Deutschland: Hebammen schlagen Alarm

Von Sonja Bach
23. September 2017

Weltweit werden grundlegende soziale Standards immer mehr abgebaut und die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Mehrheit der Bevölkerung zu einem ständigen Kampf. Betroffen sind nicht nur krisengeschüttelte Länder wie Griechenland, in denen ein Spardiktat das andere jagt. Auch im reichen Deutschland spitzt sich die soziale Lage immer weiter zu. Ein Thema, welches in den vergangenen Wochen vermehrt für Schlagzeilen gesorgt hat, sind die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Hebammen.

Obwohl Hebammen vor, während und nach der Geburt eine unermesslich wichtige und existentielle Arbeit leisten, wird ihnen die Berufsausübung in Deutschland zunehmend erschwert oder gar unmöglich gemacht. Die Arbeitsbelastung ist extrem hoch und die Löhne sind gering. Immer mehr Hebammen wandern daher ins Ausland ab oder ziehen sich aus dem Kreißsaal zurück.

Im Durchschnitt muss eine Hebamme in Deutschland drei Geburten gleichzeitig betreuen. In Berlin und anderen Großstädten können es auch bis zu fünf Geburten sein. Im Jahr 2015 kamen auf 738.000 Neugeborene nur ungefähr 24.000 Hebammen und Entbindungspfleger.

2015 ergab eine Befragung zur Arbeitssituation der angestellten Hebammen in Kliniken, die der Deutsche Hebammenverband e.V. (DHV) in Zusammenarbeit mit dem Picker Institut Deutschland durchführe, dass 90 Prozent der Hebammen regelmäßig Überstunden machen müssen und nur selten die Möglichkeit haben, die vorgeschriebenen Ruhepausen einzuhalten. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie häufig Aufgaben außerhalb ihrer eigentlichen Tätigkeit erledigen müssen wie Putzen oder Administration.

Das Bruttoeinstiegsgehalt einer Hebamme beträgt gerade einmal 2390 Euro. Freiberufliche Hebammen werden pauschal bezahlt. Für eine Klinikgeburt zahlt die Krankenkasse 270 EUR. Eine Vorsorgeuntersuchung wird mit 26,43 Euro und ein Besuch am Wochenbett, der auch mal bis zu einer Stunde dauern kann und wichtige Präventionsarbeit leistet, mit 32,87 Euro brutto vergütet.

Auch die Klinikleistungen werden durch die Krankenkasse pauschal vergütet. Häufig fallen jedoch weitaus mehr Betreuungsleistungen an, als tatsächlich abgerechnet werden. Etwa 60 Prozent der Geburtsstationen arbeiten daher nicht kostendeckend, so der Berliner Verein Mother Hood e.V. Bezahlt werden vor allem medizinische Eingriffe wie PDA, Wehentropf und Kaiserschnitte. Eine interventionsfreie natürliche Geburt bedeutet für das Krankenhaus einen wirtschaftlichen Verlust. Der Anreiz geht dahin, auch dann schon Eingriffe vorzunehmen, wenn diese medizinisch noch nicht indiziert sind.

Nur ungefähr ein Viertel der Hebammen arbeitet überhaupt noch im Krankenhaus als angestellte Hebamme. Die überwiegende Mehrheit arbeitet freiberuflich und lediglich 20 bis 30 Prozent davon in der Geburtshilfe. So haben nach Zahlen des GKV-Spitzenverbandes, der zentralen Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland, im Jahr 2016 von 18.032 freiberuflichen Hebammen lediglich 5248 Geburtshilfe angeboten.

Der Grund liegt in den immensen Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung. Freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, sind gesetzlich verpflichtet, für den Fall eines von der Hebamme zu verantwortenden Fehlers bei der Geburt eine Versicherung abzuschließen. Im Jahr 1981 betrug der jährliche Beitragssatz noch umgerechnet 30,68 EUR. Mittlerweile ist dieser auf 7639 Euro gestiegen. Bis 2020 werden die Kosten auf 9098 Euro steigen.

Um die Haftpflichtprämie finanziell auszugleichen, müssen die Hebammen im Schnitt 28 Geburten jährlich zusätzlich betreuen. Eine Rückzahlung durch die Krankenkassen ist nur unter bestimmten Auflagen möglich. Diese Aussicht lässt viele Hebammen davor zurückschrecken, Geburtshilfe anzubieten.

Über 70 Prozent der Hebammen arbeiten zudem in Teilzeit oder geringfügig (1991 waren es nur 28,9 Prozent). Während die Anzahl der jährlichen Geburten steigt, entscheiden sich immer mehr Hebammen, nur noch in der Vor- und Nachsorge und gar nicht mehr im Kreißsaal oder Geburtshaus zu arbeiten.

Das Resultat ist ein akuter Hebammenmangel in den Krankenhäusern. Seit 1991 bis 2015 ist die Zahl der Geburtshilfeeinrichtungen in Krankenhäusern um 40 Prozent von 1186 auf 709 gesunken. Doch auch die verbleibenden Einrichtungen können nicht mehr voll besetzt werden. Nach Angaben des DHV betrifft das jede fünfte Klinik. Im Schnitt fehlen in jedem Kreißsaal 1,6 Vollzeitkräfte. Mittlerweile denken manche Krankenhäuser darüber nach, Öffnungszeiten für Kreißsäle einzurichten.

Doch der Widerstand gegen diese untragbaren Zustände wächst. Mitte Juli startete eine Gruppe auszubildender Hebammen eine Petition gegen die anhaltenden Schließungen von Geburtskliniken und Kreißsälen, die mittlerweile bereits über 116.000 Unterschriften erhalten hat. Darin prangern sie die Zustände in der Geburtshilfe offen an.

„Es kann nicht sein, dass immer mehr Geburtskliniken und Kreißsäle geschlossen werden, Frauen es zur Geburt nicht mehr zur Klinik schaffen oder bei der Geburt alleine gelassen werden müssen“, heißt es in der Petition. Aufgrund der niedrigen Gehälter könnten Hebammen ihre eigenen Familien nicht mehr finanziell absichern und Überstunden gehörten mittlerweile zur Realität.

Für Marie, einer der Initiatorinnen der Petition, ist es dringend an der Zeit, dass sich etwas ändert. Mittlerweile schließen Kreißsäle auch aus rein wirtschaftlichen Gründen. „Das ist ein Unding“, erklärte Marie gegenüber der WSWS. „Dieses Thema geht jeden etwas an, und dass man in Deutschland in dieser Frage inzwischen über Wirtschaftlichkeit nachdenken muss, das finde ich wirklich traurig.“

Die Petition der auszubildenden Hebammen richtet sich an zahlreiche Politiker sämtlicher Parteien. Tatsächlich wird aber keiner der Adressaten eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Hebammen herbeiführen. Alle etablierten Parteien von der CDU/CSU bis zur Linkspartei haben die heutigen Zustände zu verantworten. Sämtliche Gesundheitsreformen der vergangenen Jahre waren darauf ausgerichtet, den Gesundheitsbereich profitabler zu machen und den Interessen der Wirtschaft unterzuordnen.

SPD und Grüne spielten dabei eine besonders üble Rolle. Unter der rot-grünen Bundesregierung fand 2003 die erste große „Reform“ statt, die zur Aufhebung der Parität zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber führte und die Kosten der Gesundheitsversorgung für die Arbeitnehmer stark erhöhte. Im gleichen Atemzug wurden auch Sozialleistungen wie beispielsweise das Entbindungsgeld abgeschafft. Mit der „Reform“ von 2007 führte die Große Koalition unter anderem die pauschale Vergütung von Krankenhausleistungen ein.

Heute gilt auch im Gesundheitsbereich das Prinzip der Wirtschaftlichkeit. Entscheidend ist nicht die Frage, welche Behandlung für den Patienten die beste, sondern welche die profitabelste ist. 1:1-Betreuung während der Schwangerschaft, natürliche Geburten, umfassende Betreuung vor und nach der Geburt gehören nicht dazu.

Dabei sind die Mittel zur Überwindung der Mängel im Gesundheitssystem und anderer sozialer Probleme vorhanden. Sie werden jedoch für die Bereicherung einer kleinen Finanzelite und die Finanzierung von Krieg und Zerstörung missbraucht. Im ihrem Wahlprogramm forderte deshalb die Sozialistischen Gleichheitspartei:

„Die großen Vermögen, Banken und Konzerne müssen enteignet und unter demokratische Kontrolle gestellt werden. Nur so können die sozialen Rechte aller gesichert werden. Dazu gehören das Recht auf einen angemessen bezahlten Arbeitsplatz, eine erstklassige Ausbildung, bezahlbaren Wohnraum, sichere Renten, eine sehr gute medizinische Versorgung und Zugang zu Kultur.“

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