Goodyear-Reifenwerk Philippsburg: Schließung angeblich „alternativlos“

Von Marianne Arens
10. November 2016

Am Abend des 8. November war die Stadthalle Philippsburg gut gefüllt. Goodyear-Arbeiter und ihre Angehörigen füllten die Ränge, während Vertreter des Goodyear-Managements und des Betriebsrats rechts und links vom Bürgermeister Platz nahmen. Viel Prominenz war geladen: Neben zahlreichen Bürgermeistern der Nachbarorte und Lokalpolitikern von SPD bis AfD saßen Betriebsratsmitglieder und Vertreter der Gewerkschaft IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) in den ersten Reihen.

Goodyear-Arbeiter und ihre Angehörige füllten die Stadthalle

Bürgermeister Stefan Martus (parteilos, ex- CDU) eröffnete die Versammlung mit der strengen Aufforderung, Ruhe zu bewahren, da er andernfalls von seinem „Hausrecht Gebrauch machen“ werde.

Damit begann eine über zweistündige Versammlung, in der Vertreter des Managements einerseits und Betriebsräte und Gemeindepolitiker andererseits sich die Bälle zuspielten. Während die Manager die Europastrategie des Goodyear-Konzerns anführten und die Schließung als „einzig sinnvolle Alternative“ hinstellten, führten Betriebsräte und SPD-Politiker Standortargumente und blanken Nationalismus gegen die Schließung ins Feld.

Erst am 24. Oktober hatte die Werksleitung von Goodyear Dunlop Tires Germany GmbH auf einer Betriebsversammlung bekanntgegeben, dass das Reifenwerk im nächsten Jahr geschlossen und 890 Beschäftigte ihrer Arbeitsplätze beraubt würden. Fünfzig bis siebzig Prozent der Betroffenen sind angelernte Arbeiter und haben praktisch keine Chancen auf dem sowieso schon angespannten Arbeitsmarkt. In Philippsburg soll nur das zentrale Goodyear-Reifenlager bestehen bleiben.

Goodyear mit Sitz im US-amerikanischen Akron, Ohio, ist heute neben Michelin und Bridgestone einer der drei weltgrößten Reifenhersteller. In Deutschland unterhält Goodyear Dunlop sechs Standorte. Das sind außer Philippsburg die Dunlop-Werke in Hanau und Wittlich, die ehemaligen DDR-Pneumant-Werke in Fürstenwalde und Riesa, sowie die frühere Fulda Reifen GmbH in Fulda.

Im Mai 2015 hatte Goodyear einen seit achtzehn Jahren bestehenden Standortsicherungsvertrag einseitig aufgekündigt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass das Management Massenentlassungen und Werksschließungen plant. Nach Salamitaktik soll die Schließungswelle, die vor drei Jahren im französischen Amiens begonnen hatte, in Deutschland fortgesetzt werden.

In Amiens in Nordfrankreich hatten die Arbeiter mit einer spontanen Betriebsbesetzung reagiert, als sie im Januar 2014 erfuhren, dass das Werk geschlossen werde und 1173 Beschäftigte entlassen würden. Darauf wurden acht Arbeiter wegen so genannten „Bossnappings“ vor Gericht gezerrt, weil sie angeblich den Werksleiter seiner Freiheit beraubt hätten. Erst vor wenigen Wochen, am 19. Oktober 2016, hat das Appellationsgericht von Amiens diese Arbeiter in zweiter Instanz zu bedingten Gefängnisstrafen von 24 Monaten verurteilt.

Die Gewerkschaft IG BCE hat zu keinem Zeitpunkt zu Solidaritätsaktionen mit den Arbeitern von Amiens aufgerufen. Aber die heftigen Konflikte in Frankreich waren als unsichtbare Drohung auch in der Stadthalle Philippsburg präsent: Die Konzernleitung war sichtlich bemüht, ständig kooperativ zu erscheinen und auch die kleinste Frage nicht unbeantwortet zu lassen.

Im Namen der Konzernleitung antwortete hauptsächlich Jürgen Titz, Geschäftsführer Goodyear Deutschland. Er sagte dabei immer dasselbe: dass die Herstellung kleiner Reifengrößen immer weniger lukrativ sei, dass der Markt es erfordere, mehr Reifen der Zollgröße 17 und größer herzustellen, und dass Überkapazitäten von fünf Millionen Reifen abgebaut werden müssten. Aus all diesen Gründen sei das Aus für das Philippsburger Werk „alternativlos“.

Seine Rolle ergänzten ihrerseits die Betriebsräte und Lokalpolitiker von SPD, CDU und Freien Wählern, die es übernahmen, alle möglichen Fragen zu stellen – stellvertretend für die Arbeiter, die erst ganz zum Schluss kurz zu Wort kamen und davor zweieinhalb Stunden zum Zuhören verdammt waren.

Horst Haag (links) und Joachim Weberskirch

Betriebsratsvorsitzender Horst Haag führte achtzehn Punkte ins Feld, warum es für den Goodyear-Konzern wirtschaftlich sinnvoll wäre, den Standort Philippsburg zu erhalten. Arbeitsablauf und Maschinenpark, auch die Lage und Verkehrsanbindung des Betriebs seien unübertroffen. Auch habe die Belegschaft Qualitätsbewusstsein, Hingabe und Opferbereitschaft bewiesen und sei beispielsweise seit Jahren bereit, für das Gehalt einer 37,5-Stunden-Woche im Haustarif vierzig Stunden pro Woche zu arbeiten.

Im Aufsichtsrat der deutschen Goodyear Dunlop Tire GmbH sitzen sechs Betriebsräte, darunter Haag, und zwei Vertreter der Gewerkschaft. Sie sind seit Jahren dabei, den Arbeitern weitgehende Lohn- und Arbeitszeit-Zugeständnisse aufs Auge zu drücken. Am Dienstagabend gingen alle ihre Vorschläge in die Richtung, die Schließung zu vermeiden, indem die Opfer auf alle Goodyear-Belegschaften umgelegt werden, und das Philippsburger Werk auf dem Rücken der Philippsburger Arbeiter marktwirtschaftlich effektiver zu gestalten.

Dazwischen diente der Auftritt des Vize-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Joachim Weberskirch als Ventil, um „Dampf abzulassen“. Unter großem Applaus sagte Weberskirch: „Die dicken Chefs kümmert nur ihr hohes Gehalt, und wie sie es gewinnbringend anlegen können. Dann lassen sie es sich mit weniger als sechzig Lebensjahren im Vorruhestand gutgehen. Rücken- und derartige Leiden können sie nicht haben, denn körperliche Arbeit kennen sie nur vom Hörensagen …“ Der Saal tobte, und er fuhr fort, vom Management sei er „nur belogen und betrogen“ worden.

Die logische Folgerung daraus wäre, die enge partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung zu beenden und einen wirklichen Kampf um die Arbeitsplätze aufzunehmen. Davon ist Weberskirch meilenweit entfernt. Erst vor kurzem hatte er bei Goodyear Wittlich, wo er Betriebsratsvorsitzender ist, dem Abbau von 116 Stellen zugestimmt. Um die Idee eines Arbeitskampfs von vorneherein zu ersticken, fügte Weberskirch sofort hinzu, falls das Philippsburger Werk bestreikt würde, sei das Management schon jetzt darauf vorbereitet, die Produkte aus andern Standorten zu ordern, „so dass der Verkauf eurer Produktgrößen nicht ins Stocken gerät“.

Dagegen schürte er Nationalismus und prangerte an, dass Goodyear gerade dabei sei, eine halbe Milliarde Dollar für ein Reifenwerk in China zu investieren. Gleichzeitig beklagte er die „typische Art und Weise amerikanischer Gewinnmaximierung: Da muss nicht einmal die Rede von Verlusten sein, nein, da muss die Rendite stimmen“ – gerade so, als wäre die Rendite unter deutschen Kapitalisten ein Fremdwort. Den Konzernherren gab Weberskirch den Wink: „Die Arbeitgeber hören nicht gut auf uns Betriebsräte, obwohl das tatsächlich besser wäre, denn wir bekommen mit, was in den Fabriken los ist.“

Aus all diesen Beiträgen wurde deutlich, dass die Belegschaft offenbar zugunsten von Goodyear immer und immer wieder auf Lohnbestandteile verzichten musste. Wie sehr in Philippsburg alles nach der Pfeife von Goodyear tanzt, brachten außerdem die Klagen eines SPD-Ratsherrn zum Ausdruck: Der Konzern habe das Werksgelände günstig erhalten, und die Stadt habe eine Million zum notwendigen Straßenbau bezahlt. Nach einem Brand 2004 habe die Stadt erneut die Kosten der Feuerwehr übernommen, etc.

Erst gegen neun kamen auch Goodyear-Arbeiter zu Wort, und mehrere von ihnen drückten unter dem Applaus ihrer Kollegen ihre Wut darüber aus, dass sie mit ihren Angehörigen für die Profite von Goodyear jetzt Arbeit, Haus und Existenz verlieren sollen. Ein Schichtleiter sagte: „Was die Oberen seit Jahren verbockt haben, wird jetzt auf unsere Arbeitsplätze und unsere Familien abgewälzt. Wie lange haben Sie alle hier schon gewusst, dass Sie uns nicht mehr brauchen?“ Ein nachdenklicherer Arbeiter ging auf mögliche Ersatzarbeitsplätze in anderen Goodyear-Werken ein und sagte, damit würde man ja nur die dortigen Hilfskräfte und Zeitarbeiter verdrängen.

Monika Wagner, Ehefrau eines Goodyear-Arbeiters

Monika Wagner, die Ehefrau eines Goodyear-Arbeiters, sprach vielen aus der Seele und erhielt großen Applaus, als sie sagte: „Sie alle hier reden von sozialer Verantwortung, aber was soll ein Mann, der Ende vierzig oder Mitte fünfzig ist, auf dem Arbeitsmarkt noch anfangen? Viele Kollegen arbeiten seit zwanzig oder dreißig Jahren im Werk, viele haben sich ihr Wissen bei Goodyear selbst angeeignet und sind gut darin. Sie glauben doch nicht wirklich, dass die sich jetzt in ein Jobcenter setzen und anfangen sollen, an irgendwelchen ‚Maßnahmen‘ teilzunehmen? Es sind nicht ‚nur‘ 890 Menschen betroffen, sondern hunderte Familien mit teils noch kleinen Kindern. Was soll aus ihnen werden? Müssen wir uns nicht für jeden einzelnen Arbeiter stark machen?“

Antworten kamen keine – weder vom Management, noch von den Politikern, und auch nicht von den Betriebsräten und Gewerkschaftsfunktionären. Das Fehlen einer gangbaren Perspektive war mit Händen zu greifen.

Die ganze Versammlung war ein anschauliches Beispiel dafür, wie dringend es ist, bewusst mit der kapitalistischen Logik der Gewerkschaften und bürgerlichen Parteien zu brechen und in der Arbeiterklasse eine neue Führung aufzubauen, die den gemeinsamen Kampf der internationalen Arbeiterklasse für Sozialismus organisiert.