Die Gier der VW-Oligarchen

Von Dietmar Henning
16. April 2016

Der Streit um die Millionen-Boni für die superreiche Vorstandselite bei Volkswagen zeigt exemplarisch, wie die Führung des Autokonzerns auf den Abgasbetrug und die damit verbunden massiven Verluste und zu erwartenden Strafzahlungen reagiert: Nicht der Vorstand und die Kapitaleigner, sondern die Beschäftigten und ihre Familien sollen für die Krise bezahlen.

Dieselbe kriminelle Energie mit der der Abgasbetrug begangen und Millionen Käufer getäuscht wurden, richtet sich jetzt gegen die Beschäftigten. Um ihre Profite und Millionen-Einkommen zu verteidigen, bereiten sie massive Sparprogramme, Arbeitsplatzabbau und Rationalisierungsmaßnahmen vor.

Hinter der aggressiven Verteidigung der Vorstandseinkommen in Millionenhöhe, von denen die Boni nur einen kleinen Teil ausmachen, steht die Entschlossenheit einer herrschenden Klasse, ihre Profite und Privilegien unter allen Umständen zu verteidigen.

Ein Blick auf die Fakten ist aufschlussreich:

Martin Winterkorn stand seit 2007 an der VW-Spitze. Während dieser Zeit wurden die Vorstandseinkommen systematisch erhöht. 2014 erhielt er als Vorstandsvorsitzender 16 Millionen Euro. Das sind 1,3 Mio. im Monat. Später wurde bekannt, dass er bereits im Frühjahr 2014 über die Manipulation der Diesel-Abgaswerte informiert worden sei. In Medienberichten hieß es, ein entsprechender Vermerk an den damaligen Konzernchef sei aufgetaucht.

Im September letzten Jahres trat Winterkorn als VW-Chef zurück, verlangte aber die Erfüllung seines Vertrages, der bis Ende 2016 läuft. Bis dahin bezieht der Ex-VW-Chef, der für die größte Krise der Unternehmensgeschichte verantwortlich ist, weiterhin sein Gehalt plus Sonderzahlungen. Da sich letztere unter anderem aus den Ergebnissen der Vorjahre zusammensetzen, kommt Winterkorn laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf eine Summe von mehreren Millionen Euro. Dazu kommen Rentenansprüche im Umfang von 28 Millionen Euro.

Ein anderes Beispiel für die Bereicherungsorgie im VW-Vorstand ist Ex-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch.

Unter der Überschrift „Der 10-Millionen-Mann“ schrieb das Handelsblatt vor wenigen Tagen: „Die VW-Dieselaffäre hat viele Verlierer – und einen Gewinner: Hans Dieter Pötsch. Der Ex-Finanzvorstand wurde für den Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats fürstlich belohnt.“ Um den lukrativen Posten des Finanzchefs – Jahreseinkommen 2014 rund 7 Millionen Euro – zu verlassen und den Vorsitz des Aufsichtsrats – Jahressalär zuletzt „nur“ 1,5 Millionen – zu übernehmen, verlangte und erhielt Pötsch eine Abfindung. In der Presse ist die Rede von bis zu 10 Millionen Euro „Sonderbonus“.

Bisher haben die IG Metall-Funktionäre und Betriebsräte im Aufsichtsrat die Million-Boni immer abgenickt. Doch nun befürchten sie, dass die hemmungslose Bereicherung der Konzernspitze die Wut der Arbeiter anstachelt und dass die bereits weitgehend ausgearbeiteten drastischen Sparmaßnahmen für die Beschäftigen auf Widerstand stoßen.

Händeringend fordert daher Betriebsratschef Bernd Osterloh, die Vorstandsmitglieder sollten wenigstens einen symbolischen Beitrag leisten und die Reduzierung eines Teils der Boni medienwirksam ankündigen. Osterloh stellt sich hinter den amtierenden Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller, der schon vor Monaten erklärt hatte, alle müssten „den Gürtel enger schnallen“, auch der Vorstand.

Alle – Aufsichtsrat, Vorstand, IG Metall und Betriebsrat – sind sich einig, dass als Folge des VW-Abgasskandals und dem erhöhten Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt massenhaft Arbeitsplätze abgebaut und die Arbeitsbedingungen der verbleibenden Arbeiter verschlechtert werden müssen.

Klar ist schon jetzt, dass für die Beschäftigen die bisherigen Sonderzahlungen gestrichen werden. Osterloh und Müller haben abgemacht, dass es für 2015 nur noch eine „Anerkennungsprämie“ geben wird. Wie hoch diese ausfällt, stehe noch nicht fest.

Doch die geplanten Sparmaßnahmen gehen viel weiter. Die Abgas-Krise soll genutzt werden, um speziell bei der Kernmarke VW das schon vor zwei Jahren gesetzte Ziel einer deutlichen Renditeerhöhung zu erreichen. Dazu war der ehemalige BMW-Manager Herbert Diess im Juli vergangenen Jahres in den VW-Vorstand geholt worden, wo er die Verantwortung für die Kernmarke von Winterkorn übernahm. Diess, der als eiskalter Sanierer gilt, war maßgeblich von Osterloh „eingekauft“ worden.

In einem Handelsblatt-Interview schwärmte Osterloh damals über seinen neuen Mann. „Er wirkt sehr sachlich und entscheidungsfreudig. Ich bin sehr davon angetan, wie er bestimmte Dinge einschätzt. Bei den Themen Komplexität, Einhalten von Prozessen und Kostenbewusstsein haben wir viele Gemeinsamkeiten festgestellt. Er sieht viele Dinge wie der Betriebsrat.“

Als im Januar das Manager Magazin von weit mehr als 10.000 gefährdeten Jobs berichtete, protestierte Osterloh nicht. Diess forderte laut dem Wirtschaftsmagazin für das laufende Jahr eine Produktivitätssteigerung um 10 Prozent in allen Bereichen, in der Produktion genauso wie in Verwaltung, Entwicklung oder Vertrieb.

Diess und Osterloh haben inzwischen dafür gesorgt, dass über 1000 Leiharbeiter ihren Job verloren haben, die Produktion der VW-Nobelkarosse Phaeton eingestellt wurde und in der Verwaltung in Deutschland bis Ende 2017 mehr als jede zehnte Stelle verloren geht, 3000 bis 4000 Arbeitsplätze.

Anfang März hatte Volkswagen angekündigt, die Verträge von 250 Leiharbeitern in seinem Werk in Emden nicht zu verlängern. Am 12. April berichtete die Ostfriesen-Zeitung, dass auch die Jobs von 300 Werkvertragsarbeitern gestrichen werden sollen.

Am 21. März berichtete das Handelsblatt auf der Grundlage der Aussagen eines VW-Managers, es könnten sogar zwei VW-Standorte geschlossen werden, einer davon in Niedersachsen.

Ungeachtet aller Medienberichte über wachsende Konflikte zwischen Diess und Osterloh, arbeiten beide eng zusammen. Der Betriebsrat verlangt aber, dass sich die Restrukturierung und das kommende Sparprogramm an seinen Vorstellungen orientiert. Der Gesamtbetriebsrat hatte dem Vorstand bereits im Oktober 2014 ein eigenes Sparprogramm vorgelegt. In diesem 400-Seiten-Papier unterbreitete er Vorschläge zur Einsparung von fünf Milliarden Euro allein bei der Kernmarke VW.

Wenn Betriebsrat und IGM nun verlangen, die Manager sollten auf ein paar Millionen verzichten, reagieren sie vor allem auf die wachsende Wut vieler Arbeiter. Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Denn die Kumpanei und korrupte Zusammenarbeit zwischen IG Metall, Betriebsrat und Konzernleitung ist bestens bekannt. Als vor knapp zwei Jahren bekannt wurde, dass VW-Chef Winterkorn der bestverdienende Manager Deutschlands ist, sagte Osterloh: „Herr Winterkorn ist jeden Cent wert.“

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