US-Autoarbeiter rebellieren gegen erneuten Ausverkauf

Von Dietmar Henning
10. Oktober 2015

Die Autoarbeitergewerkschaft in den USA versucht mit allen Mitteln die Angriffe der Autoindustrie gegen die rebellierenden Arbeiter durchzusetzen. Zum ersten Mal nach über drei Jahrzehnten haben die Autoarbeiter in den vergangenen Wochen einen von der UAW (United Autoworkers) ausgehandelten Vertrag abgelehnt.

Die UAW, welche die Ablehnung weder vorhersah, geschweige denn wollte, war offensichtlich geschockt. Der Deal, den die Gewerkschaft mit dem Management von Fiat-Chrysler aushandelte, beinhaltete die Zementierung des verhassten Zwei-Klassen-Lohnsystems, Kürzungen beim Krankenversicherungsschutz sowie weitere Nachteile für die Arbeiter. Gleichzeitig sollten der Gewerkschaft mit der Überlassung des Krankenversicherungsfonds für die Arbeiter zig Milliarden Dollar zugeschoben werden.

65 Prozent der Arbeiter stimmten trotz aller Manöver der UAW gegen den Vertrag. Die Gewerkschaft sah sich nach diesem eindeutigen Votum gezwungen, ihn zurückzunehmen. Am Dienstag kündigte sie dann Streiks ab Mittwoch um Mitternacht an, angeblich um sich mit Fiat-Chrysler auf einen neuen Vertrag zu einigen.

Die meisten Arbeiter reagierten skeptisch. „Je mehr ich über alles nachdenke, umso misstrauischer werde ich“, erklärte einer. „Jeder ist bereit zu streiken, aber wir trauen der UAW nicht über den Weg“, ergänzte ein anderer. Die Arbeiter erwarteten ein Manöver der UAW, um zum Schluss „denselben Vertrag erneut vorzulegen“. Sie sollten Recht behalten. Kurz vor Mitternacht am Mittwoch verkündete die UAW-Spitze, sie habe sich mit dem Autokonzern geeinigt und blies alle Streiks ab. Wie immer gab sie keine näheren Informationen zu dem ausgehandelten Vertrag.

Viele Arbeiter reagierten umgehend auf Facebook: „Klingt nach einem erneuten Sch**ß-Deal!“, schrieb ein Arbeiter. Ein anderer kommentierte: „Ich bin mir sicher, es ist derselbe Vertrag, nur anders formuliert. Ich bin gespannt, diesen Mist zu Gesicht zu bekommen.“

Inzwischen war bekannt geworden, dass das verhasste Zwei-Klassen-Lohnsystem weiterbestehen soll. Der Lohn jüngerer Arbeiter, die in der zweiten Lohnklasse (two-tier) arbeiten, wird angeblich auf 29 Dollar in der Stunde angehoben – allerdings schrittweise über acht Jahre hinweg. Die Arbeiter wissen zu genau, dass eine Vereinbarung über acht Jahre nicht das Papier wert ist, auf der sie steht. Der UAW-Vorstand und betriebliche Gewerkschaftsvertreter von Fiat-Chrysler haben den Vertrag am gestrigen Freitag in Detroit abgesegnet.

Der abgelehnte Tarifvertrag war von UAW-Chef Dennis Williams und dem Chef des Fiat-Chrysler-Konzerns Sergio Marchionne am 15. September auf einer gemeinsamen Pressekonferenz verkündet worden. Erst einen Tag zuvor hatte die Gewerkschaft bekannt gegeben, den kleinsten der drei amerikanischen Autobauer als Verhandlungspartner für den Pilotabschluss auszuwählen.

Es war der Plan der UAW, den Vertrag den Arbeitern nicht einmal vorzulegen und ihn in Abstimmungen in den einzelnen Fiat-Chrysler-Werken zügig absegnen zu lassen. Dagegen entwickelte sich sich jedoch massiver Widerstand in den Belegschaften. Im Mittelpunkt davon stand der Autoworker Newsletter der World Socialist Web Site, der die Arbeiter über die wichtigsten Inhalte des Vertrags informierte, sie aufrief, zuerst die vollständige Offenlegung des Vertrags zu fordern, ihn anschließend abzulehnen und den Kampf gegen die UAW aufzunehmen.

Die WSWS erklärte in ihren täglichen Newslettern, die zu Tausenden von Arbeitern abonniert und über Facebook und andere soziale Medien verbreitet wurden, wie der Kampf gegen die Angriffe der Autokonzerne und gegen das gesamte kapitalistische Wirtschaftssystem, das hinter den Angriffen auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen steht, geführt werden kann. Sie rief zur Gründung von Aktionskomitees der Arbeiter in den Fabriken auf, um alle Arbeiter in den USA und international unabhängig von der UAW und allen anderen Gewerkschaften zu vereinen und die Angriffe zurückzuschlagen.

Die Tatsache, dass nun tausende Arbeiter regelmäßig den Autoworker Newsletter der WSWS lesen, um die Wahrheit über den Vertrag und die Lügen der UAW zu erfahren, wird von der Gewerkschaft als eine große Bedrohung gesehen. In den vergangenen Wochen sind Bürokraten der UAW immer wieder aggressiv gegen Mitglieder der amerikanischen Socialist Equality Party (SEP) und Arbeiter, die sie unterstützen, aufgetreten.

Arbeiter, die auf Betriebsversammlungen aus dem Newsletter zitierten, wurden niedergeschrien. Ein Arbeiter berichtete, dass UAW-Vize-Präsident, Norwood Jewel, ihn mit den Worten „F**k off“ angebrüllt habe. Um Mitglieder der SEP am Verteilen des Newsletters vor den Toren zu hindern, rief die UAW die Polizei.

Dieses Vorgehen beschränkte sich nicht nur auf die Autofabriken. UAW-Funktionäre versuchten auch zu verhindern, dass SEP-Mitglieder mit Arbeitern des Landmaschinen-Herstellers John Deere sprechen. Bei dem amerikanischen Großkonzern hatte die UAW für die 11.000 Beschäftigten einen ähnlich schlechten Vertrag wie bei Fiat-Chrysler durchgeboxt. Da die Arbeiter Manipulationen vermuten, verlangen sie von der Gewerkschaft eine Neuauszählung der Stimmen.

Auch am Werk der seit über zwei Monaten ausgesperrten 2.200 Stahlarbeitern von Allegheny Technologies Inc. (ATI) in Pittsburgh gingen UAW-Vertreter gegen Unterstützer der WSWS vor. Das Unternehmen fordert von den Arbeitern Lohnsenkungen, Arbeitsplatzabbau und eine Steigerung der Arbeitshetze. Es setzt Streikbrecher ein und greift Streikposten der Arbeiter an. Nun hat ATI angekündigt, die Krankenversicherung der Arbeiter Ende November einzustellen, um den Widerstand zu brechen.

UAW-Chef Williams und andere Spitzenfunktionäre riefen die Arbeiter wiederholt auf, nichts auf „Gerüchte von außenstehenden Gruppen“ zu geben und sich auf die Informationen der UAW zu verlassen. Allerdings ist es so, dass die UAW keine Informationen herausgibt und die Arbeiter im Dunkeln lässt. Die UAW reagiert panisch darauf, dass Arbeiter das Informationsmonopol der UAW mithilfe der WSWS und den sozialen Medien durchbrochen haben.

Das Problem der Gewerkschaftsfunktionäre ist dabei vor allem, dass sie der WSWS inhaltlich nichts entgegenzusetzen haben. Ein Arbeiter der Jeep-Fabrik in Toledo, Ohio, berichtete, dass er mit einem UAW-Vertreter über den Autoworker Newsletter gesprochen habe. Der Arbeiter fragte ihn: „Kannst du mir eine Stelle zeigen, die gelogen ist? Eine Sache, die sich nicht auf Fakten stützt oder übertrieben ist?“ Der Gewerkschafter musste passen: „Nein, das kann ich derzeit nicht.“

Da sie keine Argumente hat, greift die UAW nun zu ihrem letzten Mittel gegen die SEP und die WSWS: Anti-Kommunismus. Sie hat dafür den 87-jährigen Rechtsanwalt des Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, Bruce Miller, aus Detroit eingespannt. Unter der Überschrift „Die Ablehnung des Tarifvertrags bei Fiat-Chrysler ist UAW-Demokratie in Aktion“, hat er Anfang Oktober einen Hetzartikel gegen die WSWS und den Autoworker Newsletter verfasst.

Laut Miller, der auch Mitglied der Demokratischen Partei ist, sei der Widerstand gegen den Tarifvertrag die Schuld von „außenstehenden Aasgeiern der Linken in rotem Gewand, die ihre Liebe zu den Arbeitern predigt, während sie die Feinde der arbeitenden Menschen vertritt“. Statt der Interessen der Arbeiter würde die WSWS ihre „eigene Agenda“ verfolgen würde.

Die WSWS wies die Attacke Millers scharf zurück und nutzte sie gleichzeitig, um erneut in die Offensive zu gehen und Arbeitern, ihre politische Perspektive zu erklären. Wir werden die ausführliche Antwort auf Miller, die am Donnerstag in Englisch erschien, in den nächsten Tagen auch auf der deutschsprachigen WSWS veröffentlichen.

Die WSWS und die SEP arbeiten unermüdlich daran, die Wut der Arbeiter in eine bewusste politische Bewegung umzumünzen. Am Donnerstagabend wurden alle Abonnenten des Autoworker Newsletters zu einer Online-Konferenz eingeladen, um den Kampf gegen die UAW zu organisieren. „Arbeiter müssen auf der Hut sein“, erklärte der Redakteur des Newsletters, Jerry White. Der Widerstand müsse „zum Ausgangspunkt für den Aufbau von unabhängigen Aktionskomitees in den Fabriken gemacht werden.“

Die Entwicklung des Klassenkampf in den USA ist von großer Bedeutung für die internationale Arbeiterklasse und eine machtvolle Bestätigung der Perspektive der WSWS und der SEP. Joseph Kishore, der nationale Sekretär der SEP in den USA, erklärte in einem Statement:

„Die WSWS und die SEP haben frühzeitig erkannt, dass die Entwicklung eines Kampfs der Arbeiterklasse unweigerlich die Form eines Zusammenstoßes mit den Gewerkschaften annehmen wird. Der Aufruf des Autoworker Newsletter zur Bildung von Fabrikkomitees durch die Belegschaften zielt darauf ab, die Diktatur der Gewerkschaften über die Belegschaften zu überwinden und alles zu tun, um die unabhängige Initiative der Arbeiter zu fördern.“

Die Rebellion der Arbeiter gegen die Gewerkschaften habe vor allem auch „die kleinbürgerlichen und pseudolinken Organisationen [politisch entlarvt], die es strikt ablehnen, die Autorität der Gewerkschaften in Frage zu stellen“. Sie hatten die die WSWS immer wieder als „sektiererisch“, bezeichnet, weil sie nicht mit dem Gewerkschaftsapparat zusammenarbeite. In Wirklichkeit meinten sie mit „sektiererisch“ jedoch „den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse, die nur zu erreichen ist, wenn sich die Arbeiter aus dem Würgegriff der Gewerkschaften befreien“.

 

Siehe auch:

USA: Autoarbeiter rebellieren gegen Gewerkschaft
[1. Oktober 2015]

Der Kampf der Auto- und Stahlarbeiter in den USA
[19. September 2015]

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