Zweiter Akt im Fall Gurlitt: Weitere Kunstwerke in Salzburg entdeckt

Von Verena Nees
2. April 2014

Die Affäre um Cornelius Gurlitt, Sohn des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, nimmt eine neue Wendung. Anlass ist die Entdeckung von 238 weiteren Bildern, die in Gurlitts Salzburger Haus versteckt waren und hauptsächlich impressionistische Meisterwerke umfassen.

Laut Pressemitteilung von Gurlitts Anwälten befinden sich im neuen Fund u.a. Ölgemälde und Aquarelle u.a. von Monet, Corot, Renoir, Manet, Courbet, Pissaro, Gauguin, Toulouse-Lautrec, Liebermann, Cézanne und Nolde, Zeichnungen von Pablo Picasso und Edvard Munch sowie Silbergefäße, Holzschnitte, Keramikschalen und Bronze-, Marmor- und Eisenkunstwerke von Auguste Rodin. Es handelt sich offenbar um den wertvolleren Teil der Sammlung, die der 81-jährige Gurlitt seit dem Tod seines Vaters versteckt gehalten hat. In seiner Münchner Wohnung waren Anfang 2012 rund 1.400 Kunstwerke gefunden worden, die größtenteils der NS-Raubkunst zugeordnet werden.

Während jene Kunstsammlung dank einer Zollkontrolle und anschließenden Steuerfahndung zufällig ans Licht kam und erst im letzten Herbst durch einen Bericht des Magazins Focus bekannt wurde, hat dieses Mal Cornelius Gurlitt selbst die Initiative ergriffen und am 10., 24. und 28. Februar eine Begehung seines Hauses im Salzburger Villenviertel Aigen durch sein Anwaltsteam veranlasst. Dabei förderten die Anwälte, nach eigenen Angaben „überraschend“, zuerst 60 und danach weitere 178 Bilder zutage, die von nicht namentlich genannten Kunsthistorikerinnen inventarisiert und an einen unbekannten Ort verbracht wurden.

Die Aktion fand ohne Beteiligung der österreichischen Justizbehörden statt, wie der Sprecher der Salzburger Staatsanwaltschaft Marcus Neher bestätigte. Auch die Polizei, die Zoll- und Finanzbehörden Österreichs seien nicht involviert gewesen. Ebenso wenig informiert wurde die von der Bundesregierung eingesetzte Berliner Taskforce, die seit letztem Jahr die Provenienz der in München gefundenen Werke erforscht.

Auf der offiziellen Gurlitt-Website heißt es dazu, die Bilder und Kunstwerke sollten „vor Einbruch und Diebstahl geschützt werden“. Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger erklärte, man wolle diese Exponate von „unabhängigen“ Experten hinsichtlich eines etwaigen Raubkunstverdachts prüfen lassen. „Nach vorläufiger Einschätzung auf Basis einer ersten Sichtung“ habe sich jedoch „ein solcher Verdacht nicht erhärtet.“

Die Aussage ist mehr als zweifelhaft. Zur Erinnerung: Gurlitts Vater Hildebrand gehörte zu den vier von Hitler und Goebbels auserwählten Kunsthändlern, die mit dem Verkauf der 1937 in deutschen Museen als „entartete Kunst“ beschlagnahmten Werke ins Ausland betraut wurden, um Devisen hereinzuholen. Im Krieg spielte Hildebrand eine wichtige Rolle in den besetzten Gebieten Frankreichs, Belgiens und Hollands. Er arbeitete mit dem berüchtigten Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) zusammen und beteiligte sich am Kunstraub für das geplante Führermuseum in Linz und für die private Kunstsammlung Hermann Görings.

Nach 1945 durchlief Hildebrand Gurlitt unbeschadet ein Entnazifizierungsverfahren und war bald wieder erfolgreicher und anerkannter Kunsthändler. Nach seinem Tod 1956 erhielt seine Familie die umfangreiche Sammlung, die er aus NS-Kunstraub und Beschlagnahmeaktionen zusammengerafft hatte und konnte davon gut leben. So war es wahrscheinlich die Tochter Benita Renate, die im Herbst 2007 im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach August Mackes „Frau mit Papagei in einer Landschaft“ für den Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro versteigern ließ.

Der Fund in München hatte im letzten Herbst international und in Deutschland heftige Diskussionen ausgelöst. Nach Protesten gegen die fast zweijährige Geheimhaltung des Kunstfunds durch die Staatsanwaltschaft wurden die Bilder, wenn auch nur zum Teil, inzwischen im Internet veröffentlicht und erste Verfahren zur Rückgabe an Nachfahren beraubter jüdischer Familien und Sammler eingeleitet.

Doch seit Anfang des Jahres drehte sich der Wind. Der 81-jährige Gurlitt, in den Medien als „traumatisierter“ alter Mann stilisiert, der die Welt nicht mehr verstehe und nur in Frieden mit seinen Bildern leben wolle, wurde mit einem hochkarätigen Beraterteam versehen, das offensiv seine Besitzansprüche vertritt. Bereits im Dezember stellte ihm das Gericht mit Rechtsanwalt Christoph Edel einen Betreuer zur Seite, der in diesem Jahr drei weitere Anwälte und Sprecher Stephan Holzinger in sein Team holte.

Seitdem gelten sie als Anlaufstelle für Rückgabeforderungen, organisieren Pressekonferenzen und propagieren auf der Website www.gurlitt.info die Sichtweise Gurlitts. In der neuesten Pressemitteilung vom 26. März zu den in Salzburg „sichergestellten“ Bildern wird behauptet, ihr Mandant Gurlitt wolle raubkunstverdächtigte Bilder an jüdische Besitzer zurückgeben. Man wolle dazu renommierte internationale Experten der Provenienzforschung gewinnen, aber dies in „eigener Initiative“ tun. Die seit Monaten aktive staatliche Taskforce in Berlin wird nicht erwähnt.

Konkret solle bereits in der kommenden Woche eine Vereinbarung mit den Nachfahren des jüdischen Kunstsammlers Paul Rosenberg, Marianne Rosenberg und Anne Sinclair, über die Rückgabe des Bildes „Sitzende Frau“ von Henri Matisse geschlossen werden. Aber, so heißt es abschließend: „Wir wollen jedoch erneut betonen, dass nur wenige Prozent der Sammlung Cornelius Gurlitt unserer Rechtsauffassung nach unter Raubkunstverdacht stehen.”

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Holzinger auf der Pressekonferenz am 26. März bekanntgab, dem führenden Anwalt des Teams, Dr. Hannes Hartung, Kunstraub-Experte und Gründer der Themis-Kanzlei, sei kurzfristig das Mandat entzogen worden. Eine Begründung dafür gab er nicht.

Hannes Hartung hatte nach der Salzburger Aktion fünf Gemälde zur Veröffentlichung freigegeben und erklärt, nach seiner eigenen Überprüfung seien diese Werke nicht „verfolgungsbedingt entzogen“ worden. Dabei handelt es sich um Bilder von Renoir („Mann mit Pfeife“), Courbet (Porträt Jean Journet), Monet („Waterloo-Bridge“), Manet („Marine, Temps d'orage“) und Liebermann („Badeszene“).

Stefan Koldehoff, Verfasser des Buchs „Die Bilder sind unter uns - das Geschäft mit der NS-Raubkunst“ (2009), bezweifelt die Aussage von Hartung in der FAZ vom 12. Februar zumindest im Hinblick auf das Monet-Bild. Er verweist auf eine Ausstellung im Jahr 1954, die vom Essener Folkwang-Museum in der Villa Hügel, dem Stammsitz der Familie Krupp, veranstaltet wurde.

Sie zeigte für damalige Verhältnisse überraschend viele französische impressionistische Meisterwerke, darunter bis zu 36 Werke aus dem Besitz von Hildebrand Gurlitt, der seit 1948 den Kunstverein in Düsseldorf leitete. Die Nummer 70 im Essener Katalog könnte das nun gefundene Bild von Monet „Waterloo-Bridge“ sein. Auch weitere Bilder jener Essener Ausstellung könnten zum Salzburger Fund gehören, wie Gauguins „Landschaft mit Kühen“ von 1886.

Hartungs schnelle Bewertung der Salzburger Bildersammlung wirft Fragen auf. Woher nimmt er das Wissen, dass die genannten fünf Werke nicht abgepresst oder geraubt wurden? Die Raubkunstregister im Internet, die er persönlich geprüft haben will, sind bekanntermaßen lückenhaft. Weiß er mehr, ist er tiefer in Gurlitts Angelegenheiten verwickelt als bisher bekannt und musste deshalb gehen?

Zumindest könnte man darüber spekulieren: Denn Hannes Hartung ist auch an anderer Stelle mit Gurlitts Vermächtnis befasst. Er vertritt seit vielen Jahren die Stadt München gegen Jen Lissitzky, Sohn des russischen Künstlers El Lissitzky und seiner Frau Sophie Küppers, der das Bild „Sumpflegende“ von Paul Klee zurückfordert. Bevor es München 1982 für das Lenbachhaus ersteigert hatte, befand sich das Bild als private Leihgabe in Provinizialmuseum Hannover, wurde von den Nazis 1937 als „entartete Kunst“ beschlagnahmt und 1941 an Hildebrand Gurlitt zum Weiterverkauf gegeben. 1962 tauchte es im Kölner Auktionshaus Lempertz auf, demselben Auktionshaus, das 2011 den „Löwenbändiger“ von Max Beckmann aus der Gurlitt-Sammlung versteigert hat. („Die Bilder sind unter uns“, S. 85f).

Anwalt Hartung erklärt dazu auf seiner Website, es handele sich nicht „um sogenannte Raubkunst, die in den Schrecken des Holocaust von einem jüdischen Eigentümer konfisziert wurde. ‚Entartete Kunst‘ wird heutzutage überall und unbestritten gehandelt.“ Hartung kann sich darauf stützen, dass das Nazi-Gesetz „über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ nach 1945 nicht annulliert wurde und alte NS-Seilschaften nicht nur in der Justiz, sondern auch im Kulturbetrieb weiter existierten, die diesen Handel befördert haben.

Die Nacht- und Nebelaktion in Salzburg zeigt, dass es auf diesem Gebiet noch viele Leichen im Keller gibt. Sowohl die Augsburger Staatsanwaltschaft als auch Gurlitts Anwälte bemühen sich, die wahren Beziehungen des Kunsthandels und seiner Akteure zur braunen Vergangenheit zu vertuschen.

Nur ein kleines Team von Journalisten der Süddeutschen Zeitung, des WDR und NDR konnte bisher in Begleitung von Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger den geheimen Lagerort und einige der Bilder aus dem Salzburger Haus sehen. Die SZ beschreibt diesen Besuch am 27. März 2014 unter dem Titel „Gefangene der Geschichte“ im Tatort-Stil: Die Bilder lägen in einem Betonraum wie Leichen auf den Tischen, bedeckt mit weißen Tüchern und mit „Spinnweben und Staub an den Rahmen“, darunter zwei Bilder „bäuchlings“, weil sie laut Holzinger „kontaminiert“ seien. Da niemand anderes bisher die Bilder sehen konnte, bleiben sowohl Herkunft als auch genaue Zahl der Salzburger Kunstwerke im Dunkeln.

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