Die Verwandlung von sicheren Arbeitsplätzen in prekäre Arbeitsverhältnisse

Von Gustav Kemper
10. April 2017

Im vergangenen Quartal haben zahlreiche deutsche Unternehmen die Vernichtung von insgesamt mehr als 36.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Angeführt wird diese Kahlschlagorgie von der Finanzindustrie, wo die Deutsche Bank und die Commerzbank jeweils 9000 Stellen und die Unikredit 2500 Arbeitsplätze streichen wollen.Darauf folgt eine Gruppe von Industrie- und Dienstleistungsbetrieben, die in naher Zukunft jeweils zwischen 400 und 2500 Stellen abbauen werden. Dazu gehören Bombardier Transportation, Talanx, Senvion, GHBV Vogt Bremen, MAN Diesel & Turbo, Bosch-Rexroth, Terex, Ricoh, Sanofi, Airbus/Ottobrunn, Mundipharma, Lufthansa Technik Hamburg, Strauss Innovation, Computer Sciences Corporation, LSG Sky Chefs und andere.

Mehrere Hundert Stellen werden auch in folgenden Betrieben gestrichen: EON, Siemens Tübingen, Hamburger Werft Blohm & Voss, GoPro, Waldrich/Coburg, Röhm/Dillingen, Bilfinger, Goodgame Studios, Vattenfall und Knorr-Bremse.

Diese Zahlen beinhalten nicht die bereits von VW angekündigte Streichung von 23.000 Arbeitsplätzen an deutschen Standorten und die zu erwartenden Kürzungen bei Opel.

Schon in den vergangenen Jahren wurden in der Industrie massiv Arbeitsplätze abgebaut. Im scheinbaren Widerspruch dazu verkünden die Daten der Arbeitsmarktstatistik jedoch eine Zunahme der aktiven Arbeitsverhältnisse. So meldet das Statistische Bundesamt für das Jahr 2016 den höchsten Stand der Erwerbstätigkeit seit der Wiedervereinigung. Insgesamt zählte es 43,5 Millionen Erwerbstätige.

Hinter diesem scheinbaren Widerspruch verbirgt sich die Verwandlung von sicheren Arbeitsplätzen in prekäre Arbeitsverhältnisse. Seit der Einführung der Hartz-Gesetzgebung durch die rot-grüne Koalition im Jahr 2003 hat die Leiharbeit, Teilzeitarbeit und Werkvertragsarbeit in manchen Wirtschaftsbereichen stark zugenommen. Vor allem im Dienstleistungsbereich sind die prekären Arbeitsverhältnisse gewachsen.

Die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit für die vergangenen drei Jahre weist aus, dass trotz Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen zwischen Juni 2014 und Juni 2016 um etwa 1,2 Millionen oder vier Prozent die Zahl der geringfügig Beschäftigten in verschiedenen Dienstleistungsbereichen stark angestiegen ist. Allein im Bereich „Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften“ betrug der Zuwachs im selben Zeitraum 19,8 Prozent, im Bereich Wach- und Sicherheitsdienste waren es 14,4 Prozent.

Eine Broschüre der Bundesagentur für Arbeit vom Januar 2017 beschreibt die hohe Fluktuation bei Leiharbeitsstellen. Demnach wurden im ersten Halbjahr 2016 insgesamt 678.000 Beschäftigungsverhältnisse abgeschlossen, aber auch 616.000 beendet. Drei von zehn Arbeitsverhältnissen enden nach weniger als einem Monat und nur 15 Prozent dauern länger als 18 Monate. Zu einem Bruttoarbeitslohn, der deutlich unter dem Durchschnitt liegt, kommt daher auch ein hohes Risiko, arbeitslos zu werden.

Im Monatsbericht Dezember 2016 gab die Bundesagentur an, dass 2,63 Millionen oder 8,3 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob ausübten, 69.000 oder 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Einführung des Mindestlohns hat an den prekären Lebensbedingungen nichts geändert. Das Statistische Bundesamt gibt zwar an, dass bereits vier Monate nach Einführung des Mindestlohns im Januar 2015 nur noch eine Million Jobs unter dem Mindestlohn bezahlt wurden, drei Millionen weniger als vorher. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bezahlung dieser drei Millionen auf das Mindestlohnniveau angehoben wurde, denn die Zahl dieser Beschäftigungsverhältnisse betrug laut Statistik des Bundesamtes im April 2015 nur 1,9 Millionen. Berichten zufolge wurde der Mindestlohn auch umgangen, indem die Arbeitsdichte erhöht wurde, zum Beispiel durch Einführung von Stücklohn statt Stundenlohn.

Millionen arbeiten weiterhin zu Niedriglöhnen, die nur knapp über dem Mindestlohn liegen. Laut dem aktuellen Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der noch von Bundesregierung bearbeitet wird, lag die Grenze zum Niedriglohnbereich im Jahr 2014 bei 10 Euro Stundenlohn. „Einen solchen Niedriglohn bezogen rund 46 Prozent der 15- bis unter 25-Jährigen, für die übrigen Altersgruppen lag der Anteil bei 18 bis 20 Prozent“, heißt es in dem Entwurf.

In Westdeutschland arbeiteten demnach gut 19 Prozent der Beschäftigten zu einem Niedriglohn, in Ostdeutschland fast 35 Prozent. Der Gesamtanteil der Beschäftigten mit Niedriglohn lag im Jahr 2014 – ohne Einbeziehung der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft, der Fischerei sowie in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten – bei 20,6 Prozent.

Laut der Verdienststrukturerhebung 2014 des Statistischen Bundesamts werden in Taxibetrieben, Videotheken, an Verkaufsständen im Einzelhandel und beim Ausschank von Getränken sogar 80 Prozent aller Beschäftigten zu Niedriglöhnen bezahlt.