Krisensitzung in der Wall Street

Rettungsaktion für Börsenspekulanten in letzter Minute

Von Martin McLaughlin
29. September 1998

Am letzten Mittwoch war die Wall Street Schauplatz eines außergewöhnlichen, sechs Stunden langen Treffens der mächtigsten Bankiers und Spekulanten. Zweck der Zusammenkunft war eine Rettungoperation für die Firma "Long-Term Capital Management", einen sogenannten Hedge Fonds, dessen Zusammenbruch das amerikanische und internationale Finanzsystem bedrohte.

In der New Yorker Zentralbank trafen sich einige der größten Finanztycoone der Welt, darunter Sanford Weill, der Vorsitzende der Travelers Group, John Corzine, der Hauptteilhaber von Goldman Sachs, David Komansky, der Vorsitzende von Merill Lynch, Douglas Warner, der Vorsitzende von J.P. Morgan & Co., und Vertreter eines Dutzend weiterer Unternehmen, darunter auch der Deutschen und der Dresdner Bank.

Sie befürchteten, daß der Ausfall von LTCM, das sich zur Finanzierung seiner Spekulationsgeschäfte von fast allen größeren Banken und Kapitalanlegern der Wall Street Geld geliehen hatte, eine Kettenreaktion von Zusammenbrüchen auf den internationalen Finanzmärkten auslösen könnte. Nach einer veröffentlichten Schätzung hatte LTCM Kontrakte im Gesamtwert von einer Billion (1.000 Milliarden!) Dollar abgeschlossen, bei denen es u.a. um Derivate, Swaps und andere komplexe Finanzierungsinstrumente ging.

Am Ende des Tages kamen die Finanzbarone schließlich überein, jeweils etwa 300 Millionen Dollar in die LTCM zu pumpen – insgesamt 3,75 Milliarden – und die Firma zu übernehmen. Die neuen Investoren werden 90 Prozent von LTCM halten und eine neue Geschäftsleitung bestimmen.

"Long-Term Capital Management" (übersetzt etwa "Führung langfristiger Kapitalanlagegeschäfte"), das der breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt ist, hat sich in nur vier Jahren zu einem bedeutenden Spekulationsunternehmen auf den internationalen Finanzmärkten entwickelt. Es hat sich auf komplexe, computergesteuerte "Wetten" auf die Kurse für Obligationen (Schuldverschreibungen) spezialisiert. Seine Geschäfte waren so profitabel, daß sich sein Kapitalwert von 1994 bis 1997 verdreifachte.

Gegründet worden war die Kommanditgesellschaft von John Meriwether, einem Obligationen-Händler, der 1991 bei Salomon Brothers seinen Hut hatte nehmen müssen. Er war in einen Skandal verwickelt, bei dem es um Versuche ging, den Markt für bestimmte US-Schatzbriefe (kurzfristige Inhaberschuldverschreibungen des Staates) zu manipulieren. Meriwether tat sich mit einigen anderen ehemaligen Salomon-Händlern zusammen, mit zwei bekannten Wirtschaftswissenschaftlern – Myron Scholes von der Universität Stanford und Robert Merton von Harvard –, sowie mit David Mullins, dem früheren stellvertretenden Vorsitzenden der Zentralbank.

LTCM machte nur mit den größten Anlegern Geschäfte. Die Minimal-Einlage betrug zehn Millionen Dollar, und die Investoren mußten ihr Geld für mindestens drei Jahre einbringen, wobei sie während dieser Zeit wenig bis keine Informationen über die Art der Geschäfte des Investmentfonds erhielten. Die Gesellschaft war auch nicht rechtlich verpflichtet, ihre Bilanzen irgendeiner Aufsichtsbehörde oder auch nur ihren eigenen Teilhabern gegenüber offenzulegen.

Trotz all dieser bedenklichen Geschäftsbedingungen floß soviel Anlagekapital in die Firma, daß sie schon 1995 keine neuen Investoren mehr aufnahm. Ende 1997 zahlte sie sogar 2,7 Milliarden Dollar "überschüssiges" Kapital zurück. Als die zwei Teilhaber Scholes und Merton 1997 für ihre Arbeit über die Preise von Optionen und Derivaten auch noch den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten, stieg das Ansehen von LTCM in der Finanzwelt noch höher.

LTCM nutzte dieses Prestige, um sich praktisch unbegrenzten Zugang zu Krediten zu verschaffen. Es setzte dann das geliehene Kapital als Hebel ein, um mit einem einbezahlten Kapital von nur 4,3 Mrd. Dollar (Anfang 1998) Investitionen im Wert von 125 Mrd. Dollar zu tätigen, hauptsächlich Käufe von Obligationen und davon abgeleiteten Derivaten. Derivate sind Finanzierungsinstrumente, deren Wert von dem Wert einer Obligation bzw. ihrer Notierung an der Börse abhängt. Die Anlagen von LTCM reichten von russischen und amerikanischen Schatzbriefen über dänische Grundstückshypotheken bis hin zu Derivaten, die auf dem Wert des britischen Pfunds basierten.

Solange die Finanzmärkte immer neue Höhenflüge erlebten, waren die Wetten mit geliehenem Geld eine beinahe sichere Sache. LTCM lieh sich Geld, kaufte damit Obligationen und Derivate und nutzte dann den steigenden Wert dieser Finanzierungsinstrumente, um noch mehr Geld zu leihen. Als jedoch die Asienkrise ausbrach, und besonders als sie diesen Sommer auf Rußland übergriff, gerieten die Geschäfte von LTCM zunehmend unter Druck. Die Hebelwirkung der Geschäfte mit dem geliehenen Geld kehrte sich jetzt um.

Als die Preise für Obligationen absackten, sank damit auch der Wert der Sicherung für die von LTCM aufgenommenen Kredite, und seine Gläubiger verlangten größere Sicherheiten. Damit ist 1998 auf dem Obligationenmarkt etwas ganz ähnliches eingetreten wie bei dem Börsenkrach von 1929, bei dem ebenfalls Nachschußforderungen eine wichtige Rolle spielten. LTCM mußte einen großen Teil seines Kapitalbesitzes zu Schleuderpreisen abstoßen, um an Geld zur Befriedigung seiner Gläubiger zu kommen. Jeder neue Verkauf vergrößerte dabei die Verluste der Firma.

Anfang September schrieb Meriwether einen Brief an die Anleger, in dem er enthüllte, daß LTCM im vorangegangenen Monat 44 Prozent seines Kapitals verloren hatte. Diese Zahl war zum Zeitpunkt der Sanierung letzten Mittwoch auf 90 Prozent gestiegen. Als finanzielle Grundlage für Anlagen im Wert von 80 Mrd. Dollar waren gerade noch 250 Mio. an einbezahltem Kapital übriggeblieben.

Die von der Zentralbank organisierte Rettungsaktion war die erste dieser Art für eine Firma, die sich ausschließlich auf Finanzspekulation konzentriert, und löste an der Wall Street und unter Finanzanalysten weltweit große Besorgnis aus. Während Long-Term Capital Management zwar einer der ehrgeizigsten und am riskantesten operierenden Hedge Fonds ist, ist er doch typisch für Tausende weiterer solcher Firmen, deren Geschäfte legalem Glücksspiel gleichkommen. Wetten in Höhe von Milliarden Dollar werden dabei abgeschlossen, auf winzige, sich von Minute zu Minute ändernde Bewegungen der Preise von Aktien, Obligationen und Währungen, oder auf davon abhängige Notierungen und Finanzierungsinstrumente.

Solche völlig unproduktive und parasitäre Manipulationen machen den größten Teil der finanziellen Transaktionen im Kapitalismus aus. Der Gesamtwert der weltweit im freien Verkehr ausgehandelten Kontrakte mit Derivaten wurde 1997 auf etwa 62 Billionen Dollar geschätzt, während es 1992 noch zwanzig Billionen waren. Selbst der gesamte Handel mit Aktien, Obligationen und Währungen nimmt sich dagegen außerordentlich bescheiden aus.

Die amerikanischen Banken, Anlageunternehmen und Hedge Fonds haben alle Versuche erfolgreich abgeblockt, den Kasino-gleichen Handel mit solchen dubiosen Finanzierungsinstrumenten zu kontrollieren. Letzte Woche gaben der Amerikanische Bankiersverband, der Internationale Verband für Swaps und Derivate, der Wertpapier-Verband und fünf weitere Handelsverbände eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie die Entscheidung der von den Republikanern beherrschten Komitees von Senat und Repräsentantenhaus begrüßten, mindestestens bis nächstes Jahr jede Beschränkung des Derivaten-Handels zu verbieten.

Währenddessen erklärte die oberste Kontrollbehörde im Bankwesen, das Bankaufsichtsamt, daß die Banken sich zunehmend auf den Handel mit Derivaten stützten, der noch nie einem ernsthaften Wirtschaftsabschwung ausgesetzt gewesen sei. Julie Williams, die stellvertretende Leiterin der Aufsichtsbehörde warnte, die laschen Kreditrichtlinien vieler Großbanken seien "beunruhigend" und die finanziellen Reserven zur Deckung von Verlusten mit Kreditgeschäften so niedrig wie nie in diesem Jahrzehnt.

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