1968 – Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich

Teil 3: Wie Alain Krivines JCR den Verrat des Stalinismus abdeckte (1)

Von Peter Schwarz
29. Mai 2018

Diese achtteilige Serie erschien erstmals im Mai und Juni 2008 zum vierzigsten Jahrestag des Generalstreiks in Frankreich auf der WSWS. Sie analysiert die damaligen Ereignisse und zieht die politischen Lehren für heute daraus.

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Präsident de Gaulle und seine Fünfte Republik verdankten ihr politisches Überleben im Mai 1968 der stalinistischen Kommunistischen Partei (KPF) und der von ihr beherrschten Gewerkschaft CGT. Der Einfluss der KPF war allerdings zwischen 1945 und 1968 deutlich zurückgegangen. Um den Generalstreik abzuwürgen, waren die Stalinisten auf die Unterstützung anderer politischer Kräfte angewiesen, die radikaler als sie auftraten, aber sorgfältig darauf achteten, dass ihre politische Vorherrschaft nicht in Gefahr geriet.

Eine Schlüsselrolle spielten in dieser Hinsicht das pablistische Vereinigte Sekretariat Ernest Mandels und seine französischen Ableger, die Jeunesse communiste révolutionnaire (JCR) Alain Krivines und der Parti communiste internationaliste (PCI) Pierre Franks. Sie verhinderten, dass aus der Radikalisierung der Jugend eine ernsthafte revolutionäre Alternative erwuchs, und halfen so den Stalinisten, den Generalstreik unter Kontrolle zu bringen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die KPF aufgrund des Siegs der sowjetischen Roten Armee über Nazi-Deutschlands und ihrer eigenen Rolle in der Résistance, dem antifaschistischen Widerstand, über große Autorität verfügt. Die französische Bourgeoisie hatte sich durch ihre Kollaboration mit den Nazis im Rahmen des Vichy-Regimes diskreditiert und das Verlangen nach einer sozialistischen Gesellschaft war in der Arbeiterklasse, einschließlich der Mitgliedschaft der KPF, überwältigend. Doch KPF-Führer Maurice Thorez warf seine gesamte Autorität in die Waagschale, um dem bürgerlichen Staat wieder auf die Beine zu helfen. Er trat persönlich der ersten Regierung de Gaulles bei und sorgte für die Entwaffnung der Résistance.

Die staatstragende Politik der KPF, ihre Unterstützung für die Kolonialkriege gegen Vietnam und Algerien und das Eingeständnis der Stalinschen Verbrechen durch Chrustschow im Jahr 1956 sowie die Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Ungarn und Polen durch sowjetische Truppen untergruben den Einfluss der KPF. 1968 war sie zwar immer noch größte Arbeiterpartei, doch in der Jugend und unter den Studenten hatte sie ihre Autorität weitgehend eingebüßt.

Der Kommunistische Studentenverband (Union des étudiants communistes, UEC) befand sich in einer schweren Krise. Ab 1963 bildeten sich verschiedene Fraktionen – „italienische“ (Anhänger Gramscis und der italienischen KP), „marxistisch-leninistische“ (Anhänger Mao Zedongs) und „trotzkistische“ – die alle ausgeschlossen wurden und eigene Organisationen gründeten. Das war der Ursprung der so genannten „extremen Linken“, deren Erscheinen auf der politischen Szene „den beginnenden Bruch der KPF mit einem aktiven Teil der militanten Jugend“ kennzeichnet, wie die Historikerin Michelle Zancarini-Fournel in einem Werk über die 68er Bewegung bemerkt. (1)

Auch die Dominanz der Gewerkschaft CGT stand 1968 in Frage. Konkurrierende Gewerkschaften – wie Force Ouvrière und die CFDT, die damals unter dem Einfluss des linksreformistischen Parti socialiste unifié (PSU) stand – forderten die CGT heraus und schlugen teilweise militante Töne an. Vor allem im Dienstleistungssektor und im öffentlichen Dienst gewann die CFDT an Einfluss.

Unter diesen Umständen spielten die Pablisten des Vereinigten Sekretariats eine äußerst wichtige Rolle dabei, die Autorität der Stalinisten zu verteidigen und den Ausverkauf des Generalstreiks zu ermöglichen.

Der Ursprung des Pablismus

Das pablistische Vereinigte Sekretariat war in den frühen 1950er Jahren als Ergebnis eines Angriffs auf das Programm der Vierten Internationale entstanden. Michel Pablo, der damalige Sekretär der Vierten Internationale, wies die Einschätzung des Stalinismus zurück, die Leo Trotzki 1938 zur Gründung der Vierten Internationale bewegt hatte.

Trotzki war nach der Niederlage der deutschen Arbeiterklasse im Jahr 1933 zum Schluss gelangt, dass die stalinistische Degeneration der Kommunistischen Internationale den Punkt überschritten hatte, an dem sie für eine revolutionäre Politik zurück gewonnen werden konnte. Aus dem Versagen der Kommunistischen Partei Deutschlands, das Hitlers Machtübername ermöglichte, und der Weigerung der Kommunistischen Internationale, aus der deutschen Katastrophe Lehren zu ziehen, folgerte er, dass die Kommunistischen Parteien endgültig auf die Seite der bürgerlichen Ordnung übergegangen waren. Er bestand darauf, dass der Ausgang zukünftiger revolutionärer Kämpfe vom Aufbau einer neuen proletarischen Führung abhing. „Die Krise der proletarischen Führung, die zur Krise der menschlichen Kultur geworden ist, (kann) nur von der Vierten Internationale gelöst werden“, schrieb er im „Übergangsprogramm“, dem Gründungsprogramm der Vierten Internationale.

Pablo wies diese Auffassung zurück. Er folgerte aus der Entstehung deformierter Arbeiterstaaten in Osteuropa, dass der Stalinismus auch in Zukunft eine historisch fortschrittliche Rolle spielen werde. Das lief auf die Liquidation der Vierten Internationale hinaus. Folgte man Pablo, dann gab es keinen Grund mehr, unabhängig von den stalinistischen Massenorganisationen Sektionen der Vierten Internationale aufzubauen. Die Aufgabe von Trotzkisten bestand vielmehr darin, in die stalinistischen Parteien einzutreten und vorgeblich linke Elemente in ihrer Führung zu unterstützen.

Pablo wandte sich schließlich gegen die gesamte marxistische Parteikonzeption, die auf der Notwendigkeit einer theoretisch und politisch bewussten proletarischen Vorhut beharrt. Seiner Auffassung nach konnten auch nicht-marxistische und nicht-proletarische Kräfte – Gewerkschafter, linke Reformisten, kleinbürgerliche Nationalisten und nationale Befreiungsbewegungen in den kolonialen und ex-kolonialen Ländern – die Aufgabe der revolutionären Vorhut übernehmen, wenn sie unter dem Druck objektiver Faktoren nach links getrieben wurden. Pablo selbst stellte sich schließlich in den Dienst der algerischen Nationalen Befreiungsfront FLN und trat nach deren Sieg sogar drei Jahre lang der algerischen Regierung bei.

Pablos Angriff spaltete die Vierte Internationale. Die Mehrheit der französischen Sektion lehnte seinen Kurs ab und wurde von der Minderheit unter Pierre Frank mit bürokratischen Methoden ausgeschlossen. 1953 unterzog die amerikanische Socialist Workers Party den pablistischen Revisionismus einer vernichtenden Kritik und rief alle orthodoxen Trotzkisten in einem Offenen Brief auf, sich international zusammenzuschließen. So entstand das Internationale Komitee der Vierten Internationale, dem sich auch die französische Mehrheit anschloss.

Die SWP hielt allerdings nicht lange an ihrer Opposition gegen den Pablismus fest. In den folgenden zehn Jahren näherte sie sich den Positionen der Pablisten an und schloss sich 1963 mit diesen zum Vereinigten Sekretariat zusammen. Dessen Führung hatte inzwischen Ernest Mandel übernommen. Pablo selbst spielte nur noch eine Nebenrolle und verließ das Vereinigte Sekretariat bald danach. Grundlage der Vereinigung war die unkritische Unterstützung Fidel Castros und seiner kleinbürgerlich nationalistischen „Bewegung des 26. Juli“. Das Vereinigte Sekretariat behauptete, mit der Machtübernahme von Castro sei in Kuba ein Arbeiterstaat entstanden, und Castro, Ernesto Che Guevara und andere kubanische Führer seien „natürliche Marxisten“.

Diese Auffassung entwaffnete nicht nur die Arbeiterklasse in Kuba, die nie über eigene Organe der Machtausübung verfügte, sie entwaffnete auch die internationale Arbeiterklasse, indem sie die unkritische Unterstützung stalinistischer und kleinbürgerlicher, nationalistischer Organisationen rechtfertigte und verhinderte, dass diesen die Kontrolle über die Massen entglitt. Der Pablismus entwickelte sich so zu seiner zweitrangigen Agentur des Imperialismus, dessen Rolle umso wichtiger wurde, je mehr das Ansehen der alten bürokratischen Apparate in der Arbeiterklasse und der Jugend litt.

Das bestätigte sich nur ein Jahr nach der Vereinigung von SWP und Pablisten in tragischer Weise in Sri Lanka. Dort beteiligte sich 1964 die Lanka Sama Samaja Party (LSSP), eine trotzkistische Partei mit Masseneinfluss, an einer bürgerlichen Koalitionsregierung mit der nationalistischen Sri Lanka Freedom Party. Die LSSP bezahlte für den Eintritt in die Regierung, indem sie der tamilischen Minderheit den Rücken kehrte und den singhalesischen Chauvinismus unterstützte. An den Folgen dieses Verrats leidet das Land bis heute, er stellte die Weichen für die Diskriminierung der tamilischen Minderheit und den blutigen Bürgerkrieg, der Sri Lanka seit drei Jahrzehnten ruiniert.

Auch in Frankreich trugen die Pablisten 1968 maßgeblich dazu bei, die bürgerliche Herrschaft zu erhalten. Verfolgt man ihre politische Rolle während der entscheidenden Ereignisse, so fallen vor allem zwei Dinge ins Auge: Ihre apologetische Haltung gegenüber dem Stalinismus und ihre unkritische Anpassung an die antimarxistischen Theorien der „Neuen Linken“, die im Studentenmilieu vorherrschten.

Alain Krivine und die JCR

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügte die Vierte Internationale in Frankreich über erheblichen Einfluss. 1944 hatte sich die im Krieg gespaltene trotzkistische Bewegung zum Parti communiste internationaliste (PCI) zusammengeschlossen. Zwei Jahre später zählte der PCI etwa 1000 Mitglieder und stellte bei den Parlamentswahlen elf Kandidaten auf, die jeweils zwischen zwei und fünf Prozent der Stimmen erhielten. Seine Zeitung La Vérité wurde an den Kiosken verkauft und fand eine breite Leserschaft. Der Einfluss reichte auch in andere Organisationen hinein. So unterstützte die gesamte Führung der sozialistischen Jugendorganisation, die 20.000 Mitglieder zählte, die Trotzkisten. In der Streikbewegung, die das Land 1947 erschütterte und die KPF zum Austritt aus der Regierung de Gaulle zwang, spielten Mitglieder des PCI eine führende Rolle.

Doch in den folgenden Jahren wurde die revolutionäre Orientierung des PCI wiederholt aus den eigenen Reihen heraus angegriffen. Als die sozialdemokratische SFIO 1947 scharf nach rechts rückte, ihre Jugendorganisation auflöste und deren trotzkistischen Führer ausschloss, reagierte der rechte Flügel des PCI um den damaligen Sekretär Yvan Craipeau, indem er jede revolutionäre Perspektive abschrieb. Dieser Flügel wurde im folgenden Jahr ausgeschlossen, nachdem er sich für die Auflösung der Partei in einer linken Sammelbewegung, dem vom Philosophen Jean-Paul Sartre gegründeten Rassemblement démocratique révolutionnaire (RDR), eingesetzt hatte. Viele seiner Vertreter, einschließlich Craipeau selbst, fanden sich später im Parti Socialiste Unifié (PSU) wieder.

Ebenfalls 1948 brach die Gruppe Socialisme ou barbarie um Cornelius Castoriadis und Claude Lefort vom PCI. Sie reagierte auf den beginnenden Kalten Krieg, indem sie Trotzkis Einschätzung, die Sowjetunion sei ein entarteter Arbeiterstaat, ablehnte und die Auffassung vertrat, das stalinistische Regime verkörpere eine neue Klassengesellschaft, einen „bürokratischen Kapitalismus“. Daraus zog sie weitgehende anti-marxistische Schlussfolgerungen. Die Schriften von Socialisme et barbarie sollten erheblichen Einfluss auf die Studentenbewegung und später, durch ihr zeitweiliges Mitglied Jean-François Lyotard, auch auf die Philosophen der Postmoderne ausüben.

Den schwersten Schlag versetzte der trotzkistischen Bewegung in Frankreich aber der Pablismus. Pablos liquidatorischer Kurs und der Ausschluss der Mehrheit der Sektion durch die pablistische Minderheit schwächte sie politisch und organisatorisch. Mit der PCI-Mehrheit Pierre Lamberts werden wir uns im nächsten Teil befassen. Die pablistische Minderheit Pierre Franks konzentrierte sich in den Jahren nach der Spaltung auf die praktisch-logistische Unterstützung der FLN im Algerienkrieg. In den sechziger Jahren war sie weitgehend aus den Betrieben verschwunden. Im Studentenmilieu hatte sie aber Einfluss, und dort sollte sie 1968 eine wichtige Rolle spielen. Ihr Führungsmitglied Alain Krivine gehörte neben dem Anarchisten Daniel Cohn-Bendit und dem Maoisten Alain Geismar zu den bekanntesten Gesichtern der Studentenrevolte.

Krivine war 1955 im Alter von 14 Jahren der stalinistischen Jugendbewegung beigetreten und 1957 im Rahmen einer offiziellen Delegation zu den Jugendfestspielen in Moskau gereist. Dort kam er – laut seiner Autobiografie – mit Mitgliedern der algerischen FLN in Kontakt und entwickelte eine kritische Haltung gegenüber der Algerienpolitik der Kommunistischen Partei. Im folgenden Jahr begann seine Zusammenarbeit mit dem pablistischen PCI in der Algerienfrage. Krivine will anfangs nicht gewusst haben, mit wem er es zu tun hatte – was recht unwahrscheinlich ist, da zwei seiner Brüder der Führung des PCI angehörten. Jedenfalls wurde er spätestens 1961 selbst PCI-Mitglied, während er offiziell weiterhin in der stalinistischen Studentenorganisation Union des étudiants communistes (UEC) arbeitete.

Krivine stieg schnell in die Führungsgremien des PCI und des Vereinigten Sekretariats auf. Ab 1965 bildet der damals 24-Jährige zusammen mit Pierre Frank und Michel Lequenne den engsten Führungszirkel des PCI, das Politische Büro. Im selben Jahr zog er als Ersatzmann Lequennes ins Exekutivkomitee des Vereinigten Sekretariats ein.

1966 wurde Krivines UEC-Sektion an der Pariser Universität Sorbonne von der stalinistischen Führung ausgeschlossen, weil sie sich weigerte, den gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten der Linken, François Mitterrand, zu unterstützen. Gemeinsam mit anderen abtrünnigen UEC-Sektionen bildete sie die Jeunesse communiste révolutionnaire (JCR), die fast ausschließlich aus Studenten bestand und sich – im Gegensatz zum PCI – nicht ausdrücklich zum Trotzkismus bekannte. Im April 1969 schlossen sich JCR und PCI dann offiziell zur Ligue communiste (ab 1974: Ligue communiste révolutionnaire) zusammen, nachdem im Vorjahr beide vom Innenminister verboten worden waren.

Im Nachhinein hat Krivine versucht, die JCR des Jahres 1968 als junge, naive Organisation darzustellen, die über viel Enthusiasmus, aber wenig politische Erfahrung verfügte: „Wir waren eine Organisation von einigen Hundert Mitgliedern, deren durchschnittliches Alter kaum der damaligen Volljährigkeit entsprach: einundzwanzig Jahre. Unnötig zu erwähnen, dass wir, den dringendsten Aufgaben nachjagend, von Versammlungen zu Demonstrationen, uns kaum die Zeit nahmen, über die Sache nachzudenken. An den Universitäten, im Streik, auf der Straße waren wir entsprechend unseren bescheidenen Kräften zuhause. Die Lösung des Regierungsproblems spielte sich auf einer anderen Ebene ab, auf der wir kaum Einfluss hatten.“ (2)

Diese Darstellung hält keiner ernsthaften Überprüfung stand. Alain Krivine war 1968 mit seinen 27 Jahren zwar noch relativ jung, verfügte aber bereits über große politische Erfahrung. Er kannte die stalinistischen Organisationen von innen und war als Mitglied des Vereinigten Sekretariats mit den internationalen Auseinandersetzungen der trotzkistischen Bewegung vertraut. Die Universität hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. Er kehrte zurück, um die Aktivitäten der JCR zu leiten.

Das politische Verhalten der JCR im Mai/Juni 68 war nicht das Ergebnis jugendlicher Unerfahrenheit, sondern die Konsequenz einer politischen Linie, die der Pablismus im Kampf gegen den orthodoxen Trotzkismus entwickelt hatte. 15 Jahre nach seinem Bruch mit der Vierten Internationale hatte das Vereinigte Sekretariat nicht nur seine politische, sondern auch seine soziale Orientierung geändert. Es war keine proletarische Strömung mehr, sondern eine kleinbürgerliche. Nachdem es eineinhalb Jahrzehnte lang Karrieristen in den stalinistischen und reformistischen Apparaten umworben und den nationalen Bewegungen geschmeichelt hatte, war ihm deren soziale Orientierung zur zweiten Natur geworden. Was als theoretische Revision des Marxismus begonnen hatte, war zum organischen Bestandteil seiner politischen Physiognomie geworden – soweit man solche Begriffe überhaupt aus der Physiologie auf die Politik übertragen kann.

Als Marx die Lehren aus der Niederlage der europäischen Revolutionen von 1848 zog, hatte er die Perspektive des Kleinbürgertums von jener der Arbeiterklasse mit den Worten abgegrenzt: „Die demokratischen Kleinbürger, weit entfernt, für die revolutionären Proletarier die ganze Gesellschaft umwälzen zu wollen, erstreben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem gemacht wird.“ (3) Diese Charakterisierung traf 1968 auch auf die Pablisten zu. Das äußerte sich in ihrer unkritischen Haltung gegenüber anarchistischen und anderen kleinbürgerlichen Strömungen, die schon Marx und Engels unversöhnlich bekämpft hatten; in der Bedeutung, die sie Rassenfragen, Genderfragen und Fragen der sexuellen Orientierung beimaßen und bis heute beimessen; und in ihrer Begeisterung für die Führer nationaler Bewegungen, die die Arbeiterklasse verachten und sich – wie die von Lenin bekämpften russischen Volkstümler – am ländlichen Kleinbürgertum orientieren.

Eher guevaristisch als trotzkistisch

Vor allem die unkritische Unterstützung der kubanischen Führung, die im Mittelpunkt der Vereinigung von 1963 gestanden hatte, prägte Krivines JCR. Jean-Paul Salles, Autor einer Geschichte der LCR, spricht von „der Identität einer Organisation, die unmittelbar vor dem Mai 68 in vieler Hinsicht eher guevaristisch als trotzkistisch aussah“. (4)

Am 19. Oktober 1967, zehn Tage nach seiner Ermordung in Bolivien, organisierte die JCR in der Pariser Mutualité eine Gedenkveranstaltung für Che Guevara. Sein Bild war auf den Veranstaltungen der JCR allgegenwärtig. Alain Krivine schreibt in seiner 2006 erschienenen Autobiografie: „Unser wichtigster Bezugspunkt unter den Befreiungskämpfen der Länder der Dritten Welt war zweifellos die kubanische Revolution, was uns das Etikett ‚Trotsko-Guevaristen’ einbrachte. ... Insbesondere Che Guevara verkörperte in unseren Augen das Ideal des revolutionären Kämpfers.“ (5)

Mit der Verherrlichung Che Guevaras ging die LCR den drängenden Problemen aus dem Weg, die mit dem Aufbau einer revolutionären Führung in der Arbeiterklasse verbunden sind. Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, die das wechselvolle Leben des argentinisch-kubanischen Revolutionärs durchzieht, so ist es seine Feindschaft gegen eine unabhängige politische Rolle der Arbeiterklasse. Er vertrat die Auffassung, eine kleine bewaffnete Minderheit – ein im ländlichen Raum operierender Guerilla-Trupp – könne an Stelle der Arbeiterklasse die sozialistische Revolution zum Erfolg führen. Das erforderte weder eine Theorie noch eine politische Perspektive. Entscheidend waren die Aktion und der Wille einer kleinen Gruppe. Der Arbeiterklasse und den unterdrückten Massen wurde die Fähigkeit abgesprochen, politisches Bewusstsein zu erlangen und ihren eigenen Befreiungskampf zu führen.

Im Januar 1968 propagierte die JCR-Zeitung Avant-Garde Jeunesse Che Guevaras Auffassung mit den Worten: „Die Guerillas, was immer die gegenwärtigen Umstände sein mögen, sind berufen sich zu entwickeln, bis sie nach mehr oder weniger langer Zeit die ganze Masse der Ausgebeuteten in den frontalen Kampf gegen das Regime hineinziehen.“

Die Guerilla-Strategie, die Guevara in Lateinamerika verfolgte, ließ sich nicht ohne weiteres auf Frankreich übertragen. Mandel, Frank und Krivine schrieben die Rolle der Avantgarde stattdessen den Studenten zu. Sie glorifizierten die spontanen Aktionen der Studenten und ihre Straßenschlachten mit der Polizei. Guevaras Konzeptionen dienten der Rechtfertigung eines blinden Aktivismus, der auf Kosten jeder ernsthaften politischen Orientierung ging. Dabei passten sich die Pablisten völlig an die antimarxistischen Theorien der Neuen Linken an, die im Studentenmilieu den Ton angaben, und blockierten so die Herausbildung einer wirklich marxistischen Orientierung.

Es gab kaum erkennbare politische Unterschiede zwischen dem „Trotzkisten“ Alain Krivine, dem Anarchisten Daniel Cohn-Bendit, dem Maoisten Alain Geismar und anderen Studentenführern, die 1968 im Rampenlicht standen. In den Straßenschlachten im Quartier Latin fanden sie sich Seite an Seite wieder. „In der Woche vom 6. bis zum 11. Mai befinden sich die Mitglieder der JCR an vorderster Front und nehmen an der Seite Cohn-Bendits und der Anarchisten an allen Demonstrationen teil, einschließlich der Nacht der Barrikaden“, schreibt Jean-Paul Salles. (6) Als die JCR am 9. Mai in der Mutualité, inmitten der Straßenkämpfe im Quartier Latin, eine seit langem vorbereitete Versammlung durchführte, zu der über 3000 Teilnehmer erschienen, war einer der Hauptredner Daniel Cohn-Bendit.

In Lateinamerika unterstützte das Vereinigte Sekretariat zur selben Zeit uneingeschränkt die Guerilla-Perspektive Che Guevaras. Sein 9. Weltkongress, der im Mai 1969 in Italien tagte, wies die lateinamerikanischen Sektionen an, Che Guevaras Vorbild zu folgen, sich mit seinen Anhängern zusammenzuschließen, den Städten und der Arbeiterklasse den Rücken zu kehren und einen bewaffneten Guerillakampf zu führen, der die Revolution vom Land in die Städte tragen sollte. Zur Kongressmehrheit, die diese Strategie unterstützte, zählten neben Ernest Mandel auch die französischen Delegierten Pierre Frank und Alain Krivine. Sie hielten zehn Jahre lang daran fest, obwohl die Guerilla-Strategie auch im Vereinigten Sekretariat umstrittenen war und ihre katastrophalen Folgen schnell sichtbar wurden. Tausende Jugendliche, die diesen Anweisungen gefolgt waren und sich dem Guerilla-Kampf zugewandt hatten, opferten sinnlos ihr Leben, während die Aktionen der Guerillas – Entführungen, Geiselnahmen und heftige Scharmützel mit der Armee – die Arbeiterklasse politisch desorientierten.

Die Studenten als revolutionäre Avantgarde

Wie unkritisch die Pablisten die Studenten zur revolutionären Avantgarde verklärten, zeigt ein langer Artikel über die Mai-Ereignisse, den Pierre Frank Anfang Juni 1968, kurz vor dem Verbot der JCR verfasst hat.

„Es wird allgemein akzeptiert, dass die Jugend im Mai die revolutionäre Avantgarde bildete“, schreibt Frank. „Die Avantgarde, politisch heterogen und nur zum kleinen Teil organisiert, hatte insgesamt ein hohes politisches Niveau. Sie verstand, dass das Ziel der Bewegung der Sturz des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft war. Sie verstand, dass die Politik des friedlichen und parlamentarischen Wegs zum Sozialismus und der friedlichen Koexistenz ein Verrat am Sozialismus war. Sie wies jede Form des kleinbürgerlichen Nationalismus zurück und zeigte auf eindringliche Weise ihren Internationalismus. Sie hatte ein starkes anti-bürokratisches Bewusstsein und war fest entschlossen, die Demokratie in ihren Reihen zu garantieren.“ (7)

Frank geht so weit, die Universität Sorbonne als „weitest entwickelte Form der Doppelherrschaft“ und „erstes freies Gebiet der Sozialistischen Republik Frankreich“ zu bezeichnen. An anderer Stelle behauptet er: „Die Ideologie der Opposition gegen die neokapitalistische Konsumgesellschaft, die die Studenten inspirierte, ihre Kampfmethoden, die Stellung, die sie in der Gesellschaft einnehmen und einnehmen werden (sie werden die Mehrheit der Angestellten des Staats oder der Kapitalisten bilden), verliehen diesem Kampf einen ausgesprochen sozialistischen, revolutionären und internationalistischen Charakter.“ Der Kampf der Studenten habe „ein sehr hohes politisches Niveau im revolutionären marxistischen Sinn“ gehabt. (8)

In Wirklichkeit fand sich unter den Studenten keine Spur von revolutionärem Bewusstsein im marxistischen Sinn. Die politischen Vorstellungen, die im Studentenmilieu vorherrschten, entstammten dem theoretischen Arsenal der sogenannten Neuen Linken. Sie waren in einem jahrelangen Angriff auf den Marxismus entwickelt worden.

„Die den Prozess anstoßenden studentischen Trägergruppen“, schreibt die Zeithistorikerin Ingrid Gilcher-Holtey über die 68er Bewegung in Frankreich, „sind Gruppen, die sich explizit auf die intellektuellen Vordenker der Neuen Linken beziehen oder doch von deren Themen und Fragestellungen beeinflusst waren, insbesondere von den Schriften der ‚Situationistischen Internationale’, der Gruppe um ‚Socialisme et Barbarie’ und ‚Arguments’. Nicht nur ihre Aktionsstrategie (direkt, provokativ, situativ), sondern auch ihr Selbstverständnis (antidogmatisch, antibürokratisch, antiorganisatorisch, antiautoritär) fügt sich in das Koordinatensystem der Neuen Linken ein.“ (9)

Die Neue Linke betrachtete die Arbeiterklasse nicht als revolutionäre Klasse, sondern als rückständige, durch Konsum und Medien ins bürgerliche System integrierte Masse. Anstelle der kapitalistischen Ausbeutung stellte sie den Begriff der Entfremdung in den Mittelpunkt ihrer Gesellschaftsanalyse, den sie psychologisch oder existenzialistisch interpretierte. Die „Revolution“ sollte nicht von der Arbeiterklasse, sondern von der jungen Intelligenz und von sozialen Randgruppen ausgehen. Ihre treibende Kraft waren nicht die Klassengegensätze der kapitalistischen Gesellschaft, sondern das kritische Denken und Handeln einer aufgeklärten Elite. Ziel der Revolution war nicht – oder nicht vorrangig – die Umwälzung der Macht- und Eigentumsverhältnisse, sondern die Veränderung der sozialen und kulturellen, darunter auch der sexuellen Gewohnheiten. Eine solche kulturelle Veränderung galt den Vertretern der neuen Linken als Voraussetzung für eine gesellschaftliche Revolution.

Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke, die beiden bekanntesten Studentenführer in Frankreich und Deutschland, waren beide von der „Situationistischen Internationale“ beeinflusst, die für eine Veränderung des Bewusstseins mittels provokativer Aktionen eintrat. Ursprünglich als Künstlergruppe entstanden, die sich auf die Traditionen von Dada und Surrealismus stützte, betonten die Situationisten vor allem die praktische Aktion. „Die aktionistische Störung, Radikalisierung, Zweckentfremdung, Umwertung und spielerische Inszenierung von konkreten alltäglichen Situationen soll das Bewusstsein der beteiligten Personen aus dem saturierten Tiefschlaf des flächendeckenden Ennui herausreißen und permanent revolutionieren“, heißt es dazu in einem neueren Artikel über die Situationisten. (10)

Solche Auffassungen trennen Welten vom Marxismus. Sie bestreiten den revolutionären Charakter der Arbeiterklasse, der auf ihrer Stellung in einer Gesellschaft beruht, die durch unüberwindbare Klassengegensätze geprägt ist. Triebkraft der Revolution ist der Klassenkampf, und dieser hat objektive Ursachen. Die Aufgabe marxistischer Revolutionäre besteht daher nicht darin, die Arbeiterklasse durch provokative Aktionen aufzurütteln, sondern ihr politisches Bewusstsein zu heben und eine revolutionäre Führung aufzubauen, die sie in die Lage versetzt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Die Pablisten bescheinigten den anarchistischen, maoistischen und sonstigen kleinbürgerlichen Gruppen, die im Quartier Latin den Ton angaben, nicht nur „ein sehr hohes politisches Niveau im revolutionären marxistischen Sinn“ (Pierre Frank), sie vertraten auch ähnliche politische Standpunkte und stürzten sich mit Begeisterung in ihre oft abenteuerlichen Aktionen.

Die anarchistisch inspirierten Straßenschlachten im Quartier Latin trugen nichts zur politischen Erziehung von Arbeitern und Studenten bei und konnten die Staatsmacht nie ernsthaft gefährden. Der französische Staat verfügte 1968 über einen modernen Polizeiapparat, eine in zwei Kolonialkriegen gestählte Armee sowie den Rückhalt der Nato. Er konnte nicht mit den revolutionären Mitteln des 19. Jahrhunderts – dem Bau von Barrikaden in den Straßen der Hauptstadt – zu Fall gebracht werden. Auch wenn für die exzessive Gewalt, welche die Auseinandersetzungen im Quartier Latin prägte, eindeutig die Sicherheitskräfte verantwortlich waren, haftete dem Eifer, mit dem die Studenten Barrikaden errichteten und sich Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei lieferten, ein Element infantiler Revolutionsromantik an.

Anmerkungen

1) Michelle Zancarini-Fournel, „1962-1968. Le champ des possibles“, dans „68. Une histoire collective“, Paris 2008

2) Daniel Bensaid, Alain Krivine, „Mai si! 1968-1988: Rebelles et repentis“, Montreuil 1988, p. 39

3) Karl Marx u. Friedrich Engels, „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“, Werke, Bd.7, Berlin/DDR. S.247

4) Jean-Paul Salles, „La Ligue communiste révolutionnaire“, Rennes 2005, p. 49

5) Alain Krivine, „Ça te passera avec l’âge“, Flammarion 2006, p. 93-94

6) Jean-Paul Salles, ibid., p. 52

7) Pierre Frank, „Mai 68: première phase de la révolution socialiste française“, http://www.lcr-rouge.org/spip.php?article1609

8) Pierre Frank, ibid.

9) Ingrid Gilcher-Holtey, „Mai 68 in Frankreich“, in „1968. Vom Ereignis zum Mythos“, herausgegeben von Ingrid Gilcher-Holtey, Frankfurt am Main 2008, S. 25

10) archplus 183, Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Mai 2007

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