Stimmen von Daimler-Arbeitern zum Tarifkampf der IG Metall

Von Marianne Arens
25. Januar 2018

Die Arbeiter der Metall- und Elektrobranche sind immer weniger bereit, die Kosten der neoliberalen Wende zu tragen. Das zeigte sich in Gesprächen, die Reporter der World Socialist Web Site vor dem Tor von Daimler-Sindelfingen führten. „Mindestens sechs Prozent mehr Lohn, das steht uns wirklich zu“, sagte ein Daimler-Arbeiter stellvertretend für Hunderttausende. „Die Unternehmer scheffeln ja Milliarden.“

Am Daimler-Werk in Sindelfingen

In diesem Tarifkampf haben sich seit Anfang Januar über eine halbe Million Arbeiterinnen und Arbeiter an Warnstreiks beteiligt. Die Stimmung in den Betrieben ist zunehmend gereizt und angespannt. Seit Jahren erleben die Belegschaften, wie die Unternehmer in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten hart erkämpfte Rechte und Errungenschaften demontieren.

Der Trend verstärkt sich noch seit einigen Wochen, seitdem immer neue Koalitions- und Sondierungsgespräche stattfinden, um in Berlin eine Regierung zu bilden. In dieser Zeit haben Siemens, Bombardier, ThyssenKrupp und andere Konzerne zum offenen Angriff auf Löhne, Arbeitsplätze, Rechte und Arbeitsbedingungen geblasen.

Die IG Metall ist bemüht, rasch zu einer Einigung zu kommen. Sie fordert 6 Prozent mehr Lohn und eine freiwillige, auf zwei Jahre befriste Arbeitszeitverkürzung von 35 auf 28 Wochenstunden. Gleichzeitig weigert sie sich, die Arbeitsplätze prinzipiell zu verteidigen, und isoliert die betroffenen Arbeiter von den Kämpfen ihrer Kollegen in andern Ländern, wie zum Beispiel der Ford-Arbeiter in Rumänien oder der VW-Arbeiter in der Slowakei.

Vor allem will die IG Metall vermeiden, dass eine Ausweitung des Streiks die Regierungsverhandlungen belastet. Während die WSWS und die Sozialistische Gleichheitspartei Neuwahlen fordern, unterstützen die Gewerkschaftsführer eine Große Koalition.

Nicht nur weigern sie sich, dem rechten Programm von Union und SPD entgegenzutreten. Als Co-Manager der Konzerne treten sie selbst mit ihrer „Standort Deutschland“-Politik für den gleichen Nationalismus ein. Sie sind sogar bereit, die AfD als Mitstreiter zu begrüßen, wie sich am 19. Januar in Görlitz gezeigt hat. Andererseits fürchtet die IG Metall, bei einer zu raschen Einigung ihr Gesicht und ihren Einfluss in den Betrieben zu verlieren. Um die aufgeheizte Stimmung aufzufangen, halten die Funktionäre in allen Warnstreiks radikale Reden und drohen mit einer Ausweitung des Arbeitskampfs.

Die Arbeitgeberseite hat bisher so gut wie keine Zugeständnisse gemacht. Die Forderung nach einer freieren Arbeitszeitgestaltung hat sie aufgegriffen, um den Ausstieg aus der 35-Stunden-Woche einzuleiten. So erklärte Chefunterhändler Stefan Wolf vom baden-württembergischen Arbeitgeberverband Südwestmetall der Stuttgarter Zeitung: „Wir sehen gute Chancen, dass wir einen erheblichen Teil unseres Ziels – eine Öffnung des Arbeitszeitvolumens nach oben – erreichen.“

Im Gespräch mit Arbeitern von Mercedes-Benz in Sindelfingen wurde deutlich, dass die Kollegen diese Verhandlungen nicht unrealistisch einschätzen. Viele Arbeiter gehen davon aus, dass „am Ende doch nur 2 Prozent oder 2,5 Prozent herauskommen werden“. Gleichzeitig ließen sie keine Zweifel daran, dass sie bereit wären, Errungenschaften wie die 35-Stundenwoche vehement zu verteidigen. „Die müssten hier eigentlich richtig streiken“, sagte eine Leiharbeiterin, „mindestens schon mal den ganzen Tag. Bisher sind das alles halbe Sachen.“

Zu den aktuellen Forderungen der IG Metall sagte ein langjähriger Daimler-Arbeiter: „Diese sechs Prozent stehen uns diesmal zu. In Amerika haben die Unternehmer durch Steuersenkungen eine Milliarde mehr verdient. Letztes Mal haben sie uns Geld abgezogen, weil sie eine Milliarde zahlen mussten, nachdem sie bei den Trucks irgendwelche Richtlinien nicht eingehalten hatten und Strafe zahlen mussten. Diesmal muss es mal echte sechs Prozent geben.“

Stefan

„Ich erwarte, dass die IG Metall die 6 Prozent durchsetzt, und dass die 35-Stundenwoche bleibt!“ sagte auch Stefan, ein weiterer Daimler-Kollege. „Das ist für mich das Wichtigste.“ Was er berichtete, machte deutlich, welchen Belastungen die Produktionsarbeiter täglich ausgesetzt sind, und warum viele Arbeiter die Forderung nach einer freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit unterstützen.

„Ich finde, es ist eigentlich unmenschlich, dass man so taktgebunden ist und oft so radikal arbeiten muss“, sagte Stefan, das sei „eine Belastung“. Er fuhr fort: „Die ganze Werbung können sie sich eigentlich schenken. Das ist alles hinfällig, wenn man in der Haut eines Bandarbeiters steckt.“

Viele Arbeiter verbinden die IG Metall-Forderung nach einer freiwillig kürzeren Arbeitszeit spontan mit der Erwartung einer generellen Arbeitszeitverkürzung für alle und ohne Lohneinbuße. „Alle brauchen doch einen Arbeitsplatz“, sagte ein Teilzeit-Arbeiter im Anlagenbau, der betonte, er sei nicht IG Metall-Mitglied. „Wenn sie für alle die Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen und alle Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld etc. weiter zahlen würden, dann könnten sie alle fest anstellen, auch die Leiharbeiter.“

Er sprach damit eine zentrale Frage an, die allen auf den Nägeln brennt: die Leiharbeit. Auch Stefan kommentierte das Thema und sagte: „Die Leiharbeit – das finde ich komplett schlecht. Das gehört in Deutschland abgeschafft. Die Unternehmer sollten den Leiharbeitern einen Ausgleich zahlen, wenn sie schon kein festes Arbeitsverhältnis haben.“

Felix und Eric

„Ungerecht, eine Sauerei“ fanden auch Felix und Eric, zwei junge Daimler-Arbeiter, als sie über Leiharbeit sprachen. Felix arbeitet Normalschicht und Eric möchte als Azubi fest übernommen werden, und beide verfolgen den Tarifkampf mit Spannung. Zur ständigen Ausweitung der Leiharbeit: „Das geht gar nicht. Man holt Leute her, die gut arbeiten, und dann sind sie auf einmal wieder fort. Es ist für die Leute eine ständige Unsicherheit.“

Im Namen der hohen Produktionszahlen haben Betriebsrat und IG Metall dem Einsatz von Leih- und Werksvertragsarbeitern zugestimmt, und einige dieser Arbeiter verdienen so wenig, dass sie über Hartz IV aufstocken müssen. Bei diesem Thema kamen auch Arbeiter ins Grübeln, die noch Illusionen in die IG Metall hegen oder die Gewerkschaft mindestens nach außen hin verteidigen.

Der bereits zitierte Arbeiter sagte: „Wenn ich was zu sagen hätte, dann würde ich die Leute fest einstellen. Nach sechs Wochen oder drei Monaten Probezeit müssten sie übernommen werden, so wie es normal ist, und fertig.“ Er schilderte, wie es konkret für Arbeiter aussieht, die durch eine Arbeitnehmerüberlassung im Werk arbeiten: „Sie tun mir echt leid, das muss ich ehrlich sagen. Die hängen jeden Tag rum und wissen nicht, wie es weitergeht. Sie können ja nichts machen, können zwar die Familie ernähren, aber immer nur für ein Jahr. Sie können nie vorausplanen.“

Während der Arbeiter anfangs die Gewerkschaft gelobt hatte, erklärte er nun: „Da ist auch die IG Metall gefordert. Die sollen sich doch hinstellen und sagen: Entweder ihr übernehmt die Leute, wenn ihr sie braucht, oder es gibt auch keine Leiharbeiter – fertig, punkt.“

Daimler-Arbeiter: „Auch die IGM-Funktionäre sollten mal ans Band“

In Wirklichkeit treibt die IG Metall mit ihrer aktuellen Forderung nach einer freiwilligen, befristeten 28-Stundenwoche einen weiteren Keil zwischen die Festangestellten und die Leiharbeiter. Während viele Arbeiter der Stammbelegschaft von einem solchen Angebot gerne Gebrauch machen würden, um mehr Freizeit für Familie und Gesundheit zu haben, sind die Leiharbeiter meist in einer Position, dass sie auf den vollen Verdienst angewiesen sind.

Der Arbeiter sagte weiter: „All diesen Leuten, die nur wenig verdienen – tausend oder 1500 Euro brutto im Monat – denen darf man normalerweise überhaupt nichts abziehen, die müssten normalerweise gar keine Steuern zahlen. Die da oben sitzen, die Millionen oder hunderttausende Euro verdienen, die juckt es nicht, mal etwas mehr Steuern zu bezahlen.“ Er setzte hinzu: „Bei Daimler werden all die älteren Leute weggeschickt, und die Jungen verdienen immer weniger.“

Er berichtete von einem Arbeitskollegen, der mit 47 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hatte, und schilderte die Ausbeutung der Arbeiter am Fließband: „Die da drinnen an den Bändern arbeiten, die werden bis zum äußersten ausgenutzt… Ich will gegen die IG Metall gar nichts sagen, aber auch die IG Metaller oder die Planer sollten sich mal an die Bänder stellen und eine Woche lang diese Arbeit machen müssen. Und nicht nur daneben stehen.“

An diesem Tag organisierte die IG Metall die Warnstreiks bei Mercedes-Benz in einer Weise, dass die Arbeit am Ende jeder Schicht anderthalb Stunden früher eingestellt wurde. Die Arbeiter wurden jeweils zur Kundgebung auf dem Werksgelände versammelt, wobei Außenstehende keine Möglichkeit hatten, hineinzukommen.

Viele Arbeiter verließen rasch das Werk und hielten sich mit der Kundgebung nicht lange auf. Auch zu den Reden der Gewerkschaftsführer auf öffentlichen Marktplätzen fand sich an diesem Tag nur ein Bruchteil der angekündigten Teilnehmerzahl ein. Wie beispielsweise in Mannheim, wo sich nur ein paar hundert statt der angekündigten 4000 Metallarbeiter, darunter zahlreiche Gewerkschaftsfunktionäre, versammelten.

Viele Arbeiter realisieren in wachsendem Maß, dass sie in der Verteidigung ihrer Rechte und Errungenschaften einer Verschwörung aus Konzernmanagement, Politikern und Gewerkschaftsbürokratie gegenüber stehen.

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