VW-Vorstand kassiert 63 Millionen Euro

Von Dietmar Henning
7. Mai 2016

Trotz Milliardenverlust und Abgasskandal haben die Vorstandsmitglieder des Volkswagen-Konzerns 2015 mehr Geld kassiert als im Jahr davor. Die neun Mitglieder des Vorstands steckten zusammen 63,2 Millionen Euro ein. 2014 waren es noch 54 Millionen gewesen.

Die Vergütungen des Vorstands werden vom Aufsichtsrat abgesegnet, in dem die Vertreter des Betriebsrats, der IG Metall und der SPD-geführten Landesregierung die Mehrheit haben.

Sie stiegen, obwohl die Vorstandsmitglieder die Verantwortung für den Abgasskandal tragen, der tausende Arbeitsplätze gefährdet, und obwohl VW das Jahr 2015 mit einem Verlust von 1,6 Milliarden Euro abschloss. Grund für den Verlust waren Rücklagen von 16 Milliarden Euro wegen des Abgasbetrugs. 2014, das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte, hatte VW noch mit einem Rekordgewinn von 12,7 Milliarden Euro abgeschlossen.

Die exorbitanten Gehälter der Vorstandsmitglieder entwickeln sich offensichtlich völlig unabhängig von der Auswirkung ihrer Tätigkeit, obwohl die variablen Teile ihrer Vergütung sich angeblich am Konzerngewinn orientieren.

Der langjährige VW-Chef Martin Winterkorn, der im September 2015 wegen der Abgasmanipulationen zurücktreten musste, erhielt für seine letzten neun Monate im Amt gut 7,3 Millionen Euro. Außerdem stehen im Ruhestandsbezüge im Wert von knapp 30 Millionen Euro zu. Winterkorn galt mehrere Jahre lang als bestbezahlter Manager Deutschlands.

Sein Nachfolger Matthias Müller erhielt rund 4,2 Millionen Euro. Er hatte fünf Jahre lang die VW-Tochter Porsche geleitet, bevor er an die Spitze des Gesamtkonzerns trat.

Der neue VW-Markenchef Herbert Diess erhielt für ein halbes Jahr (er war im Juli von BMW gekommen) 7,1 Millionen Euro. Darin enthalten ist eine „Wechselprämie“ von 5 Millionen Euro.

Wesentlich besser schnitt da Andreas Renschler ab, der im Februar 2015 von Daimler zu VW wechselte und dort nun das LKW-Geschäft verantwortet. Seine Antritts- oder Wechselprämie betrug 11,5 Millionen Euro, so dass er auf ein Jahreseinkommen von mehr als 14,9 Millionen Euro kommt. Renschler ist damit der bestbezahlteste Vorstand im VW-Konzern.

Die anderen Vorstandsmitglieder erhielten zwischen drei und fünf Millionen Euro: Einkaufschef Francisco Garcia Sanz 4,4 Millionen Euro, der Chef des China-Geschäfts Jochen Heizmann 3,5 Millionen und Audi-Chef Rupert Stadler 4,1 Millionen Euro.

Am wenigsten verdiente der neue Finanzvorstand Frank Winter. Er bekam „nur“ 900.000 Euro. Diese allerdings für drei Monate, denn er trat erst im Oktober die Nachfolge von Hans Dieter Pötsch an, der für 2015 laut Geschäftsbericht 2,9 Millionen Euro kassierte.

Pötsch wechselte auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden, der mit 1,5 Millionen Euro dotiert ist. Er hatte sich den Übergang deshalb mit einer Prämie von knapp 20 Millionen Euro versüßen lassen.

Weil die VW-Belegschaft als Folge des Abgasskandals mit Entlassungen und Gehaltseinbußen rechnen muss, hatten der VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh und Ministerpräsident Stefan Weil (SPD), der das Land Niedersachen im Aufsichtsrat vertritt, medienwirksam eine Kürzung der Bonuszahlungen an die Vorstände verlangt.

Das war reiner Betrug. Der Aufsichtsrat beschloss schließlich, 30 Prozent der Boni auf die Seite zu legen und später auszuzahlen. Eine Kürzung ist nicht vorgesehen. Betroffen sind nur 5,4 Millionen Euro oder rund 8,5 Prozent der Vergütungen des Vorstands. Da die Höhe der zurückgelegten Boni ab 2019 aufgrund des Aktienkurses neu berechnet wird, können die Vorstandsvergütungen für 2015 sogar weiter emporschnellen. Laut Berechnungen der Tagesschau kann allein VW-Chef Müller rückwirkend mit einer Nachzahlung von bis zu 8,6 Millionen Euro rechnen.

Noch spendabler als bei den Vorstandsgehältern zeigte sich der Aufsichtsrat bei den Pensionszahlungen für ehemalige Vorstandsmitglieder. Der Konzern hat dafür Ende 2015 243 Millionen Euro reserviert.

Zu den Hauptprofiteuren zählt hier mit 23,7 Millionen Euro der ehemalige IG Metall-Funktionär Horst Neumann. Er nutzte die Gewerkschaft als Sprungbrett für den Aufstieg in Einkommensdimensionen, von denen selbst Politiker und Mittelstandsunternehmer nur träumen können. Seit 1994 arbeitete er als Arbeitsdirektor, ein Posten, der üblicherweise Gewerkschaftsfunktionären zugestanden wird – erst bei der Rasselstein GmbH, einem Tochterunternehmen des ThyssenKrupp-Konzerns, dann bei der ThyssenKrupp Elevator AG, schließlich bei Audi und ab 2005 bis zu seiner Pensionierung im letzten Jahr bei VW.

VW-Chef Müller rechtfertigte diese Bereicherung der Konzernspitze auf der Bilanz-Pressekonferenz damit, „dass das Entgelt für den Vorstand vom Aufsichtsrat festgelegt wird“. Er verstehe die Diskussion über die Boni, „aber nicht, dass die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wurde“.

Im Aufsichtsrat verfügen Gewerkschaft, Betriebsrat und SPD über zwölf von zwanzig Stimmen. Im Präsidium des Aufsichtsrates, das alle wichtigen Konzernentscheidungen vorbereitet, sitzen sechs Männer: Aufsichtsratschef Pötsch, Wolfgang Porsche als Sprecher der Eigentümerfamilie, Niedersachsens Ministerpräsident Weil (SPD), IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, Betriebsratschef Osterloh und sein Stellvertreter Stephan Wolf.

Während Betriebsrat, IG Metall und SPD die Bereicherungsorgie des Vorstands unterstützen, verhandeln sie gleichzeitig über massive Angriffe auf die Arbeiter. Die Produktivität bei der Kernmarke VW soll generell um zehn Prozent steigen. In der Verwaltung werden 3.000 Arbeitsplätze, fast jeder zehnte, abgebaut. Über 1000 Leiharbeiter mussten den Konzern bereits verlassen, weitere werden folgen. Selbst die Schließung zweier Standorte, davon einer in Niedersachsen, ist im Gespräch, etwa des Motorenwerks in Salzgitter.

Bei der Vorstellung der Bilanz kündigte VW-Chef Müller an: „Wir werden sehr genau auf unsere Kosten schauen müssen.“ Offenbar denkt er dabei auch an einen Verkauf von Geschäftsteilen. „Der benötigte Finanzbedarf zur Deckung der Risiken kann dazu führen, dass Vermögensgegenstände lagebedingt veräußert werden müssen.“

Aus diesem Grund stocken die aktuellen Tarifverhandlungen sowohl bei VW, das für die mehr als 120.000 Beschäftigten in Deutschland einen eigenen Firmentarif hat, als auch in der gesamten Elektro- und Metallindustrie, deren Tarif für die anderen großen Autokonzerne gilt.

Die IG Metall fordert für beide Tarife eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent. Der Arbeitgeberverband in der Elektro- und Metallindustrie hat zuletzt 2,1 Prozent mehr Lohn angeboten, bei einer Laufzeit von 24 Monaten. Bei VW legte der Vorstand auch in der zweiten Verhandlungsrunde am Montag kein Angebot vor.

Verhandlungsführer der IG Metall bei VW ist Hartmut Meine, Bezirksleiter der IGM in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Der Sozialdemokrat saß bis November letzten Jahres für die Gewerkschaft im VW-Aufsichtsrat.

Meine warnte den Konzern vor der Stimmung unter den Beschäftigten: „Sie schätzen die Stimmungslage der Menschen in den sechs Volkswagen-Standorten völlig falsch ein. Da gibt es Debatten: Warum haben wir keinen Bonus und warum kriegt der Vorstand einen Bonus? Und wenn jetzt nicht einmal ein Angebot für die Tarifrunde kommt; das wird die Leute richtig wütend machen.“

Derweil bereitet Betriebsratschef Osterloh Verhandlungen mit dem Vorstand über einen so genannten „Zukunftspakt“ vor. Osterloh wird mit dem neuen Personalvorstand Karlheinz Blessing über Arbeitsplatzabbau, Standortschließungen und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verhandeln. IGM-Mann Blessing begrüßte Anfang April das „Verhandlungsangebot“ Osterlohs.