Kurssturz an den Börsen ändert die politische Landschaft in den USA

Von der Redaktion
3. September 1998

Der kolossale Kurssturz an der New Yorker Aktienbörse am 31. August folgte keine neun Monate auf die Beteuerung des US-Präsidenten, daß die Finanztumulte in Südostasien nur ein "Ausrutscher" der Weltwirtschaft seien.

Seither hat sich die Krise von einem Land zum anderen, von Kontinent zu Kontinent wie eine unaufhaltsame Flutwelle fortgepflanzt. In ganz Asien verzeichneten die Aktienpreise und Devisenwerte prozentuale Einbrüche in zweistelliger Höhe, in Japan, der zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt, setzte sich die Inflation fort, und in jüngster Zeit breitete sich die Finanzpanik auf Rußland und Lateinamerika aus.

Am vergangenen Montag waren dann die Vereinigten Staaten selbst an der Reihe. Die Verlagerung des Schwerpunkts der Krise in die USA läßt erkennen, daß sich dieses Land nicht gegen die weltweiten Kurseinbrüche abschotten kann. Im Gegenteil, gerade in Amerika sind die größten Verluste zu verzeichnen.

Im Vergleich zu dem historischen Spitzenwert von 9337 Punkten, den der Dow-Jones-Index für Industriewerte am 17. Juli erreicht hatte, verlor er beinahe 2000 Punkte, die Hälfte davon in den vier Tagen nach dem 26. August. Mehr als 2,3 Billionen Dollar Anlagekapital wurde ausgelöscht - die Hälfte davon wiederum in jenen vier Tagen, allein am vergangenen Montag etwa 589 Milliarden Dollar.

Kurz vor Börsenschluß wuchsen sich die Verkäufe zu einer regelrechten Panik aus. Keine Aktie war von dem allgemeinen Verfall ausgeschlossen, und der Dow verlor in den letzten 30 Minuten volle 250 Punkte. Der Rückgang des Dow-Jones-Index um 512 Punkte an diesem Tag, der bisher nur durch das Absinken um 554 Punkte am 27. Oktober 1997 übertroffen wird, bedeutete eine Einbuße von 6,3 Prozent.

Der Einbruch im NASDAQ-Markt, wo Aktien aus dem High-Tech-Bereich konzentriert sind, war mit 8,5 Prozent noch höher und der größte der Geschichte. Am meisten betroffen waren die gängigsten Computerfirmen: Intel verlor 8,2 Prozent, Microsoft 9,7 Prozent, Compaq 10,1 Prozent, Dell Computer 15,3 Prozent und Amazon.com sogar beinahe 20 Prozent.

Zum ersten Mal seit Ende Januar schloß der Dow-Jones-Index mit weniger als 8000 Punkten und deutlich niedriger als die 7908,25 Punkte, mit denen er das Jahr begonnen hatte. Die Verluste seit Mitte Juli haben die Gewinne des gesamten Jahres zunichte gemacht.

Ebenso bedeutsam wie die tatsächlichen Einbußen war die geänderte Psychologie des Marktes. Frühere Kurseinbrüche in diesem Jahr hatten die Kleinanleger als Gelegenheit zum Erwerb billiger Aktien betrachtet, um wieder in den Markt einzusteigen. Am Montag nahmen sie eine vorübergehende kleine Erholung - den Anstieg um 43 Punkte in der ersten halben Stunde des Börsenhandels - zum Anlaß, möglichst viel abzustoßen.

Das Ende einer Ära

Der Kurseinbruch an der Aktienbörse leitet eine durchgreifende Änderung des politischen Klimas in den Vereinigten Staaten in die Wege. Er hat die Vorstellung, daß die USA gegen internationale wirtschaftliche Tendenzen immun seien, ins Wanken gebracht. Er hat die Illusionen zerschlagen, daß der amerikanische Kapitalismus in ein neues Zeitalter eingetreten sei, in dem die Kurse unaufhörlich steigen und jedem, der Geld zu investieren hat, Profite sicher sind.

Nicht nur eine Episode in der Geschichte der Aktienbörse, sondern eine Periode in der Geschichte der amerikanischen Gesellschaft insgesamt ist damit zu Ende: die Periode der letzten zehn Jahre, die von einem unaufhörlichen Börsenboom und von der immer ungezügelteren Jagd nach privatem Reichtum geprägt war.

Der Boom an den Aktienbörsen ging zum Teil auf unbestreitbare Entwicklungen in Technologie und Produktivität zurück, insbesondere auf die Revolution im Computer- und Telekommunikationswesen. Doch mehr noch als in früheren Perioden heftiger Spekulation hing der Anstieg der Kurse auf Höhen, die in keinem realen Verhältnis zu den Konzerngewinnen mehr standen, mit politischen und subjektiven Faktoren zusammen. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei das gewachsene Selbstvertrauen der herrschenden Klasse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sowie der parallel dazu verlaufende Verfall der Gewerkschaften und der alten sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien.

Als die riesigen transnationalen Konzerne darangingen, ihre Produktion global zu organisieren, um überall die billigsten Arbeitskräfte und die günstigsten Steuergesetze auszunutzen, wußten sie, daß ihr Bestreben, die Ausbeutung der Arbeiterklasse weit über die bisher üblichen Normen hinaus zu steigern, auf keinen organisierten Widerstand stoßen würde.

Die herrschende Klasse hatte freie Hand, die Sozialleistungen zu kürzen und den Sozialstaat zu demontieren. Die Staatshaushalte wurden rücksichtslos geplündert, um Steuersenkungen für die Vermögenden zu finanzieren. Die soziale Ungleichheit erreichte ein Ausmaß, wie man es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gekannt hatte.

Auf die gesamte Oberschicht der amerikanischen Gesellschaft - nicht nur die Konzernelite, sondern auch ein beträchtlicher Teil der oberen Mittelklasse und der "Meinungsmacher" - ging der Geldregen der Börse nieder. Den größten Teil ihres Privateinkommens bezogen sie nicht aus Lohn oder Gehalt, sondern aus fiktiven Papierwerten.

Diese Gesellschaft wurde in einem Maße, wie man es seit den zwanziger Jahren nicht mehr gesehen hatte, von der Spekulation abhängig. Überall machten sich Falschheit und Oberflächlichkeit breit, nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet, sondern auch auf politischer, kultureller und moralischer Ebene. Eine reaktionäre Politik, die den Markt zum Inbegriff und Zweck der menschlichen Existenz überhaupt erhob, ließ die öffentliche Meinung abstumpfen, was die immer deutlicheren Anzeichen für die soziale Krise anging: Obdachlosigkeit, Armut, Kindesmißbrauch, Bildungsabbau, fehlende Krankenversicherung.

Auf die nun unmittelbar bevorstehenden Erschütterungen ist die amerikanische Gesellschaft nicht im geringsten vorbereitet. Dem Börseneinbruch, der kolossalen Vernichtung von Papierwerten werden bald Massenentlassungen folgen. Eine bereits jetzt erkennbare Rezession wird die gesamte Wirtschaft in den Abgrund reißen.

Unter Bedingungen, in denen das soziale Netz nur noch aus Fetzen besteht, die Masse der arbeitenden Bevölkerung also nicht mehr vor der völligen Verelendung geschützt ist, wird der blödsinnige Glaube an die Vergötterung der blind wirkenden Marktkräfte schwinden. Eine grundlegendere, d.h. sozialistische Zukunftsperspektive für die Gesellschaft wird wieder stärkeren Anklang finden.

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