63. Internationales Berliner Filmfestival

Ein rechtschaffender Mensch: Dolgaya Schastlivaya Zhisn von Boris Chlebnikow

Teil 4

Von Bernd Reinhardt
12. März 2013

Dies ist der vierte Teil einer Artikelserie zum 63. Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013. Teil 1 wurde am 5. März veröffentlicht, Teil 2 am 7. März und Teil 3 am 9. März.

Zu den interessanteren Wettbewerbsfilmen gehörte der russische Film Dolgaya Schastlivaya Zhisn (Langes glückliches Leben) von Boris Chlebnikow. Sein letzter Film, Bis dass die Nacht uns scheidet (2012) war eine Satire über die russische Oberschicht. Im jetzigen Film beschreibt er den ohnmächtigen Kampf eines kleinen Agrarunternehmers in der russischen Provinz gegen die örtlichen korrupten staatlichen Behörden.

Langes glückliches Leben

Sascha (Alexander Jatsenko), etwa 35 Jahre alt, war schon bereit, gegen eine Entschädigung seine Unterschrift unter das staatliche Papier zu setzen, dass er seinen Betrieb aufgebe. Alles sei schon beschlossen, so der Beamte im Bezirksamt. Doch zu Saschas Überraschung wollen die Landarbeiter, denen er nur einen Hungerlohn von 300 Rubel zahlen kann, um ihren Betrieb kämpfen. Es ist unser Land, bricht die Empörung aus ihnen. Zur Zeit der Sowjetunion war hier der Kolchos - ein großes staatliches landwirtschaftliches Unternehmen.

Langes glückliches Leben

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR konnten Sascha und andere "Neubauern" Äcker ohne große Formalitäten pachten und privat bewirtschaften. Sascha ist beliebt, auch im Amt. Seit langem pflegt er eine halb private, halb praktische Beziehung zur schicken Anja (Anna Kotowa), die dort arbeitet, einen schmucken grünen Wagen fährt und ständig mit "wichtigen" Männern zu tun hat.

Sascha ist überzeugt, seinen Betrieb retten zu können, wenn der Bezirk begreift, dass das Unternehmen wichtig für die Region ist. Doch dort zeigt man bei aller Leutseligkeit bestenfalls Verwunderung über seine Sturheit. Es sei längst beschlossen, ein "Prozess" sei ans Ende gekommen. Und über "objektive Prozesse" duldete man schon zu Sowjetzeiten keine Diskussion.

Die alte bürokratische Selbstherrlichkeit vermischt sich inzwischen mit rücksichtslosem Geschäftsgebaren. Korruption gehört zur Normalität. Schon rein äußerlich wirken die Beamten wie Firmenvertreter. Um Druck auszuüben, das erfährt der Zuschauer, lässt sich auch ein Polizist mieten (natürlich wenn er Dienstschluss hat). Oder es brennt plötzlich ein Haus im Ort. Die Botschaft kommt an.

Langes glückliches Leben

Schon zu dem Zeitpunkt dachte mancher, Sascha wolle lediglich den Preis der Abfindung in die Höhe treiben. Als deutlich wird, dass es ihm ernst ist, er den Betrieb wirklich nicht abgeben will, wird es still. Den Provinzbeamten ist sein Verhalten unbegreiflich, so als ob er geistig verwirrt sei. Auch die Landarbeiter, die ihn erst ermutigten, erklären nun, es sei ein Fehler und sie Dummköpfe gewesen.

Woher nimmt Sascha, der den Betrieb zum Anfang loswerden wollte, plötzlich die Kraft zum Weitermachen? Alle haben ihn im Stich gelassen - auch Anja.

In dem berühmten amerikanischen Western Zwölf Uhr mittags der dem Film als Vorbild diente, sagt der einsame Held, Sherriff Kane, in ähnlicher Situation knapp "Ich muss es tun" und weiß dabei das Gesetz auf seiner Seite. Sascha fehlt dieser moralische und juristische Rückhalt. Doch auch er "muss es tun", wenn er sich selbst treu bleiben will - gegen das Gesetz. Während einer rasanten Autofahrt bergab, in der die Kamera starr auf ihn gerichtet ist, schwellen die Fahrgeräusche an, werden beängstigend laut, Ausdruck seiner Wut und Verzweiflung.

Dolgaya Schastlivaya Zhisn ist ein Film über einen Mann der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion heranwuchs, sich als Teil eines Aufbruchs wähnte und plötzlich merkt, dass er damit überhaupt nicht gemeint war. Als Urheber des sogenannten "Prozesses" erweist sich zu guter Letzt jemand, den Sascha lange Zeit für einen Freund gehalten hat. Ausgerechnet er ist der ominöse Investor, der überall das staatliche Land aufkauft und die Bauern vertreibt. Für Sascha bricht eine Welt zusammen. Am Ende tötet Sascha die drei Beamten, als sie ihn zwingen wollen, das Papier zu unterschreiben.

Heute Bauer zu sein, lohne nicht mehr, so der Regisseur gegenüber dem Online-Magazin russland-heute. Es sei besser etwas zu kaufen und wieder zu verkaufen, als etwas zu erzeugen. Er habe einen sozial engagierten Film machen wollen über die Situation eines einfachen Menschen, der trotz allen guten Willens zum Verbrecher wird.

Eingebettet ist die ganze Geschichte in die mächtige Landschaft des russischen Nordens. Saschas kleine Hütte liegt direkt an einem Fluss. Er rauscht monoton, manchmal gefährlich. Die letzte Einstellung lässt das Wasser bläulich neblig erscheinen. Dann zieht sich die Kamera langsam zurück. Einzelne Wellen werden sichtbar, es werden immer mehr. Ist es ein Symbol für einen möglichen Wandel? Als sie das Dorf erfasst, wirken die grauen Holzhäuser, als stünden sie ewig hier. Die archaische Landschaft umschließt das Dorf. Stillstand. Nur der Fluss - der Zeit - rauscht ewig.

Gleichzeitig zeigt der Film aber, dass unter der Oberfläche scheinbarer Lethargie sich etwas bewegen kann, etwas plötzlich hervorbricht. Es wird der armen Landbevölkerung immer bewusster, dass die Marktwirtschaft ihre Lage nur verschlechtert hat und dass die Auflösung der sowjetischen staatlichen Betriebe für sie ein wirklicher Verlust war. Widerstand und Opposition beginnen unter gesellschaftlichen Schichten zu sprießen, die lange als feste Pfeiler der Herrschenden erschienen.

Wird fortgesetzt