namentlich Helmut Dahmer, Hermann Weber, Bernhard Bayerlein, Heiko Haumann, Mario Kessler, Oskar Negt, Oliver Rathkolb und Peter Steinbach. Schmid weiß mit Sicherheit, dass all diese Historiker geachtete Wissenschaftler sind.

Es musste ihn beunruhigen, dass auch der Name von Professor Heiko Haumann auf der Unterschriftenliste steht, die sich gegen die Veröffentlichung der Service-Biografie richtet. Professor Haumann unterstützte Schmid 1998-99 bei der Vorbereitung seiner Habilitationsschrift, ein Dienst, für den ihm Schmid öffentlich dankte. Jetzt findet sich Schmid in der peinlichen Situation, das Urteil eines seiner Mentoren infrage zu stellen.

Schmid verfolgt bei der Verteidigung des Service-Buches eine merkwürdige Strategie. Er gibt zu, dass sie Fehler enthält, aber er tut die Fehler als unbedeutend ab. Er bezeichnet sie unaufrichtig als „Monita“. Darunter zählt er „falsche Todesdaten, … die ungenaue Beschreibung historischer Ereignisse, … unzuverlässige Fußnoten, … die Verwechslung von Verwandtschaftsverhältnissen, … die Verkürzung von Zitaten, … die selektive Bevorzugung von Memoiren, die Trotzki in einem kritischen Licht zeigen…“

Man kann sich nur wundern, wenn man diese Liste von Service‘ Abweichungen von grundlegenden wissenschaftlichen Standards liest. Jeder einzelne dieser Fehler gälte im Buch eines professionellen Historikers als unangebracht. Wenn sich alle diese Fehler in einem historischen Werk finden, das in den Vereinigten Staaten von Harvard University Press veröffentlicht wurde, ist dies ein riesiger intellektueller Skandal. Ein Akademiker, der ein derartiges Werk produziert, vergibt jedes Recht, als Wissenschaftler ernst genommen zu werden. Ein Verlag, der ein solches Werk veröffentlicht, verletzt seine professionelle und ethische Verantwortung, die Integrität der intellektuellen Auseinandersetzung zu wahren.

Professor Schmid muss sich darüber bewusst sein, wie ernsthaft Service‘ Missachtung akademischer Normen ist. Er selbst schreibt sehr viel und bemüht sich, soweit ich das aus einer kurzen Übersicht über einige seiner Schriften sehen kann, professionelle Standards zu befolgen. Und trotzdem scheint er zu glauben, dass Service die Regeln wissenschaftlicher Arbeit ungestraft verletzen darf.

Schmid will seine Leser glauben machen, die faktischen Fehler in Service‘ Biografie – die so zahlreich sind, dass Suhrkamp einen unabhängigen Experten einstellen musste, um den gesamten Text zu überprüfen – seien kein bedeutendes Problem. Natürlich können sich auch im Werk des gewissenhaftesten Historikers gelegentlich faktische Fehler einschleichen. Aber die Entdeckung zahlreicher faktischer Fehler in einem einzigen Werk ist etwas völlig anderes. Solche Fehler sind ein Beleg dafür, dass der Autor sein Thema nicht beherrscht. Seine Interpretation der Ereignisse verliert dadurch jegliche Glaubwürdigkeit.

Trotz der Aufdeckung all der Fehler in Service‘ Werk besteht Schmid darauf, dass es veröffentlicht werden sollte. Er schreibt: „Die deutsche Übersetzung soll in einer korrigierten Version Anfang Juli 2012 erscheinen – tiefgreifende Eingriffe in die Textgestalt werde es allerdings nicht geben. Die Entscheidung des Verlags ist richtig: Weder North noch Patenaude haben Argumente vorbringen können, die Service‘ grundsätzliche Kritik an Trotzkis revolutionärem Fanatismus und seiner Gewaltbereitschaft entkräften.“

Wie dieser Absatz deutlich macht, verteidigt Schmid Service einzig und allein aufgrund seiner ideologischen und politischen Überzeugungen. Trotz der Irrtümer, Fälschungen und Verletzungen wissenschaftlicher Standards befriedigt Service‘ Buch das einzige Kriterium, das für Schmid wichtig ist: es richtet sich gegen Trotzki und gegen die sozialistische Revolution. Nichts sonst zählt.

Über 70 Jahre nach Trotzkis Ermordung bleibt sein Erbe Gegenstand heftiger Kontroversen. Das Recht, ins Reich der leidenschaftslosen historischen Wissenschaft überzugehen, bleibt Trotzki verwehrt. Er bleibt eine ungeheuer zeitgemäße Figur. Er lebt in der Geschichte nicht nur als Führer der größten Revolution des 20. Jahrhunderts, sondern auch als politische und intellektuelle Inspiration zukünftiger Revolutionen.

Über 20 Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion steckt der Kapitalismus in einer tiefen Krise. Das Ende der Geschichte, dass Francis Fukuyama versprochen hat, ist nicht eingetreten. Gegenwärtig erleben wir die Rückkehr der Geschichte – die Rückkehr wirtschaftlicher Krisen, pausenloser Angriffe auf demokratische Rechte und des Ausbruchs imperialistischer Kriege. In dieser Situation muss die Arbeiterklasse die Geschichte studieren, um die heutige Realität zu verstehen. Die Verteidigung von Trotzkis Erbe gegen historische Fälschungen ist ein wesentlicher Bestandteil der politischen Erziehung der Arbeiterklasse und ihrer Vorbereitung auf die politischen Anforderungen einer neuen Epoche revolutionärer Kämpfe.

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