Der Kampf der Auto- und Stahlarbeiter in den USA

Von Dietmar Henning
19. September 2015

Unter den Auto- und Stahlarbeitern der USA entwickelt sich eine massive Opposition gegen die rechte Politik der Gewerkschaften. Diese betätigen sich als Geschäftspartner der Konzerne. Sie haben nichts mehr mit Arbeiterorganisationen zu tun und leiten selbst die nächste Runde gewaltiger Angriffe auf Löhne, Sozialversicherungen und Arbeitsbedingungen ein.

Gleichzeitig gewinnt die Socialist Equality Party (SEP) an Unterstützung, die als einzige gegen die Verschwörung der Gewerkschaften mit den Unternehmen und der Regierung unter Barack Obama auftritt. Die SEP ruft die Arbeiter zu einem gemeinsamen und unabhängigem Kampf gegen diese Verschwörung und das gesamte kapitalistische System auf.

Arbeiter des Lastwagenwerks Warren von Fiat-Chrysler in Detroit

Bislang galt es in den USA als ungeschriebenes Gesetz, dass kein Arbeiter ohne gültigen Tarifvertrag arbeitet. Das Auslaufen eines Tarifvertrags hatte fast automatisch den Streik der betroffenen Arbeiter zur Folge. Dies gilt nun nicht mehr.

Bereits am 1. September forderte die Stahlarbeiter-Gewerkschaft United Steelworkers (USW) 30.000 Arbeiter bei ArcelorMittal und US Steel auf, ohne Tarifvertrag weiterzuarbeiten, obwohl das Unternehmen eine deutliche Erhöhung der Eigenbeteiligung an den Gesundheitskosten und die Abschaffung der Renteneinzahlung für neu eingestellte Arbeiter fordert.

Die Entscheidung der USW isolierte gleichzeitig die 2.200 Stahlarbeiter, die damals schon seit über zwei Wochen von dem Unternehmen Allegheny Technology Inc. in Pittsburgh ausgesperrt wurden – und dies bis heute sind. Das Unternehmen setzt Streikbrecher ein und greift Streikposten der Arbeiter an. Einer von ihnen musste sogar ins Krankenhaus gebracht werden.

Zwei Wochen später, am 15. September, liefen dann die Verträge der 141.000 Autoarbeiter bei den drei großen Autoherstellern General Motors, Ford und Fiat-Chrysler aus. Obwohl sich die Arbeiter bei GM zu 97 Prozent und bei Fiat-Chrysler zu 98 Prozent für Streiks ausgesprochen hatten, lehnte die Gewerkschaft UAW (United Auto Workers) es ab, auch nur Warnstreiks zu organisieren. Wie die USW rief sie die Autoarbeiter auf, weiterzuarbeiten. Als Autoarbeiter von Fiat Chrysler in Detroit in der Nacht zum Dienstag, dem 15. September, in Streik treten wollten, drohten ihnen die lokalen Gewerkschaftsfunktionäre und zwangen sie, zur Arbeit zurückzukehren.

Auch in anderen Branchen haben die Gewerkschaften hunderttausende von Arbeitern dazu gezwungen, nach dem Ablauf ihrer Tarifverträge weiterzuarbeiten, darunter 300.000 Beschäftigte des US Postal Service, 60.000 Beschäftigte der Telefongesellschaften Verizon und AT&T, 38.000 staatliche Beschäftigte in Illinois und zehntausende von Lehrern in Chicago, Pittsburgh, Detroit und anderen Städten.

Die UAW suchte sich ausgerechnet Fiat-Chrysler für ihre Verhandlungen aus, in denen ein Pilotabschluss für die gesamte Auto-Branche vereinbart werden soll. Mit 37.000 Beschäftigten ist der Konzern der kleinste der drei großen Autohersteller. Obwohl Fiat-Chrysler hoch profitabel produziert, übersteigen seine Schulden immer noch die Gewinne. Es ist abzusehen, dass den Autoarbeitern ein Deal aufgezwungen wird, der den Lebensstandard massiv senkt.

Fiat Chrysler ist außerdem der Konzern mit dem höchsten Anteil von Arbeitern im Zweiklassen-Lohnsystem. Dieses „Two-tier wage system“ hatte die UAW dort erstmals 2007 akzeptiert. 2009 wurde es dann vom US-Präsidenten auf die gesamte Autobranche ausgedehnt.

Bei Fiat Chrysler verdienen heute 45 Prozent der Arbeiter, die nach 2007 eingestellt wurden, zwischen 13 und 17 Euro in der Stunde (15 bis 19 Dollar), während die älteren Arbeiter auf rund 25 Euro (über 28 Dollar) kommen. Die Reallöhne vieler Arbeiter liegen unter denen ihrer Urgroßväter, die in den 30er Jahren für Henry Fords „fünf Dollar am Tag“ gearbeitet hatten.

Über die Verhandlungen zwischen Fiat Chrysler und der UAW hat die Gewerkschaft bis Anfang der Woche kein Sterbenswörtchen verlauten lassen. UAW-Vize-Präsidentin Cindy Estrada hatte kurz vor Auslaufen der Verträge in einer Email an die 51.000 GM-Arbeiter unmissverständlich erklärt, die UAW werde den Arbeitern nichts über die Verhandlungen berichten.

UAW-Präsident Dennis Williams und Fiat-Chrysler-Boss Sergio Marchionne auf der gemeinsamen Pressekonferenz

Am Dienstag traten dann UAW-Präsident Dennis Williams und Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne zusammen auf einer Pressekonferenz im gemeinsamen Schulungszentrum auf (UAW-Fiat Chrysler Joint Training Center). Sie berichteten gut gelaunt von einem Verhandlungsergebnis. Den Vertrag – wenn es denn überhaupt schon einen gibt – stellten sie aber nicht vor. Die Aussagen der beiden Bosse, die sich blendend verstehen, lassen aber erahnen, welche Angriffe auf die Autoarbeiter zukommen: Lohnsenkungen, reduzierte Gesundheitsleistungen und Arbeitsplatzabbau.

So soll die Kluft zwischen den Löhnen älterer Arbeiter (tier one) und jüngerer Arbeiter (tier two) reduziert werden, indem die Löhne innerhalb von acht Jahren (!) auf 22 Euro (25 Dollar) zusammengeführt werden. Gleichzeitig hat die UAW angedeutet, eine dritte Stufe mit noch niedrigeren Löhnen einzurichten.

UAW-Chef Williams betonte auch, er und Marchionne wollten einen Weg finden, „um gegen die eskalierenden Kosten der Gesundheitsversorgung“ anzugehen. Die UAW hat vorgeschlagen, den Milliarden-schweren VEBA-Gesundheitsfonds (Voluntary Employees’ Beneficiary Association), den sie bereits 2007 von den Autoherstellern übernommen hatte, auszuweiten.

Bislang ist der Fonds für Rentner und Pensionäre zuständig, nun soll er auf die Arbeiter ausgedehnt werden. Das Ergebnis wäre eine weitere Kostenersparnis für die Konzerne, die weniger in den Fonds einzahlen müssten, während die UAW weitere Milliarden für den Fonds erhielte, der den Gewerkschaftsfunktionären ein hohes Einkommen garantiert. Diese übernehmen dann die Aufgabe, den Arbeitern die Gesundheitsleistungen zusammenzustreichen, wie sie das bereits bei den Rentnern getan haben.

Schließlich hat die UAW angekündigt, Fiat-Chrysler bei einer Fusion mit GM zu unterstützen. Dies würde einen erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie nach sich ziehen.

Wachsende Unterstützung für die SEP

Unter Arbeitern entwickeln sich massive Unzufriedenheit, wachsende Wut und die ersten Stadien einer politischen Radikalisierung. In dieser Situation fallen die täglichen Reportagen, Berichte, Analysen und Kommentare der World Socialist Web Site auf fruchtbaren Boden.

Amerikanische Autoarbeiter haben zu Hunderten den Newsletter Autoarbeiter Info abonniert, posten WSWS-Artikel in sozialen Netzwerken, äußern ihren Hass auf die UAW-Bürokratie und ihre Bereitschaft, für die Vereinigung der Arbeiterklasse zu kämpfen.

In Kommentaren auf der WSWS haben Autoarbeiter erklärt, die täglichen Berichte und Analysen öffneten ihnen die Augen. Sie freuten sich, dass „endlich jemand die Wahrheit sagt“ und „die Fakten aufdeckt“. Auf der WSWS kommen täglich die Arbeiter selbst zu Wort. Sie berichten über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, ihre Haltung zu den Gewerkschaften und zur Politik der SEP.

Chris, ein obdachloser Two-tier-Arbeiter bei Chrysler lebt in einem Motel gegenüber seiner Fabrik. In einer Videoreportage erklärte er der WSWS, die Gewerkschaft mache das Gegenteil von dem, „wofür unsere Väter und Großväter gekämpft haben“. Achtzig Jahre nach ihrer Gründung würden die Gewerkschaften heute für die eigenen Profitinteressen und die der Konzerne arbeiten – gegen die Arbeiter.

Jim, ein pensionierter GM-Arbeiter aus Dayton in Ohio, sagte: „Niemand vertraut der Gewerkschaft, alle wissen, dass sie für das Unternehmen sind. Die UAW ist keine Arbeiterorganisation, sondern durch den VEBA-Fonds eine Investment-Gesellschaft. Wenn die Gewerkschaft die Krankenversicherung übernimmt, werden wir gegen die UAW kämpfen.“

Die junge Arbeiterin Mary-Ann berichtete von den Diskussionen zwischen alten und jungen Arbeitern. Die Alten forderten die Jungen auf zu kämpfen. „Die Arbeiter schaffen den Reichtum“, sagt sie, „aber wir sind nicht reich. Die Milliarden, die wir machen, werden nicht in die Fabriken investiert. Sie verfallen und werden geschlossen.“ Die Auto- und die Stahlarbeitergewerkschaft seien „gegen uns“. „Die Gewerkschaften vereinen nicht die Arbeiter, Arbeiter müssen sich selbst vereinen.“

Ein GM-Arbeiter aus Wentzville in Missouri sagte der WSWSüber die anhaltenden Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen: „Das ist Kapitalismus – und der ist global. Wir können hier nicht rumsitzen und zulassen, dass sie [die UAW] Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausspielt, anstatt uns international zu vereinen. Das macht alles verdammt keinen Sinn.“

Die UAW reagiert auf die wachsende Unterstützung, die die SEP unter Arbeitern gewinnt, äußerst nervös. Am Donnerstag verbreitete ihr Vize-Präsident bei Ford, Jimmy Settles, über Twitter eine Warnung an die Autoarbeiter, die sich direkt gegen die WSWS richtete – ohne sie beim Namen zu nennen. Settles twitterte, die Arbeiter sollten nichts auf „Gerüchte“ geben. Sie sollten vorsichtig sein, welches Material sie entgegennähmen und weiterverteilten. Es sei extrem wichtig, dass „wir“ uns nicht von Gerüchten und Desinformationen leiten ließen.

Die UAW weiß sehr gut, dass die Arbeiter sie ablehnen. Der Kampf der SEP, ihre Feindschaft zu einer bewussten sozialistischen Alternative zu entwickeln, zeigt erste Früchte. In einem Perspektiv-Artikel vom 4. September schrieb der für Arbeiterkämpfe verantwortliche Redakteur Jerry White:

„Die jahrzehntelange Unterdrückung des Klassenkampfes hat nur dafür gesorgt, dass er explosionsartig ausbrechen wird, wenn es soweit ist. Vor achtzig Jahren äußerte sich der Ausbruch des Klassenkampfes in einer Rebellion gegen die AFL-Gewerkschaften. Heute wird er sich gegen die UAW, die USW und die anderen arbeiterfeindlichen Organisationen richten, die sich unverfroren zu Werkzeugen des Großkapitals und der Regierung machen.

Die Aufgabe der Arbeiterklasse ist es nicht, diese seit langem toten Institutionen wiederzubeleben, sondern neue Organisationen aufzubauen, um die Arbeiterklasse in einem ökonomischen und politischen Kampf gegen die herrschende Klasse und das kapitalistische System zu vereinen.“

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