68. Internationale Berliner Filmfestspiele

Zwei sehenswerte deutsche Filme

Von Bernd Reinhardt
16. März 2018
Das Schweigende Klassenzimmer (Studiocanal GmbH)

Einer der sehenswerten deutschen Beiträge auf der Berlinale war der Film Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume. In seinem Film Der Staat gegen Fritz Bauer (2015) hatte er sich mit dem rechten Justizapparat der frühen Bundesrepublik auseinandergesetzt, gegen den der damalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer die Auschwitz-Prozesse durchsetzte. Der jetzige Film Das schweigende Klassenzimmer, nach dem gleichnamigen Erinnerungsbuch von Dietrich Garstka, beschreibt den mutigen Widerstand einer DDR-Abiturklasse gegenüber dem SED-Staatsapparat im Jahr 1956.

Die Schüler hatten während der Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn durch sowjetische Panzer spontan eine Schweigeminute abgehalten. Auf der hartnäckigen Suche nach dem Rädelsführer scheitert selbst der eingeschaltete DDR-Bildungsminister am Zusammenhalt der Klasse. Schließlich wird allen Schülern das Abitur verweigert. Innerhalb weniger Tage flüchtet fast die gesamte Klasse nach Westberlin.

Die Grundstruktur der Ereignisse bis zur Flucht wurde beibehalten, die Figuren verändert. Erzählt wird aus der Perspektive der Jugendlichen, die zwischen der DDR-Propaganda, die den ungarischen Aufstand als Konterrevolution bezeichnet, und der Propaganda des Westens, wo man die Freiheitskämpfer feiert, die Wahrheit suchen. An Konterrevolution wollen sie nicht so recht glauben. Ist Imre Nagy, der Staatschef, nicht auch Sozialist? Von Eltern und Lehrern bekommen sie keine Antwort.

Als Kurt (Tom Gramenz) seinen Vater (Max Hopp), ein SED-Mitglied mit hohem Posten in der Stadt, nach dem Charakter des Aufstands fragt, weicht dieser aus, ihm fehlten genauere Informationen, aber es sei wohl so etwas wie die „konterrevolutionären“ Ereignisse 1953 in der DDR. Dann wirft er dem Sohn vor, den Westberliner Radiosender RIAS zu hören und in West-Berlin das Grab des gefallenen Nazi-Großvaters besucht zu haben. Im Beisein der Mutter (Judith Engel) hakt er zynisch nach, vielleicht würde dieses mütterliche Erbe ja bei Kurt doch überwiegen.

So bleibt den Jugendlichen als Nachrichtenquelle der verbotene RIAS, den sie bei einem kauzigen Alten (Michael Gwisdek) hören, der mit dem Anarchismus liebäugelt. Als sie vom bevorstehenden Abzug der Sowjet-Truppen aus Ungarn hören, hoffen sie dies bald auch für die DDR. Sie sind der sowjetischen Armee gegenüber nicht feindlich, aber was soll sie hier noch, elf Jahre nach Kriegende? In einer Szene sagt ein sowjetischer Soldat zu Kurt, nachdem dieser und seine Freunde mit einer Gruppe Soldaten in der Kneipe in Streit geraten waren, er wäre viel lieber zuhause, als hier auf die „Nazi-Kinder“ aufpassen zu müssen.

Später berichtet der RIAS, Ungarn beabsichtige aus dem Warschauer Pakt auszutreten. Sowjetische Panzer fahren auf. Unter den Toten soll sich der ungarische Fußballspieler Ferenc Puskás befinden.

Die Jugendlichen verabreden, den Tod von Puskás, der sich später als Falschmeldung des RIAS herausstellt, als Grund für ihre Schweigeminute anzugeben. Es nützt ihnen nichts, die Vertreter der SED-Bürokratie wittern eine Rebellion.

Den abstoßenden Auftritt von Volksbildungsminister Fritz Lange (Burkhart Klaußner) will man für eine filmische Dramatisierung halten. Doch so hat es sich laut Buchvorlage zugetragen. Einer der höchsten „Volksvertreter“ der DDR droht Prügel an, bringt eine christliche Schülerin in Verlegenheit und beschimpft den Vater eines Schülers als Schmarotzer, weil er Tierarzt ist. Den Schüler Erik (Jonas Dassler) schließt er von vornherein als Rädelsführer aus. Sein Vater saß als Kommunist im KZ. Theo (Leonard Scheicher) hört auch den Namen seines Vaters (Ronald Zehrfeld). Woher kennt ihn der Minister?

Er erfährt, dass sein Vater 1953 am Arbeiteraufstand des 17. Juni beteiligt war und sich nach der Niederschlagung unauffällig verhalten musste, um die Zukunft seiner Kinder nicht zu gefährden. Erik, der seinen angeblich im KZ ermordeten Vater regelrecht vergöttert, erfährt dagegen, dass dieser im KZ mit den Nazis kollaborierte und dafür von Angehörigen der sowjetischen Armee gehängt wurde. Auf dem Exekutionsfoto, das ihm Schulrätin Kessler (Jördis Triebel) hämisch zeigt, ist auch Kurts Vater zu sehen. Kurt ist schockiert. Hinter den sozialistisch klingenden SED-Parolen tut sich für die Jugendlichen ein ekelhafter Sumpf von Lüge und Erpressung auf.

Warum die unnachgiebige Härte eines „sozialistischen Staats“ gegenüber den Jugendlichen? Neben der realen Befürchtung der SED-Führung, der Aufstand könnte auf die DDR übergreifen, erinnert der Film an die brutale Verfolgung der ehemaligen kommunistischen Antifaschisten, jetzt SED-Funktionäre, durch die Nazis. Da hört man Verbitterung über die „undankbare Jugend“ heraus, die West-Propaganda hören, gesendet ausgerechnet aus dem Land, dessen Justiz fast ausschließlich aus alten Nazis bestand. Kraumes Film über Fritz Bauer gibt diese Realität gut wieder.

Frühere kritische DDR-Filme, wie z.B. Denk bloß nicht, ich heule (1965) von Frank Vogel, die trotz scharfem Ton an die Menschlichkeit der Bürokratie appellierten und die Unterdrückung der Jugend lediglich auf ein Generationsproblem zurückführten (und prompt verboten wurden), verwässerten das Wesentliche: Der Stalinismus, der sich in der Sowjetunion nach der Isolation der Oktoberrevolution entwickeln konnte und alle Ansätze von Arbeiterdemokratie unterdrückte. Es lag sozusagen in den politischen Genen der SED, auf alles empfindlich zu reagieren, was nur den Anschein von Opposition und Unberechenbarkeit hatte.

Die DDR-Bürokratie fühlte sich, trotz aller sozialen Zugeständnisse, nie völlig sicher und spürte immer das Brodeln unter der gesellschaftlichen Decke. Leider führt die Figur des anarchistischen Rentners Edgar, der Kapitalismus wie Sozialismus zugunsten eines individuellen Freidenkertums eine Absage erteilt, weit weg von der Frage der Jugendlichen, was da eigentlich in Ungarn gerade passiert.

Die brutale Niederschlagung des Aufstands wurde in der Zeit des Kalten Krieges von Ost wie West instrumentalisiert. Beide Lager behaupteten, der Aufstand sei gegen den Sozialismus gerichtet. Die DDR sah eine gegen die Sowjetunion gerichtete Konterrevolution, der Westen Freiheitskämpfer für ein kapitalistisches Ungarn. In Wirklichkeit war es ein Kampf gegen den Stalinismus und für sozialistische Arbeiterdemokratie. Unter den Kämpfenden waren viele Kommunisten, und Arbeiterräte spielten eine herausragende Rolle.

Wie schon Kraumes Film Der Staat gegen Fritz Bauer ist der Film Das schweigende Klassenzimmer ein Signal an Jugendliche, sich heute nicht passiv und unpolitisch zu verhalten, nicht nach dem politisch kleineren Übel zu suchen, konsequent zu sein, auch wenn man dabei mit der herrschenden Politik in Konflikt gerät.

Das erfordert allerdings eine wesentlich tiefere Auseinandersetzung mit dem Ungarn-Aufstand, als der Film es tut. Seine Niederschlagung durch die Stalinisten ebenso wie die Unterdrückung des Aufstands in der DDR 1953 sorgte für große Verwirrung unter Arbeitern und Jugendlichen und verhalf der westdeutschen und europäischen Bourgeoisie zu neuer Stabilität. In der heutigen Situation kapitalistischer Krise und Kriegsgefahr müssen freiheitlich denkende junge Menschen diese Geschichte verstehen und die Lüge zurückweisen, dass Stalinismus Sozialismus gewesen sei.

In den Gängen/Sommerhaus Filmproduktion

In der ostdeutschen Gegenwart angesiedelt ist der Wettbewerbsfilm In den Gängen von Thomas Stuber. Achtzehn Jahre nach der Einführung des Kapitalismus in der DDR macht das Bundesland Sachsen den Eindruck einer Mondlandschaft. Die Handlung beruht auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, dessen Nachwende-Roman Als wir träumten von Andreas Dresen 2015 verfilmt wurde.

Christian (Franz Rogowski) hat sich als Jugendlicher ausgetobt und nach der Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug die Sklavenarbeit in einer Baufirma, zusammen mit portugiesischen Arbeitern, kennen gelernt. Nun beginnt er bei einem Großmarkt in der Nähe der Autobahn, wie üblich zunächst auf Probe. Bruno (Peter Kurth), ein älterer Arbeiter arbeitet ihn ein. Bald verliebt sich Christian in Marion (Sandra Hüller) von der Süßwarenabteilung. Er erfährt, dass sie unglücklich verheiratet ist, und weiß nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll. Als seine alten, kriminellen Kumpane ihn zufällig aufstöbern, beginnt er abzugleiten, zu trinken. Bruno lädt ihn eines Abends zu sich nach Hause ein.

Bruno und die älteren Kollegen kennen sich seit DDR-Zeiten. Sie arbeiteten im selben Verkehrsbetrieb. Bruno stieg nach dessen Abwicklung vom LKW auf den Gabelstapler um, froh, nicht wie viele andere arbeitslos zu werden. Das alte Betriebsgelände liegt in unmittelbarer Nähe. Er vermisse die Straße, gesteht er Christian. An seiner Wohnung donnern täglich LKWs vorbei. Als Christian nach seinem Besuch zur Arbeit kommt, erfährt er, dass Bruno sich das Leben genommen hat.

Die Großmarkt-Kulisse, an eine Amazon-Lagerhalle erinnernd, hätte zur Inszenierung roboterhaft agierender Arbeiter verleiten können, blass und leidend. Arbeiter, für die etwas getan werden sollte. Nicht allein den hervorragenden Darstellern ist es zu verdanken, dass die Arbeiter neben Sympathie auch Vertrauen erwecken, selbst etwas bewegen zu können. In der riesigen Halle, die nachts wie ein großes Raumschiff anmutet, erkämpfen sie sich täglich ihre kleinen Freiräume, eine Mannschaft, die ihr „Schiff“ souverän beherrscht. Der Film beginnt gleich mit dem bekannten Strauß-Walzer aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum und einer Art Ballett der Gabelstapler.

Das klingt nach poetischer Verklärung einer in Wirklichkeit harten Arbeit. Ist es aber nicht. Gezeigt wird Leben unter der „Eisdecke“. Christian merkt überrascht, dass hier jeder irgendwie über den anderen genauen Bescheid weiß und sich ohne große Worte verantwortlich fühlt, ein Gemeinschaftsgeist, der nichts mit verschrobenem Ossitum zu tun hat. Wie in der DDR werden die zur Leistung antreibenden Regeln und Verbote mit Routine unterlaufen. Jeden Tag steht Christian vor dem großen Spiegel mit der Aufschrift „So sieht dich der Kunde“, streift pflichtgetreu die Ärmel über seine Gefängnis-Tätowierungen. Jedes Mal sieht man sie trotzdem.

Eine besondere Rolle in dem tragisch-komischen Film spielt das Meer. Das erste Mal rauscht es am Kaffeeautomaten, wo an der Wand ein großes Poster mit Palmenstrand hängt. Tagtraum oder eine der CDs des Abteilungsleiters, der die Belegschaft auch gern mit dem Stück Air von Bach für die Nachtschicht einstimmt? Das Palmenmotiv taucht bei Marion zu Hause auf: ein noch unfertiges Puzzle. „Das Meer“ wird auch ein Betriebsbereich genannt, wo der Frischfisch aufbewahrt wird, noch lebend, dicht an dicht schwimmend mit aufgerissenen Mäulern. Es ist nicht Sehnsucht nach Exotik, die sich durch den Film zieht, sondern nach frischer Luft, nach Freiheit. Einmal ertönt ein kraftvoller afroamerikanischer Work-Song durch die Halle. Zu Ende des Films rauscht das Meer ganz nahe.

Siehe auch:

Die ungarische Revolution von 1956, Teil 1

Teil 2; Teil 3

Das Vermächtnis des Aufstands vom 17. Juni

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