Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut

Von Anna Rombach
2. November 2017

In Deutschland lebt jedes fünfte Kind dauerhaft in Armut. Weitere 10 Prozent verfügen über temporäre Armutserfahrung. Das hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung am 23. Oktober bestätigt.

Die Längsschnittstudie über fünf Jahre ergab, dass sich rund 21,1 Prozent aller Kinder unter 14 Jahren über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage befanden. Über dreißig Prozent, mehr als drei Millionen Kinder, haben mindestens einmal die Erfahrung von Armut gemacht. Ein Kind gilt als „arm“, wenn das Einkommen seiner Familie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt, bzw. wenn seine Familie von Sozialhilfe abhängig ist. Besonders von Armut bedroht sind Kinder von Alleinerziehenden, Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern und Kinder gering qualifizierter Eltern.

Die Studie erstellte einen Katalog von 23 Gütern und Aspekten sozialer Teilhabe, die einer Familie aus finanziellen Gründen fehlen können. Dazu gehören zum Beispiel eine ausreichend große Wohnung, eine Waschmaschine, ein internetfähiger Computer. Auch gesellschaftliche Aspekte wie ein monatlicher Kinobesuch oder die Möglichkeit, Freunde zum Essen nach Hause einzuladen, wurden berücksichtigt – alles Faktoren, die eigentlich für ein Aufwachsen in Geborgenheit selbstverständlich sein müssten.

Das Ergebnis: Durchschnittlich fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage 7,3 dieser 23 Güter. Kindern, die kurzzeitig von Armut betroffen sind, fehlen 3,4. Dagegen müssen Kinder aus Familien mit sicherem Einkommen im Schnitt nur auf 1,3 dieser Güter verzichten.

Schon die einmalige Erfahrung von Armut erschüttert das Sicherheitsgefühl eines Kindes nachhaltig. An einer dauerhaft gesicherten Einkommenssituation, einer Grundvoraussetzung für eine gelungene Kindheit, fehlt es demnach inzwischen praktisch jedem dritten deutschen Kind.

Andere Statistiken haben ergeben, dass Kinder in Deutschland sogar hungern. In einem der reichsten Länder der Erde, in dem 117 Milliardäre wohnen, ist die Mangel- und Fehlernährung im Vormarsch. „Viele Deutsche leiden unter verstecktem Hunger“, lautet das Fazit einer Studie der Universität Hohenheim. Hauptsächlich Rentner und Flüchtlinge, aber in wachsendem Maß auch Familien mit Kindern, sind nicht in der Lage, sich vernünftig zu ernähren. Jedes fünfte Kind geht morgens ohne Frühstück aus dem Haus.

In der Pressemitteilung zur jüngsten Studie heißt es: „Beengtes Wohnen, wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Hobbies oder Urlaub und nur geringe Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg: Als Kind Armut zu erleben oder das eigene Kind in Armut aufwachsen zu sehen, bringt viele Schwierigkeiten mit sich – umso mehr, wenn es kaum ein Entrinnen aus der Armut gibt.“

Wie die Studie zeigt, haben arme Kinder auch schlechtere Zukunftschancen: Ihre Bildungsbiografien sind z. B. durch häufigere Klassenwiederholungen, schlechtere Noten und niedrigere Schulabschlüsse stärker belastet als die anderer Kinder. Auch werden sie öfter krank. Alle diese negativen Folgen sind umso gravierender, je länger ein junger Mensch in Armut aufwächst. Und offensichtlich nimmt die Kinderarmut zu. Im Vergleich mit der Situation in 2013 hat sich die relative Anzahl der Kinder, die in einer ungesicherten Einkommenssituation aufwachsen, von 24,2 Prozent auf 31,1 Prozent erhöht.

„Kinderarmut ist in Deutschland oft Dauerzustand: Wer einmal arm ist, bleibt lange arm“, in Deutschland werde Armut oft von Generation zu Generation vererbt. Das sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, bei der Vorstellung der Studie.

Dräger selbst muss es wissen. Er ist kein neutraler Beobachter, sondern für die in der IAB-Studie beschriebenen Zustände mit verantwortlich.

Dräger ist ein aktiver Förderer des neoliberalen und arbeiterfeindlichen deutschen Regierungskurses. Als Unternehmensberater hat er früher bei Roland Berger in Frankfurt am Main gearbeitet, die als Inbegriff für neoliberale Rationalisierung gilt. Später hat er eins der ersten privatisierten Unternehmen im Rahmen der berüchtigten „public-private partnership“ im Hochschulbereich aufgebaut. Von 2001 bis 2008 war Dräger Senator für Wissenschaft und Forschung in Hamburg, wo er die Einführung von Studiengebühren durchsetzte. Heute leitet Dräger nebenher noch einen Sachverständigenrat, an dem sich die Stiftungen von Volkswagen, Bertelsmann, Hertie, Körber, Vodafone und der Zeit beteiligen und der die Regierung in Fragen von Integration und Migration berät.

Die Bertelsmann-Stiftung, die die Studie in Auftrag gab, ist eins der weltgrößten Medienunternehmen. Die 1977 gegründete Stiftung des Milliardärs und Medienmoguls Reinhard Mohn ist heute ein gigantischer Konzern, zu dem die RTL Group, Penguin Random House, Gruner+Jahr (Spiegel, Stern) und viele andere Medien und Verlage gehören. Mohns Witwe und Erbin Liz Mohn (Privatvermögen 1,7 Milliarden Euro) gilt als aktive Unterstützerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit der sie sich zusammen mit der Springer-Erbin Friede Springer (4,4 Milliarden Euro) regelmäßig zum Tee treffen soll.

Die Studie, die Bertelsmann vorgelegt hat, kommt inmitten der Jamaika-Verhandlungen der CDU, CSU, FDP und Grünen, die dabei sind, europaweit einen verschärften Militarismus und flüchtlingsfeindlichen Kurs festzulegen. Im Innern haben sie sich bereits auf Schuldenbremse, Steuersenkung und Privatisierung geeinigt.

Die Studie, die ein verheerendes Bild der aktuellen Klassengesellschaft liefert, zeigt: Die soziale Polarisierung hat eine Verelendung hervorgerufen, die gewaltigen Sprengstoff birgt. Der Kapitalismus befindet sich im Stadium offener Fäulnis. Er hat Kindern der Arbeiterklasse keine Zukunft mehr zu bieten.

Wie eine europaweite Befragung von fast einer Million junger Erwachsener („Generation What“) ergab, haben die allermeisten Jugendlichen kein Vertrauen mehr in die bestehenden Institutionen, und eine Mehrheit von etwa 60 Prozent würde sich an einem „großen Aufstand“ beteiligen.

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