Warum verteidigt die taz den rechtsextremen Ideologen Baberowski?

Von Christoph Vandreier
24. März 2018

Anfang März widmete die taz am wochenende der Verherrlichung des rechtsextremen Professors Jörg Baberowski eine dreiseitige Titelgeschichte. Nun hat sich auch Edith Kresta, die bei der taz für die Ressorts Reise, Sport, Wissenschaft und Wahrheit verantwortlich ist, für die Überwindung von „moralischem Sektierertum“ gegenüber rechtsradikalen Positionen und gegen die Stigmatisierung fremdenfeindlicher Vorurteile ausgesprochen.

Die Umarmung Baberowskis offenbart den massiven Rechtsruck eines ganzen Milieus und zeigt zugleich, wie korrekt und wichtig der Kampf ist, den die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) an der Humboldt-Universität gegen Baberowski führen.

Auf die erste Veröffentlichung der taz hatten die IYSSE mit einem offenen Brief reagiert, der nachweist, dass sich die Zeitung offener Fälschungen, Verdrehungen und Unredlichkeiten bedient, um Baberowski reinzuwaschen und seine Kritiker zu diffamieren. Die taz hatte das Dauerargument der Rechten übernommen, dass Kritik an ihnen ein Angriff auf die Meinungsfreiheit sei, und sie hatte unterschlagen, worum es bei der Auseinandersetzung an der Humboldt-Universität tatsächlich ging: um die Verharmlosung und Rechtfertigung von Nazi-Verbrechen.

Die taz weigerte sich, den Brief der IYSSE abzudrucken. Das gleiche gilt für zahlreiche weitere kritische Leserbriefe, die aus der ganzen Republik in der Redaktion eingingen. Stattdessen veröffentlichte Kresta am 15. März einen wüsten Kommentar, der sich hinter den Baberowski-Artikel stellt und für eine politische Öffnung gegenüber rechtsradikalen Ideologien eintritt.

In absurden Gedankensprüngen versucht Kresta zunächst, die Kritik an einem rechtsradikalen Professor, der gegen Flüchtlinge hetzt und Nazi-Verbrechen verharmlost, als eine Form von überempfindlicher Political Correctness darzustellen, der „Moral vor Analyse“ gehe und die auf einem „Tunnelblick“ basiere. Kritikern Baberowskis unterstellt sie indirekt „moralisches Sektierertum“ und „schlichte Wahrheiten“.

Kresta stellt Kritik an rechtsextremen Standpunkten auf eine Ebene mit den absurden und teilweise reaktionären Aktivitäten von Vertretern der Identitätspolitik. „Bilder werden abgehängt, Kunstwerke zensiert, Gedichte übermalt. Prüderie und radikale Schuldzuweisung greifen um sich“, zitiert sie eine andere Autorin und setzt Kritik an den rechtsextremen Standpunkten Baberowskis damit gleich. Den Mann, der erklärt, dass Hitler nicht grausam gewesen sei, feiert sie als „klugen, interessanten Wissenschaftler“.

Kresta fühlt sich vom Gestank des Geschichtsrevisionismus angezogen, weil sie selbst ihrer flüchtlingsfeindlichen Gesinnung endlich Luft machen will. „Wenn Alice Schwarzer beispielsweise nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 von ‚entwurzelten, brutalisierten und islamisierten jungen Männern vorwiegend aus Algerien und Marokko‘ spricht, so ist diese Aussage nicht unbedingt falsch“, meint Kresta und fragt: „Warum also der Aufschrei?“

Während sie sich hinter die verlogene Medienkampagne um die Kölner Silvesternacht stellt und ganze Menschengruppen brandmarkt, will sie Vorurteile gegen Migranten ausdrücklich nicht stigmatisieren, sondern darüber reden! Sie wolle „über die Probleme, die Migration mit sich bringt, genauso schreiben wie über die Schwierigkeiten der Integration“, so Kresta. „Wir sollten uns streiten über die Untiefen des Islam, ohne gleich der ‚Islamophobie‘ oder des Rassismus verdächtigt zu werden.“

Frau Kresta möchte sich nicht länger von „Moral“ oder politischer Korrektheit davon abhalten lassen, ihre rechten Standpunkte zu verbreiten. Sie spricht damit für ein ganzes Milieu um die Grünen und die Linkspartei herum, das bereits in den letzten zwei Jahrzehnten jeden Kriegseinsatz der Bundeswehr und jede Sozialkürzung mit angeblicher Humanität begründet hatte und jetzt auf dieses moralische Feigenblatt verzichtet.

Rechtsruck eines sozialen Milieus

Sowohl Kresta als auch Sabine Seifert, die den ursprünglichen Artikel zu Baberowski verfasste, wurden in den 1950er Jahren geboren, in der unmittelbaren Folge von 1968 politisch sozialisiert und kamen in den späten 70er bzw. frühen 80er Jahren zur taz. Diese war schon damals Zentralorgan jener Teile der 68er Bewegung, die sich in den Grünen gesammelt hatten und für sehr wohlhabende Mittelschichten sprachen.

Wie die Partei bewegte sich die Zeitung rasch nach rechts. Spätestens mit dem Eintritt der Grünen in die Bundesregierung wurde die taz zu einer treibenden Kraft des deutschen Militarismus. Sie stand an vorderster Front, wenn es darum ging, die deutschen Kriege gegen Serbien und Afghanistan mit Menschenrechten und sogar der Verhinderung eines neuen Auschwitz zu rechtfertigen. In Bezug auf Libyen, Syrien und die Ukraine griff die taz die Bundesregierung von rechts an, weil sie nicht aggressiv genug interveniere.

Jetzt treibt sie die Logik dieser Politik zu immer offeneren Formen rechtsradikaler Politik, die sich nicht einmal verbal zu Humanismus und Menschenrechten bekennt.

In der gleichen Ausgabe, in der die Titelgeschichte zu Baberowski veröffentlicht wurde, beschwor Chefreporter Peter Unfried in einem Kommentar den neuen Konservativismus der Grünen. Er lobte den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, weil dieser eine Woche zuvor in der taz die „konservative Revolution“ des CSU-Rechtsaußen Alexander Dobrindt für sich beansprucht hatte.

Dobrindt hatte gegen eine angebliche „linke Meinungsvorherrschaft“ gewettert und sich dabei auf das Konzept der „konservativen Revolution“ bezogen, das der Rechtsextremist Armin Mohler in der Nachkriegszeit geprägt hatte. Figuren wie Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck oder Ernst Jünger, die unter diesem Begriff gefasst werden, zeichneten sich durch einen aggressiven, oft rassistischen Nationalismus, die Verherrlichung von Krieg und die Rechtfertigung von Diktatur aus. Sie übten einen großen Einfluss auf sämtliche bürgerliche Parteien der Weimarer Republik aus und ebneten den Nazis ideologisch den Weg an die Macht.

An diese Tradition wird jetzt wieder angeknüpft. Kretschmann und Unfried beziehen sich positiv auf das Konzept. „Wenn es eine konservative Revolution gibt, dann bei uns“, erklärte Kretschmann in der taz.

Drei Tage nach dem Baberowski-Artikel erschien in der taz ein langes Interview mit der Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, in dem diese die Entscheidung der Essener Tafel, nur noch Deutsche aufzunehmen verteidigte und dem „internationalen Kapital“ den Nationalstaat als Bastion der „demokratischen Souveränität“ und der „sozialen Politik“ entgegensetzte. Sie stellte sich damit an die Spitze einer flüchtlingsfeindlichen Kampagne, die die soziale Katastrophe den Schwächsten der Gesellschaft anlastet.

Linke und Grüne schließen die Reihen mit der Bundesregierung, die eine rechte Politik des Militarismus und des Sozialabbaus verfolgt und sich dabei der braunen Hetze der AfD bedient. SPD-Familienministerin Franziska Giffey hat erklärt, die AfD spreche im Gegensatz zu den anderen Parteien das aus, was die Menschen selbst jeden Tag erlebten. CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn verhöhnt Hartz-IV-Empfänger und CSU-Heimatminister Horst Seehofer erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Die scharfe Rechtswende von Regierung und Opposition findet seine Entsprechung in den Zeitungen und Feuilletons. Da kann der Autor Uwe Tellkamp seine dumpfe Hetze gegen Muslime verbreiten. Kritisiert wird der Suhrkamp Verlag für die angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit, weil er sich vorsichtig von seinem Autor distanziert.

Eine ganze Schicht von Politikern, Meinungsmachern und wohlhabenden Kleinbürgern richtet angesichts der Rückkehr des deutschen Militarismus und der wachsenden Klassenspannungen ihren politischen Kompass neu aus.

Schon Seifert hatte ihre Verteidigung Baberowskis damit begründet, dass sich „angesichts einer sich moralisch festigenden Neuen oder Identitären Rechten“ bisherige „politische Gewissheiten, Zugehörigkeiten“ auflösten. Kresta hat das nun bestätigt.

Baberowski als zentrale Figur der Neuen Rechten

Baberowski ist eine zentrale Figur der Neuen Rechten. In ihrer aktuellen Ausgabe berichtet die Zeit, dass er im Jahr 2015 ein Netzwerk von rechten und rechtsradikalen Figuren gegründet hat, das sich regelmäßig in Berlin trifft und nun erstmals mit einer Solidaritätserklärung für flüchtlingsfeindliche Demonstrationen, der „Erklärung 2018“, an die Öffentlichkeit getreten ist.

Zu den rechten Ideologen, die Baberowski um sich gesammelt hat, gehören der offene Rassist Thilo Sarrazin, der persönliche Referent von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, Michael Klonovsky, der Chefredakteur der rechtsradikalen Jungen Freiheit, Dieter Stein, und der Mohler-Schüler und Mitbegründer des Thinktanks der Neuen Rechten „Institut für Staatspolitik“, Karlheinz Weißmann. Ziel des Netzwerks ist es, rechtsextreme Positionen wieder salonfähig zu machen.

Baberowski ist für die extreme Rechte eine so zentrale Figur, weil er sein Prestige als Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Universität einsetzt, um die Geschichte zu fälschen und die Verbrechen der Nazis zu verharmlosen. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, fremdenfeindliches und rechtes Gedankengut wiederzubeleben. Um an die rechtsradikalen Traditionen anknüpfen zu können, müssen die geschichtlichen Erfahrungen ausradiert werden.

Seit 1968, klagte Baberowski im Mai in der Neuen Zürcher Zeitung, „ist der Widerstand gegen einen toten Diktator [Adolf Hitler] Legitimation genug, um sich moralisch über andere Menschen zu erheben. Alle anderen Bevormundungsstrategien folgen dem gleichen Muster. Wer über Rassismus, Kolonialismus, über Krieg und Frieden oder das Verhältnis der Geschlechter anders urteilt, als es der hegemoniale Diskurs erlaubt, wird moralisch diskreditiert.“

Um Rassismus und Krieg wieder salonfähig zu machen, muss dieser Argumentation zufolge die moralische Überlegenheit der Hitler-Gegner gebrochen werden. Und eben daran arbeitet Baberowski seit Jahren systematisch. Schon im Jahr 2007 hatte er behauptet, dass der Vernichtungskrieg der Nazis eine Reaktion auf die Kriegsführung der Roten Armee gewesen sei: „Stalin und seine Generäle zwangen der Wehrmacht einen Krieg neuen Typs auf, der die Zivilbevölkerung nicht mehr verschonte.“ [1]

Diese Verneinung der Tatsache, dass der Vernichtungskriegs im Osten von langer Hand geplant war, wird durch kein historisches Faktum gestützt. Es handelt sich um eine plumpe Fälschung, die jeder ernsthaften Forschung ins Gesicht schlägt. So zeigt der amerikanische Historiker Thomas Childers in seinem jüngsten Werk über das Dritte Reich detailliert auf, wie sich im Vernichtungskrieg die Ideologie der Nazis mit den Kriegszielen verband:

„Ein Vernichtungskrieg gegen den jüdischen Bolschewismus in der Sowjetunion bildete das Fundament der Nazi-Ideologie; dieses Ziel verfolgte Hitler während seiner gesamten politischen Laufbahn obsessiv. Die Konfrontation zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus war für ihn die wichtigste Sache, eine epische Schlacht der Ideologien, die das Schicksal Deutschlands, Europas und der Welt bestimmen würde; sie machte den Nationalsozialismus aus und erfüllte ihn mit Leben. Sie sollte das Ausmaß und die Grausamkeit des Kriegs, den Hitler entfesselt hatte, erheblich erhöhen. Mit ihr sollten sich Geopolitik und Genozid zu einem einzigen, schrecklichen Strudel verbinden, der das Wesen des Kriegs veränderte und zum gnadenlosen Abschlachten von Millionen führte.“ [2]

Gegen dieses Verständnis richtet sich Baberowskis Geschichtsklitterung. 2014 rehabilitierte er im Spiegel den Nazi-Apologeten Ernst Nolte: „Nolte wurde Unrecht getan. Er hatte historisch recht“, sagte Baberowski und führte zum Beleg hinzu: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird.“ Den Holocaust setzte Baberowski auf eine Stufe mit angeblichen Erschießungen während des russischen Bürgerkriegs: „Im Grunde war es das Gleiche: industrielle Tötung.“

Das allein ist eine abscheuliche Verniedlichung der NS-Tötungsmaschinerie, die den ganzen Kontinent umspannte und bis ins Detail industriell durchgeplant war. Und auch wenn Baberowski dies leugnet, wurde die Massenvernichtung der europäischen Juden in den Konzentrationslagern auch an Hitlers Esstisch geplant.

Am 25. Januar 1942, kurz nach der Wannsee-Konferenz, sagte Hitler beim Mittagessen zu Heinrich Himmler: „Wenn er [der Jude] dabei kaputt geht, da kann ich nicht helfen. Ich sehe nur eines: die absolute Ausrottung, wenn sie nicht freiwillig gehen. Warum soll ich einen Juden mit anderen Augen ansehen, als einen russischen Gefangenen?“ [3]

Dieses Gespräch mit Himmler gilt als Startschuss dafür, dass nicht mehr vornehmlich Kriegsgefangene, sondern auch massenhaft Juden in die Konzentrationslager gebracht wurden. „Kurz nach dem Essen rief Himmler Heydrich in Prag an und setzte ihn ins Bild. Die Notiz für diesen Anruf in Himmlers Dienstkalender lautet: ‚Juden in die KL.s.‘“, schreibt Nikolaus Wachsmann in seiner umfassenden Untersuchung über die Konzentrationslager. [4]

Die bodenlose Geschichtsfälschung und Verharmlosung der Nazi-Verbrechen durch Baberowski stieß innerhalb der akademischen und medialen Welt auf keinerlei Opposition. Hatten Noltes Thesen in den 80er Jahren noch heftige Kritik ausgelöst, wurden nun die IYSSE, die diese Auffassungen in Flugblättern und auf Veranstaltungen kritisierten, massiv angegriffen. Die Leitung der Humboldt Universität, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Vertreter sämtlicher Bundestagsparteien stellten sich hinter die Verharmlosung Hitlers und diffamierten die IYSSE.

Die IYSSE verstanden von Anfang an, worum es dabei ging. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Spiegel-Artikels erklärten sie: „Die Wiederbelebung des deutschen Militarismus erfordert eine neue Interpretation der Geschichte, die die Verbrechen der Nazizeit verharmlost.“

Der scharfe Rechtsruck großer Teile des politischen Establishment, der sich nicht zuletzt in der klaren Positionierung der taz für Baberowski ausdrückt, bestätigt diese Analyse. Mit der Politik des Kriegs und der sozialen Konfrontation kommen auch alle Übel der Vergangenheit zurück. Um den braunen Dreck wieder salonfähig zu machen, wird die Geschichte umgeschrieben.

Doch der Kampf der IYSSE an der Humboldt-Universität hat nicht nur ans Licht gebracht, wie einmütig Medien und Professorenschaft bereit sind, dieses Narrativ zu akzeptieren und sogar zu verteidigen. Die enorme Resonanz, die die IYSSE erfuhren, hat vor allem gezeigt, dass die große Mehrheit der Arbeiter und Studierenden das rechte Vorhaben vehement ablehnt. Die IYSSE und die Sozialistische Gleichheitspartei geben dieser Opposition eine Stimme und eine sozialistische Perspektive.

Anmerkungen

1) Jörg Baberowski, „Kriege in staatsfernen Räumen. Russland und die Sowjetunion 1905–1950“, in: D. Beyrau, M. Hochgeschwender, D. Langewiesche (Hrsg.), Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S. 305

2) Thomas Childers, The Third Reich: A History of Nazi Germany, Simon and Schuster, 2017, S. 469 (aus dem Englischen)

3) Zitiert nach: Nikolaus Wachsmann, KL Die Geschichte der Nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2016, S. 346

4) ebd.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

Jetzt bestellen »