VW bereitet Konzernumbau auf Kosten der Belegschaft vor

Von Peter Schwarz
24. September 2015

Das volle Ausmaß und die Verantwortlichen für die Manipulation von Abgaswerten bei Volkswagen sind noch nicht bekannt, da werden bereits erste Forderungen laut, den Skandal als Chance zu nutzen, um den Konzern gründlich umzubauen, neu aufzustellen und profitabler zu gestalten. Leidtragende werden die 600.000 Mitarbeiter sein, die VW weltweit in 119 Fabriken beschäftigt.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung macht als Ursache der Manipulationen nicht die kriminelle Energie aus, mit der VW und andere Großkonzerne um Marktanteile und Profit kämpfen, sondern mangelnde Corporate Governance und Transparenz sowie eine falsche Unternehmensstruktur. „Die unbequemen Fragen werden nicht gestellt. Dinge, die eigentlich längst hätten angepackt werden müssen, werden auf die lange Bank geschoben“, erklärt das Sprachrohr der Frankfurter Börse.

Die Süddeutsche Zeitung verkündet in einem Leitkommentar: „Auch wenn der Prozess schmerzhaft und langwierig ist, am Ende kann die Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden. Aber der Wandel muss grundlegend sein.“

Als Vorbild für die notwendigen Veränderungen nennt die Süddeutsche den Siemens-Konzern: „Siemens beispielsweise wurde von einem tiefen Korruptionsskandal erschüttert. Vor allem auf Druck der amerikanischen Behörden hat der Konzern neue Strukturen und Ethikrichtlinien eingeführt. Das Siemens von heute ist mit dem Siemens von damals nicht mehr zu vergleichen.“

Das stimmt, wie jeder Siemens-Beschäftigte bestätigen kann. Seit vor acht Jahren der Korruptions- und Schmiergeldskandal platzte, jagte ein Umstrukturierungsprogramm das nächste. Das Management wurde ausgetauscht, die Belegschaft ausgedünnt und die Arbeitshetze an die Grenze des Unerträglichen gesteigert. Arbeiteten 2006 noch 475.000 Beschäftigte bei Siemens, waren es Anfang dieses Jahres gerade noch 342.000. Weitere 13.500 sind in diesem Jahr zum Abschuss freigegeben.

Die kriminellen Machenschaften der Siemens-Manager, die den Konzern knapp 3 Milliarden Euro kosteten, dienten so lediglich als Anlass, um das Unternehmen völlig umzubauen und profitabler zu machen. Im vergangenen Jahr erzielte Siemens bei einem Umsatz von 72 Milliarden Euro einen Rekordprofit von 5,5 Milliarden Euro.

Dasselbe blüht nun auch VW. Eine Schlüsselrolle spielen dabei, wie schon bei Siemens, die Gewerkschaft IG Metall und der von ihr dominierte Betriebsrat.

Es gibt seit langem Klagen, dass der Gewinn des Volkswagenkonzerns, insbesondere der Stammmarke VW, viel zu gering sei. In den vergangenen Jahren hatte vor allem das Chinageschäft, wo der Konzern in den vergangenen Jahren mehr Autos verkaufte als in der Europäischen Union, für Wachstum und Gewinne gesorgt. Mit der Krise in China ist dies nun akut bedroht.

Diese Frage stand nicht zuletzt hinter dem Konflikt zwischen dem Vorstandschef Martin Winterkorn und dem Aufsichtsvorsitzenden und Großeigentümer Ferdinand Piёch, der im Frühjahr zu Piёchs Rückzug führte. Die IG Metall hatte sich damals hinter Winterkorn gestellt. Ihr früherer Vorsitzender Berthold Huber übernahm nach Piёchs Rückzug kommissarisch die Leitung des Aufsichtsrats, den er bis heute führt. Bereits davor, im Herbst 2014, hatte der Betriebsrat ein eigenes Sparprogramm vorgelegt, um die Rendite von VW auf 5 Milliarden Euro zu steigern und von zwei auf sechs Prozent zu verdreifachen.

Nach dem Platzen des Manipulationsskandals ist Winterkorn nun nicht mehr zu halten. Am gestrigen Mittwoch tagte den ganzen Tag das Aufsichtsrats-Präsidium, das eigentliche Machtzentrum des Konzerns. Am Abend verkündete Winterkorn dann seinen Rücktritt. Die Aufsichtsratssitzung am morgigen Freitag, die eigentlich Winterkorns Vertrag um zwei Jahre verlängern sollte, wird den Nachfolger bestimmen.

Im Aufsichtsrats-Präsidium sitzen bezeichnenderweise drei Gewerkschaftsvertreter (der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Berthold Huber, Betriebsratschef Bernd Osterloh und sein Stellvertreter Stephan Wolf), ein gewerkschaftsnaher Sozialdemokrat (der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der das Land als Anteilseigner vertritt) sowie Wolfgang Porsche als Vertreter der Porsche-Familie, eines Hauptaktionärs. Der Stuhl des dritten Vertreters der Kapitalseite ist seit Piёchs Rückzug leer. Huber, der den Aufsichtsrat und sein Präsidium kommissarisch leitet, auch deren eigentlicher Kopf.

Huber hatte schon beim Umbau von Siemens ein führende Rolle gespielt. Auch in Deutschlands größtem Elektrokonzern war der IG-Metall-Chef stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. „Er profilierte sich als einer der wichtigsten und emsigsten Aufklärer neben Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme“, bescheinigt ihm die Süddeutsche Zeitung. Er war an allen Entscheidungen beteiligt, die zum Abbau von 130.000 Arbeitsplätzen führten.

Der ehemalige Maoist, der die IG Metall in einen Dienstleistungskonzern verwandelte, gilt als Pragmatiker, der nach eigener Aussage die „Kooperation“ mit den Konzernen dem „Konflikt“ vorzieht. „Mitbestimmung verstand er nicht als Opposition, sondern als Möglichkeit der Gestaltung“, schreibt die Süddeutsche. Sie vergisst zu erwähnen: im Interesse der Aktionäre.

Dieselbe Rolle, davon ist die Zeitung überzeugt, wird Huber gemeinsam mit seinen Kollegen im Betriebsrat nun auch bei VW wieder spielen: „Nun muss er wieder einmal ausmisten, der pragmatischste Gewerkschafter des Landes.“

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