Kapitalistische Restauration in Russland: Eine Bilanz

Teil 2: Was wurde aus dem Bergarbeiterstreik?

Von Clara Weiss
4. Juni 2018

Dies ist der zweite Artikel einer vierteiligen Serie.Der erste Teil wurde am 2. Juni 2018 veröffentlicht.

Die Rolle der Pablisten

Weder der AFL-CIO noch die stalinistische Bürokratie hätten so vernichtend eingreifen können, wenn sie nicht die bewusste und eifrige Unterstützung der pablistischen Revisionisten gehabt hätten. Diese Tendenz war innerhalb der Vierten Internationale nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden und befürwortete die Auflösung der trotzkistischen Bewegung in den bestehenden Bürokratien, die die Arbeiterbewegung dominierten.

In Bezug auf die Sowjetunion argumentierten die Pablisten, dass die Vierte Internationale „Druck“ zur „Reform“ des Sozialismus in der UdSSR ausüben müsse – auf vermeintlich „reformbereite“ Teile der stalinistischen Bürokratie –, anstatt die Arbeiterklasse auf eine politische Revolution zum Sturz der Bürokratie vorzubereiten. Im Wesentlichen waren sie konterrevolutionäre Feinde des trotzkistischen Programms und lehnten den Sturz der Bürokratie in der UdSSR und der Bourgeoisie in den USA und Westeuropa ab.

Von Anfang an beschrieben und bekämpften die orthodoxen Trotzkisten die Pablisten, welche ganze Teile der Vierten Internationale zerstörten, als kleinbürgerliche Agenten des Imperialismus innerhalb der revolutionären Bewegung. Bei der Zerstörung der Sowjetunion gelangte ihre Rolle als Diener des Imperialismus und der stalinistischen Bürokratie zur vollen Entfaltung.

Unter dem Vorwand, „Druck“ auf die „Reformer“-Fraktion der Bürokratie auszuüben, unterstützten die Pablisten im Westen und ihre Agenten in der Sowjetunion erst Gorbatschows „Perestroika“ und dann die Jelzin-Fraktion der Bürokratie und deren „Schocktherapie“.

Dies war die offizielle Linie des pablistischen Internationalen Sekretariats, das diese konterrevolutionäre Linie vorantrieb, während es sich als „trotzkistisch“ ausgab. Bezüglich der DDR stand der Chef des Internationalen Sekretariats, Ernest Mandel, voll und ganz auf der Seite der stalinistischen Bürokratie, die den Weg der vollständigen kapitalistischen Restauration eingeschlagen hatte. Mandel ging so weit, den Kampf der deutschen Sektion des IKVI, damals Bund Sozialistischer Arbeiter (BSA), anzuprangern und den Arbeitern in der DDR die politische Revolution gegen die Bürokratie als eine illegitime Intervention von „ausländischen Provokateuren“ darzustellen.

Die Pablisten griffen auch direkt zu Gunsten der kapitalistischen Restauration in der UdSSR ein. In der Sowjetunion knüpften sie Verbindungen zur sogenannten „informellen Bewegung“. Zu den „Informellen“, die sich während der „Perestroika“ in den sowjetischen Städten ausbreiteten, gehörten Vertreter verschiedener kleinbürgerlicher linker Tendenzen (vor allem der „linken Sozialisten“, Anarchisten und Umweltaktivisten), Liberale sowie rechtsextreme Nationalisten und Monarchisten.

Der anarchistische Autor Alexander Schubin, der aktiv an der „informellen“ Bewegung beteiligt war, wies in seinem Buch darauf hin, dass verschiedene „Trotzkisten“ (womit er Pablisten meinte) eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Kontakten zwischen „linken Sozialisten“ spielten, d.h. zwischen Kagarlitzki, Grigori Pelman und liberalen Dissidenten wie Gleb Pawlowski (der später Berater Putins wurde und jetzt für die US-imperialistische Denkfabrik Carnegie Foundation arbeitet),

Sie waren an der Gründung des Klubs für soziale Initiativen (KSI) beteiligt, der 1986 entstand und im Wesentlichen als Denkfabrik für kapitalistische Restauration betrieben wurde. Der KSI entstand aus einer Gruppe von „Informellen“, die sich in der Wohnung des einflussreichen Dissidenten Michail Gefter versammelten, wo sie Gespräche mit Andrej Sacharow, Len Karpinski sowie Juri Afanassjew führten, seines Zeichens Berater von Alexander Jakowlew, einem Mitglied des Politbüros, das sich für die radikalsten „Reformen“ zur Wiedereinführung des Kapitalismus einsetzte. Teile dieses Kreises verbündeten sich mit einem anderen unter der Leitung von Boris Kagarlitzki, darunter Michail Maljutin, ein Kandidat für das Zentralkomitee der KPdSU. Gemeinsam gründeten sie den KSI bewusst nach dem Vorbild des polnischen Arbeiter-Selbstverteidigungskomitees (Komitet Obrony Robotników, KOR).

Gegründet von linksradikalen Intellektuellen inmitten des Aufschwungs der Arbeiterklasse in den 1970er Jahren, spielte das KOR eine zentrale Rolle bei der politischen Desorientierung der Massenbewegung der Gewerkschaft Solidarnosc in den 1980er Jahren und lenkte sie mit voller Unterstützung der Pablisten in prokapitalistische Kanäle. Genau diese Funktion des KOR versuchten die „Linken“ der Perestroika nachzuahmen, in einer vielleicht noch offeneren und krasseren Weise.

Der KSI organisierte „öffentliche Diskussionen“ mit der Soziologin Tatjana Saslawskaja, die das „Reformprogramm“ für Gorbatschow mit verfasst hatte. Der KSI arbeitete auch eng mit der Vereinigung „Perestroika“ zusammen, wo sich viele der führenden „Schocktherapie“-Ökonomen der frühen 1990er Jahre (Jegor Gaidar, Anatoli Tschubais und andere) versammelten. Er unterstützte die Genossenschaftsbewegung, die ersten unter Gorbatschow zugelassenen Privatunternehmen, und organisierte 1987 seine ersten Veranstaltungen mit den Soziologen Saslawskaja und L. Gordon über Genossenschaften und die Zukunft der UdSSR. Viele „Informelle“ wurden zu Geschäftsleuten; das KSI selbst wurde schließlich durch eine Genossenschaft finanziert, die von Grigori Pelman mitgeführt wurde. Danach arbeitete der Klub weiterhin eng mit dem sowjetischen Verband der Soziologen zusammen. Pelman, der bei Saslawskaja studiert hatte, erinnerte sich in einem Interview:

„Wir verhielten uns sehr ungezwungen, während wir unseren Kontakt mit dem sowjetischen Soziologenverband nutzten; wir gingen oft zu verschiedenen Regionalkomitees der Parteijugend und der Partei und sagten: „Wir sind für Perestroika, wir sind für Glasnost“, wir wollen arbeiten, gebt uns eine Unterkunft.“[8]

Sie erhielten die besten Räumlichkeiten in Leningrad und Moskau für ihre öffentlichen Veranstaltungen und runden Tische.

Boris Kagarlitzki, Bild: Skilpaddle, CC-SA-BY-3.0

Diese „Linken“ hatten bereits 1987 begonnen, sich in Richtung Jelzin zu orientieren. Gegen Ende 1987 verteilten sie Material, das „Reformmaßnahmen“ propagierte, und „bewiesen“, wie Alexander Schubin sagte, „dass die ,Informellen‘ die Positionen Jelzins besser formulieren könnten als er selbst. So bewarben sich die Radikalen um die Rolle von Denkfabriken der oppositionell orientierten Nomenklatura“.[9]

In einem Interview mit Rick Simon vom 4. April 1989 bezeichnete Kagarlitzki Jelzin als „eine Art echten Volkshelden“. Seine Differenzen mit Jelzin bezögen sich nicht auf „sein Programm oder seine Parolen, sondern darauf, wie diese Parolen interpretiert werden, und obwohl es eine echte Jelzin-Bewegung gibt, die wächst und sich manchmal organisiert, fehlt Jelzins Bewegung im Vergleich zu einer echten politischen Bewegung ein detailliertes und gut ausgearbeitetes politisches und wirtschaftliches Programm und auch eine wirkliche politische Organisation – mit Strukturen, einer Basis und Experten. In diesem Sinne ist Jelzins Bewegung manchmal wirklich schwach, und deshalb hängt sie manchmal sehr stark von der Unterstützung der Moskauer Volksfront ab, die weniger Leute hat, aber eine permanent funktionierende politische Maschine ist.“

In seiner Dialektik des Wandels, die 1990 vom führenden pablistischen Verlag Verso veröffentlicht wurde, forderte Kagarlitzki offen die endgültige Zerstörung des Arbeiterstaats und betonte, dass „radikale Reformen nicht nur den Bereich der Verteilung, sondern auch den Bereich der Produktion, des Managements und des Eigentums betreffen müssen. Sie müssen darauf ausgerichtet sein, eine unumkehrbare Veränderung der Sozialstruktur herbeizuführen.“[10]

Die Förderung der NPG (Unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft) in den Bergbauregionen war Teil dieser Politik. Während die Pablisten diese angeblich„unabhängigen“ Organisationen unterstützten, warnte das IKVI zu Recht, diese Art von Gewerkschaften „sind nur Agenturen des internationalen Kapitals, für das auch die stalinistische Bürokratie letztlich arbeitet. .... Die verheerenden sozialen Konsequenzen, welche die Einführung des Kapitalismus mit sich bringt, lassen sich durch staatliche Gewalt allein nicht durchsetzen; dazu sind ,Gewerkschaften‘ nötig, die den Widerstand der Arbeiter von innen heraus untergraben. Deshalb bemüht sich die Bourgeoisie nach Kräften, sie finanziell und organisatorisch zu fördern.“[11]

Die Begründung der Pablisten und der „Informellen“, die Forderung nach Unabhängigkeit der Minen zu stellen, lag in deren wirtschaftlicher „Selbstverwaltung“. Dies wurde als eine linke Forderung dargestellt, die den antibürokratischen Stimmungen innerhalb der Arbeiterklasse entsprach. Diese Forderung war von einer politischen Revolution durch die Arbeiterklasse und den Prinzipien einer Planwirtschaft völlig losgelöst, und so konnte die Forderung leicht im Interesse der Bürokratie ausgebeutet werden, da sie auf die Wiedereinführung privater Eigentumsbeziehungen drängte. Wie das IK 1987 mit Blick auf den Protest in Polen erklärte, wo auch dieser von den Pablisten vorangetrieben worden war:

„Dieser Weg der auf die betriebliche Ebene beschränkten Selbstverwaltung unterhöhlt die Grundlagen des Arbeiterstaates, öffnet mit seinem Angriff auf die Planwirtschaft und das Außenhandelsmonopol kapitalistischen Profitinteressen Tür und Tor. Weit davon entfernt, der Befreiung der Arbeiterklasse von der bürokratischen Bevormundung zu dienen, kann er ganz im Gegenteil von der Bürokratie selbst eingeschlagen werden, um die Wirtschaftskrise auf Kosten der Arbeiterklasse zu lösen und die privilegierte Stellung und das Herrschaftssystem der Bürokratie zu sichern.“[12]

Genau das geschah sowohl in Polen als auch in der UdSSR.

In der Folge des Bergarbeiterstreiks gewann das Streben nach einer schnelleren Restauration eine zusätzliche Dynamik unter den Schichten der Intelligenz und des „radikalen Reformflügels“ der Bürokratie. Gorbatschow war zögerlicher, weil er eine soziale Explosion befürchtete. Die radikalen Reformer unterstützten die sogenannten Volksfronten, die 1987-1988 in der gesamten Sowjetunion entstanden waren, und mobilisierten im Wesentlichen die Unterstützung der jeweiligen lokalen und nationalen radikalen Reformkandidaten und nationalistischen Bewegungen.

So unterstützte die Volksfront in Leningrad Anatoli Sobtschak, der später Mentor von Wladimir Putin und Dmitri Medwedew wurde; in Moskau unterstützte sie Jelzin und im Baltikum die jeweilige nationalistische und prokapitalistische nationalistische Bewegung. Die Volksfronten waren geprägt von einer zunehmend systematischen Zusammenarbeit zwischen den „Linken“, den Liberalen und den Rechtsextremen und bedeuteten einen weiteren Rechtsruck unter den breiten Schichten der Intelligenz, die Gorbatschows Reformkurs als zu langsam empfand und sich durch die Arbeiterklasse – wie beim Streik der Bergleute – bedroht fühlte. Die Volksfronten sollten zum Kern der neuen herrschenden Eliten in den jeweiligen Städten werden, von denen viele seit Anfang der 1990er Jahre bis heute an der Macht sind.

Gleb Pawlowski, Bild: Butko

Nachdem sie den Weg für die Schocktherapie während der Perestroika geebnet hatte, wurde die „Linke“ 1990-1993 in die Regierung aufgenommen, um ihre ersten Etappen zu bewältigen. Die Regierung in Moskau wurde bis 1993 von Leuten dominiert, die sich wie Pawel Kudjukin oder Boris Kagarlitzki „Sozialdemokraten“ nannten, und stützte sich in hohem Maße auf die „unabhängigen“ Gewerkschaften, die weiterhin die Kämpfe der Arbeiter desorientierten und auf die Mühlen von Jelzin lenkten. Seinen Höhepunkt erreichte der Einfluss der „unabhängigen“ Gewerkschaften nach dem gescheiterten Putsch gegen Jelzin im August 1991, als sie halfen, Unterstützung für seine „radikalen Reformen“ zu mobilisieren. Im Jahr 1993 verloren die „Sozialdemokraten“ die meisten ihrer Posten. Zu diesem Zeitpunkt waren sie in der Arbeiterklasse bereits völlig diskreditiert. Bis 1994 wurde der Kapitalismus eingeführt, der Großteil der sowjetischen Wirtschaft und des Sozialstaats zerstört und die neue bürgerliche Ordnung durch die russische Verfassung „legalisiert“.

Die Gewerkschaften und die kapitalistische Restauration

1991 wurde auf direkten Vorschlag des amerikanischen Gewerkschaftsdachverbandes AFL-CIO eine Dreierkommission gegründet, die sich an den bestehenden Arbeitsbeziehungen in den USA orientierte: Die Tarifverträge sollten gemeinsam von Gewerkschaftsvertretern, Unternehmensleitung und der lokalen Regierung ausgearbeitet werden. Es handelte sich um ein Regelwerk, das verhindern sollte, dass die Arbeiter eine politische Vertretung erhielten. Die Restauration sollte sofort umgesetzt und alle Kämpfe der Arbeiterklasse gegen sie auf koordinierte Weise erstickt werden. In den ersten Jahren der Kommission dominierte der Verband Unabhängiger Gewerkschaften (FNPR), der direkt aus den offiziellen sowjetischen Gewerkschaften hervorging, mit neun Sitzen, während die „unabhängigen“ Gewerkschaften Sozprof und NPG drei bzw. einen Sitz hatten.

Während sie sich in der Regel hinter verschiedene rivalisierende Fraktionen der entstehenden Oligarchie stellten, unterstützten beide Fraktionen der Gewerkschaftsbürokratie die Schocktherapie. Anfang 1992, am Vorabend der Freigabe der Preise, die Dutzende von Millionen in die Armut stürzte, verhängte der FNPR ein viermonatiges Streikverbot mit der Begründung, Streiks seien sinnlos und würden die Wirtschaftstätigkeit lähmen. Der Präsident der NPG, Viktor Utkin, sagte kurz vor der Preisexplosion, dass „die Priorität jetzt nicht die Erhöhung der Löhne, sondern eine radikale Wirtschaftsreform“ sei. [13] Chramow, der Vorsitzende der „unabhängigen“ Gewerkschaft Sozprof, sagte bereits im Dezember 1991: „Wir halten es für möglich und notwendig, dass die Gewerkschaft Sicherheiten für diejenigen Unternehmen vorsieht, welche der Gewerkschaft einen Teil ihrer Gewinne für die Bedürfnisse der Mitglieder zur Verfügung stellen.“

Die Gewerkschaften und die Pseudolinken unterstützten auch die Voucher-Privatisierungen, bei denen die sowjetische Wirtschaft, die von der Arbeiterklasse über Jahrzehnte unter enormen Opfern aufgebaut worden war, für ein paar Groschen an ehemalige „rote Direktoren“, Emporkömmlinge aus der Gangsterelite, und westliche Hedgefonds verschleudert wurde. Geht man nach dem Preis, zu dem die russischen Unternehmen bei der Privatisierung verkauft wurden, so belief sich der Gesamtwert der russischen Industrie im Juni 1993 auf 5 Milliarden Dollar und stieg 1994 auf 12 Milliarden Dollar. Das war weniger als der damalige Marktwert einzelner Unternehmen wie Kellogg oder Anheuser-Busch.[14] Die Privatisierung von Gazprom wurde vom Gasminister Tschernomyrdin, dem einstigen Leiter des früheren sowjetischen Gasministeriums (das unter der Perestroika in Gazprom umgewandelt wurde), geleitet. Das Unternehmen wurde 1993-1994 für rund 100 Millionen Dollar verkauft. Sein Nettowert betrug 2006 schon 100 Milliarden Dollar.[15]

Während die „roten Direktoren“ ihre Positionen weitgehend behaupten und ihr Vermögen ausbauen konnten, verschlangen einige wenige Einzelpersonen und westliche Hedgefonds einen erheblichen Teil des privatisierten Vermögens. Der berühmteste Fall war der von Boris Jordan, auch „russischer Zar“ genannt. Jordan, ein junger Hedge-Fonds-Manager aus Boston mit russischen Vorfahren, erwarb 17 Millionen der 144 Millionen Gutscheine (Voucher), die an Russen verteilt wurden, um Anteile an den privatisierten Unternehmen zu erhalten, und verschaffte sich damit Beteiligungen an vielen der wichtigsten russischen Unternehmen. Boris Jordan ist heute Teil der Leitung und einer der Hauptsponsoren des nach ihm benannten Jordan Center for Advanced Russian Studies (Zentrum für Russlandstudien) an der New York University und Mitglied des Kuratoriums der Universität.

Die Gewerkschaftsbürokratien selbst unterstützten die Privatisierungen und beteiligten sich daran. Gewerkschaften wie „Einheit“ bei AvtoVAZ, dem größten Automobilkonzern Osteuropas, waren an der Privatisierung der jeweiligen Unternehmen beteiligt. Die NPG spielte eine entscheidende Rolle bei der Privatisierung der russischen Kohleindustrie. Während der 1990er Jahre beriet der AFL-CIO auf Einladung der russischen Regierung diese sog. „unabhängigen“ Gewerkschaften, die die „Schocktherapie“ weiterhin wirksam unterstützten.

Eine der größten Plünderungen von Staatseigentum wurde von der sogenannten unabhängigen Gewerkschaftsföderation FNPR vorgenommen. Nach langen Verhandlungen und trotz Protesten von „unabhängigen“ Gewerkschaften, die für sich selbst einen größeren Anteil forderten, wurde im September 1992 ein Vertrag zwischen der FNPR und der Regierung geschlossen, der die Übertragung des gesamten Vermögens der Sowjetgewerkschaften auf die FNPR regelte.

Laut einem Artikel der Nesawissimaja Gaseta (NG) aus dem Jahr 2009 umfassten die übertragenen Immobilien 100.000 Pionierlager, mehr als 25.000 Sportanlagen, rund 1.000 Sanatorien sowie 23.000 Clubs und Kulturpaläste. Laut dieser Zeitung „bezifferten sehr vorsichtige Schätzungen den Gesamtwert der Immobilien, die 1992 von der FNPR kontrolliert wurden, auf 6 bis 7 Milliarden Dollar. Der Wert des Grundstücks, auf dem die Immobilie stand, war in dieser Summe jedoch noch nicht enthalten.“ Einige Schätzungen beziffern den Gesamtwert der übertragenen Immobilien auf bis zu 100 Milliarden Dollar.

In den folgenden Monaten und Jahren gründete die FNPR den Sanatoriumsverein, heute die geschlossene Aktiengesellschaft SKO FNPR „Profkurort“, die Aktiengesellschaft „TsSTE-INTUR“ (die die Gesundheits- und Tourismusbereiche kontrolliert) und die geschlossene Aktiengesellschaft „Profstroi“. Der russische Staat war an diesen Unternehmen maßgeblich beteiligt. Die Gewerkschaft verkaufte auch einen Teil dieses Besitzes, oft an den Staat und die lokalen Regierungen.

Michail Schmakow, seit 1993 Präsident der FNPR, Bild: Барвенковский

Eine weitere große Gewinnquelle für die FNPR war die Vermietung ihrer Immobilien an Unternehmen und Banken. Das bekannteste Beispiel ist der Moskauer Restaurantkomplex „Ismailowo“, der der FNPR-Führung jährlich schätzungsweise 15 Millionen Dollar einbringt (NG, 2009). Mittlerweile tragen die Mitgliedsbeiträge nur noch rund 15 Prozent zum Gesamteinkommen der FNPR bei, so die Nesawissimaja Gaseta. Michail Schmakow, seit 1993 Leiter der FNPR und enger Verbündeter von Wladimir Putin, gilt als einer der reichsten Männer Russlands, der es hinsichtlich seines Privatvermögens mit Oligarchen wie Roman Abramowitsch (11,5 Milliarden Dollar) oder Oleg Deripaska (5,3 Milliarden Dollar) aufnehmen kann.

Diese Eigentumsübertragung vollzog sich unter der gemeinsamen Leitung von Kagarlitzki, Alexander Busgalin (1991 Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU) und anderen Akademikern und Intellektuellen, die sich als „Linke“ ausgaben. Im Dezember 1992 gründeten Kagarlitzki, Busgalin, Andrei Isajews Bund der Anarchisten-Syndikalisten sowie zahlreiche „Grüne“ die „Arbeiterpartei“. Diese Partei war auf Initiative der ehemaligen KPdSU-Bürokraten und des FNPR-Präsidenten Schmakow gegründet worden. Sie wurde vollständig von der FNPR finanziert und ist seit 1994 praktisch verschwunden. Während ihrer kurzen Lebensdauer fungierte die „Arbeiterpartei“ gleichzeitig als „linke“ Propagandaabteilung der FNPR und ihres Wirtschaftsbeirats.

Isajew setzte seine Karriere in der FNPR fort und wurde Generalsekretär der Ideologieabteilung. Heute ist er Abgeordneter der Staatsduma, führendes Mitglied der regierenden Partei „Einiges Russland“ und Vizepräsident der FNPR. Kagarlitzki und Busgalin machten seither Karriere als Wissenschaftler und Journalisten und stellen sich immer noch als führende „Linke“ in Russland dar. Sie werden regelmäßig zu Kongressen der Pseudolinken in Westeuropa eingeladen.

Die Beteiligung der Gewerkschaften an der kapitalistischen Restauration in Russland war ein konzentrierter Ausdruck der Rolle, die die Gewerkschaften international übernommen hatten: Sie agierten immer offener nicht als Organisationen, die für begrenzte wirtschaftliche Vorteile zu Gunsten der Arbeiterklasse kämpften, sondern als korporatistische Einheiten und Instrumente des Staates und der Wirtschaft zur Kontrolle der Arbeiterklasse.

Die Rolle des AFL-CIO bei der Wiederherstellung des Kapitalismus in Russland und der Gründung der russischen „unabhängigen“ Gewerkschaften spricht Bände über den prokapitalistischen Charakter dieser Organisationen und ihre Feindseligkeit gegenüber den Interessen der Arbeiterklasse, sowohl „zu Hause“ als auch auf internationaler Ebene. Für die Schichten der ehemaligen Linken, die innerhalb der Gewerkschaften arbeiteten, wurde die Beteiligung der Gewerkschaften an der Zerstörung der sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse zu einem Karriereweg, der ihre eigene persönliche Bereicherung förderte. Sie verteidigen die Gewerkschaften bis heute nicht als „Arbeiterorganisationen“, sondern als Organisationen, die die Klasseninteressen der arrivierten „Linken“ gegen die Arbeiterklasse vertreten.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

[8] Zitiert in Aleksandr Schubin, Predannaya demokratija. SSSR i neformaly, 1986-1989 [Verratene Demokratie. Die UdSSR und die „Informellen“, 1986-1989], Moskau: Jewropa 2006.

[9] Ebd., S. 134.

[10] Boris Kagarlitsky, The Dialectic of Change, London/New York: Verso, S. 331. Betonung im Original.

[11] Erklärung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, „Cliff Slaughter weist den Marxismus zurück“ (19. April 1991), in: Vierte Internationale, Jg. 18 Nr. 1 (Sommer-Herbst 1991), S. 76.

[12] Wolfgang Weber, Solidarnosc 1980-1981 und die Perspektive der politischen Revolution, Arbeiterpresse Verlag, Essen 1987, S. 89.

[13] Carke 1995., S. 149.

[14] Neil Robinson, „The global economy, reform and crisis in Russia“, in: Review of International Political Economy, Vol. 6, No. 4 (Winter 1999), S. 559.

[15] Anders Aslund, Russia’s Capitalist Revolution. Why Market Reform Succeeded and Democracy Failed, Washington 2007, S. 141.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen