Musik ist international

Musik ist international - Der Film "Comedian Harmonists"

Von Bernd Reinhardt
23. Juni 1998

Seit einigen Monaten läuft der Film "Comedian Harmonists" des Regisseurs Joseph Vilsmaier mit großem Erfolg in den deutschen Kinos. Der Film basiert auf historischen Tatsachen. Durch ihre Musik wurde die gleichnamige Vocalgruppe Anfang der 30er Jahre in kurzer Zeit weltberühmt. Weniger bekannt ist bis heute die Geschichte des Ensembles. Vilsmaier präsentiert dem Kinopublikum einen sehenswerten, anregenden Film, in dem auch die Musik des Sextetts nicht zu kurz kommt.

Die Handlung beginnt im Jahr 1927 in Berlin. Die Weimarer Republik ist geprägt von Massenarbeitslosigkeit. Eine lange Traube von Menschen, die sich alle auf die Zeitungsannonce eines arbeitslosen Schauspielers hin zum Vorsingen gemeldet haben, reicht von der Straße bis hoch in den 5. Stock. Der musikalische Autodidakt Harry Frommermann hat einige Arrangements für fünf Gesangsstimmen im Stile der amerikanischen Revelers geschrieben, deren Musik er von Schallplattenaufnahmen kennt. Er ist begeistert von dem originellen, jazzigen Gesang und will eine ähnliche Gruppe in Deutschland aufbauen. Viele Menschen sehen sich durch die Not gezwungen, nur an ihr unmittelbares Überleben zu denken. Deshalb ist es schwer, geeignete Sänger für ein so anspruchsvolles Vorhaben zu finden. Harry Frommermann lernt Robert Biberti, Sohn eines bekannten Opernsängers kennen, der zwar keine Ausbildung aber eine gute Stimme hat. Ari Leschnikoff, ein begnadeter bulgarischer Tenor, kann seine Gesangsausbildung in Deutschland nicht weiterfinanzieren und schlägt sich als singender Kellner in einem Studentenrestaurant durch. Roman Cycowski, gebürtiger Pole, will eigentlich zur großen Oper und Erich Collin, hat gerade sein Examen an der Musikhochschule absolviert. Sie singen alle im Chor des Großen Schauspielhauses in der Friedrichstraße. Mit dem Pianisten Erwin Bootz ist die Besetzung komplett.

Es beginnt eine monatelange Zeit täglicher, harter Proben. Für alle ist ungewiß, ob sich dieser Aufwand je finanziell auszahlen wird.. Gleich das erste Vorsingen bei einer Agentur wird ein voller Reinfall, und die Frage steht - aufhören oder weitermachen?

Dem Regisseur ist an dieser Stelle eine sehr schöne, komödiantische Szene eingefallen: Die Sänger sitzen deprimiert in der Kneipe und Bootz analysiert am Klavier, warum die Duke-Ellington-Nummer so daneben ging. Er probiert ein anderes Tempo aus. Nach und nach schauen die Sänger von ihren Biergläsern hoch, setzen fast unwillig hintereinander ein, bis die Musik sie schließlich packt. Frommermann und der Baßist Biberti liefern sich dabei ein improvisatorisches Gefecht, wobei sie Trompete und Posaune mit dem Mund imitieren.

Die Entscheidung ist gefallen - so eine Musik darf nicht einfach weggeschmissen werden!

Das nächste Vorsingen wird ein Erfolg, sie werden für einige Zwischennummern in die Charell-Revue engagiert. Dann folgen erste Plattenaufnahmen und Tourneen durch ganz Europa, eine Reise in die USA, bis die Hitlerregierung ihre Konzerttätigkeit abrupt beendet und die Comedian Harmonists im Jahr 1935 verbietet.

Gleich nach dem ersten Erfolg schlägt der Agent den fünf Musikern einen neuen Namen vor: "Comedian Harmonists". Er erklärt ihnen: "International muß et klingen!"

Die Welt hatte sich in dieser Zeit wirklich sehr verändert. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern war es für einen großen Teil der Jugendlichen in den Großstädten der zwanziger Jahre selbstverständlich geworden, Musik und Kultur als zunehmend internationale Entwicklung zu begreifen. Moderne Agenturen konnten schließlich in die ganze Welt telefonieren, um Künstler nach Berlin zu holen, und sie vermittelten gleichzeitig Künstler in alle Herren Länder. Schallplatten- und Filmindustrie weiteten sich ungeheuer aus, der Tonfilm und das Radio begannen ihren Siegeszug um die Welt. Flugzeuge und Zeppeline ließen die Kontinente näher aneinanderrücken. Die Jugend reflektierte diese Entwicklung auf ihre Weise und wandte sich der Musik zu, die dieser Internationalisierung entsprach. Ihr weltoffenes Lebensgefühl drückte sich aus im Jazz. Sie verstanden sich als Kosmopoliten und tanzten Hot von Chicago bis Berlin, von Schanghai bis Moskau.

Althergebrachte Wertvorstellungen über Moral und Religion erfuhren ebenfalls eine Veränderung unter den neuen Bedingungen. So lebt Bootz beispielsweise mit einem aus Polen eingewanderten jüdischen Mädchen zusammen. Romans deutsche Verlobte tritt zum jüdischen Glauben über, während Harry am Grab seiner Mutter bekennt, daß er schon lange nicht mehr in die Synagoge geht. Der getaufte Jude Collin erklärt kategorisch: "Ich kann sein, was ich will" und malt sich gleichzeitig in gespieltem Entsetzen aus, wie seine Eltern reagieren werden, wenn er ihnen seine zukünftige Braut, ein französisches Mädchen aus dem Rotlichtmilieu vorstellen wird.

Fast nebenbei und beinahe unbemerkt spricht sich der Film an mehreren Stellen gegen Goldhagens plumpe Vereinfachung aus, wonach die Mehrheit der Deutschen Antisemiten gewesen seien. Die Comedian Harmonists sangen nach wie vor in ausverkauften Häusern, obwohl es sich in der Öffentlichkeit herumgesprochen hatte, daß sich unter den Sängern einige Juden befanden. Wie viele? - das wußten selbst die Mitglieder der Gruppe lange Zeit nicht, weil sich einfach niemand dafür interessierte.

Eine andere Stelle zeigt, wie völlig überrascht viele Juden von den antisemitischen Hetzkampagnen waren. Ein jüdischer Geschäftsmann steht fassungslos vor den Hakenkreuzschmierereien seines Schaufensters, während seine Frau unter Tränen den Passanten erklärt, wie national ihr Mann immer gedacht habe und daß ihre beiden Söhne im letzten Krieg für den deutschen Kaiser gefallen seien.

Erna, die junge deutsche Studentin, die halbtags im Laden arbeitet, hilft ihnen beim Saubermachen.

Später zeigt der Film, daß erst die brutale Unterdrückung jedes fortschrittlichen und humanistischen Gedankens unter der Naziherrschaft, wieder zur Mobilisierung der niedrigsten Instinkte führt. Bootz reicht aus Karrieregründen die Scheidung von seiner jüdischen Frau ein, während die Konkurrenz zwischen Robert Biberti und Harry Frommermann, die beide das gleiche Mädchen lieben, ebenfalls unterschwellig einen neuen Charakter annimmt. Erna entscheidet sich zeitweise für Biberti, der kein Jude ist.

Die witzig arrangierte Musik der Comedian Harmonists verkörpert gerade jene sinnliche Lebensfreude, die den Nazis ein Dorn im Auge war. Sie parodiert die antiquierte Operettenseligkeit, die sich aus dem 19. Jahrhundert in die modernen Zeiten hinübergerettet hat. Die Sänger treten in häufig wechselnden Kostümen auf und haben ganze Operettenouvertüren im Repertoire, wobei sie die Orchesterinstrumente verblüffend echt nur mit ihren Stimmen nachahmen. Sie "verhotten" deutsche Schlager, indem sie die vom Ragtime bekannten Synkopen in die Melodien einbauen, singen Jazzsongs wie "Night and day", "Whyspering" oder "Tea for two". In Titeln wie "Puppenhochzeit" oder "Maskenball im Gänsestall" veralbern sie die spießige Moral und Biedermaier-Idylle der älteren Generation. Und jeder im Saal, außer der erste Tenor Ari Leschnikoff, der immer noch Schwierigkeiten mit den Feinheiten der deutschen Sprache hat, weiß um die Bedeutung der Liedzeile: "Veronika, der Spargel wächst."

In dem zunehmend offeneren, internationalen Charakter der Kultur sahen die Faschisten eine Gefahr. Sie haßten daher das "internationale Judentum", die Kommunisten, die bürgerliche Aufklärung und nahmen den Kampf gegen die sogenannte Überfremdung, den Kulturbolschewismus auf. Ihr Bestreben, vor allem das Nationale und Eigenständige zu entwickeln, stieß auf offene Ohren, auch bei Gesellschaftsschichten, welche die Methoden der Nazis ablehnten, aber gleichzeitig deutsch-national dachten. Selbst ein international so renommierter Komponist wie Richard Strauß ließ sich davon beeinflussen und verunglimpfte den Jazz 1936 in einem Brief als "Musik von Kannibalen". Die 1933 neugegründete Reichsmusikkammer ergriff umfangreiche Maßnahmen zum "Schutz der deutschen Kultur". Da viele Künstler und Musikgruppen sich englische Namen zulegten, erfolgte beispielsweise ein Verbot betreffs der "Führung ausländischer Decknamen." Eine andere Kampagne stand unter dem Motto "Deutsche Kapellen in deutschen Gaststätten."

Als die Comedian Harmonists 1934 eine Vorladung dorthin bekommen, sind die Säuberungen längst in Gang. Nur wer Mitglied des staatlichen Verbands der Musiker ist, darf noch öffentlich auftreten. Juden werden prinzipiell nicht aufgenommen. "Mit dieser Maßnahme treffen wir alle Elemente, Ausländer und Schwarzarbeiter", schreibt der Geiger und Vorsitzende des damaligen "Reichskartells der deutschen Musikerschaft" Gustav Havemann bereits im Mai 1933, dem Monat der Bücherverbrenungen, an Goebbels. Die Gruppe darf auf Grund ihrer großen Popularität und der Intervention eines sehr hochgestellten Gönners im Staatsapparat vorerst weitersingen. Der Beamte im Film mahnt jedoch dringend, Stücke von jüdischen Komponisten und Textschreibern aus dem Repertoire zu entfernen. Am Schluß der Szene holt er eine Platte der Comedian Harmonists hervor und bittet um ein Autogramm für seinen Neffen. Sorgfältig trocknet er die Tinte, damit die kostbare Unterschrift nicht verwischt.

Die Nazis gaben sich erdenkliche Mühe, eine deutsche Tanzmusik aus dem Boden zu stampfen und als nationale Alternative zu den modernen Tänzen aus Übersee zu etablieren. Die Jugend konnte dem folkloristischen Gestampfe des "Deutschländers" nichts abgewinnen und tanzte weiter den Hot-Jazz.

Die Comedian Harmonists nehmen in der Zeit ein paar deutsche Volkslieder auf. Bei ihren Konzerten singen sie aber wie eh und je: " Der Onkel Bumba aus Kolumba tanzt nur Rumba" und sorgen mit dieser Mischung aus Ulk und südamerikanischen Kolorit für ausgelassene Stimmung.

Die Nazis waren im Grunde genommen bornierte, engstirnige Kleinbürger, mit beiden Füßen fest im Boden der Provinz verankert. Ihr Bestreben sich kulturvoll, gebildet und sogar weltmännisch zu geben, reichte nicht aus, um ihren rückwärts gerichteten Bestrebungen Glanz zu verleihen oder gar bei der breiten Masse der Bevölkerung auf Sympathie zu stoßen. In einer Szene des Films lernen die Sänger den Herausgeber des "Stürmer" Julius Streicher kennen. Im Ohr noch den Publikumsbeifall des letzten Konzerts, stehen sie vor ihm und ahnen bereits, daß er derjenige ist, der sie bis jetzt vor dem Auftrittsverbot bewahrt hat. Der hohe Nazi gibt sich als Verehrer ihrer Kunst zu erkennen und äußert einen Musikwunsch. Er möchte etwas ganz besonderes hören, keines von den Liedern, derentwillen sie überall auf der Welt gefeiert werden. Er wünscht ein - schlichtes, deutsches Lied. "In einem kühlen Grunde" mit dem sentimentalen Text von Joseph von Eichendorff. Die Gruppe hat dieses Lied vor kurzem eingespielt. Aber nun kommt Harry angesichts der erdrückenden Atmosphäre, bestehend aus kulturellem Mief und stumpfsinniger Ignoranz, im wahrsten Sinne des Wortes das "Kotzen", und er stürzt aus dem Bankett-Saal auf die Toilette.

Kurze Zeit später wird die Gruppe nach Amerika eingeladen. Es ist wie eine Erlösung. Sie konzertieren vor begeisterten Matrosen auf einem Flottenkreuzer. Das Konzert wird live auf alle Schiffe übertragen und bald summmt die halbe US-Marine die englische Version des Schlagers "Das ist die Liebe der Matrosen".

Nochmals greift danach der Regisseur sein Thema auf. Die Musiker geraten nach der Aufführung in Streit über den Vorschlag Harry Frommermanns, ob sie nicht besser in den USA bleiben sollen. Für die jüdischen Gruppenmitglieder sei dies die beste Möglichkeit, der Gefahr zu entgehen, und ihre Musik könnten sie schließlich überall auf der Welt vorführen, argumentiert er. Doch andere halten dagegen. Roman sagt, er sei zwar jüdischen Glaubens, trotzdem sehne er sich nach Deutschland. Wie viele andere polnische Juden war er nach Deutschland eingewandert, weil hier ein tolerantes Klima gegenüber Juden herrschte, während in Polen, gerade nach Gründung des polnischen Staates der Antisemitismus stark zunahm. Die Eltern hatten Roman frühzeitig mit den großen bürgerlichen Humanisten Deutschlands bekanntgemacht und ihr Sohn liebte deren zivilisierten und weltoffenen Geist. Den Nichtjuden Robert Biberti zieht es aus anderen Erwägungen wieder zurück nach Hause. Er möchte seine gebrechliche Mutter nicht allein lassen. Die Musiker entscheiden sich schließlich für die Rückkehr.

Wieder in der Heimat werden die Comedian Harmonists endgültig verboten. Der Film zeigt einen der letzten Auftritte in München. Das Publikum verabschiedet sich von den Musikern mit stehenden Ovationen. Robert Biberti berichtet dreißig Jahre später über den Abschluß dieses Konzertes: "Bei unserer Verbeugung blieb es noch totenstill, aber dann, ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke: Zweitausend Menschen erhoben sich wie auf einen Schlag von ihren Plätzen und ein unvorstellbarer Orkan von Begeisterung brach los. Wir standen völlig konsterniert da. Viele drängten zur Rampe und gaben in Sprech-Chören ihrer Sympathie Ausdruck, auch harte Worte, ja Flüche gegen das Nazi-Regime waren zu hören. ..." ( Comedian Harmonists - Ein Vokalensemble erobert die Welt, Berlin 1993, S. 68)

Am Schluß des Films besteigen die drei jüdischen Sänger mit ihren Frauen den Zug nach Wien. Auch Erna kommt mit. Sie hat sich letzlich doch für Harry entschieden, trotz seiner jüdischen Abstammung. In einem der bewegendsten Momente kündigt Harry auf dem Abschlußkonzert das letzte Lied mit den Worten an, es habe zumindest zwei Menschen in Saal einmal etwas bedeutet. Während die Musiker singen - "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines Bißchen Glück" -, holt die Kamera Erna dicht heran, die ihr tränenüberströmtes Gesicht in den Händen verbirgt..

Die weitere Geschichte der Gruppe zeigt der Film nicht mehr. Die jüdischen Mitglieder werden in der Emigration ein neues Ensemble aufbauen und zunächst unter dem alten Namen "Comedian Harmonists", später als "Comedy Harmonists" weltweit Erfolg haben. Der Ort des Höhepunkts ihrer Karriere wird Australien sein, bis der zweite Weltkrieg das internationale Klima vergiftet und der zunehmende Nationalismus in allen Ländern die weitere Tourneetätigkeit im Jahre 1941 unmöglich macht. Zum etwa selben Zeitpunkt wird auch das Nachfolgeensemble der in Deutschland verbliebenen Musiker endgültig zusammenbrechen.

Der Film regt an, über einige aktuelle Entwicklungen nachzudenken.

Schon vor einiger Zeit hat das französische Kulturministerium ein Gesetz verabschiedet, das den Gebrauch von angelsächsischen Fremdwörtern in Medien und Werbung unter Strafe stellt. Beispielsweise der Begriff "Walkman", der inzwischen in die Alltagssprache vieler Länder eingegangen ist, dürfte nach dieser Regelung nicht verwendet, sondern muß durch eine französische Neuschöpfung ersetzt werden.

Eine weitere Bestimmung, seit Anfang 1996 in Kraft, verpflichtet jeden französischen Radiosender dazu mindestens 40% französische Musik zu senden.

In Deutschland gibt es ähnliche Überlegungen. So hat im selben Jahr der Deutsche Rock- und Popmusikverband in einer "Deklaration an die Ministerpräsidenten und Landesrundfunkanstalten" eine 40-Prozent-Quotierung für "einheimische Musiker" gefordert. Unterschrieben haben diese Erklärung u.a. Musiker wie Udo Lindenberg, Peter Maffay, Udo Jürgens, Konstantin Wecker, Die phantastischen Vier und der damalige kulturpolitische Sprecher der Grünen Ali Schmidt.

Acht Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer rufen solche Bestrebungen unangenehme Erinnerungen hervor. Auch die offizielle Kulturpolitik des DDR-Regimes verpönte und unterdrückte lange Zeit ausländische Pop-Musik und führte Quoten ein.

Der Film von Vilsmaier weist in die entgegengesetzte Richtung. Seine Botschaft lautet: Musik ist international!

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