Schwaches Drehbuch, schwache Regie, schwach gespielt

Warum die Lobgesänge auf den Film Titanic?

Von David Walsh
26. Februar 1998

Es gibt wenig Entschuldigungsgründe für jene Kritiker, die James Camerons Titanic in den Himmel loben. Es ist kein gutes Werk – schwaches Drehbuch, schwache Regie, schwach gespielt. Wären da nicht die hunderte Millionen Dollar für seine Produktion und Vermarktung, wäre da nicht das große Aufhebens von Seiten der Medien, könnte man den Film ohne weiteres ignorieren.

Die Filmkritikerin Janet Maslin stand für viele andere ihrer Zunft, als sie in der »New York Times« vom 19. Dezember ‘97 versicherte: »Camerons großartige Titanic ist das erste Mammutwerk seit Jahrzehnten, daß man mit Vom Winde verweht vergleichen kann.« Sie nannte den Film »ein gewaltiges, packendes drei-ein-viertel-Stunden-Erlebnis, das die Zuschauer unfehlbar in die Schönheit und Tragik einer verlorenen Welt zieht.« Maslin schrieb von dem »phantastischen Zusammenspiel der Stars« Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, und schwärmte: »Titanic erzählt eine ergreifende Geschichte von blinder Arroganz und ihren fürchterlichen Konsequenzen. Es ist einer der seltenen Abenteuerfilme Hollywoods, der mythische Elemente der Tragödie – der Fall des Ikarus, der Ruin des Ozymandias – ins Bewußtsein ruft.«

Was ist da los? Es ist eine Sache, manchmal ein Werk zu überschätzen, etwa um einen aufstrebenden Künstler zu unterstützen, selbst wenn man sich dabei um der guten Sache willen ein wenig dem Wunschdenken hingibt. Aber solch eine Übertreibung muß eine gewisse Grundlage in der Wirklichkeit haben. Filmkritik ist kein rein subjektives Unterfangen. Nach jedem objektiven Maßstab ist Titanic nichts von alledem, was Maslin und andere von ihm behaupten.

Es ist keine Überraschung, daß Camerons neuester Film bestenfalls enorm angestrengt und mittelmäßig ist. In seinen vorherigen Filmen Aliens, True Lies, The Abyss oder Terminator deutete nichts darauf hin, daß hier ein großes künstlerisches Talent heranreifte. Der Regisseur ist zweifellos ein tatkräftiger und fähiger Techniker und Organisator, aber ohne besonderes Gespür für Dramatik oder psychologische oder soziale Einsicht.

Titanic hat seit dem 19. Dezember, als er in den Verleih gekommen ist, hunderte Millionen Dollar eingespielt. Er könnte zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten werden, vielleicht bis zu eine Milliarde Dollar einspielen. Dieser Erfolg ist nicht weiter erstaunlich. Camerons Film hat vor allem durch die Medien massive Unterstützung bekommen. Außerdem gibt es natürlich noch die normale Neugier der Öffentlichkeit, angeheizt von der Aufmerksamkeit der Medien, über den Untergang der Titanic, oder auch bloße Sensationslust.

Der Film zielt offensichtlich vor allem auf junge Leute ab. Laut einer Studie von Paramount Pictures sind 63 Prozent derjenigen Zuschauer, die ihn zweimal oder öfter gesehen haben, unter 25 Jahre alt. Camerons Hauptfiguren in Titanic sind ein von DiCaprio gespielter, Jack London-hafter Künstler und die unglückliche Rose (Winslet), die in der ersten Klasse reist und von ihrer Mutter zur Heirat eines herzlosen Millionärs gezwungen wird. Daß sich Jugendliche für das Thema unglücklich Verliebte und verbotene Liebe interessieren, ist natürlich und legitim.

Aber ist dieses Problem hier auf stimmige oder überzeugende Weise verarbeitet?

Fast jedes Element in diesem Film, die Liebesgeschichte eingeschlossen, wird auf völlig klischeehafte und vorhersagbare Weise dargestellt. Die Verhaltensweisen und Charakterzüge, selbst die Mimik jeder Person sind sofort klar erkennbar und bleiben den ganzen Film hindurch völlig unverändert. Der böse Verlobte ist von seinem ersten Auftritt bis zum Schluß ohne Unterbrechung grausam und egoistisch. Die matronenhafte, herrische Mutter ist unermüdlich matronenhaft und herrisch, die »unsinkbare« Molly Brown unfehlbar heiteren Gemüts.

Der unbezähmbare Jack (DiCaprio) trifft die reiche Rose (Winslet) und verliebt sich in sie. Kann es irgendwelche Zweifel geben, daß die beiden sich streiten werden, wieder versöhnen, miteinander ins Bett gehen, dem erzürnten Verlobten gegenüberstehen, über ihn triumphieren usw., usf.?

Man kann die Jugendlichen von heute nicht für ihren Geschmack verantwortlich machen. Was haben sie denn außer den banalsten Produkten der vorherrschenden Filmstudios schon zu sehen bekommen? Selbst das kommerzielle Kino hat die gleichen Themen vor wenigen Jahrzehnten noch mit mehr Tiefe behandelt. Man denke dabei etwa (trotz all ihrer Schwächen) an Bonnie and Clyde und The Graduate (beide 1967), oder selbst an Franco Zeffirellis Romeo and Juliet (1968).

Das Schicksal der Titanic war ein außergewöhnliches Ereignis, voller dramatischer Möglichkeiten. Was soll man von einem Regisseur halten, der vom Leben und der Geschichte entweder so gelangweilt oder so blind gegenüber ihren Möglichkeiten ist, daß er – offenbar um Spannung zu erzeugen – eine Schießerei und eine Situation inszeniert, in der jemand fast ertrinkt, und das auf einem sinkenden Schiff, während Tausende dem sicheren Tod entgegengehen? Camerons fehlende Phantasie hat beinahe schon den Anstrich der Satire. (Wer einen wirklich haarsträubenden Schiffsuntergang sehen will, sollte sich Andrew L. Stones The Last Voyage (1960) auf Video holen.)

Dann gibt es da noch die angeblich »radikale« politische Seite des Films. Das ist das schlimmste aller Argumente zugunsten von Titanic. Maslin nennt ihn »einen Film, der gnadenlos die unterschiedlichen Schicksale von Reich und Arm herausstellt«. Sie zitiert Camerons Gewitzel: »Wir nähern uns fast schon marxistischen Dogmen«. Das ist Blödsinn. Die meisten Erwachsenen wissen recht gut, daß 1912 Arme und Reiche unterschiedlich behandelt wurden und daß sie es 86 Jahre später immer noch werden.

Was Cameron seinem Publikum mit einer Hand gibt – eine oberflächliche Kritik der Klassenbeziehungen – nimmt er ihm mit der anderen durch seinen völlig bornierten und angepaßten Standpunkt wieder weg: Im menschlichen Verhalten gibt es keine Widersprüchlichkeiten, es gibt keine Probleme, die schmerzhafte und schwierige Entscheidungen erfordern, alles im Leben und in der Gesellschaft ist klar und offensichtlich, die Welt ist so, wie sie auf den ersten Blick erscheint, man braucht nur ein bißchen Glück und ein bißchen Köpfchen, um im Leben glücklich zu werden. Das sind die wirklichen Aussagen von Titanic. Er ist so geistlos wie ein Werbespot von Nike. Wie soll damit kritisches Denken ermutigt werden?

Aber die eigentliche Frage bleibt: Warum sind so viele Angehörige der »Elite« der New Yorker Filmkritiker dermaßen von diesem Film begeistert? Es wäre falsch, anzunehmen, die hunderte Millionen Dollar, die vom Erfolg oder Mißerfolg von Titanic abhängen, hätten einen direkten Einfluß auf das Urteil all dieser Kritiker. Was hier abläuft, ist sehr viel komplexer.

Die Lobgesänge auf Camerons Film beinhalten viel Wunschdenken. Viele der Kritiken lesen sich wie Artikel über einen Film, den die Kritiker gerne sehen würden. Dieses Werk hat nur leider nicht viel mit Titanic zu tun. In diesem Wunschdenken steckt vor allem die Sehnsucht, im Bestehenden einen Funken von Größe zu sehen, und die Weigerung, sich ernsthaft mit der Krise des Films und seinen intellektuellen und historischen Ursachen zu befassen.

Darüberhinaus hat auch die unbeschränkte Herrschaft des amerikanischen Kommerzkinos ihre Auswirkungen. Wie man weiß, erobert die Macht nicht nur, sie überzeugt auch. Der »Kunst«kritiker fühlt nach vielen Jahren des Außenseiterdaseins ohne Zweifel den äußeren und inneren Anpassungsdruck, nicht länger ein außenstehender Kritiker mit hochgezogener Augenbraue, sondern ein Teil der Masse zu sein. Wenn er dem nachgibt, rechtfertigt er sich dann oft mit dem Argument, daß er durch die Huldigung des Götzen Titanic doch nur Eins werde mit den großen filmschaffenden Traditionen Hollywoods, usw.

Wir sind überzeugt, daß der Glanz von Titanic und ähnlichem kurzlebig ist. Andere Stimmen erheben sich, andere Visionen bilden sich heraus. In ein paar Jahren wird man sich an die Lobgesänge auf Camerons Film nur noch als an ein Symptom einer Ära der geistigen Armut erinnern, der nur sehr wenige nachtrauern werden.