Deutsche Autohersteller ziehen sich aus Russland zurück

Von Jan Peters
4. April 2015

Vor einem Jahr galt Russland bei deutschen Autoherstellern noch als Absatzmarkt mit viel Zukunft. VW-Chef Martin Winterkorn erklärte Ende November 2013 stellvertretend für alle Konzerne: „Russland ist für den Volkswagen-Konzern der strategische Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa.“ Bis Ende 2018 wollte er weitere 1,2 Milliarden Euro in Russland investieren.

Das Gegenteil tritt jetzt ein. Durch die im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Russland ist der Wert der russischen Währung, des Rubels, stark gesunken. Die Kosten von Einfuhren erhöhen sich stark, davon ist auch die russische Automobilindustrie betroffen. Die Kombination aus Lohnsenkungen und Preissteigerungen lässt den Absatz von Neuwagen stark zurückgehen. Dies zeichnete sich bereits im letzten Jahr ab.

Nach Angaben des europäischen Wirtschaftsverbandes AEB sind die Verkäufe in Russland im Februar um knapp 38 Prozent eingebrochen. Der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) geht davon aus, dass im gesamten Jahr in Russland weniger als 1,5 Millionen Autos verkauft werden. Im Jahr zuvor waren es noch knapp 2,5 Millionen gewesen.

Allein der Absatz des Volkswagen-Konzerns in Russland ist im vergangenen Jahr um zwölf Prozent gefallen. Der Autobauer will die Produktion nun im russischen Kaluga-Werk drosseln und dort Personal abbauen, berichtete der Norddeutsche Rundfunk. Auch sollen die auslaufenden Verträge von rund 150 Zeitarbeitern im VW-Werk in Kaluga nicht verlängert werden.

Opel hatte kurz zuvor bereits den vollständigen Rückzug aus Russland angekündigt. Die General-Motors-Tochter wird die Produktion in St. Petersburg zur Mitte dieses Jahres einstellen. Die dort nur noch rund 1000 Beschäftigten sollen Abfindungsangebote erhalten. Von der Schließung sind auch 300 Beschäftigte in der Zentrale in Moskau betroffen. Ferner wird die Auftragsfertigung von Chevrolet-Fahrzeugen beim russischen Autobauer GAZ dieses Jahr beendet. Opel rechnet durch seinen Rückzug mit zusätzlichen Kosten von rund 550 Millionen Euro.

Bereits im September letzten Jahres wurde als Reaktion auf die Sanktionen die Produktion zurückgefahren. Von den damals noch knapp 2000 Beschäftigten in St. Petersburg sollte ein Viertel der Arbeiter das Werk gegen Abfindungen verlassen.

Opel plante, in diesem Jahr rund 80.000 Autos in Russland zu verkaufen. Im Februar brachte die Marke jedoch gerade einmal 912 Autos an den Käufer, das entspricht einem Minus von fast 90 Prozent.

Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann sagte dem Handelsblatt: „Wir sind zu der Einschätzung gekommen, dass die Perspektiven für den russischen Markt nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig nicht gut sind.“ Als Gründe nannte er die hohen Absatzeinbußen, den Verfall des russischen Rubels und den geringen Lokalisierungsgrad der Marke. Zwar produziert Opel fast alle Autos, die in Russland verkauft werden, im Land. Doch dies hilft nur wenig, wenn zwei Drittel der Teile importiert werden müssen. Das erhöht wegen des Rubel-Verfalls die Produktionskosten. Daher hatte Opel in den vergangenen Monaten mit jedem verkauften Wagen Verlust gemacht.

Experten gehen davon aus, dass der Rückzug von Opel aus Russland der Beginn einer regelrechten Abwanderungswelle internationaler Autohersteller werden könnte. Sie sind nicht der Meinung, dass sich der russische Automarkt angesichts der Ukraine-Krise, des Rubel-Verfalls und kaum ausgelasteter Fabriken in naher Zukunft wieder erholt. So hatte auch die spanische VW-Tochter Seat bereits im letzten November angekündigt, den Verkauf in Russland Anfang dieses Jahres einzustellen.

Bernd Hones von der staatseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Germany Trade & Invest“ sagte: „Der russische Automarkt befindet sich im freien Fall. Die Automobilunternehmen müssen sich darauf einstellen, dass es in den nächsten zwei Jahren hier nicht besser wird.“

Der Leiter vom Center of Automotive Management Stefan Bratzel schätzt, dass schon bald weitere Autobauer Opel folgen werden, etwa Peugeot und Ford. „Ich kann mir vorstellen, dass Ford sehr genau hinschaut, wie lange man das Spiel noch mitmachen will.“

Ferdinand Dudenhöfer, Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen, schreibt in einer Studie, wegen der Auswirkungen der Russland-Sanktionen würden die Verkaufsausfälle in Russland bis 2017 zu einem Umsatzverlust von mehr als 15 Milliarden Euro und Gewinneinbußen von über 600 Millionen Euro führen. Laut Dudenhöfer ist dies eine eher konservative Schätzung. Weiterhin könne man davon ausgehen, dass jeder Arbeitsplatz, der aufgrund der Sanktionspolitik gegen Russland wegfalle, nie mehr nach Deutschland zurückkomme.

Nachdem die Sanktionen auch immer mehr die deutsche Wirtschaft treffen, hat der Vorsitzende des „Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft“ Eckhard Cordes vor ihren Folgen gewarnt. „Wenn man davon ausgeht, dass in Deutschland rund 300.000 Arbeitsplätze allein von Exportgeschäften mit russischen Partnern abhängen, so könnte ein dauerhafter 20-prozentiger Rückgang im schlimmsten Fall zum Verlust von 60.000 Arbeitsplätzen führen.“ Davon wären vor allem der Maschinenbau und die Automobilindustrie betroffen.

Nach den neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes sind die Ausfuhren nach Russland im Januar gegenüber dem Vorjahr um über 35 Prozent eingebrochen. Im Januar dieses Jahres summierten sich die Ausfuhren auf knapp 1,44 Milliarden Euro, im Vorjahresmonat waren es fast eine Milliarde Euro mehr gewesen. Einen stärkeren Rückgang hatte es zuletzt im Oktober 2009 gegeben, als die weltweite Finanzkrise die Ausfuhren drosselte, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Auch die Einfuhren seien im Januar um gut ein Drittel auf knapp 2,5 Milliarden Euro eingebrochen.

Nach Einschätzung des schwedischen Ökonomen Anders Åslund befindet sich die gesamte Wirtschaft von Russland „in freiem Fall“. Die Prognosen des russischen Wirtschaftsministeriums und der Zentralbank, die in diesem Jahr von einem Schrumpfen der Wirtschaft zwischen drei und sechs Prozent ausgehen, hält er für zu optimistisch.

Åslunds Prognose geht davon aus, dass sich das Bruttosozialprodukt in diesem Jahr voraussichtlich um 10 Prozent verringern wird, berichtete das „Ostinstitut Wismar“ in einer Analyse der Wirtschaftslage in Russland. Das Institut für „Recht, Wirtschaft und Handel im Ostseeraum e.V.“ oder „Ostinstitut Wismar“ war 2009 vom ehemaligen SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Universitätsprofessoren und Vertretern der europäischen Wirtschaft in Russland gegründet worden. Es versucht, die wirtschaftlichen Interessen Europas, hier vor allem Deutschlands, in Russland zu fördern.

Wie man jetzt feststellen kann, zahlt sowohl in Russland als auch in der Europäischen Union die Arbeiterklasse für die Sanktionspolitik gegen Russland.