Künstlerin listet die Namen von 33.000 Opfern der Festung Europa auf

Von Dietmar Henning
16. November 2017

Die Künstlerin Banu Cennetoğlu hat eine Liste mit den Namen von 33.293 registrierten Asylsuchenden, Geflüchteten und Migrant*innen veröffentlicht, die seit 1993 auf der Flucht nach Europa oder im Anschluss daran aufgrund der europäischen Flüchtlingspolitik gestorben sind.

Die 48-seitige Liste lag dem Berliner Tagesspiegel am 9. November bei. Im Rahmen des Berliner Herbstsalons des Maxim Gorki Theaters werden die Seiten auch an Litfaßsäulen im Zentrum Berlins plakatiert.

Es handle sich nur um die „Spitze des Eisbergs“, sagt Cennetoğlu. Tatsächlich seien viel mehr Menschen auf der Flucht gestorben und im Mittelmeer ertrunken. „The List“ dokumentiere, was an Daten beizubringen sei, schreibt der Tagesspiegel. Die Daten stützen sich auf die Arbeit des europäischen Netzwerks „United for Intercultural Action“.

Wie der Tagesspiegel in einem Kommentar erklärte, wurde der 9. November bewusst für die Veröffentlichung gewählt, weil er in Deutschland ein geschichtsträchtiges Datum ist. Mit diesem Tag ist die von der SPD niedergeschlagene Novemberrevolution 1918 verbunden, der fehlgeschlagene Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 in München, die Judenpogrome der Nazis 1938 („Reichskristallnacht“) und schließlich der Mauerfall 1989 in der DDR.

Die 1970 in Ankara geborene Banu Cennetoğlu ist eine international erfolgreiche Künstlerin, deren Arbeiten sich vor allem auf das Sammeln, Archivieren und Veröffentlichen von Büchern und Zeitungen konzentrieren. Den unzähligen Toten der europäischen Flüchtlingspolitik Raum und Namen zu geben, ist seit vielen Jahren Teil ihres Schaffens.

2007 veröffentlichte die griechische Tageszeitung Ta Nea in Zusammenarbeit mit Banu Cennetoğlu eine Liste mit den Namen von 8855 Toten. 2010, bei einer von der Kunsthalle Basel organisierten Plakataktion, umfasste „The List“ bereits 13.284 Opfer. Die jetzt veröffentlichte Liste dokumentiert die Namen von Menschen, die seit 1993 innerhalb oder an den Grenzen Europas gestorben sind.

Cennetoğlu betont, dass es nicht auf sie und ihren Namen ankomme. Diese Liste sei kein Kunstwerk, die Veröffentlichung keine Kunstaktion. „Es ist, was es ist.“ Nur auf einer Bedingung hat sie bestanden. Die Liste wird nicht in Ausschnitten, sondern nur als Ganzes veröffentlicht.

Hinter jedem Namen eines Toten steht eine menschliche Tragödie. Die meisten sind im Mittelmeer ertrunken. Andere starben in Flüchtlingslagern oder haben sich selbst getötet „mit einem Paar Schnürsenkel, aus Angst, abgewiesen und zurückgeschickt zu werden“ (Mikhail Bognarchuk aus der Ukraine im Abschiebegefängnis von Haslar, GB). Das Ausmaß an Hoffnungslosigkeit übersteige jede Vorstellungskraft, sagt Cennetoğlu.

Gedacht wird auch des kleinen dreijährigem Aylan Kurdi, der am 2. September 2015 aus Syrien fliehend nahe der türkischen Stadt Bodrum im Mittelmeer ertrank. Die herzzerreißenden Bilder des toten Jungen, angespült am Strand, mit dem Gesicht nach unten im Sand liegend, erschütterten Menschen in aller Welt. Sie beleuchteten schlaglichtartig das verzweifelte Drama, das sich an Europas Grenzen abspielt.

„Es ist erschreckend, wie die Flüchtlingskatastrophe allgemeine Akzeptanz findet“, sagt die Künstlerin. Sie habe eine geringe Priorität in der politischen Agenda. Wäre es eine Naturkatastrophe, sähe es anders aus.

Hinter jedem Namen auf der Liste steht daher auch eine Anklage: eine Anklage gegen die Kriege der USA und ihrer Verbündeten, die Hauptursache für die Flucht von Millionen aus ihren Heimatländern.

Die jahrzehntelangen Kriege in Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen, Mali, Somalia und Syrien – um nur die wichtigsten zu nennen – verwandelte die Länder in eine Hölle auf Erden. Weltweit fliehen über 65 Millionen Menschen vor grauenhaften Kriegen und unerträglichen Bedingungen.

Die Länder der Europäischen Union reagierten und reagieren auf die Flüchtlingswelle ausschließlich mit Unterdrückung und Abschreckung. Sie errichten Stacheldrahtzäune, bauen Sammellager und stellen Polizei auf, um die verzweifelten Menschen auf Abstand zu halten, und überlassen dabei viele Tausende dem sicheren Tod.

Jeder Tote auf der Liste ist auch eine Anklage gegen die „Festung Europa“, die die europäischen Regierungen errichtet haben.

Nur ein winziger Bruchteil der weltweit 65 Millionen Flüchtlinge versucht, nach Europa zu gelangen. Laut den Vereinten Nationen (UNHCR) sind in diesem Jahr bisher 153.355 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gelangt, fast 3.000 sind dabei ertrunken oder gelten als vermisst.

Das Mittelmeer bleibt ein Massengrab für Flüchtlinge. Italien hat unterstützt von der EU mit den verschiedenen Warlords und Herrschern in Libyen einen ähnlichen Deal geschlossen, wie die EU mit dem autoritären Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Flüchtlinge werden daran gehindert, nach Europa einzureisen.

Italien hat der libyschen Küstenwache Patrouillenboote, Helikopter, Spezialfahrzeuge, Kommunikationsausrüstung und anderes Gerät geliefert, mit dem sie Flüchtlingsboote daran hindern soll, die libyschen Hoheitsgewässer zu verlassen. Die Küstenwache hat Flüchtlinge auf hoher See ermordet und Menschenrechtsorganisationen angegriffen, weil sie Flüchtlingen helfen wollten.

Private Seenotretter gibt es seit dem Sommer kaum noch. Italien zwang damals die Hilfsorganisationen, einen Verhaltenskodex zu unterschreiben, der unter anderem die Aufnahme bewaffneter Polizisten und Frontex-Beamter an Bord vorsah. Viele Organisationen wie die „Ärzte ohne Grenzen“ oder „Save the children“ weigerten sich und stellten ihre Seenotrettung ein. Andere Hilfsorganisationen wurden unter dem Vorwurf, den Schleppern zu helfen, vor Gericht gezogen.

Die EU rühmt sich damit, das Schleppernetz in Libyen zerstört zu haben. Der italienische Innenminister Marco Minniti (PD) behauptete im Mai: „Die Menschen, die in Italien landen, haben sich in die Hände brutaler Menschenhändler begeben. Wir retten sie lediglich vor diesem Schicksal.“

Dieser Zynismus des ehemaligen stalinistischen KP-Mitglieds verschlägt einem den Atem. In Wirklichkeit verdienen die ehemaligen Schlepperbanden nun mehr damit, Flüchtlinge an der Überfahrt zu hindern, als diese zu organisieren. Italien und die EU zahlen schlicht besser als die verzweifelten Flüchtlinge.

Die Flüchtlinge, die zurückgehalten werden, leben unter unmenschlichen Verhältnissen. Allein in Libyen sollen 700.000 Menschen festsitzen. Sie werden systematisch misshandelt, vergewaltigt und wahllos hingerichtet. Wer seine Bewacher nicht bezahlen kann, wird meist getötet oder muss verhungern. Andere werden auf modernen Sklavenmärkten auf Parkplätzen in Tripolis verkauft – Frauen als Sexsklavinnen, Männer als Arbeitskräfte.

Die Präsidentin von „Ärzte ohne Grenzen“ Joanne Liu, die im Spätsommer in Libyen war, nannte den Umgang mit Flüchtlingen dort in einem offenen Brief ein „florierendes Geschäft mit Entführungen, Folter und Erpressung“ und warf der EU eine Mitschuld daran vor. Der Preis für sinkende Ankunftszahlen von Flüchtlingen in Europa seien „Vergewaltigungen, Folter und Versklavung durch Kriminelle“.

Die Tausenden, die in Afrika auf dem Weg zur Mittelmeerküste oder in Libyen selbst sterben, sind in der von Banu Cennetoğlu zusammengestellten Liste nicht aufgeführt. Sie bleiben namenlos.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen