Tödliches Zugunglück in Aichach: Angehöriger macht Bahnvorstand und Bundespolitiker verantwortlich

Von Wolfgang Weber
18. Mai 2018

Am 7. Mai 2018 abends kam es vor dem Bahnhof Aichach bei Augsburg (Bayern) zu einem schweren Zugunglück. Ein mit 30 Reisenden besetzter Regionalzug prallte fast ungebremst frontal auf einen Güterzug, der auf demselben Gleis stand. Zwei Menschen wurden getötet, 14 zum Teil schwer verletzt. Bei den Getöteten handelt es sich um eine 73-jährige Passagierin und den 37-jährigen Lokführer, der eine Frau und drei Kinder hinterlässt.

Staatsanwaltschaft, Polizei, Richter und Medien waren schnell dabei, den jungen, 24 Jahre alten Fahrdienstleiter des Stellwerks Aichach als den „vermutlich Schuldigen“ auszumachen. Er habe eine Weiche oder ein Signal falsch gestellt, so dass die zwei Züge auf der eingleisigen Strecke beide auf das im Bahnhof ausgelegte Ausweichgleis gelenkt worden seien.

Der Staatsanwalt ließ den jungen Mann festnehmen und beantragte einen Haftbefehl. Ein Augsburger Richter gab dem Antrag statt und setzte den Haftbefehl gegen Auflagen nur aus, weil keine Fluchtgefahr bestünde. Nicht nur die rechte Boulevard-Presse, sondern auch große Tageszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung titelten anderentags: „Menschliches Versagen – Haftbefehl gegen Fahrdienstleiter.“

Ganz anders der Sohn der getöteten Reisenden, Daniel S. Er sieht die Schuld bei „den politisch Verantwortlichen für die Investitions- und Sicherheitsentscheidungen der Bahn“, d.h. bei der Bundesregierung, dem Bundesfinanz- und -verkehrsminister, sowie den Vorständen von DB Netz und Bahn AG. In einer Botschaft auf Facebook bedankte er sich fünf Tage nach dem Unglück zunächst bei allen Rettungs- und Hilfsdiensten am Unglücksort und bei allen Menschen, die Trost und Hilfe angeboten hatten.

Wörtlich schreibt er: „Allen ..., die den Betroffenen des Zugunglücks am 7. Mai 2018 – durch das meine geliebte Mutter ums Leben kam – mit Tat und Trost zur Seite standen und stehen, ein herzliches Dankeschön und ‚Vergelt's Gott’.

In einer Zeit, in der man aufgrund öffentlicher Debatten in Medien und Politik den Eindruck gewinnen kann, dass wir in unserer Gesellschaft keine anderen Werte mehr neben dem Recht juristischer Personen auf Profit haben, ist so viel selbstlose Menschlichkeit wohltuend und Hoffnung spendend. Mein Mitgefühl gilt neben den Trauernden und Verletzten, den traumatisierten Beteiligten und Helfern dem Fahrdienstleiter, dessen Fehler das Unglück vielleicht verursacht hat. Wir alle machen andauernd Fehler. Wenn sie solche tragischen Konsequenzen haben, können wir sie uns nur schwer verzeihen. Das ihm dies gelingt, wünsche ich dem jungen Mann ebenfalls von Herzen.“

Dann wendet er sich direkt an die aus seiner Sicht für das Unglück Verantwortlichen: „Den juristischen Personen DB Netz AG und Deutsche Bahn AG sowie den politisch Verantwortlichen für die Investitions- und Sicherheitsentscheidungen der Bahn verspreche ich, ab dem Moment, wenn die Erde das Grab meiner viel zu früh getöteten Mutter geschlossen hat, nicht mehr zu ruhen, bis alle Stellwerke und Bahnübergänge auf dem technisch neusten Sicherheitsstand sind. Es kann nicht sein, dass mein Auto mich vor allen möglichen Gefahren und meinen und den Fehlern anderer automatisch schützt, während die Bahn für das Leben hunderttausender Kunden täglich nicht mehr tut, als die Verantwortung für sie auf die Fahrdienstleiter zu schieben und sie mit Technik aus dem letzten Jahrtausend alleinzulassen.“

Damit hat er den Finger auf den wunden Punkt gelegt.

Das Stellwerk, in dem der Fahrdienstleiter seinen Dienst tat, sowie Gleise und Züge sind wie die meisten Regionalstrecken mit einer Sicherheitstechnologie „ausgerüstet“, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Genauer gesagt: es gibt überhaupt keine. Bei dem Stellwerk werden mit mechanischen Hebeln über Seilzüge die Weichen gestellt.

Bei der Hälfte der 3000 Stellwerke in Deutschland, in denen 12.000 Fahrdienstleister täglich mehr als 40.000 Züge steuern, handelt es sich um solch altertümliche Hebelstellwerke noch aus Kaisers Zeiten. Gleise und Weichen sind nicht mit Meldeeinrichtungen ausgestattet, die anzeigen, ob ein Gleis schon belegt ist oder nicht. Auch ein modernes elektronisches Antikollisionssystem wie das „European Train Control System“ (ETCS), das zwischen den Zügen selbst eine Signalverbindung herstellt und gerade auf eingleisigen Strecken Zusammenstöße verhindern würde, gehört nicht zur Ausrüstung.

Ein pensionierter Fahrdienstleiter, der jahrzehntelang auf dem Bahnhof Aichach gearbeitet hatte, berichtete der Süddeutschen Zeitung, dass bei der Bahn vor 30 Jahren einmal über die Modernisierung des Stellwerks zu einem Drucktastenstellwerk diskutiert worden sei. Daraus ist jedoch nie etwas geworden. Der Grund dafür liegt nicht in irgendeinem „menschlichen Versagen“ von Bahnbeschäftigten, sondern in Entscheidungen der Bundesregierung und des Bahnvorstands, die Sicherheit der Millionen Bahnbenutzer zu vernachlässigen und auf Teufel komm raus die Kosten zu senken und die Profite zu erhöhen – auch um den Preis der Gesundheit und des Lebens von Unfallopfern.

Ganz genauso liegt es auch bei den von Daniel S. in seinem Facebook-Eintrag angesprochenen Unfällen an unbeschrankten Bahnübergängen, die seit langem konstant rund 50 Menschleben und etwa 1.000 Verletzte im Jahr fordern. Am Tag des Unglücks in Aichach erfasste in Seeshaupt am Starnberger See, auch in Bayern, ein Regionalzug an einem solchen Übergang ein Auto und schleifte es mehrere Hundert Meter mit. Die beiden Insassen, zwei ältere Frauen, waren sofort tot.

In Bayern sind die Hälfte der 3000 ebenerdigen Bahnübergänge immer noch unbeschrankt. Sie machen die Hälfte aller unbeschrankten Bahnübergänge in ganz Deutschland aus.

Vor knapp zwei Jahren, nach dem schweren Zugunglück in Bad Aibling (Bayern) mit zwölf Toten und 89 zum Teil lebensgefährlich Verletzten, schrieb die World Socialist Web Site zum Urteil gegen den damals verantwortlich gemachten Fahrdienstleiter: „In Wirklichkeit war das Verhalten des Fahrdienstleiters nur das letzte Glied in einer langen Kette von Entscheidungen der Bahnbehörden und Politiker in Fragen von Technik, Sicherheit und Personalabbau. Aus Profitgründen haben sie eine Situation herbeigeführt, in der ein derart entsetzlicher Unfall erst möglich wurde.“

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