Ein Leserbrief zur sozialen Lage und zum Fiat-Streik in Serbien

4. August 2017

In der vergangenen Woche wurde der dreiwöchige Streik von 2000 Fiat-Arbeitern in Serbien offiziell beendet. Doch kein einziges Problem, für das die Arbeiter in den Kampf gezigen waren wurde gelöst.

Fiat-Arbeiter in Serbien bei Streikbeginn (Foto GS IER Nezavisnost)

Im Gegenteil: Für ein Almosen von rund 30 Euro verteilt auf drei Jahre vereinbarte die Gewerkschaft mit der Regierung und dem Fiat-Chrysler-Management ein dreijähriges Streikverbot. Die Arbeiter hatten eine Erhöhung von 316 auf 416 Euro pro Monat gefordert sowie kürzere Arbeitszeiten und Überstundenbezahlung. Sie sind die am schlechtesten bezahlten Autoarbeiter Europas und arbeiten teilweise sechzig Stunden und mehr pro Woche.

Die WSWS, die über diese wichtige Auseinandersetzung in mehreren Artikeln berichtet hat, erhielt dazu den Kommentar eines serbischen Lesers. Er selbst lebt in Hamburg und ist gerade in Serbien, Bosnien und Kroatien unterwegs, um seine Verwandten zu besuchen. Die Artikel der WSWS zum Streik haben ihm gefallen, wie er uns schreibt. Im Folgenden einige seiner Bemerkungen zur sozialen Situation der Arbeiter und zum Fiat-Streik in Serbien.

Der Staat ist der größte Sklaventreiber“

„Das Problem der Arbeiter von Fiat in Kragujevac ist, dass sie 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen: 60 Stunden! Sie werden voll und ganz vom Unternehmen vereinnahmt. Da bleibt keine Zeit, nebenher zu arbeiten, um die Niedriglöhne aufzubessern und die Familien zu ernähren.

In der alten Zeit des kommunistischen Jugoslawiens war es üblich, dass man einen Teil des Tages in der Firma gearbeitet und den restlichen Tag versucht hat, privat zusätzlich Geld zu verdienen. Die Arbeiter konnten damals vierzig Stunden arbeiten und dann weitere zwanzig Stunden aufbringen, um irgendwo anders privat den Garten zu pflegen oder irgendwelche Dienste anzubieten und sich dadurch zu finanzieren.“

Bei 60 Wochenstunden habe man dafür keine Zeit mehr. „Auch die Frauen schaffen es nicht, die Kindererziehung zu übernehmen und zusätzlich den kleinen Garten zu pflegen, wo sie Obst oder Ähnliches anbauen. Der Stress ist vorprogrammiert.“

Die Fiat-Arbeiter hätten zu Recht eine deutliche Lohnerhöhung und eine Reduzierung der Arbeitszeiten gefordert. Doch der Staat, der zu 33 Prozent am Fiat-Werk beteiligt ist, versuche, „zu Gunsten der Konzerne die Leute zu drücken und die Gewerkschaften klein zu halten“, sagt unser Leser weiter. „Der Staat ist der größte Sklaventreiber.“

Auch die Rolle der Gewerkschaft beim Ende des Streiks gibt ihm zu Denken. „Streikleiter Markovic hat den Streik ohne nennenswerten Gründe abgebrochen.“

In Serbien gebe es eine große Skepsis der Bevölkerung gegenüber der Politik. „Die Regierung wird von den Leuten nicht als Regierung des kleinen Mannes angesehen, sondern als große Mafiaorganisation, die nur in die eigenen Taschen wirtschaftet. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist sehr deutlich spürbar. Die, die können, flüchten in andere Länder, und die anderen müssen umso mehr kämpfen.“ Die Menschen gingen zwar zur Wahl, aber es herrsche die Einstellung vor: „Ich muss mir selbst helfen, ich kann keine Hilfe erwarten.“

Die Preise für Lebensmittel seien inzwischen auf europäisches Niveau oder sogar darüber hinaus gestiegen, sodass ein Zusatzverdienst nötig sei, um zu überleben. „Fleisch zum Beispiel ist dreimal so teuer wie in Deutschland, und einfache Hygieneartikel sind doppelt so teuer. Ein normales Deo kostet zum Beispiel mehr als drei Euro, hier in Deutschland bekommt man es manchmal schon für 99 Cent.“

Die Preise für Strom und Miete seien stark gestiegen. Nur Brot sei noch verhältnismäßig günstig, genauso Käse, Eier und Milch. Am günstigsten sei es, beim Bäcker um die Ecke einzukaufen, der noch selbst bäckt.

Seit der Auflösung Jugoslawiens hätten die westlichen Firmen das Land erobert. „Das erkennt man an den sogenannten Supermarkets, die es früher so nicht gab: Diese Supermärkte werden von den Leuten eigentlich kaum aufgesucht, weil sie einfach zu teuer sind.“

Die Preise der westlichen Produkte seien dort teilweise um das Dreifache teurer als in Deutschland. „Zum Beispiel kosten 500 g Basmati-Reis 369 Dinar. Das ist der Gipfel! Ein Pfund kostet damit schon drei Euro. Milka–Schokolade und Joghurts kosten auch schon etwa zwei Euros.“

„Die Europäische Union ist nichts anderes als das Prinzip: Ihr öffnet euren Markt und wir überschwemmen dann eure Märkte mit unseren Produkten. Das Gleiche sieht man im Endeffekt, wenn man durch Tschechien, die Slowakei und Ungarn fährt und nur ausländische, große Namen sieht. Man fragt sich, was eigentlich die einheimischen Länder zu bieten haben? Welche Produkte haben sie denn außer landwirtschaftlichen Produkten? Und dann sucht man sehr lange, bis sich überhaupt etwas findet.“

Gleichzeitig würden in der Landwirtschaft massiv Hybridpflanzen und Unkrautvernichtungsmittel von BASF und Monsanto und anderen Anbietern eingesetzt, ohne Rücksicht auf die Umwelt und die Gesundheit zu nehmen. „Die sind hier am Sprayen, was der Teufel hergibt.“

Seit Ende der 1990er Jahre habe sich dieser Markt rapide entwickelt und seien zahlreiche Firmen in dieses Geschäft eingestiegen. „Die Folgen interessieren sie nicht. Ihnen ist nur die Klassifizierung wichtig, dass beispielsweise das Korn gut aussieht und dass sie es gut verkaufen können. Und das Zynischste ist: Je voller die Geschäfte und die Regale sind, desto leerer die Taschen der Leute. Das ist unglaublich!“

Die gewinnorientierte Industrialisierung der Landwirtschaft betreffe auch die Viehzucht. „Ein Onkel von mir ist jetzt auf einmal ein großer Schweinemastbetreiber, der für ein großes Schlachthaus arbeitet. Die geben ihm gute Konditionen, so dass er seine Tiere mästen kann. Sein Betrieb ist riesig, mit Umluftanlagen, damit der Schwefel- und Amoniak-Dunst herausgesogen werden kann. Die Schweine werden in engen Käfigen gehalten, und an Freilauf ist überhaupt nicht zu denken.

Früher hatte ein Bauer zehn bis zwanzig Schweine, vielleicht noch ein oder zwei Kühe. Jetzt besitzen wenige Bauern riesige Betriebe, und die anderen Bauern überleben gerade eben so. Sie betreiben den Anbau von Getreide, Pflanzen, Obst und die Viehzucht häufig nur zur Deckung des Eigenbedarfs und gehen zusätzlich arbeiten, sofern ihnen das möglich ist.“

In Serbien gebe es inzwischen eine große Landflucht. Städte wie Belgrad, Novi Sad und Niš würden immer größer und konzentrierten fast die Hälfte der serbischen Bevölkerung. „Vor allem junge Leute zieht es in die Stadt. Doch auch die Städte können ihnen auf lange Sicht keine Perspektive bieten“, sagt unser Leser und verweist auf die wachsende Arbeitslosigkeit.

Nachdenklich blickt er zurück auf die 1990er Jahre, als Jugoslawien auseinanderbrach. Auch damals sei es schwer gewesen, über die Runden zu kommen. Doch seit dem Ende des Milosevic-Regimes Anfang 2000 und der Privatisierungspolitik habe sich die Lage verschlechtert. „Der ‚kleine‘ Unterschied zu damals ist, dass die Leute jetzt viel mehr geknechtet werden. In den 1990ern wurde zum Beispiel ein Arbeiter von seinem Arbeitgeber mit Frühstück, Mittag- und Abendessen versorgt. Das war selbstverständlich.“ Heute müssten sich die Arbeiter selbst versorgen.

Doch auch in Hamburg würde das Leben für Arbeiter immer schwieriger, resümiert er zum Schluss. „Von einem Job werden künftig viele einfach nicht mehr überleben können!“

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