Aachener Professor fordert Weltkriegsgeneräle als Vorbilder für die Bundeswehr

Von Sven Heymanns
9. August 2017

Am 3. August erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein bemerkenswerter Kommentar des Politikwissenschaftlers Ralph Rotte. Unter dem Titel „Richthofen statt Rommel“ plädiert der Lehrstuhlinhaber für Internationale Beziehungen an der RWTH Aachen dafür, die vermeintlichen Kriegshelden der deutschen Reichswehr im Ersten Weltkrieg als traditionsstiftende Figuren für die heutige Bundeswehr zu etablieren.

Als Ausgangspunkt dient Rotte der Skandal um den rechtsextremen Bundeswehr-Oberleutnant Franco A., der als Teil eines Neonazi-Netzwerks innerhalb der Armee Terroranschläge u.a. auf hochrangige Politiker plante, um sie dann Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Nachdem sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) daraufhin zur Erklärung veranlasst gesehen hatte, die Wehrmacht könne nicht als historisches Vorbild für die Bundeswehr dienen, sah sie sich von Seiten ranghoher Bundeswehrgeneräle und zahlreicher Medien harscher Kritik ausgesetzt.

Rottes Kommentar macht deutlich, worum es in dieser „Traditionsdebatte“, die innerhalb der herrschenden Klasse geführt wird, tatsächlich geht: Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes, das Europa und die halbe Welt in Schutt und Asche legte und dabei Dutzende Millionen Menschen umbrachte, sollen wieder die Voraussetzungen für die Rückkehr zu einer eigenständigen deutschen Weltpolitik geschaffen werden. Die Berufung auf vermeintliche Kriegshelden der Vergangenheit dient dabei sowohl der Verharmlosung vergangener imperialistischer Verbrechen als auch der ideologischen Vorbereitung neuer Gräueltaten in der öffentlichen Wahrnehmung und unter den Soldaten, die sie begehen sollen.

Das Kernproblem besteht nach Ansicht Rottes darin, dass der Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg ein völlig falsches Bild der Bundeswehr vorgegaukelt wurde, das auch das Selbstverständnis der Soldaten „nachhaltig geprägt“ habe. „Das Bild des Soldaten wurde in der Bundesrepublik systematisch vom Phänomen des Krieges losgelöst“, beklagt der Professor. Die öffentliche Wahrnehmung der Bundeswehr habe sich „nicht auf ihre Kampffähigkeit, sondern auf ihre sozialen, humanitären und ökonomisch relevanten Funktionen“ fokussiert. Als „fatalen Schritt“ bezeichnet Rotte, dass „nach und nach die Gefahr von Verwundung und Tod sowie die Möglichkeit, kämpfen und töten zu müssen aus dem öffentlichen Gedächtnis“ verschwand.

Rottes Plädoyer ist eindeutig: Die Bundeswehr braucht für ihre zukünftigen Kriege endlich taugliche historische Vorbilder im Führen, Kämpfen, Töten und Sterben. Anders als der Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel beschwört er dabei weniger die Wehrmachtstradition der Bundeswehr – diese sei „wegen des verbrecherischen Charakters“ des Zweiten Weltkriegs „problematisch“ –, sondern plädiert für eine Verherrlichung deutscher Militärs, die im Ersten Weltkrieg den Tod von unzähligen Menschen verschuldeten.

Allen voran führt Rotte Generalmajor Max Hoffmann ins Feld, „als eigensinniger, relativ gemäßigte Kriegsziele vertretender Stabschef im Oberkommando Ost 1914 bis 1918, der als brillanter operativer Kopf hinter dem berühmt-berüchtigten Duo Hindenburg und Ludendorff agierte“.

Wirft man einen genaueren Blick auf die tatsächliche Rolle Max Hoffmanns, dann wird die Absicht von Professor Rotte klar: Mit dem „brillanten operativen Kopf“ hinter der Obersten Heeresleitung (OHL) aus Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff versucht der Professor einen der größten Verbrecher im Dienste des deutschen Militarismus zu rehabilitieren, der sich im Ersten Weltkrieg finden lässt.

Hoffmann gilt als der eigentliche Planer von zahlreichen Schlachten an der Ostfront, deren Erfolge in der öffentlichen Propaganda vor allem den beiden Führern der OHL zugeschrieben wurden. Dazu zählen die Schlacht bei Gumbinnen (über 30.000 Verluste auf beiden Seiten), die Schlacht bei Tannenberg (ca. 35.000 Tote auf beiden Seiten und 95.000 russische Kriegsgefangene) sowie die Schlacht an den masurischen Seen (insgesamt ca. 165.000 Tote und Verwundete). In seinen eigenen Memoiren schrieb Hoffmann abfällig über Hindenburg: „Der Kerl ist ein zu trauriger Genosse, dieser große Feldherr und Abgott des Volkes [...] Mit so wenig eigener geistiger und körperlicher Anstrengung ist noch nie ein Mann berühmt geworden.“

Hoffmann selbst unternahm jedenfalls große Anstrengungen, um die Expansion des deutschen Imperialismus nach Osten voranzutreiben. Seine vermeintlich „gemäßigten“ Kriegsziele bestanden darin, den Einflussbereich des Deutschen Reichs in Osteuropa nicht vorrangig durch offene Annexionen auszudehnen, sondern durch die Schaffung von Satellitenstaaten, die von Berlin vollkommen abhängig sein sollten.

In den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk Anfang 1918 vertrat er aggressiv die Auffassung, dass die sowjetische Delegation um Adolph Joffe und Leo Trotzki keinerlei Anspruch darauf habe, über das Schicksal der Gegenden mitzubestimmen, in denen deutsche Truppen standen. Im Februar 1918 fielen dann deutsche Truppen u.a. in der Ukraine ein und nahmen der jungen Sowjetregierung ihre wichtigsten Kohle- und Getreidequellen.

Doch Hoffmanns Pläne gingen noch weiter. Die Krim – nach seiner Aussage die „deutsche Riviera“ – sollte direkt vom Deutschen Reich annektiert werden und als Ausgangspunkt für eine weitere deutsche Einflussnahme über das Schwarze Meer bis hin zum Kaukasus und in den Nahen Osten dienen. In den 1920er Jahren entwickelte er dann gemeinsam mit dem Kali-Industriellen Arnold Rechberg den so genannten „Hoffmannplan“, der einen deutschen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich vorsah, um die Bolschewiki zu stürzen.

Bei derlei Plänen drängen sich unweigerlich zwei Fragen auf: Wenn heute ein deutscher Professor solche Kriegsziele als „gemäßigt“ bezeichnet, was sind dann weitergehende Kriegsziele? Und wenn ein General, der die Expansion des Deutschen Reiches bis an den Kaukasus und in den Nahen Osten fordert, ein Vorbild für die Bundeswehr sein soll, was sind dann die militärischen Perspektiven für die heutige Bundeswehr? Die Selbstverständlichkeit, mit der Rotte den Generalmajor Hoffmann als Vorbild für die Bundeswehr vorschlägt, lässt auf erschreckende Weise erahnen, welche Art von militärischen Plänen in führenden Kreisen schon wieder als praktikabel diskutiert werden.

Generalmajor Hoffmann ist dabei nicht der einzige Weltkriegssoldat, den Rotte zum Vorbild für die Bundeswehr machen will. Neben dem Vizeadmiral Maximilian Reichsgraf von Spee, der sich mit britischen Verbänden vor den Falkland-Inseln ein aussichtsloses Gefecht lieferte und dabei mit über 2200 anderen deutschen Marinesoldaten versenkt wurde und sein Leben ließ, erhebt Rotte auch den „Roten Baron“ Manfred von Richthofen zum Vorbild. Der Jagdflieger wurde dafür bekannt, dass er im Ersten Weltkrieg von allen kriegführenden Staaten die meisten gegnerischen Flugzeuge abschoss.

Der Beitrag Rottes zur Traditionsdebatte der Bundeswehr ist eine ernstzunehmende Warnung. Er zeigt, wie selbstverständlich die Verharmlosung und Verherrlichung von deutschen Verbrechen in beiden Weltkriegen inzwischen unter deutschen Professoren geworden ist.

An der Berliner Humboldt-Universität haben die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) aufgezeigt, wie die Professoren Herfried Münkler und Jörg Baberowski die Verbrechen des deutschen Imperialismus im Ersten und im Zweiten Weltkrieg herunterspielen und rechtfertigen. Beide verfügen über enge Verbindungen in höchste politische und militärische Kreise. Rottes Beitrag unterstreicht, dass sich diese Entwicklung nicht auf die Humboldt-Universität beschränkt, sondern das ganze akademische Milieu betrifft. Wie vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg spielen deutsche Professoren wieder eine entscheidende Rolle dabei, die ideologische Rechtfertigung für neue Kriege und Verbrechen zu liefern.

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