Ungewöhnliche Form, gewöhnlicher Inhalt

Tom Tykwers neuer Film "Lola rennt"

Von Dietmar Henning
18. September 1998

Tom Tykwer, 33, war nach seinen ersten beiden Filmen Die tödliche Maria und Winterschläfer mit hohen Erwartungen an seinen nun dritten Film Lola rennt bedacht worden. Tykwer hat sie zu einem guten Teil erfüllt. Sein Film ist erfreulich anders, als die inzwischen langweilig gewordenen nicht endenwollenden deutschen Mittelklasse-Komödien. Doch liegt dies nicht an der gut aufgelegten grellrot-haarigen Franka Potente als Lola und noch weniger am Inhalt. Hier bleibt er dem deutschen Kino leider treu.

Die Geschichte soll aus diesem Grund schnell erzählt werden. Lolas chaotischer und trotteliger Freund Manni (Moritz Bleibtreu) läßt in einer U-Bahn 100.000 DM liegen, die er eigentlich dem Unterwelt-Boß Ronnie, der überhaupt keinen Spaß versteht, überbringen soll. Ein Obdachloser nimmt die Plastiktüte mit, und Lola, die Manni eigentlich abholen sollte, muß jetzt alles richten. Es ist 11 Uhr 40 und sie hat 20 Minuten Zeit, um 100.000 DM aufzutreiben. 12 Uhr mittags wird abgerechnet.

Dieser Plot setzt den Rahmen für eine schnelle Geschichte. Denn Lola rennt - 80 Minuten, ohne schlapp zu machen, denn es geht schließlich um das Leben ihres Freundes und daher auch um ihres. Und da der Titel so identisch mit dem Inhalt ist, kann auch die Form nur noch einem entsprechen: Schnelligkeit. Lola rennt überzeugt erst durch seine Form. Zu Tykwers eigens zusammengesetzten Techno-Klängen hetzt Lola durch die auffallend leeren Straßen Berlins. Der Rhythmus der Musik, einzelne Sätze und selbst Wörter geben den Takt der Bilder vor.

So etwa, wenn Manni aufgedreht Lola am Telefon zuschreit: "Und ich weiß auch wer sie hat, der Penner hat sie, der Plastiktütenfreak..." Hier wird der Obdachlose filmisch gezeigt, wie er aus der U-Bahn steigt und rennt, unzählige Taschen im Arm, darunter die mit den Hunderttausend Mark. Manni schreit weiter: "...und der sitzt bestimmt schon im nächsten Flieger ..." Die Kamera rast hinter dem Mann her, überholt ihn und jagt mit hoher Geschwindigkeit scheinbar in die Sonne. "...nach Hawai oder Florida oder Bermuda oder Kanada oder Hongkong oder Sydney oder sonstwohin....!" Zirka 12 Postkartenbilder der verschiedensten Strandbilder und Urlaubsorte flackern im Stakkato auf.

Der ständige Rhythmuswechsel ist jedoch nicht der einzige Wechsel, der den Film schnell und rasant macht. Neben dem Wechsel zwischen Einzelbildschaltungen, Zeitraffer und Slowmotion wechseln Videoaufnahmen mit 35mm-Aufnahmen und Zeichentricksequenzen, Vor- mit Rückblenden und hohe Kranperspektiven mit Großaufnahmen von Franka Potentes Gesicht. Tykwer ist in der Lage, diese Vielfalt an Formen zu mixen, ohne daß der Zuschauer den Faden verliert - zumindest wenn man gewohnt ist, sich des Nachts durch Viva und MTV zu zappen.

Trotz der gelungenen Form, muß man jedoch sagen, daß Tykwer damit nicht das Kino neu erfunden hat. Sowohl in zahlreichen Musik-Videoclips als auch in früheren zum Teil sehenswerten Filmen (Trainspotting, Pulp Fiction oder der Romeo und Julia-Verfilmung des Australiers Baz Luhrmann) und inzwischen selbst in Werbespots aller Art sind einzelne dieser Formelemente enthalten. Das Wie und Wann der Formelementen-Mixtur ist jedoch neu, erfrischend und gelungen.

Nun könnte man aber vermuten, daß die Lola rennt-Story, erzählt in einem bislang selten gesehenen Tempo, nicht mehr als zwanzig Minuten Film hergibt. Richtig. Lola kommt kurz nach zwölf (nach etwa 20 Minuten des Films) zu spät zu ihrem Manni und sieht ihn bereits mit gezückter Pistole in einem Supermarkt stehen, der nach Mannis Informationen täglich 200.000 DM Umsatz macht, und um 12.00 Uhr Mittag "muß doch die Hälfte da sein" (Manni). Lola hilft Manni und beide flüchten mit einer Plastiktüte voller Geldscheine. Sekunden später stirbt Lola durch die Kugel aus einem Polizeirevolver.

Doch Tykwer gibt seinen beiden Hauptdarstellern eine zweite und später sogar eine dritte Chance. Alles beginnt wieder von Anfang an, jedoch nahtlos, ohne einen Bruch in der Erzählung. Lola rennt also wieder aus ihrem Zimmer in den Hausflur und durch die Straßen des leeren und daher gespenstisch wirkenden Berlins. Diesmal stellt ihr jedoch ein junger Bursche im Hausflur ein Bein. Sie stürmt daher einige Sekunden später aus dem Haus. Mit der Konsequenz, daß alles anders kommt. Lolas Vater, von Beruf Filialleiter einer Bank, erfährt jetzt im Gegensatz zur ersten Sequenz, daß er nicht der Vater des Kindes seiner Geliebten aus dem "Vorstand der Bank" wird - denn Lola platzt ja einige Sekunden später bei ihm ins Büro. Dafür erfährt Lola nicht, daß ihr Vater in Wirklichkeit nicht ihr Vater ist. Passanten, die Lola eben noch angerempelt hatte und deren Zukunft in Einzelbildern am Zuschauer vorbeirauschen (10 Bilder in 5 Sekunden), bleiben jetzt unberührt und enden im Drogentod oder bei Sado-Maso-Praktiken, anstatt wie in der ersten Runde in der Kirche bei ihrer Hochzeit oder im Grab. Tykwer spielt hier auch bewußt mit der Zeit. So hat er die 20 Minuten Realzeit in 80 Minuten Film gebracht, gleichzeitig werden ganze Lebensgeschichten in fünf Sekunden gezeigt.

In seinen hochgelobten ersten beiden Filmen Die tödliche Maria (1994) und Winterschläfer (1997) liefert Tykwer die Psychogramme von Menschen in der heutigen Gesellschaft. Von dieser Fähigkeit läßt er in Lola rennt ansatzweise etwas durchblitzen, sie ist aber im Grunde nicht der Hauptpunkt des Films. Dennoch muß man sagen, daß Tykwer mit Lola rennt mehr vorhatte, als einen technisch-formal neuen und innovativen Film zu drehen. Er hatte vor, mit seinem dritten Werk einen "Film über die Möglichkeiten der Welt, des Lebens und des Kinos" zu machen. Letzteres ist ihm großartig gelungen. Doch inhaltlich ist der Film sehr gewöhnlich, um nicht zu sagen banal. Dies hängt eben sehr stark mit seiner Vorstellung vom "Leben und der Welt" zusammen?

Zu Beginn des Films läßt Tykwer nach seinen Worten die "Inkarnation des Erzählers", "den Mythenverwalter, den Allwissenden", den "lieben Gott", den Erzähler der in den 70er Jahren in jedem Kinderzimmer stehenden "Europa"-Märchenschallplatten Hans Paetsch, folgenden Monolog sprechen (die Kamera rast derweil ziellos durch eine Menschenmenge):

"Der Mensch... die wohl geheimnisvollste Spezies unseres Planeten. Ein Mysterium offener Fragen... Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben? Wieso glauben wir überhaupt etwas? Unzählige Fragen, die nach einer Antwort suchen, einer Antwort, die wieder die nächste Frage aufwerfen wird, und die nächste Antwort wieder die nächste Frage und so weiter und so weiter ... Doch ist es am Ende nicht immer wieder die gleiche Frage ... und immer wieder die gleiche Antwort?"

Diese Fragen thematisiert Tykwer auch in seinen ersten beiden Filmen, nicht so direkt wie in Lola rennt, dafür aber angemessener. Dabei überzeugt er vor allem durch die filmische Verbindung der dargestellten Charaktere mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Doch wie behandelt Tykwer diese Fragen in Lola rennt?

Die Fragen nach dem "Sinn des Lebens" stellen sich vorwiegend Jugendliche, die zwischen Kindheit und Erwachsenenleben stehen. Auf ihrer Suche nach einem Platz in dieser Gesellschaft begegnen sie diesen Fragen. Tykwer setzt dies sehr amüsant in seinem Film um. Das Bindeglied zwischen den drei Sequenzen bilden Gespräche zwischen Manni und Lola, wie sie gedankenverloren nebeneinander im Bett liegen, um unvermittelt Fragen wie "Lola? Wenn ich jetzt sterben würde, was würdest du machen?" oder "Manni? Woher willst du wissen, daß du mich liebst?" in einer Art und Weise zu erörtern, die jeden an seine eigene Jugend bzw. Situation erinnert. Für gewöhnlich legt sich allerdings das Interesse an diesen Fragen mit steigendem Alter und ihrer Einbindung in die Erwachsenenwelt, mit anderen Worten, mit der Findung ihrer eigenen Identität und Persönlichkeit, d. h., mit der Findung wirklicher oder vermeintlicher Antworten auf diese Fragen.

Unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen, wie Lehrstellenmangel und Arbeitslosigkeit, wird jedoch vielen Jugendlichen der Eintritt ins Berufs- und damit ins Erwachsenenleben erschwert oder gar verwehrt. Obwohl die Hauptdarsteller Potente und Bleibtreu beide die unsichere Lebenssituation, in der sich Jugendliche befinden, im Film erahnen und fühlen, behandelt Tykwer nicht deren Notsituation.

Vielmehr geht er vom Standpunkt derjenigen an diese Thematik, die aus der Not eine Tugend machen. Gemeint sind die ewig "Jugendlichen", die es scheinbar zu ihrem Beruf gemacht haben, ihre eigene Identität ständig zu suchen - und dabei nie zu finden; sich weigern, in die Erwachsenenwelt einzutreten und sich ständig nach neuen Methoden der "Selbstverwirklichung" umsehen. Ihr ganzes Leben frönen sie einem Hedonismus auf der ständigen Suche nach "Selbstverwirklichung" und dem "Sinn des Lebens", um am Sterbebett zu jammern, daß sie in ihrem Leben doch etwas verpaßt haben könnten - ob die wahre Liebe oder den ultimativen Kick. Die populären deutschen Filmkomödien erzählen fast ausschließlich von dieser Schicht, teilweise auch Tykwers zweiter Film Winterschläfer.

Diese Schichten haben ein Gespür für die Scheinheiligkeit und brüchige Fassade ihrer Welt. Tykwer parodiert dies, indem er dem Monolog von Hans Paetsch die relativierenden "Weisheiten" des legendären Fußballtrainers der deutschen Weltmeister-Mannschaft von 1954 Sepp Herberger folgen läßt: "Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Soviel ist schon mal klar. Alles andere ist Theorie."

Vor den Dreharbeiten sagte Tykwer, daß er einen Film drehen wolle, "über die winzige Chance, die es im Leben gibt, etwas zu beeinflussen, dem Lauf der Dinge eine andere Richtung zu geben". Der Film solle zeigen, daß "die Welt ein Haufen Dominosteine [ist], und wir sind einer davon; einerseits." Andererseits solle das wichtigste Statement am Ende sein: "Nicht alles ist determiniert. Es gibt einen Platz für die Realisierung unserer Wünsche. Man muß es nur versuchen". Man kann diese Ambitionen nur unterstützen. Aber dadurch, daß er die "Realisierung unserer Wünsche" als rein individuelle und nicht als gesellschaftliche Frage sieht, bleibt er in Lola rennt an der Oberfläche, denn der Film ist auch ein Märchen, in dem der Zufall und das Glück regieren. Seine Aussage kommt inhaltlich über einige Gemeinplätze nicht hinaus - wer würde schon bestreiten, daß alles anders kommen kann, wenn man z. B. morgens ein halbe Stunde später aufsteht.

Dennoch ist der Film in den deutschen Kinos sehr erfolgreich und zwar aus einem einfachen Grund: weil er den Zeitgeist trifft. Tykwers Sicht der Welt und des Lebens ist eben identisch mit der eines nicht geringen Teils der Bevölkerung, insbesondere der Jüngeren und all derjenigen, die sich dazu zählen. Das Bild der rothaarigen Gehetzten, daß Tykwer lange im Kopf trug und daß ihn veranlaßte, eine Geschichte um dieses Bild herum zu konstruieren, sagt etwa folgendes aus: Das Leben wird immer hektischer und gefährlicher, man ist auf sich allein gestellt, es gibt nur eine winzige Chance in deinem Leben. Nutze sie!

In Tykwers Sicht der Gesellschaft als Summe einzelner Individuen, die sich in einem ständigen Kampf "Jeder gegen Jeden" befinden, steckt ein Funken Wahrheit. Vorbei sind die Zeiten großer gesellschaftlicher und sozialer Auseinandersetzungen, so scheint es. Niemand setzt sich mehr für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung, der Unterdrückten, der Armen, Kranken und Schwachen ein. "Jeder ist seines Glückes Schmied," "Nur der Beste gewinnt", "Leistung muß sich wieder lohnen" usw. usf. Durch die Rechtswendung aller Parteien, insbesondere von SPD und Gewerkschaften, ist jede Form der Solidarität innerhalb der Gesellschaft ständigen Angriffen ausgesetzt.

Nur in dem Maße, in dem sich Arbeiter und Jugendliche von diesen alten Organisationen befreien und als unabhängige soziale Kraft in Erscheinung treten, wird die weitverbreitete Vorstellung der "Individual- und Risikogesellschaft", in der jeder "nur" seine Chance ergreifen muß, zurückgedrängt werden. In dem Maße wird es auch Regisseure geben, die in allen Belangen großartige Filme drehen, auch über das Leben und die Welt. Mit Lola rennt hat Tom Tykwer auf jeden Fall bewiesen, daß er das Talent dazu hat.

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