Schweres Erdbeben in Italien

Von Marianne Arens
25. August 2016

Das Erdbeben dauerte nur zwanzig Sekunden, doch zerstörte es eine ganze Region. In der Nacht zum 24. August wurden in Norditalien mindestens zweihundert Menschen getötet; hunderte werden noch vermisst, tausende sind verletzt und mehrere Zehntausend Menschen sind ohne Obdach.

In ganz Norditalien und auch in der Hauptstadt Rom war das Erdbeben der Stärke 6,2 zu spüren. Sein Epizentrum hatte es in der Bergregion, in der Latium, Abruzzen, Marken und Umbrien aneinandergrenzen. Bis Mittwochmittag folgten acht Nachbeben in dem etwa hundert Kilometer langen Gebietsstreifen an der Westflanke der Abruzzen.

Die Erdbebenregion im Süden von Perugia reicht nordöstlich bis nach Ascoli und südwestlich bis fast nach Rieti. In diesem Bereich sind in sämtlichen Ortschaften zahlreiche Häuser, Kirchen, Straßen, Brücken und Befestigungen zerstört. Die Opferzahlen könnten noch weit höher liegen als bisher angegeben, denn viele Bergdörfer sind so abgelegen, dass sie auf den zerstörten Straßen mit schwerem Gerät nur schlecht erreichbar sind.

Der gewaltige Erdstoß hat die Menschen kurz nach halb vier Uhr am Mittwochmorgen im Schlaf überrascht. In den frühen Morgenstunden bietet sich in den Dörfern und Städten ein Bild des Grauens: Ganze Familien sind unter den Trümmern begraben, ganze Stadtkerne ausgelöscht. Der Bürgermeister von Accumoli konstatiert am Mittag: „Kein einziges Haus ist mehr bewohnbar. Wir benötigen eine Zeltstadt für die ganze Bevölkerung.“ Ähnlich äußert sich der Bürgermeister von Amatrice: „Die Hälfte unseres Ortes gibt‘s nicht mehr. Die Menschen sind unter den Trümmern begraben.“

Die Innenstadt von Amatrice ist komplett zerstört, die Kirchenuhr ist um 03:36 Uhr stehengeblieben. Das Krankenhaus ist beschädigt. Unter offenem Himmel improvisieren Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern alles Notwendige, von der Notfallambulanz bis zur Krankenstation. Am Stadtrand werden Schwerverletzte an der Straße aufgebahrt. Stundenlang warten sie in der Hitze darauf, dass Ambulanzen sie abholen. Die Bevölkerung Italiens wird aufgerufen, Blut zu spenden. Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend.

In Accumoli ist praktisch kein Haus mehr bewohnbar. Überall Berge von Bauschutt, bizarr versetzt mit Hausgeräten, verbogenen Wasserleitungen, Autowracks, Balken und Dachziegeln. Dazwischen grotesk abgebrochene Mauerstücke und Gebäude. Hier bemühen sich die Helfer, mit bloßen Händen Überlebende auszugraben, die sich durch Schreie und halberstickte Hilferufe bemerkbar machen. Die Sanitätswagen kommen nicht durch, die Geborgenen werden auf Tragen über die Trümmerwüste gehoben und von Mann zu Mann weitergereicht. Defekte Strom-, Gas-und Wasserleitungen erschweren und gefährden die Rettungsarbeit.

Die Behörden fordern die Menschen auf, im Freien zu bleiben und die Häuser nicht mehr zu betreten. Aber für die Evakuierten gibt es kaum sichere Notquartiere. Ein Sprecher des Nationalen Zivilschutzes sagt am Mittag im Fernsehen, die Hilfsoperationen seien viel zu spät, erst mehrere Stunden nach dem Erdbeben, angelaufen. Immer noch fehle es an allem und jedem: zu wenige Ambulanzfahrzeuge, Helikopter und Notfallzentren stünden bereit. Trotz Hunderter spontaner Freiwilliger fehle es an ausgerüsteten Rettungsmannschaften mit Suchhunden und -geräten.

Dabei kommt das Erdbeben keineswegs überraschend.

Immer wieder ist Italien von Erdbeben betroffen, und oft mit schlimmen Auswirkungen. Der Grund ist die Nahtstelle zwischen zwei Kontinentalplatten, die hier längs des Apennin verläuft. Das Aufeinandertreffen erzeugt Spannungen, die sich immer wieder in verheerenden Beben entladen. Die Erdstöße der letzten Jahre, vor allem das katastrophale Beben von L’Aquila im Jahr 2009 mit über dreihundert Toten, haben die unverminderte Gefahr deutlich gemacht.

Vieles erinnert jetzt an das Beben von 2009 in L’Aquila. Dort hatte der Erdstoß eine Stärke von 6,3 und forderte 309 Menschenleben, darunter viele Kinder und Jugendliche. 67.000 Menschen wurden obdachlos.

Damals forderten tausende Wissenschaftler auf der ganzen Welt die Regierung Italiens in einem Offenen Brief dazu auf, die Erdbebenprävention drastisch zu verbessern. Dies ist bis auf den heutigen Tag nicht ernsthaft umgesetzt worden. Stattdessen wurden ein Jahr nach dem Beben von L’Aquila sechs Seismologen zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie die Bevölkerung nicht über das bevorstehende Beben gewarnt hätten.

Die Geophysiker wiesen damals auf die vorhandenen Erdbebenkarten und Richtlinien für erdbebensicheres Bauen hin, die den italienischen Behörden natürlich vorliegen. Auf dem Papier gibt es dementsprechend strenge Bauvorschriften, die für alle Neubauten in den seismischen Risikogebieten gelten. Aber in der Praxis sieht die Sache anders aus.

Natürlich gibt es in dieser Region auch viele alte, historische Gebäude, die den Richtlinien nicht entsprechen können. Wenn jedoch, wie heute geschehen, auch viele neuere Gebäude einstürzen und Krankenhäuser, Schulen, Stadtverwaltungen beschädigt werden, dann ist dies ein klarer Hinweis auf Pfusch am Bau und den Einsatz minderwertiger Baumaterialien. Die Privatwirtschaft und die nach wie vor blühende Korruption verhindern, dass die Prävention effektiv umgesetzt wird.

Auch ist der nationale Zivilschutz völlig unzureichend ausgerüstet. Während die Regierung Milliarden für Kriegsvorbereitungen gegen Libyen ausgibt, hat sie kein Geld für Rettungseinheiten, Notfallstationen und andere notwendige Vorkehrungen.

Vor sieben Jahren, beim Beben in L’Aquila, wurde schon klar, dass gerade die Gebäude, die erst im letzten halben Jahrhundert, seit den 1970er Jahren, entstanden waren, in keiner Weise den Vorgaben des Erdbebenschutzes entsprachen. Sie waren mit zu wenig Stahl im Beton und zu schlechtem Zement errichtet worden. Daran hat sich seit der Katastrophe von L’Aquila bis heute nichts Wesentliches geändert.

Zudem leben am Stadtrand von L’Aquila auch heute noch über achttausend Entwurzelte in den so genannten „New Towns“. Die provisorischen Holzunterkünfte, die nach dem Erdbeben von 2009 rasch hochgezogen wurden, sind mittlerweile selbst schon so baufällig, dass man eigentlich nicht mehr darin wohnen kann.