Korrespondenz

Zur sozialen Krise in Japan

29. September 1998

Ich habe den Artikel "Japan: tiefe soziale Krise begleitet politische Wirren" gelesen, der sehr interessant und zutreffend ist. Ich denke, die offizielle Arbeitslosenrate von 4,1 Prozent gibt ein sehr unzutreffendes Bild von der Realität, mit der die japanische Bevölkerung konfrontiert ist.

Die Rezession geht keineswegs an mir vorbei. Immer weniger Menschen können es sich leisten, Japanischstunden zu nehmen. Das Institut, wo ich japanisch unterrichte, hatte vor einiger Zeit noch über fünfzig Schüler, aber jetzt nur noch sieben! Diese Tatsache beschäftigt mich sehr. Zwar sind die meisten von uns Hausfrauen, deren Männer zum Glück bis jetzt noch feste Arbeit haben. Wir werden nicht als arbeitslos gerechnet. Aber es ist ein ernstes Problem für uns.

Die japanische Regierung versteht nicht, wie wichtig es ist, daß Einwanderer die japanische Sprache lernen, um sich in diesem, ihnen fremden Land niederzulassen. Die Möglichkeit, die Sprache zu erlernen, sollte jedem garantiert werden. Aber die Regierung und auch die Bevölkerungsmehrheit gehen davon aus, daß Immigranten in Japan die Sprache ganz von selbst erlernen. Aber das ist nicht der Fall. Sie brauchen richtigen Unterricht, besonders um eine Sprache zu erlernen, die ein so kompliziertes Schriftsystem aufweist. Sonst bekommen sie nur, wie man sagt, Arbeit mit drei "K" (Kitsui - schwer; Kitanai - schmutzig; Kiken - gefährlich; Dreckarbeit) und bleiben in der Gesellschaft ganz unten.

In Japan kümmerte sich keiner darum, ob Einwanderer irgendwelche sprachliche Hilfe erhielten, bis sich einige japanische Frauen ihrer freiwillig annahmen. Die Regierung und die Unternehmer, die von den Immigranten profitieren, nützen seither nicht nur diese, sondern auch die freiwilligen japanischen Frauen aus. Das Wort "freiwillig" ist für die Regierung zum magischen Begriff geworden, wenn es darum geht, den Haushalt zu kürzen.

Obwohl Japan selbst eine schlimme Rezession durchmacht, kommen immer noch Ausländer hier her, um Arbeit zu finden, weil sie nicht wissen, wie schlimm es ist. So ist die "Komusuta-ka", die nicht-staatliche Organisation, für die ich ehrenamtlich arbeite, immer voll ausgelastet. Vor kurzem kamen zwei polnische Tänzerinnen zu uns und baten um Hilfe. Sie waren gefeuert worden, ohne daß sie für ihre Arbeit bezahlt worden wären. Unsere Verhandlungen mit dem Veranstalter und dem Unternehmer beanspruchten zwei volle Wochen. Aber dies war noch eine der besonders schnellen Regelungen. Es scheint, daß eine Menge Tänzerinnen aus Osteuropa kommen. In ihren Verträgen steht, daß sie tanzen würden. Aber in Wirklichkeit tanzen sie nicht, sondern bedienen Männer in den Lokalen, wo es oft auch um Prostitution geht. Die meisten Tänzerinnen scheinen diese Realität zu akzeptieren, obwohl sie normalerweise weniger Geld verdienen, als im Vertrag steht.

Ein Thema Ihres Artikels betraf den japanischen Selbstmord. Ich weiß, daß Harakiri Menschen in andern Ländern schockiert. Aber ich glaube, in Japan gibt es gar keine Harakiri-Selbstmorde mehr, seitdem Mishima Yukio, ein berühmter Novellist, ihn beging. Selbstmord ist in Japan heute, glaube ich, nicht anders als in jedem andern Land. Es ist eine elende, unehrenhafte Tragödie, die den Hinterbliebenen großen Schmerz bereitet.

Harakiri ist etwas anderes als normaler Selbstmord. Es war eine Art Strafe. An normalen Leuten wurde die Todesstrafe durch Fremde vollstreckt. Aber das war für Menschen im Stand der Samurai eine Schande, deshalb wurde es hochgestellten Samurai erlaubt, Harakiri zu begehen, was wie eine genau festgelegte Zeremonie ablief. Die Samurai schrieben sogar ein Gedicht dabei. Ich bin nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich kommt das Vorgehen aus der Sengoku-Zeit der sich bekriegenden Staaten, als hochrangige Kämpfer es vorzogen, sich selbst umzubringen, als durch den Feind zu sterben.

TM, Kumamoto, Japan

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen