„Philosophie und Politik in Zeiten von Krieg und Revolution“

IYSSE wirbt für Veranstaltung mit David North

Von Marianne Arens
15. Oktober 2016

Am 13. Oktober strömten mehrere tausend Studienanfänger ins Hörsaalzentrum des neuen Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität. Bei der Erstsemester-Begrüßungsveranstaltung „Unistart“ trafen sie neben den üblichen, stark kommerzialisierten Messeständen auch auf einen politischen Infostand der IYSSE, des Hochschul- und Jugendverbands der Vierten Internationale.

Hörsaalzentrum am Theodor-W-Adorno-Platz

„Philosophie und Politik in Zeiten von Krieg und Revolution“, steht hier auf den Plakaten, und Unterstützer der IYSSE (International Youth and Students for Social Equality) verteilen Flyer zur marxistischen Kritik an der Frankfurter Schule. Am 22. Oktober wird David North, Chefredakteur der World Socialist Web Site, in diesem Hörsaalgebäude sein Buch „Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken“ vorstellen.

Hinter dem Tisch steht Philipp Frisch und erläutert das Anliegen der IYSSE: „Die Gefahr eines dritten Weltkriegs wird immer deutlicher sichtbar“, sagt er. „Der Krieg ist nur zu stoppen, wenn es gelingt, die Arbeiterklasse weltweit zu mobilisieren.“ Wie er erklärt, ist die Arbeiterklasse aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess die einzige Kraft, die den Kapitalismus, die Ursache von Krieg und Diktatur, durch eine soziale Revolution überwinden kann.

Genau deshalb verteidige die IYSSE den Marxismus gegen die Frankfurter Schule, fährt Philipp fort. Die führenden Vertreter der Frankfurter Schule, Horkheimer und Adorno, hätten schon vor achtzig Jahren Theorien entwickelt, die letztendlich gegen die Arbeiterklasse und gegen jede revolutionäre Perspektive gerichtet waren. „Vertreter der Postmoderne treiben den Irrationalismus noch weiter und leugnen jede objektive geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung“, so Philipp. Heute dienten diese Theorien zur Rechtfertigung von Staatsaufrüstung und Kriegspolitik.

Zahlreiche Erstsemester-Studierende stellen Fragen und beteiligen sich interessiert an den Gesprächen am Stand. Die meisten teilen die Sorge vor einem neuen großen Krieg. Sie lassen erkennen, dass sie über die Nachrichten von Aufrüstung und Wirtschaftskrise beunruhigt sind und nach objektiven und zusammenhängenden Informationen suchen. Damit wächst auch das Interesse an den philosophischen und erkenntnistheoretischen Fragen, die damit verbunden sind.

Jelena

Die Kombination „Philosophie und Politik“ auf dem Plakat spreche sie unmittelbar an, erklärt Jelena. Sie hat gerade von Ingenieurswissenschaften auf Soziologie und Philosophie umgesattelt. Sie sagt: „Ich muss mir einfach das Wissen aneignen, das ich für ein Verständnis der gesellschaftlichen Fragen benötige.“ Sie betont, ihrer Auffassung nach „läuft die Politik bei uns ganz und gar in die falsche Richtung. Deshalb möchte ich in der Lage sein, mich besser zu orientieren, um gesellschaftlich aktiv zu werden. Wie wir alle sehen können, gibt es zurzeit viel zu viele Kriege. Und Millionen von Menschen werden vertrieben. Es gibt jetzt 65 Millionen Flüchtlinge – das ist einfach viel zu viel.“

Außerdem würden die Flüchtlinge benutzt, um Rassismus und Nationalismus zu schüren, fährt Jelena fort. „Dabei sind wir doch alle Menschen, und ich finde, wir alle haben das Recht zu leben. Es gibt auf der Welt genug Ressourcen und Geld für alle. Wir müssen erreichen, dass es in unserer Gesellschaft fair zugeht.“

„Der Krieg stellt uns vor eine schwierige Situation“, sagt Mohamed, der gerade sein erstes Semester Islamwissenschaften beginnt. Er betont: „Das Allererste ist einmal, dass man Terror nicht mit Krieg bekämpfen kann.“ Als ein Vertreter der IYSSE einwendet, dass die USA und auch Deutschland die „Terrorgefahr“ nur vorschieben, um ihre wirklichen imperialistischen Ziele zu verbergen, sagt er: „Es ist schwer, hinter die Kulissen zu schauen. Es ist klar, dass der Kapitalismus und die Waffenindustrie ihren Anteil daran haben.“

Dann berichtet er, dass er selbst die kapitalistische Krise spüre und hart kämpfen müsse, um über die Runden zu kommen. „Jedes Wochenende arbeite ich als Taxifahrer in Nachtschicht“, sagt Mohamed. „Ich bin verheiratet und wir erwarten jetzt Nachwuchs, da brauche ich das Geld. Aber leicht ist es nicht.“ Zuletzt sagt er: „Die wichtigste Veränderung wäre, wenn die Politik der Gesellschaft dienen würde, und nicht nur den egoistischen privaten Interessen. Wenn die Menschen sich in diesem Staat nicht wiederfinden können, dann kann man es nicht Demokratie nennen.“

Marius

Für Marius ist die Perspektive, die Arbeiterklasse der ganzen Welt gemeinsam gegen Krieg zu mobilisieren, neu und interessant. Wie er sagt, ist er sehr beunruhigt über die Entwicklung im Nahen Osten, wo jetzt Bundeswehr-Soldaten auch in den AWACS-Aufklärungsflugzeugen der Nato mitfliegen, um den Luftraum in Syrien zu überwachen.

Dieser Deal beinhalte „unkalkulierbare Risiken“, das sei schon jetzt abzusehen. „Es wird immer kritischer“, sagt Marius. „Hier in Deutschland waren wir bisher in der komfortablen Position, dass die Kriege weit weg waren.“ Er sei ziemlich entsetzt gewesen, als er verstanden habe, dass die Bundeswehr tatsächlich wieder weltweit eingesetzt werde, sagt er und fügt hinzu: „Für mich ist jeder Soldat, der fällt, einer zu viel.“ Auch die Kriegszerstörungen seien entsetzlich.

An dieser Stelle weist David, ein älterer Studierender, darauf hin, dass auch die EU für kriegerische Auseinandersetzungen rüste und auf eine Militärunion zutreibe. Er nennt das eine „beängstigende Entwicklung“ und sagt, mit dieser Frage befasse er sich in seinem Studium. Er kenne auch Trotzkis Position ein wenig und sei der Meinung, „dass dieser in vielerlei Hinsicht Recht hatte“.

David sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa das Ziel sein sollen, dann muss man sich schon fragen, ob die EU ein Schritt in diese Richtung ist, oder ob sie nicht vielmehr das Hindernis dafür ist. Die EU und die Art und Weise, wie sie von Anfang an konzipiert war, stärkt heute den Nationalismus und bringt reaktionäre Kräfte hervor.“ Das sei insbesondere aus den Erfahrungen mit der Syriza-Regierung in Griechenland deutlich geworden, fährt David fort. „In der EU wird immer stärker eine autoritäre Politik durchgesetzt.“

Max (links) mit Freund Felix

Max ist gerade dabei, ein Philosophiestudium aufzunehmen, und interessiert sich sehr für die Veranstaltung über „Philosophie und Politik in Zeiten von Krieg und Revolution“. Nach seiner Meinung über die Kriegsgefahr gefragt, antwortet Max: „Ich informiere mich schon über Medien und Nachrichten, aber dieser Krieg in Syrien ist für mich undurchsichtig. Ich kann mir kein klares Bild über die Situation machen. Klar ist nur, dass da nichts Gutes herauskommen kann.“

Man bekomme den Eindruck, dass die Großmächte aufeinanderprallen, ohne dass eine Alternative dazu zu sehen sei. „Ich stelle mir schon die Frage, wie könnte man dagegen vorgehen?“ fährt Max fort. „Für mich ist das alles wie eine dicke Betonwand. Krieg – eine solche Extremsituation, das ist die Perversion der Konfliktführung. Wie soll man gegen so etwas Aggressives, Irrationales mit vernunftgesteuertem Handeln vorgehen?“

Ein IYSSE-Mitglid entgegnet ihm, dass sich die Irrationalität des Kriegs aus einem irrationalen Gesellschaftssystem, dem Kapitalismus entwickle. Die tiefe Krise des Kapitalismus führe wie im 20. Jahrhundert zu Massenarmut und Krieg. Nur eine internationale Bewegung der Arbeiterklasse mit einer sozialistischen Perspektive könne eine erneute Katastrophe verhindern.

Deshalb sei es wichtig, sich mit den Konzeptionen der Frankfurter Schule und der Postmoderne auseinanderzusetzen. „Diese Theorien dienen immer direkter dazu, Krieg und soziale Ungleichheit zu rechtfertigen und Arbeiter für ihr Los selbst verantwortlich zu machen“, sagt der IYSSE-Vertreter.

Adornos Schreibtisch

Das zu verstehen sei gerade an der Universität Frankfurt wichtig, wo man auf Schritt und Tritt auf die Erinnerung an die Koryphäen der Frankfurter Schule stößt: Das zentrale Hörsaalgebäude befindet sich am Theodor-W-Adorno-Platz, das Seminargebäude an der Max-Horkheimer-Straße. Dazwischen steht auf einer Wiese in einem Glaskubus Adornos Schreibtisch. Darunter, eingraviert in die Marmorplatten des Fußbodens, das zutiefst pessimistische Zitat: „Die Wahrheit ist nicht zu scheiden von dem Wahn, dass aus den Figuren des Scheins einmal doch, scheinlos, die Rettung hervortrete.“

Heutiger Erbverwalter der Frankfurter Schule ist Professor Axel Honneth, Leiter des Instituts für Sozialforschung und Mitglied am „Exzellenzcluster zur Herausbildung Normativer Ordnungen“. Dieser „Cluster“ dominiert an der Frankfurter Uni fast die gesamten Geisteswissenschaften. Zu dem neuesten Buch Axel Honneths, „Die Idee des Sozialismus“, hat die Hochschulgruppe der International Youth and Students for Social Equality ihren Standpunkt in vier Thesen dargelegt. Honneth fordert darin einen „Sozialismus“ ohne soziale Massenbewegung und ohne die Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Er ignoriert auch die über 200-jährige Geschichte des Sozialismus und schweigt sich sogar über die Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzki aus.

Ein weiteres führendes Mitglied des „Exzellenzclusters“ ist der Politikwissenschaftler Gunther Hellmann. Sein Beispiel zeigt, wie eng die Universität in die außen- und sicherheitspolitische Wende der Bundesregierung verstrickt ist. Hellmann hat vor drei Jahren die Goethe-Universität an dem Projekt „Neue Macht. Neue Verantwortung“ vertreten. Er hat das Buch „Früher, entschiedener, substanzieller“? zur Sicherheitskonferenz 2015 herausgegeben, zu dem Außenminister Frank-Walter-Steinmeier das Vorwort schrieb. Auch am neuen Weißbuch der Bundeswehr hat Hellmann mitgearbeitet. In der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte lobt Hellmann ausdrücklich, dass das Weißbuch Deutschland als „aktive Gestaltungsmacht“ auffasse.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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