Vom Co-Manager zum Top-Manager

Ex IG Metall Chef Huber leitet VW-Aufsichtsrat

Von Verena Nees und Dietmar Henning
29. April 2015

Nach dem Rücktritt des bisherigen Aufsichtsratschef von VW, Ferdinand Piëch, übernimmt der ehemalige Vorsitzenden der IG Metall Berthold Huber den Chefposten des Aufsichtsrats. Huber wird auch die Aktionärs-Hauptversammlung Anfang Mai leiten. Diese Entwicklung markiert eine neue Stufe der Verwandlung der Gewerkschaften. Die IG Metall übernimmt nun direkt die Verantwortung, die weltweit 600.000 Beschäftigten anzugreifen, um die Profite des zweitgrößten Auto-Konzerns der Welt zu steigern.

Am vergangenen Samstagabend traf sich das sechsköpfige Aufsichtsratspräsidium zu einer Krisensitzung. Neben Porsche-Enkel und Mehrheitseigner Piëch waren Huber, VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh, dessen Stellvertreter im Wolfsburger Stammwerk Stephan Wolf, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sowie Piëchs Cousin Wolfgang Porsche gekommen. Am Ende drängten sie den Aufsichtsratsvorsitzenden zum Rücktritt.

In einer kurzen Erklärung des Präsidiums stellten sie „einvernehmlich“ fest, „dass vor dem Hintergrund der vergangenen Wochen das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben ist“. Daraufhin habe Piëch „sein Amt als Vorsitzender des Aufsichtsrates sowie alle seine Aufsichtsratsmandate innerhalb des Volkswagen Konzerns mit sofortiger Wirkung niedergelegt“. Seine Frau Ursula Piëch schloss sich an und legte ihre Aufsichtsratsmandate im VW-Konzern ebenfalls nieder.

Das Aufsichtsratspräsidium gab in knappen Worten bekannt, dass Ferdinand Piëch von seinem bisherigen Stellvertreter, dem ehemaligen IGM-Chef Berthold Huber, abgelöst wurde. „Herr Huber wird auch die Aufsichtsratssitzung am 4. Mai 2015 und die Hauptversammlung am 5. Mai 2015 leiten.“

Piechs Rücktritt war eine heftige Auseinandersetzung in der Führungsspitze des Konzerns vorausgegangen, die in den Medien weitgehend als persönlicher Machtkampf dargestellt wurde. In Wahrheit forderte Piëch eine drastische Umstrukturierung, weil VW nicht die Profitmargen der Konkurrenz erreiche und Gefahr laufe, weiter an Marktanteilen zu verlieren. Dies betrifft insbesondere die Kernmarke VW mit einer Profitrate von nur gut 2 Prozent, schlechten Absatzzahlen in den USA und zuletzt sogar sinkenden Verkaufszahlen in China.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, warnt schon seit langem vor den Gefahren für die Anteilseigner. Immer wieder weist er darauf hin, dass VW mit 600.000 Beschäftigten etwas weniger Fahrzeuge baue als der Weltmarktführer Toyota mit 350.000. „Ein Großteil der Mitarbeiter sitzt im Hochlohnland Deutschland, ein bedeutender Teil in Komponentenwerken, die Zulieferteile herstellen, die Zulieferer unter deutlich besseren Kosten produzieren“, schreibt er.

Auch die Entwicklung neuer Technologien, wie des Elektroautos und des mit der digitalen Vernetzung verbundenen Konzepts vom „führerlosen Fahren“, sei vernachlässigt worden.

Piech traute dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn, der neben seiner Funktion als Konzernchef bisher auch die „unprofitable“ Kernmarke VW verantwortete, nicht zu, die nötigen Kürzungen bei Arbeitsplätzen, Löhnen und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Er arbeitete deshalb seit längerem daran, Winterkorn zu ersetzen. Bereits Ende letzten Jahres wurde der ehemalige BMW-Manager Herbert Diess angeheuert. Diess, der als knallharter Sanierer bekannt ist, löst Winterkorn im Juli als neuer VW-Markenchef ab. Schon vor seinem Antritt ließ Diess großspurig in den Medien verbreiten, VW sei zu teuer, zu ineffizient und habe zu viel Personal.

Im Hintergrund zogen die IG Metall und der Betriebsrat die Fäden. An der Berufung von Diess war Betriebsratschef Osterloh nach eigenen Aussagen maßgeblich beteiligt. Das Handelsblatt zitiert ihn mit den Worten: „Ohne unsere Zustimmung wäre er nicht auf diese Position gekommen.“

Als Winterkorn vor neun Monaten ein drastisches Kürzungsprogramm namens „Future Tracks“ ankündigte, das die jährlichen Kosten um über fünf Milliarden Euro senken sollte, arbeitete er mit der Unternehmensberatungsgesellschaft McKinsey zusammen. Daraufhin intervenierte Betriebsratschef Osterloh und forderte Winterkorn auf, McKinsey wieder auszuladen.

Osterlohs Ansage war eindeutig: VW benötige nicht die üblichen Kostensenker. Der Betriebsrat und die IG Metall könnten das besser. Er warf der Konzernführung vor, das Effizienzprogramm nicht entschieden genug anzugehen. „Da geht noch mehr“, sagte er Ende letzten Jahres. Nur wenig später legte er einen eigenen 400 Seiten umfassenden Kürzungskatalog vor.

Als die Führungskrise aufbrach, reagierte die IG Metall sofort und arbeitet eng mit dem Konzernchef zusammen, der laut Geschäftsbericht im vergangenen Geschäftsjahr sein Gehalt auf 16 Millionen Euro erhöhte. Die IGM will die Chance nutzen und beweisen, dass ihre Funktionäre nicht nur als Co-Manager, sondern auch als Top-Manager die Profitinteressen der Kapitaleigner vertreten.

Viele Personalien sind gegenwärtig noch unklar, etwa wer langfristig Aufsichtsratschef wird – ein Mitglied der beiden Eigentümerfamilien Piëch oder Porsche, ein Vertreter der Anteilseigner von außen oder auch Winterkorn selbst. Wer langfristig die Stelle Winterkorns einnimmt, ist genauso unklar. Zahlreiche Sanierer im VW-Konzern stehen bereit.

Aber eins ist klar. Die Belegschaften stehen vor gewaltigen Kürzungen bei Arbeitsplätzen und Löhnen. Als Aufsichtsratsvorsitzender will Berthold Huber beweisen, dass er und die IG Metall die Angriffe gegen die Belegschaften besser durchsetzen können als alle anderen.

Als Vorsitzender der IG Metall hatte Huber die Gewerkschaft in ein profitables Unternehmen verwandelt, das den Konzernen als Berater und Sanierer dient. Ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Beratungsfirmen vom Schlage McKinseys oder Roland Bergers besteht darin, dass sie nicht nur die betrieblichen Verhältnisse besser kennt und detaillierte Rationalisierungsmaßnahmen vorschlagen kann. Darüber hinaus verfügen sie über etwas, was keine andere Beratungsfirma hat: ein gut organisiertes Netz von Betriebsräten und Vertrauensleuten, um die Belegschaften unter Kontrolle zu halten.

Der ehemalige Maoist Huber (er war bis 1979 Mitglied der Vorgängerorganisation der MLPD, die bis heute Josef Stalin verherrlicht), hat diese Verwandlung der Gewerkschaft systematisch vorangetrieben.

Schon bei der Schließung des Opel-Werks in Bochum fungierte die Gewerkschaft als wichtigster Berater und Unterstützer der Konzernleitung. Im Mai 2012 hatte die IG Metall den Unternehmensvorstand und die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Opel-Standorten zu Verhandlungen in die Frankfurter Gewerkschaftszentrale geladen. Der damalige Vize-Vorsitzende des Mutterkonzerns General Motors und gleichzeitige Aufsichtsratschef von Opel, Stephen Girsky, sowie der damalige Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke erklärten im Anschluss, das Treffen sei außerordentlich konstruktiv gewesen.

Dort hatte die IGM den GM- und Opel-Managern den gewerkschaftseigenen „Deutschlandplan“ vorgestellt, der umfassende Rationalisierungsmaßnahmen einschließlich Arbeitsplatzabbau, Sozialkürzungen und Lohnsenkung vorsah – „zur Stärkung der Marke Opel“. Als GM/Opel wenig später forderte, ein Werk ganz zu schließen, schlug die IG Metall das Werk in Bochum vor. Die dortige Belegschaft war ihr wegen ihrer wiederholten Opposition zur IG Metall schon lange ein Dorn im Auge.

In Zusammenarbeit mit dem Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel spielte die IGM die einzelnen Standorte gegeneinander aus und setzte die Schließung in Bochum zum Ende des vergangenen Jahres durch.

Ende 2013 trat Huber vom Vorsitz der IG Metall zurück und übergab die Leitung der Gewerkschaft an Dieter Wetzel. Das Amt des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden bei VW, das traditionell dem IGM-Vorsitzenden vorbehalten ist, gab der 65-jährige Huber jedoch nicht ab. Grund dafür sind nicht nur die hohen Aufsichtsrats-Tantiemen von rund 700.000 Euro im Jahr, sondern die Tatsache, dass Huber als Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums in der Ausarbeitung der Sparprogramme und damit verbundenen sozialen Angriffe eine Schlüsselrolle spielt.

Das sehen offensichtlich auch die Vertreter der Anteilseigner so. In einer Stellungnahme am Samstagabend erklärte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der für das Land Niedersachsen als 20-prozentiger Anteilseigner im Aufsichtsrat sitzt, die Kapitalvertreter im Aufsichtsrat hätten ausdrücklich die Wahl Hubers zum kommissarischen Leiter gewünscht: „Er hat dabei die ausdrückliche Unterstützung der Anteilseigner“, betonte Weil. Auch der Wert der VW-Aktie stieg am Montag um bis zu 5 Prozent.

Hätte es eines Beweises bedurft, dass Arbeitsplätze, Löhne und Sozialleistungen nur in einer Rebellion gegen die Gewerkschaften verteidigt werden können, Huber hat ihn erbracht.

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