Opel Bochum: Ein Jahr nach der Schließung kaum neue Arbeitsplätze

Von Dietmar Henning
11. Dezember 2015

Vor einem Jahr lief in Bochum der letzte Opel vom Band. Das Werk ist heute eine Ruine und für die meisten Opelaner ist kein neuer Job in Sicht. Von den zuletzt 3300 Arbeitern sitzen 2500 in einer Transfergesellschaft fest. Von dem Versprechen auf Ersatzarbeitsplätze, das die Gewerkschaft IG Metall, der Betriebsrat und die Konzernspitze bei der Schließung gegeben hatten, ist, wie zu erwarten war, nichts übrig geblieben.

Rund 200 Opel-Arbeiter wechselten in andere Werke und 265 in das Ersatzteillager (Werk III), das vor zehn Jahren zunächst an Caterpillar und dann an Neovia ausgegliedert worden war. Am 1. Januar 2016 kommt die nun 700-köpfige Belegschaft des Ersatzteillagers wieder unter das Dach von Opel, genauer in die Tochter „Opel Group Warehousing GmbH“. Im ehemaligen Getriebewerk (Werk II) in Langendreer soll dazu für 60 Millionen Euro ein neues Warenverteilzentrum entstehen.

Während diese 700 Arbeiter nach dem IG-Metall-Tarif entlohnt werden, droht ihren ehemaligen Kollegen, die jetzt in der Transfergesellschaft festsitzen, die Arbeitslosigkeit oder ein Billiglohnjob.

Transfergesellschaften werden von den Gewerkschaften seit den 80er Jahren eingesetzt, um Widerstand gegen Massenentlassungen mit billigen Versprechen auf Ersatzarbeitsplätze zu verhindern. Während sich die Betreibergesellschaften daran eine goldene Nase verdienen, sind sie für die Arbeiter Verschiebebahnhöfe in die Arbeitslosigkeit.

Bei Opel Bochum wechselten vor einem Jahr gut 2600 Arbeiter in die von der TÜV Nord Bildung GmbH betriebene zweijährige Transfergesellschaft. Etwa 750 von ihnen, die über 55 Jahre alt sind, befinden sich in einem Vorruhestandsprogramm. Sie überbrücken ihre Zeit zunächst mit der Transfergesellschaft und anschließend mit dem Bezug von Arbeitslosengeld, bis sie in die Frührente eintreten. Dabei müssen sie pro Jahr vorzeitigen Eintritts eine gesetzliche Rentenkürzung von 3,6 Prozent hinnehmen.

Auf diese Weise ist auch der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel im April in die Transfergesellschaft gewechselt. Er ist jetzt 61 und hat vor, 2017 in Rente zu gehen. Anders als die meisten Arbeiter dürfte er aber gut abgesichert sein.

Laut der zuständigen IG-Metall-Bevollmächtigten Eva Kerkemeier sind von den 2600 Opelanern bislang nur 102 aus der Transfergesellschaft ausgestiegen, weil sie einen neuen Job gefunden haben. Einige hätten sich zu Lokführern umschulen lassen, andere seien zu Berufs- und Werksfeuerwehren gewechselt oder hätten eine Anstellung als Hausmeister bei großen Wohnungsunternehmen gefunden.

Der Geschäftsführer der TÜV Nord Bildung, Hermann Oecking, erklärte in einem Forum ehemaliger Opel-Arbeiter, er könne an dieser Entwicklung „nichts Niederschmetterndes finden“. „Wenn ich Mitarbeitern die Möglichkeit einräume, sich für eine berufliche Neuorientierung zwei Jahre Zeit zu lassen, dann muss ich doch damit rechnen, dass sie dieses Angebot auch in Anspruch nehmen“, schrieb er.

In welche Jobs die 2500 Ex-Opelaner im kommenden Jahr wechseln sollen, ist allerdings schleierhaft, denn die in Aussicht gestellte Neuansiedlung von Unternehmen auf dem ehemaligen Opel-Gelände stockt.

Warten auf den Abriss - Werkshalle von Opel

Für die Vermarktung des Opel-Geländes war vor etwa einem halben Jahr die Entwicklungsgesellschaft „Bochum Perspektive 2022“ gebildet worden, an der die Stadt mit 51 und Opel mit 49 Prozent beteiligt sind. Deren Chef Rolf Heyer kann bislang noch keine Ergfolge vorweisen. Die Abrissarbeiten sind unterbrochen, weil eine im Ausschreibungsverfahren unterlegene Firma vor Gericht durchsetzen will, dass sie doch noch berücksichtigt wird. Die nächste Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf steht erst im März an. Beginnt dann der Abriss, wird es noch einmal 15 Monate dauern, bis sich neue Unternehmen ansiedeln können.

Inzwischen ist die Entwicklungsgesellschaft damit beschäftigt, Bergbauschäden zu beheben. Das Opel-Werk hatte 1962 auf einem ehemaligen Zechengelände eröffnet, auf dem seit 1742 Kohle gefördert worden war. Für die ehemaligen Kumpel, die in den kurz zuvor geschlossenen Zechen gearbeitet hatten, waren die Ersatzarbeitsplätze bei Opel vor 53 Jahren attraktiv. Bei den heute versprochenen Ersatzarbeitsplätzen ist dagegen, falls sie überhaupt kommen, nichts derartiges zu erwarten. Auf dem 68 Hektar großen ehemaligen Werksgelände entstehen voraussichtlich fast ausschließlich schlecht bezahlte Jobs in der Logistikbranche.

Das einzige „Großprojekt“, das sich laut Aussage Heyers in der „finalen Phase“ befindet, ist die Ansiedlung eines neuen Paketzentrums der Deutsche Post DHL. Der Konzern will auf 14 Hektar 500, später „bis zu 600 Menschen“ beschäftigen. Man darf annehmen, dass viele dieser Arbeitsplätze Leiharbeitsplätze sein werden. Weitere Logistik-Unternehmen sollen Interesse am Standort angemeldet haben.

Andere Unternehmen, die sich eine Ansiedlung auf dem ehemaligen Opelgelände vorstellen können, bieten ebenfalls keinen Ersatz für die verlorengegangenen Industriearbeitsplätze. Die Ruhr-Universität Bochum will forschungsnahe Betriebe unterstützen.

Altes Werkstor

Die Schließung Opels ist eine weitere Stufe der Deindustrialisierung des Ruhrgebiets, des einst größten Industriegebiets Europas. Mit einer Arbeitslosenquote von aktuell 9,5 Prozent steht Bochum in der Region noch relativ gut da. Doch hier wie in den anderen Ruhrgebietsstädten befinden sich die Arbeitslosen in einem Teufelskreis. Viele gut bezahlte Arbeitsplätze in Produktion und Verarbeitung werden abgebaut und durch Niedriglohnjobs ersetzt.

Nach den Zechen und Stahlwerken in den 1960er und 70er Jahren starben die Brauereien. Inzwischen trifft es auch die restlichen Produktionsstätten. In den 1980er Jahren hatte Opel in Bochum noch über 20.000 Männer und Frauen beschäftigt.

2008 wurde das Bochumer Nokia-Werk abgewickelt. Auch hier hatte die IGM für die 2300 Beschäftigten eine Transfergesellschaft vereinbart. Rund 2000 Leiharbeiter und Beschäftigte von Zulieferern gingen völlig leer aus.

Laut IG Metall sind in der Region allein in den letzten fünf Jahren mehr als 10.000 Arbeitsplätze, vorwiegend in der Industrie, verloren gegangen. Schon haben weitere Unternehmen, darunter Autozulieferer, angekündigt, massiv Arbeitsplätze abzubauen.

Inzwischen gibt es im Ruhrgebiet fast nur noch Arbeitsplätze mit niedrigen Löhnen und knochenharter Arbeit. Das führt dazu, dass ältere und geringer qualifizierte Arbeitslose in Hartz IV abrutschen. So sind von den derzeit rund 17.900 Arbeitslosen in Bochum fast 9000 über 50 Jahre alt, fast 8000 gelten als langzeitarbeitslos. Die 2500 größtenteils über 50-jährigen Opelaner in der Transfergesellschaft sind da noch nicht mit eingerechnet. Auch sie fürchten, dass sie sich bald bei den Arbeitslosen einreihen müssen und nach einem Jahr in Hartz IV abrutschen.

Ein Brief des Opel-Konzerns an alle aktuellen und ehemaligen Opel-Beschäftigten stieß in Bochum daher auf Wut und Unverständnis. Der Brief beginnt mit den Worten: „Ein ereignisreiches und zugleich erfolgreiches Jahr neigt sich dem Ende“, und bietet ihnen ein Fahrzeug zu besonderen Konditionen an. Die wenigsten werden sich in Zukunft ein Neufahrzeug leisten können. Ein „erfolgreiches neues Jahr 2016“ erwartet keiner.

Die Schließung von Opel Bochum nach 52 Jahren Produktion war das Ergebnis einer Verschwörung der Gewerkschaft IG Metall, des Betriebsrats und der Konzernspitze gegen die Arbeiter.

Als der Mutterkonzern General Motors im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 in die Insolvenz ging, sollte Opel verkauft werden. Als GM von diesen Plänen wieder Abstand nahm, boten sich die IG Metall und ihre Betriebsräte an, gewaltige Kürzungen durchzusetzen, um den Aktienbesitzern wieder hohe Profitmargen zu garantieren.

2010 vereinbarten sie Lohnkürzungen von jährlich 265 Millionen Euro. Nur zwei Jahre später stellte der damalige IGM-Chef Berthold Huber gemeinsam mit dem Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schäfer-Klug den so genannten „Deutschlandplan“ vor, ein gewerkschaftseigenes Sanierungskonzept zur „Stärkung der Marke Opel“.

Wenig später stellte sich heraus, dass zu dieser „Stärkung“ auch die Schließung des Bochumer Werks gehörte. IG Metall und Betriebsrat isolierten die Beschäftigten des Bochumer Werks und setzten sie unter Druck, verhinderten Kampfmaßnahmen und ermöglichten am Schluss die Schließung.