Streiks bei Amazon in Deutschland und Italien

Von Anna Rombach und Marianne Arens
2. Dezember 2017

Große Wut und Kampfbereitschaft breitet sich unter Amazon-Arbeitern aus. Das haben die jüngsten Streiks an mehreren europäischen Amazon-Standorten erneut gezeigt. In den letzten Tagen kam es in Italien, Deutschland, Frankreich und Polen zu Streiks, Aktionen und Protesten. Sie beleuchten die Dringlichkeit einer internationalen und sozialistischen Strategie.

Amazon ist bekannt für seine Sklavenbedingungen. In den „Fulfillment-Centers“ von Amazon schuften weltweit 300.000 Arbeiter. Die picker und packer, Kuriere und anderen Beschäftigen arbeiten zu miesen Löhnen unter einem durchgetakteten und lückenlos überwachten Ausbeuterregime. Das hat zuletzt eine Undercover-Reportage der britischen Zeitung Mirror im Versandhaus Tilbury in Südengland offengelegt (siehe: „Wir sind Menschen, nicht Sklaven oder Tiere“, auf Englisch).

Am 24. November, dem Schnäppchentag Black Friday, laut US-Tradition dem ersten Tag des heißen Weihnachtsgeschäfts, legten Amazon-Beschäftigte mehrerer europäischer Standorte gleichzeitig die Arbeit nieder. In Norditalien streikten etwa die Hälfte der 4000 Arbeiter des Logistikzentrums von Castel San Giovanni (Piacenza). Es war der erste größere Streik in einem italienischen Amazon-Zentrum.

In Deutschland wurden die sechs größeren Amazon-Standorte Bad Hersfeld, Leipzig, Koblenz, Graben, Rheinberg und Werne gleichzeitig bestreikt. In Berlin und Leipzig blockierten mehrere hundert Arbeiter die Amazon-Auslieferung. In Bad Hersfeld, dem ältesten deutschen Amazon-Standort, wurden die Beschäftigten auch am Montag, dem 27. November, erneut zum Streik aufgerufen. Anlass sollte laut Verdi das hohe Bestellvolumen der so genannten „Cyber-Monday Woche“ sein.

Auch in Polen kam es zu vereinzelten, spontanen Aktionen während der „Block Black Friday“-Woche. Die Amazon-Löhne betragen in Polen nur ein Bruchteil der entsprechenden Löhne in Deutschland. Vor drei Jahren erhielt ein Arbeiter bei einem Stundenlohn von drei Euro und einer 40-Stunden-Woche brutto 500 Euro, netto weniger als 400 Euro pro Monat, während der polnische Mindestlohn zu dem Zeitpunkt bei etwa 420 Euro lag. Seither ist der Lohn nur wenig angestiegen, aber der Druck nach Berichten der Arbeiter eher noch schlimmer geworden.

Polen ist ein wahres Paradies für Amazon. Die polnische Regierung hat in Konkurrenz zu den übrigen osteuropäischen Staaten 14 Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, um ausländisches Kapital anzulocken. Mit Steuererleichterungen, staatlichen Zuschüssen und günstigen Krediten haben wechselnde polnische Regierungen internationale Investoren angelockt. Außerdem finanziert der polnische Staat die Infrastruktur, wie Grundstücke, Gebäude, Straßenbau, Kanalisation, etc.

Wie das Handelsblatt schreibt, sucht Amazon zurzeit für vier polnische Standorte insgesamt 10.000 Zeitarbeitskräfte, die mit den 9.000 Festangestellten zusammen das Weihnachtsgeschäft stemmen sollen. Jedes Jahr stellt Amazon für das Weihnachtsgeschäft Abertausende Zeitarbeiter ein. Allein in Deutschland sollen es dieses Jahr 14.000, in den USA 70.000 befristete Stellen sein. Diese Arbeiter schuften unter besonderem Druck, weil ein geringer Prozentsatz von ihnen später in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen wird.

Der globale Charakter der Konzerne legt es von vorneherein nahe, dass Arbeiter ihre Kämpfe über die Landesgrenzen zusammenschließen. Amazon hat seine Präsenz in Polen seit 2013 von Null auf heute fünf Standorte ausgeweitet, um Streikaktionen in Deutschland zu unterlaufen. Die europäischen Kunden sollen es nicht einmal bemerken, wenn an deutschen Standorten gestreikt wird. So sagte der für den europäischen Markt zuständige Amazon-Manager Tim Collins, die 2013 eröffneten Standorte ‪Poznań‬ und die zwei Betriebe bei ‪Wrocław‬ (Breslau) seien wegen der günstigen geografischen Lage, der guten Anbindung und einer „großartigen Beschäftigten-Basis“ ausgesucht worden.

Überall brodelt es in den Amazon-Belegschaften. In Frankreich hat es zuletzt spontane Einzelproteste bei Amazon gegeben, doch eine CGT-Entscheidung hat einen organisierten Streik am Standort Lauwin-Planque (Nordfrankreich) kurzfristig verboten. Der Streikverzicht an diesem Standort mit 4000 Beschäftigten wurde absurderweise mit einem Manöver des Managements begründet. Die Direktion des französischen Zentrums hatte kurz zuvor Beschäftigten eine Prämie versprochen, wenn sie Sicherheitsverstöße von Vorgesetzten melden würden.

Die Arbeiter stehen im Wesentlichen überall vor denselben Problemen und sind mit denselben Zumutungen konfrontiert. Gegen global agierende Konzerne wie Amazon können sie ihre Interessen nur international gemeinsam verteidigen. Doch die Gewerkschaften – allen voran Verdi in Deutschland – vertreten alle dieselbe bankrotte, kapitalistisch beschränkte Perspektive.

In Deutschland übernahm Verdi anfangs 2013 die Initiative bei Amazon, nachdem die Beschäftigten in Bad Hersfeld über Weihnachten spontan den Kampf gegen unmenschliche Ausbeuterbedingungen aufgenommen hatten. Seither verheizt Verdi systematisch die Tatkraft und Loyalität der Arbeiter, indem sie ständig begrenzte Einzelstreiks um den Abschluss eines Manteltarifvertrags führt. Gleichzeitig versucht Verdi den Konzern davon zu überzeugen, dass es auch unternehmerisch sinnvoll sei, die Gewerkschaft als Partner in das Management zu holen.

Solange die Streik-Initiative den Gewerkschaften überlassen bleibt, können die Arbeiter nichts erreichen. Das haben auch die jüngsten Streikaktionen wieder gezeigt.

So hat Jeff Bezos, Besitzer und Chef von Amazon, ungeachtet der Streiks seine Profite ständig weiter erhöht. Am Black Friday konnte Jeff Bezos seinen obszönen Reichtum erneut massiv steigern. Erst im Juli dieses Jahres wurde berichtet, dass Bezos 104 Millionen Dollar am Tag „verdient“ und mit 85,8 Milliarden Dollar Besitz der zweitreichste Mann der Welt sei. Nach einer Hausse an den Aktienmärkten am Black Friday erhöhte der Multimilliardär seinen Reichtum auf über 100 Milliarden Dollar und überflügelte den jetzt zweitreichsten Mann der Welt, Bill Gates, um 10 Milliarden Dollar.

In einer Minute nimmt Bezos mehr Geld ein, als seine Beschäftigten in einem ganzen Jahr verdienen. Mit dieser grotesken Anhäufung von Reichtum, erzielt durch brutale Ausbeutung von Hunderttausenden, macht das Beispiel Amazon deutlich, dass die Bedingungen weltweit reif sind für eine sozialistische Umwälzung. Dies wird auch durch einen weiteren Aspekt des Systems Amazon erhellt, nämlich durch seinen mafiösen Umgang mit lokalen Händlern.

Eine ARD-Doku zeigte vergangene Woche, wie der Amazon-Konzern – selbst der größte Verkäufer – die Händler, die für teuer Geld über Amazon Marketplace anbieten, als Köder benutzt, um neue Kunden anzuwerben, und sie anschließend ausbootet. Mehrere Händler und kleinere Unternehmer schildern in dem Dokumentarfilm, auf welche geradezu kriminelle Weise Amazon sie ihrer Kunden und Lieferanten beraubt hat, um sie für den eigenen Gewinn zu nutzen, während die Händler in die Insolvenz getrieben wurden.

Diese Schilderungen und die Klagen der kleinen Unternehmer rufen Erinnerungen an eine Szene in dem berühmten Roman „Die eiserne Ferse“ (1907) von Jack London wach. Im Mittelpunkt der fiktiven Geschichte steht der sozialistische Revolutionär Ernst Everhard, der als Arbeiter vertraut ist mit „Schmutz und Elend seiner Umgebung, wo Körper und Geist gleicherweise Hunger und Qualen erleiden“. Eines Tages diskutiert er mit einer Gruppe lokaler Geschäftsleute, die sich über die rücksichtlose Konkurrenz der großen Trusts beklagen („Nieder mit den Trusts!“ lautete ihre Losung).

Ihnen setzt Everhard nun stichhaltig auseinander, dass sie noch naiver seien als die Maschinenstürmer im 18. Jahrhundert. „Während Sie von der Wiederherstellung des freien Wettbewerbs reden, erdrücken die Trusts Sie völlig“, erklärt er ihnen offen, und fragt dann: „Stimmt es nicht, dass ein mechanischer Webstuhl schneller und billiger arbeitet als ein Handwebstuhl? … Finden Sie nicht, dass die unter dem Namen Trust bekannte Organisation wirksamer und billiger arbeitet als tausend miteinander konkurrierende kleine Gesellschaften?“

Schließlich lautet sein Resümee: „Wir wollen diese wundervollen Maschinen, die so wirksam und billig arbeiten, nicht zerstören. Wir wollen Sie beaufsichtigen. Wir wollen Nutzen aus ihrer Wirksamkeit und Billigkeit ziehen. Lassen Sie sie für uns selbst laufen. Lassen Sie uns die gegenwärtigen Besitzer dieser vorzüglichen Maschinen enteignen und selbst die Maschinen in Besitz nehmen. Das, meine Herren, ist Sozialismus, eine umfassendere Vereinigung als die Trusts, eine höhere wirtschaftliche und soziale Organisation, als die Erde sie je gesehen hat. Das ist die Entwicklungslinie. Wir begegnen der Organisation mit einer noch höheren Organisation. Das schafft uns den Sieg. Kommen Sie herüber zu uns Sozialisten und kämpfen Sie auf der Seite der Sieger.“