Opel-Übernahme durch PSA beschlossen

Von Marianne Arens
7. März 2017

Die Übernahme von Opel/Vauxhall durch PSA (Peugeot, Citroën) ist beschlossene Sache. Das gaben am Montag die Chefs von General Motors und PSA auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Paris bekannt. Der Zusammenschluss könnte viele tausend Arbeitsplätze kosten.

GM-Chefin Mary Barra schwärmte von einer „Win-Win-Situation für alle Beteiligten“, und Opel-Chef Karl-Thomas Neumann nannte es einen „wahrhaft historischen Tag“. Derweil stellen sich über 200.000 Beschäftigte von Peugeot, Opel, Citroën und Vauxhall sowie ihrer Zulieferbetriebe und Subunternehmer die bange Frage, was die Übernahme für ihre Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen bedeuten werde.

Die Frage ist mehr als berechtigt. Das zeigt schon ein Blick nach Detroit. In diesen Tagen hat General Motors in Detroit-Hamtramck ein weiteres Werk geschlossen, in dem 1300 Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Für sie ist es weder eine „Win-Win“-Situation noch ein „historischer Tag“.

Die Opel-Übernahme selbst ist Teil eines gewaltigen Umbruchs auf dem europäischen Automarkt. Die Konzerne rüsten sich auf den von US-Präsident Donald Trump ausgerufenen Handelskrieg mit Fusionen und Übernahmen, die zehntausende „Überkapazitäten“ abbauen sollen. Hinzu kommt der Arbeitsplatzabbau, den die bevorstehende Umstellung auf Elektromotoren mit sich bringen wird.

In Paris hofft PSA-Chef Carlos Tavares, durch den neugegründeten „Auto-Champion“ zum zweitgrößten Autobauer Europas aufzusteigen. Wie er am Morgen verkündete, zählt allein die „Leistung“, sprich: die Rendite. Die Arbeiter hätten es „selbst in der Hand“, ob die Opel- und Vauxhall-Werke in zwei Jahren profitabel arbeiten oder nicht.

Bis Ende 2018 – bis zum Auslaufen der Jobgarantien – sollen demnach auch die bisher verlustreichen Werke von Opel und Vauxhall rentabel produzieren. Ein Unternehmen, das seit zehn Jahren in den roten Zahlen sei, so Tavares, stelle natürlich „ein Problem“ dar, das gelöst werden müsse. An Einkauf, Entwicklung und Produktion will PSA künftig 1,7 Milliarden pro Jahr einsparen. Das bedeutet zunächst eine gewaltige Steigerung von Arbeitshetze und unbezahlter Mehrarbeit, und längerfristig auch ein wahres Arbeitsplatzmassaker.

Um dies alles gegen die Arbeiter durchzusetzen, braucht Tavares die Gewerkschaften. Sie haben sich seit Jahren als verlässliche Partner des Vorstands und der Kapitalinteressen erwiesen.

In Frankreich hat PSA in den letzten Jahren mit Hilfe der Gewerkschaften CGT und CFDT 22.000 Arbeitsplätze vernichtet und im Jahr 2013 das Werk in Aulney geschlossen. In den Vereinigten Staaten erweist sich die UAW als kooperativer Verbündeter der Trump-Regierung.

Auch bei Opel und Vauxhall haben die Arbeiter schon etliche Rosskuren hinter sich. So wurden mit Hilfe der IG Metall sowohl Saab in Schweden als auch die Opel-Werke in Antwerpen, Bochum und St. Petersburg geschlossen. Von 70.000 Arbeitsplätzen vor zehn Jahren ist heute nur noch jede zweite Stelle übriggeblieben.

Ausdrücklich hat Tavares in den letzten Tagen „die Zusammenarbeit und das gute Verhältnis zu den Arbeitnehmervertretern“ als „Wettbewerbsvorteil“ gelobt. Und der Chef des Opel-Gesamtbetriebsrat, Wolfgang Schäfer-Klug, hat zusammen mit IG Metall-Chef Jörg Hofmann eine Erklärung verfasst, in der die Gewerkschafter ihrerseits die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit dem neuen Vorstand preisen.

Der Presse erklärt Schäfer-Klug, zusammen mit PSA sei der bevorstehende Umbau in der deutschen und europäischen Autoindustrie „besser als mit der alten Gesellschaft“ zu meistern. Sein Vorgänger, der frühere Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz, genannt „Mister Opel“, nennt den Zusammenschluss mit PSA gar „alternativlos“.

Eine gemeinsame Erklärung von Gesamtbetriebsrat und IG Metall zum Verkauf von Opel betont, dass der Fortsetzung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit größte Bedeutung beigemessen werde. Es heißt dort: „Wir konnten weiterhin erreichen, dass die bestehende umfassende Unternehmensmitbestimmung auch bei einem Verkauf vollumfänglich bestehen bleibt.“

Auf der Betriebsversammlung in Rüsselsheim erbrachte der IG Metall-geführte Betriebsrat einen ersten Beweis seiner Loyalität zum neuen Vorstand. Die Arbeiter wurden vor die vollendete Tatsache der Übernahme durch PSA gestellt, ohne dass die Konsequenzen genauer benannt wurden..

Mit scharfen Worten verpasste Gesamtbetriebsratschef Schäfer-Klug jedem, der es wagte, die Übernahme zu kritisieren, einen Maulkorb. Wer angesichts der unklaren Situation seinem Frust öffentlich Luft mache, „der schadet Opel!“ rief Schäfer-Klug aus. Ein IG Metall-Kollege aus dem Betriebsrat ging sogar so weit, ehemalige Opelaner aus Bochum, die nach der Schließung des dortigen Werks nach Rüsselsheim kamen, als „Heuschrecken“ zu beschimpfen, die „nur von Opel profitieren wollen“.

Eigentlich war es der zweite Teil der Betriebsversammlung. Sie war ursprünglich auf Freitag den 3. März anberaumt worden, und der Betriebsratsvorsitzende Schäfer-Klug hatte als einzigen Referenten Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann eingeladen. Dieser lobte eine knappe Stunde lang die Vorzüge des neu gegründeten „europäischen Auto-Champions mit deutsch-französischen Wurzeln“, ehe er nach Paris entschwand. Die Versammlung wurde darauf ohne weitere Diskussion abgebrochen.

Für den Montag erhielt dann jeder Arbeiter eine schriftliche Einladung zur „Fortsetzung der unterbrochenen Betriebsversammlung“. Dafür wurden die zwei größten Säle der alten Fabrik mit Videoleinwänden hergerichtet, auf denen die Reden und Beiträge, hauptsächlich von Wolfgang Schäfer-Klug und anderen IG Metall-Granden, übertragen wurden. Alles war vorher abgesprochen.

„Null Information“, habe der Betriebsrat vorgelegt, schimpften Opel-Arbeiter beim Verlassen der Betriebsversammlung.

Ein älterer Arbeiter, seit 22 Jahren am Band, sagt beim Heimgehen: „Der Betriebsrat legt die Karten nicht auf den Tisch. Keine Ahnung, was jetzt auf uns zukommt. Offenbar haben wir nichts Gutes zu erwarten.“

Das bestätigte auch Gerd, ein Arbeiter mittleren Alters, der das Autoarbeiterinfo der WSWS schon kannte. „Wir bekommen keine Informationen, aber wir wissen, dass auch Peugeot vor drei oder vier Jahren in Frankreich ein ganzes Werk geschlossen hat.“

„Vielleicht haben wir hier noch zwei Jahre“, sagt eine Arbeiterin. „Es stimmt, was ihr schreibt: Die wollen tausende Arbeitsplätze streichen. Die haben schon Opel und Antwerpen zugemacht.“ Auf die Frage, was sie vom Betriebsrat und der IG Metall halte, sagt sie: „Die stecken alle unter einer Decke. Uns sagen sie natürlich nicht, was los ist.“

„Alles Lüge, was sie uns erzählen“, wirft ein Arbeiter ein. Er sagt, er sei zwar erst 51 Jahre alt, aber: „Ich hoffe nur noch auf eine gute Abfindung.“

Ein älterer Arbeiter sagt, er sei schon seit 44 Jahren im Werk und arbeite heute im Presswerk. Er erinnert sich noch daran, dass im Werk einst 64.000 beschäftigt waren. „Heute sind wir noch 15.000 Arbeiter, darunter viele Leiharbeiter.“ Er fährt fort: „Damals wurden alle Autoteile hier im Werk hergestellt und montiert. Heute wird die Arbeit hin- und hergeschoben, es gibt hunderte von Leihfirmen, und die armen Kerle verdienen viel weniger als wir. Das gehört alles abgeschafft.“

Der Betriebsrat und die IG Metall hätten jedoch zu allem „Ja und Amen gesagt“.

Aus Betriebsratskreisen erfuhr die Autorin dieser Zeilen, dass man schon in diesem Jahr, und nicht erst 2018, mit Abfindungsangeboten rechnen muss. Demnach sei ein „gewaltiger Stellenabbau“ unvermeidlich, wenn PSA jedes Jahr 1,7 Milliarden Euro einsparen wolle. Auch das Rüsselsheimer Entwicklungszentrum sei wohl betroffen, denn auch PSA hat ja schon ein eigenes Entwicklungszentrum.

In der TV-Sendung WISO lief am Montagabend ein Beitrag über die Opel-Übernahme. Ein ehemaliger Opel-Arbeiter aus Bochum kommentiert die Lage vor der riesigen Baustelle, auf der gerade das einstige Bochumer Opel-Werk abgerissen wird. Mike Szczeblewski hat bis zu seiner Schließung im Dezember 2014 hier gearbeitet.

Von der IG Metall ist er tief enttäuscht. Die „Jobgarantie“ bis 2018 kommentiert Szczeblewski mit den Worten: „Also werden sie schon ab diesem Sommer ihre Bestandsaufnahme machen. Dann werden die Standorte wieder gegeneinander ausgespielt – alles im Sinne des Unternehmens.“