1968 – Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich

Teil 4: Wie Alain Krivines JCR den Verrat des Stalinismus abdeckte (2)

Von Peter Schwarz
30. Mai 2018

Diese achtteilige Serie erschien erstmals im Mai und Juni 2008 zum vierzigsten Jahrestag des Generalstreiks in Frankreich auf der WSWS. Sie analysiert die damaligen Ereignisse und zieht die politischen Lehren für heute daraus.

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Deckmantel für den Stalinismus

Die Stalinisten der KPF und der CGT verabscheuten zwar den rebellischen Geist der Jugend und hassten deshalb die linken Studentengruppen, die sie als „Gauchistes“ (Linksradikale) und „Provokateure“ beschimpften. Doch politisch konnten sie gut mit ihnen leben. Die anarchistischen Aktionen eines Cohn-Bendit gefährdeten die Vorherrschaft der Stalinisten in der Arbeiterklasse ebenso wenig wie die Schwärmerei der Maoisten für die chinesische Kulturrevolution und den bewaffneten Kampf.

Und die Pablisten gingen dem Konflikt mit den Stalinisten sorgfältig aus dem Weg. Sie ergriffen keine einzige politische Initiative, die den Gegensatz zwischen den Arbeitern und den stalinistischen Führern verschärft und letztere in Bedrängnis gebracht hätte. Auf dem Höhepunkt der Krise, als die Arbeiter das Abkommen von Grenelle zurückwiesen und die Frage der Macht im Raum stand, hielt die JCR den Stalinisten den Rücken frei. Alain Krivine und Daniel Bensaid haben zwanzig Jahre später einen Rückblick auf 1968 veröffentlicht, der – obwohl er versucht, die Rolle der JCR schön zu färben – in dieser Hinsicht äußerst entlarvend ist. (11)

Die JCR beteiligte sich an beiden großen Kundgebungen, mit denen Sozialdemokraten und Stalinisten auf die Zuspitzung der politischen Krise reagierten – an der Massenversammlung im Stadion Charléty, die der Studentenverband UNEF, die Gewerkschaft CFDT und die PSU am 27. Mai veranstalteten, und an der Großdemonstration der KPF und CGT vom 29. Mai.

Die Versammlung im Stadion Charléty sollte einer Übergangsregierung unter dem erfahrenen bürgerlichen Politiker Pierre Mendès France den Weg bereiten, der mittlerweile das Parteibuch der PSU besaß. Eine solche Regierung hätte die Aufgabe gehabt, den Streik unter Kontrolle zu bringen, die Ordnung wieder herzustellen und Neuwahlen vorzubereiten.

Selbst Teile der rechten Presse waren zu diesem Zeitpunkt der Auffassung, dass nur noch eine solche „linke“ Regierung die bestehende Ordnung retten könne. Das Finanzblatt Les Echos schrieb am 28. Mai, es bestehe nur noch die Wahl zwischen Reform und Revolution – oder „Anarchie“, wie sich das Finanzblatt ausdrückte. Unter der Schlagzeile „Man muss einen Ausweg finden“ kommentierte es: „Niemand denkt jetzt noch daran, jemandem gehorchen oder glauben zu wollen. Bisher schien es, als sei die CGT ein Bollwerk der Ordnung und der Disziplin. Doch jetzt wird sie von einem meuternden Fußvolk ins Wanken gebracht, dessen Revolte sie unterschätzt hat. Die Gewerkschaftsführer werden von Streikenden zur Seite gedrängt, die keinen Versprechen mehr glauben, egal von wem sie kommen. Schon gar nicht denen der Regierung... ‘Ja zur Reform, nein zur Unordnung’, hatte der General (de Gaulle) unlängst in einer unglücklichen Formulierung gesagt. Heute hat man gleichzeitig die Reform und die Anarchie, ohne dass man voraussehen kann, welche obsiegen wird.“

Die KPF war damals bereit, sich an einer bürgerlichen Linksregierung zu beteiligen. Ihr Generalsekretär Waldeck Rochet hatte François Mitterrand am 27. Mai ein sofortiges Treffen vorgeschlagen, um die Bedingungen für eine „Ablösung der gaullistischen Macht durch eine Volksregierung der demokratischen Einheit auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms“ festzulegen. Für Kenner der stalinistischen Terminologie konnte kein Zweifel dran bestehen, dass mit einer „Volksregierung der demokratischen Einheit“ eine bürgerliche Regierung gemeint war, die das kapitalistische Eigentum verteidigt.

Doch die KPF fürchtete auch, dass Mitterrand und Mendès France eine Regierung ohne sie bilden könnten. Daher veranstaltete sie am 29. Mai gemeinsam mit der CGT eine eigene Großdemonstration unter der Parole „Volksregierung“. Diese Parole kam der revolutionären Stimmung in den Betrieben entgegen, obwohl die KPF nicht im Traum an eine revolutionäre Machtübernahme dachte und lediglich eine Koalitionsregierung mit Mitterrand oder anderen bürgerlichen Politikern anstrebte.

Die JCR beteiligte sich an der KPF-CGT-Demonstration unter der Parole: „Volksregierung ja! Mitterrand, Mendès France nein!“, und unterstützte auf diese Weise das Manöver der KPF. Krivine und Bensaid schreiben rückblickend über die damalige Parole der JCR: „Die Formel spielte mit Zweideutigkeiten. Sie stellte eine Volksregierung, die die kämpferischsten Teile als Ergebnis des Streiks und seiner Organe interpretieren konnten, einer Regierung politischer Persönlichkeiten entgegen. Ohne eine Koalitionsregierung der Linksparteien frontal zurückzuweisen, nahm sie die Persönlichkeiten aufs Korn, die keine präzisen Verbindungen zur Arbeiterbewegung hatten und anfällig waren, ihre institutionelle Autonomie für Kombinationen der Klassenzusammenarbeit zu nutzen... Die Formel ‘Volksregierung’ hatte trotz ihrer absichtlichen Unschärfe den Vorteil, eine Regierung der Linksparteien zu benennen, ohne sich auf genauere Überlegungen einzulassen.“ (12)

Mit anderen Worten: Die Formel der JCR sollte den „kämpferischsten Teilen“ vorgaukeln, eine bürgerliche Linksregierung mit KPF-Beteiligung wäre ein „Ergebnis des Streiks und seiner Organe“. Das ist ein entlarvendes Eingeständnis. Zu einem Zeitpunkt, an dem die revolutionäre Krise ihren Höhepunkt erreichte, die CGT ihre Autorität einbüßte, de Gaulle von der Bildfläche verschwand – zu einem Zeitpunkt also, an dem es nötig gewesen wäre, offen und entschieden Stellung zu beziehen, spielte die JCR mit „Zweideutigkeiten“ und blieb „absichtlich unscharf“.

Der entscheidenden Frage, wer die Macht im Staat hat, wich die JCR aus. Die Forderung nach einer „Volksregierung“, die sie von den Stalinisten übernommen hatte, erfreute sich zwar großer Popularität. Doch sie blieb allgemein und unverbindlich. Die Kommunistische Partei verstand darunter eine Koalitionsregierung mit den Sozialdemokraten und den bürgerlichen Radikalen, deren wichtigste Aufgabe es gewesen wäre, die bestehende Ordnung zu erhalten. Nichts lag ihr ferner, als eine revolutionäre Machtübernahme. Die Pablisten hinterfragten das nicht und reihten sich hinter den Stalinisten ein.

Was hätte die JCR tun müssen?

Um selbst die Macht zu ergreifen, fehlten der JCR offensichtlich die Kräfte. Doch es gibt viele historische Präzedenzfälle, die zeigen, wie revolutionäre Marxisten, auch wenn sie in der Minderheit sind, für ihr Programm kämpfen und die Mehrheit der Arbeiter gewinnen können.

In Russland waren Lenins Bolschewiki den Menschewiki und Sozialrevolutionären zu Beginn des Jahres 1917 deutlich unterlegen. Doch es gelang ihnen, durch eine geschickte und prinzipielle Politik die Arbeiterklasse zu gewinnen und im Oktober die Macht zu übernehmen. In Frankreich hatte Trotzki, der von 1933 bis 1935 im französischen Exil lebte, in den 1930er Jahren regen Anteil am Leben der französischen Sektion genommen und detaillierte Vorschläge unterbreitet, wie sie als Minderheit für ein revolutionäres Programm kämpfen konnte. Die zentrale Frage war dabei stets die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse von den reformistischen – und später auch stalinistischen – Apparaten und der Aufbau einer unabhängigen revolutionären Partei.

Als Lenin im April 1914 aus dem Exil nach Russland zurückkehrte, lief er Sturm gegen die versöhnlerische Haltung, die die Bolschewiki vor Ort gegenüber der bürgerlichen Provisorischen Regierung eingenommen hatten, in der die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre Minister stellten. Er bestand auf bedingungsloser Opposition und einem Programm, das die Machtergreifung durch die Sowjets anstrebte.

Im Rahmen dieses Programms bedienten sich die Bolschewiki einer Taktik, die die Kluft zwischen den Arbeitern und ihren reformistischen Führern vertiefte und den Arbeitern half, von den Reformisten zu brechen. Sie forderten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf, mit der liberalen Bourgeoisie zu brechen und selbst die Macht in die Hand zu nehmen. Obwohl die Parteien der kleinbürgerlichen Demokratie außerstande seien, eine von der Bourgeoisie unabhängige Regierung zu bilden, kommentierte Trotzki später diese Erfahrung im „Übergangsprogramm“, war die „Aufforderung der Bolschewiki: ‘Brecht mit der Bourgeoisie, nehmt die Macht in eure Hände!’ für die Massen von unschätzbarem erzieherischen Wert. Das beharrliche Widerstreben der Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegen die Machtübernahme ... verurteilte sie endgültig in den Augen des Volkes und bereitete den Sieg der Bolschewiki vor.“ (13)

Auch die JCR hätte 1968 verlangen müssen, dass KPF und CGT gestützt auf den Generalstreik die Macht übernehmen. Verbunden mit einer systematischen Agitation gegen den versöhnlichen Kurs der Stalinisten gegenüber den bürgerlichen Parteien hätte diese Forderung eine große politische Sprengkraft entfaltet. Sie hätte den Konflikt zwischen den Arbeitern und den stalinistischen Führern verschärft und den Arbeitern geholfen, von ihnen zu brechen. Doch den Pablisten lag nichts ferner, als die Stalinisten durch eine solche Forderung in Verlegenheit zu bringen. Auf dem Höhepunkt der revolutionären Krise bewährten sie sich als verlässliche Stützen der stalinistischen Bürokratie.

Die Pablisten konnten zwar die konterrevolutionäre Rolle der Stalinisten nicht einfach ignorieren, da selbst die bürgerliche Presse offen darüber schrieb. So beschuldigte Pierre Frank die KPF und die CGT im Juni 1968, sie hätten „zehn Millionen Streikende im Bestreben um fünf Millionen Wählerstimmen verraten“. Er verglich den „Verrat der Führung der KPF“ sogar mit dem historischen Verrat der deutschen Sozialdemokratie: „Wenn die KPF-Führung bisher nicht so weit gegangen ist wie die Noskes und Eberts 1918-19 gegen die deutsche Revolution, dann nur, weil die Bourgeoisie das nicht nötig hatte. Aber ihr Verhalten gegenüber den ‘Gauchistes’ lässt keinen Zweifel, dass sie dazu bereit wäre, sollte es nötig sein.“ (14)

Aber indem sie ihre gesamte politische Energie auf abenteuerliche Aktionen konzentrierten und die Studenten zur revolutionären Avantgarde erklärten, gingen die Pablisten der entscheidenden Frage gezielt aus dem Weg: Dem Aufbau einer neuen revolutionären Führung in Form einer Sektion der Vierten Internationale. Sie waren sorgfältig darauf bedacht, die politische Vorherrschaft der Stalinisten nicht in Frage zu stellen. Pablos liquidatorischer Kurs der Anpassung an den Stalinismus, der 1953 zur Spaltung der Vierten Internationale geführt hatte, bildete auch 1968 den Kern ihrer Politik. Sie riefen weder zum Bruch mit den Stalinisten auf, noch traten sie für den Aufbau der Vierten Internationale ein. Stattdessen taten sie so, als könnten die Aktionen der Jugend den Verrat der Stalinisten spontan überwinden und die Krise der proletarischen Führung lösen. Damit wurden sie selbst zum wichtigsten Hindernis für die Entwicklung einer wirklichen revolutionären Avantgarde.

Leo Trotzki war 1935 in Frankreich für den Aufbau von Aktionskomitees eingetreten, um der Volksfront, die er als „Koalition des Proletariats mit der imperialistischen Bourgeoisie in der Person der Radikalen Partei“ bezeichnete, entgegen zu treten.

„Je zweihundert, fünfhundert oder tausend Bürger, die sich in einer bestimmten Stadt, einem Stadtteil, einer Fabrik, einer Kaserne, in einem bestimmten Dorf der Volksfront anschließen, müssen während der Kampfhandlungen ihren Vertreter in ein lokales Aktionskomitee wählen,“ schrieb er. An den Wahlen zu den Aktionskomitees könnten „nicht nur Arbeiter, sondern auch Angestellte, Beamte, Kriegsteilnehmer, Handwerker, Kleinhändler und Kleinbauern teilnehmen. Auf diese Weise entsprechen die Aktionskomitees vortrefflich den Aufgaben des Kampfes des Proletariats um den Einfluss auf das Kleinbürgertum. Dafür aber erschweren sie ungemein die Zusammenarbeit der Arbeiterbürokratie mit der Bourgeoisie.“

Trotzki betonte, dass es nicht „um die formell-demokratische Vertretung aller und jeder Massen, sondern um die revolutionäre Vertretung der kämpfenden Massen“ gehe. „Das Aktionskomitee ist der Apparat des Kampfes.“ Es sei „das einzige Mittel, den antirevolutionären Widerstand der Partei- und Gewerkschaftsapparate zu brechen.“ (15)

Die Pablisten griffen diese Forderung nach Aktionskomitees 1968 auf. So verbreitete die JCR am 21.Mai ein Flugblatt, das für die Gründung von Streikkomitees in den Betrieben und von Aktionskomitees an den Fakultäten und in den Wohngebieten eintritt. Es ruft zur Bildung einer Arbeiterregierung auf und unterstreicht: „Die Macht, die wir wollen, muss den Streik- und Aktionskomitees der Arbeiter und Studenten entspringen“. Doch die Anpassung der Pablisten an die Stalinisten und kleinbürgerliche Radikalen beraubte diese Forderung jedes revolutionären Inhalts. Losgelöst vom Aufbau einer neuen revolutionären Führung war sie nichts weiter als radikale Begleitmusik für eine opportunistische Politik. (16)

Trotzki gegen Pierre Frank

Pierre Frank spielte nicht zum ersten Mal eine derartige politische Rolle. Er war schon 1935 aus ähnlichen Gründen von Leo Trotzki heftig angegriffen und schließlich aus der trotzkistischen Bewegung ausgeschlossen worden. Damals hatte er gemeinsam mit Raymond Molinier eine Gruppe um die Zeitschrift La Commune geführt, die im Namen der „revolutionären Aktion“ ein Zusammengehen mit zentristischen Strömungen, insbesondere der Gauche révolutionnaire von Marceau Pivert anstrebte. Pivert seinerseits war ein unverbesserlicher Zentrist. Er neigte in Worten zur Revolution, während er in der Praxis den linken Flügel der Volksfrontregierung Léon Blums bildete, die 1936 den Generalstreik erstickte.

Trotzki wies Piverts Zentrismus und die Manöver von Molinier und Frank unerbittlich zurück. „Das Wesen der Pivert-Tendenz besteht in Folgendem“, schrieb er: „‘Revolutionäre’ Parolen akzeptieren, aber nicht die notwendigen Schlussfolgerungen daraus ziehen, nämlich den Bruch mit Blum und Zyromsky [ein rechter Sozialdemokrat], der Aufbau einer neuen Partei und der neuen Internationale. Ohne das werden alle revolutionären Parolen null und nichtig.“ Er warf Molinier und Frank vor, sie hätten versucht, „die Sympathien der Gauche révolutionnaire durch persönliche Manöver, durch Hinterzimmerkombinationen und vor allem durch das Aufgeben unserer Parolen und unserer Kritik an den Zentristen zu gewinnen.“ (17)

In einem weiteren Artikel bezeichnete Trotzki die Haltung von Molinier und Frank als politisches Verbrechen. Er warf ihnen vor, sie versteckten ihr Programm und legten „den Arbeitern falsche Pässe vor. Es ist ein Verbrechen!“ Er beharrte darauf, dass die Verteidigung des revolutionären Programms Vorrang gegenüber der Aktionseinheit habe: „‘Massenzeitung’? Revolutionäre Aktion? Überall Kommunen? ... Sehr schön, sehr schön. ... Aber erst das Programm.“ (18)

„Ohne die neue revolutionäre Partei ist das französische Proletariat zu einer Katastrophe verurteilt“, fuhr er fort. „Die Partei des Proletariats kann nur international sein. Die Zweite und die Dritte Internationale sind zum größten Hindernis für die Revolution geworden. Es ist notwendig, eine neue Internationale zu schaffen – die Vierte. Wir müssen ihre Notwendigkeit offen verkünden. Sie sind kleinbürgerliche Zentristen, die bei jedem Schritt vor den Konsequenzen ihrer eigenen Ideen zurückschrecken. Der revolutionäre Arbeiter kann durch seine traditionelle Bindung an die Zweite oder Dritte Internationale gelähmt sein, aber wenn er die Wahrheit verstanden hat, wird er direkt zum Banner der Vierten Internationale übergehen. Daher müssen wir den Massen ein vollständiges Programm vorlegen. Mit zweideutigen Formeln können wir nur Molinier dienen, der seinerseits Pivert dient, der wiederum Leon Blum abdeckt. Und Letzterer stellt all seine Kräfte hinter [den Faschisten] de la Rocque ...“ (19)

Pierre Frank hatte drei Jahrzehnte später aus dem damaligen Konflikt mit Trotzki nichts gelernt. Er stand 1968 noch viel weiter rechts als 1935. Diesmal suchte er nicht nur die Einheit mit Zentristen wie Marceau Pivert, sondern auch mit Anarchisten, Maoisten und anderen rechten Tendenzen. Der Vorwurf des politischen Verbrechens, den Trotzki damals gegen ihn erhoben hatte, war 1968 noch weit berechtigter. Die Pablisten bildeten das entscheidende Hindernis, das der Hinwendung der Jugend und der Arbeiter zum revolutionären Marxismus im Wege stand.

Schließlich schoben sie die Verantwortung für den stalinistischen Verrat und ihr eigenes Versagen der Arbeiterklasse selbst zu. Krivine und Bensaid schrieben zwanzig Jahre später: „Man kann die Schwäche der organisierten revolutionären Kräfte am Beginn der Bewegung den Untaten des Stalinismus und der Sozialdemokratie anlasten. Aber wenn man nicht in einen hirnverbrannten Idealismus verfallen will, dann ist sie auch, und sei es in deformierter Weise, Ausdruck eines allgemeineren Zustands der Arbeiterklasse, ihrer kämpferischen Strömungen, ihrer natürlichen Vorhut in Betrieben und Gewerkschaften.“

Es habe zwar Widersprüche zwischen der Dynamik des Kampfs und der Kommunistischen Partei gegeben, fuhren sie fort: „Aber diese bleiben Randerscheinungen. ... Die Masse der Streikenden wollte einen sozialen Konflikt regeln und das Joch eines autoritären Regimes abschütteln. Von da bis zu Revolution war noch ein weiter Weg.“ (20)

Weitere zwanzig Jahre später wurde Krivine noch deutlicher: „Sicher, wir wussten in der Führung der JCR nicht, wie weit die Bewegung gehen würde“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Aber wir wussten recht genau, wohin sie nicht gehen würde. Es war eine Revolte von unübertroffener Größe, aber es war keine Revolution: Es gab weder ein Programm noch glaubwürdige Organisationen, die bereit gewesen wären, die Macht zu übernehmen.“ (21)

Diese Argumentationsweise ist charakteristisch für den pablistischen Opportunismus. Trotzki hat sie in der Auseinandersetzung mit der spanischen POUM einmal als „Philosophie der Ohmacht“ bezeichnet, „die versucht, Niederlagen als notwendige Glieder in der Kette überirdischer Entwicklungen hinzunehmen“, und „total unfähig ist, Fragen nach solch konkreten Faktoren wie Programmen, Parteien, Persönlichkeiten, die die Organisatoren der Niederlagen waren, überhaupt aufzuwerfen“. (22)

Die LCR heute

Der französische Innenminister Raymond Marcellin ließ die JCR und deren Nachfolgeorganisation Ligue communiste gleich zwei Mal verbieten: Am 12. Juni 1968, als er insgesamt zwölf linke Organisationen auflöste, und am 28. Juni 1973, nachdem es anlässlich einer antifaschistischen Demonstration in Paris zu heftigen Kämpfen mit der Polizei gekommen war. Aber den weitsichtigeren Elementen der herrschenden Klasse war seit 1968 klar, dass von der LCR keine Gefahr für die bürgerliche Ordnung ausging und dass man sich in Zeiten der Krise auf sie verlassen konnte.

Nachdem die revolutionäre Welle von 1968 verebbt war, wurden die LCR und die Organisationen, mit denen sie damals zusammenarbeitete, zu einem fruchtbaren Rekrutierungsfeld für die etablierten Parteien, die bürgerlichen Medien, die Universitäten und den Staatsapparat. Man findet ehemalige LCR-Mitglieder in den Führungspositionen der Sozialistischen Partei (Henri Weber, Julien Dray, Gérard Filoche, usw.), auf philosophischen Lehrstühlen (Daniel Bensaid) und in den Redaktionen bürgerlicher Zeitungen.

Edwy Plenel, der aus den Reihen der LCR an die Spitze der renommierten Tageszeitung Le Monde aufstieg, schreibt in seinen Erinnerungen: „Ich war nicht der einzige: wir sind sicher einige Zehntausende, die, nachdem wir in den sechziger und siebziger Jahren mehr oder weniger auf der – trotzkistischen oder nicht trotzkistischen – extremen Linken engagiert waren, die kämpferischen Lehren zurückgewiesen haben und unsere damaligen Illusionen zum Teil kritisch betrachten, ohne jedoch eine Treue zu unserer ursprünglichen Wut aufzugeben und ohne unsere Schuld gegenüber dieser Ausbildung zu verschweigen.“ (23)

Der Anarchist Daniel Cohn-Bendit wurde zum politischen Mentor und engen politischen Freund Joschka Fischers, der von 1998 bis 2005 an der Spitze des deutschen Außenministeriums stand. Cohn-Bendit selbst leitet derzeit die Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament und zählt selbst in dieser weit nach rechts gerückten Partei zum äußersten rechten Flügel.

Der Maoist Alain Geismar übernahm 1990 die Verantwortung für die Generalinspektion der Nationalen Erziehung und bekleidete anschließend Staatssekretärsposten in verschiedenen sozialistisch geführten Ministerien. Ebenfalls den Maoisten verdankt die etablierte Tageszeitung Libération ihre Entstehung. Sie wurde 1973 als maoistisches Organ mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre als Chefredakteur gegründet.

Die Zahl der 68er Radikalen, die eine steile Karriere gemacht haben, ist derart hoch, dass man sie nicht einfach mit dem Phänomen der „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ erklären kann. Sie ist vielmehr ein Ergebnis der Tatsache, dass die Pablisten und ihre Verbündeten bei aller radikalen Rhetorik stets eine opportunistische, mit der bürgerlichen Ordnung kompatible Perspektive vertraten.

Heute wird die LCR angesichts einer ökonomischen und politischen Krise, die vielfach tiefer ist als 1968, wieder gebraucht. Die Auswirkungen von Globalisierung, internationaler Finanzkrise und steigenden Ölpreisen haben den Spielraum für soziale Kompromisse auch in Frankreich beseitigt. KPF und CGT sind nur noch ein Schatten ihrer selbst; gerade sieben Prozent aller Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert. Die Sozialistische Partei, als Reaktion auf 1968 gegründet und drei Jahrzehnte lang wichtigste Stütze der bürgerlichen Herrschaft, ist in sich zerstritten und befindet sich im freien Fall. Die sozialen Gegensätze sind zum Zerreißen gespannt. Seit zwölf Jahren folgt eine Streik- und Protestwelle der anderen.

Unter diesen Umständen braucht die herrschende Elite eine neue Stütze auf der Linken, die in der Lage ist, die wachsende Zahl von Arbeitern und Jugendlichen, die den Glauben an eine reformistische Lösung der gesellschaftlichen Krise verloren haben, zu desorientieren und von einer revolutionären Alternative abzuhalten. Diesem Zweck dient die neue „antikapitalistische Partei“, welche die LCR Ende des Jahres aus der Taufe heben will. Ihr Sprecher Olivier Besancenot, von Alain Krivine zu seinem Nachfolger entwickelt, wird von den Medien zum Politstar aufgebaut, nachdem er bei der letzten Präsidentenwahl 1,5 Millionen Stimmen erhalten hat.

Die Parallelen zwischen der JCR von 1968 und der „antikapitalistischen Partei“ von heute fallen ins Auge. Das beginnt mit der Glorifizierung Che Guevaras, zu dem sich Besancenot ausdrücklich bekennt und über den er im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht hat. Es geht weiter mit der unkritischen Anpassung an kleinbürgerlich radikale Strömungen aller Schattierungen. Die neue Partei ist – in den Worten Besancenots – offen für „Ex-Mitglieder politischer Parteien, Animateure der Gewerkschaftsbewegung, Feministen, Gegner des Liberalismus, Anarchisten, Kommunisten oder Antiliberale.“ Und schließlich lehnt sie den historischen Bezug auf den Trotzkismus ausdrücklich ab. Eine solche Partei, die programmatisch formlos und eklektisch und durch keinerlei Prinzipien gebunden ist, kann leicht manipuliert und an die jeweiligen Erfordernisse der herrschenden Klasse angepasst werden.

Die Lehren von 1968 sind also nicht nur von historischem Interesse. Damals ist es der herrschenden Klasse gelungen, eine revolutionäre Krise mit Hilfe der Stalinisten und der Pablisten unter Kontrolle zu bekommen und ihre Herrschaft wieder zu stabilisieren. Ein zweites Mal wird sich die Arbeiterklasse nicht täuschen lassen.

Anmerkungen:

11) Alain Krivine, Daniel Bensaid, „Mai si! 1968-1988: Rebelles et repentis“, Montreuil 1988

12) ibid., p. 39-40

13) Leo Trotzki, „Das Übergangsprogramm“, Essen 1997, S. 109-110

14) Pierre Frank, „Mai 68: première phase de la révolution socialiste française“, http://www.lcr-rouge.org/spip.php?article1609

15) Leo Trotzki, „Die Volksfront und die Aktionskomitees“, 26. November 1935, http://marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1935/11/volksfront.htm

16) Jeunesse Communiste Revolutionnaire, „Workers, Students“, May 21, 1968, http://marxists.org/history/france/may-1968/workers-students.htm

17) Leon Trotsky, „What is a ‘Mass Paper’?“, in „The Crisis of the French section (1935-36)“, New York 1977, p. 98, 101

18) Leon Trotsky, „Against False Passports in Politics“, ibid. p. 115, 119

19) ibid, p. 119-120

20) Krivine, Bensaid, ibid., p. 43

21) Alain Krivine, „Ça te passera avec l’âge“, Flammarion 2006, p. 103-104

22) Leo Trotzki, „Klasse, Partei und Führung“, in „Revolution und Bürgerkrieg in Spanien1931-39“, Frankfurt 1976, S. 346

23) Edwy Plenel, „Secrets de jeunesse“, Editions Stock 2001, p. 21-22

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